Zukunftswelten

Das magische Schwert von Avalon - Teil 1

Atlan, der Einsame der Zeit, erzählt über eines
der größten Rätsel der irdischen Geschichte

 

Prolog

Büro des Großadministrators,
Regierungs-Tower in Terrania-City, Januar 2430

Bericht Perry Rhodan

„Ich möchte dich einladen zur Verleihung eines Dagor-Schwertes auf Quinto-Center, Freund! Und aus diesem Anlass möchte ich dir und deinem missratenen Sohn die Geschichte eines ganz bestimmten Schwertes erzählen! Eines, das die Sagen und Mythen der Erde schon seit Jahrhunderten beherrscht. Und eines, das die Prinzipien des Dagor in einzigartiger Weise repräsentiert.“

Mein bester Freund, der Arkonide Atlan, der zehntausend Jahre über die Erde gewacht hatte, bevor wir uns im Jahr 2040 zuerst gegenseitig umbringen wollten, um dann Freundschaft zu schließen, lächelte mich vom Bildschirm herunter freundlich an.

„Oh“, brachte ich nur hervor, so verblüfft war ich.

Das war nun schon die zweite Überraschung dieses Tages. Wusste Atlan, dass Michael mich gerade vor einer knappen Stunde angerufen und mit seinem Ansinnen fast aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht hätte? Natürlich hatte ich seinem Wunsch entsprochen und alle Termine abgesagt. Dieses Mal würde ich mich auch nicht aufhalten lassen, das ich wusste, wie wichtig gerade das für meinen Sohn war.

Ich entschloss mich zu seinem kleinen Versteckspiel mit dem Freund. Schließlich machte er genau das oft genug mit mir und vielen unserer Freunde.

Außerdem ahnte ich etwas – ein sagenhaftes Schwert, das auf Terra schon lange von Legenden und Sagen umwoben war – das konnte nur …

„Soweit ich weiß“, begann ich ganz harmlos, „steht mein Sohn vor seiner Prüfung zum Dagor-Meister.“

Atlan nickte, plötzlich wurde er sehr ernst. Dagor war etwas, das er mit Lebenseinstellung gleichsetzte. Schon seit seiner frühesten Jugend hatte er Michael ausgebildet, genau wie mich in der Nahkampftechnik an sich. Gut konnte ich mich noch an unzählige Trainingseinheiten zusammen erinnern. Sie hatten uns immer viel Freude gemacht.

Michael hatte sich dazu entschlossen, nicht nur in der Kampftechnik, sondern auch in der eigentlichen Dagor-Philosophie unterwiesen zu werden. Bei diesen Unterrichtsstunden war ich ausgeschlossen gewesen, das ging nur die Dagoristas etwas an.

Und nun stand der er vor seiner letzten Prüfung, dem Kampf mit seinem eigenen zukünftigen Dagor-Schwert gegen seinen Meister.

Zu gut wusste ich, dass es bei diesen Prüfungskämpfen öfter Schwerverletzte oder sogar Tote gab. Man kämpfte unter realen Bedingungen mit tödlichen Waffen. Niemals fanden diese Kämpfe auf Terra statt, da sie dort dem terranischen Recht unterstanden hätten, das solche Kämpfe nicht duldete.

Daher beruhigte es mich, dass Atlan Michaels Gegner sein würde. Gegen ihn würde mein Sohn den Kampf niemals gewinnen können, aber ich konnte sicher sein, dass Michael den Kampf höchstens mit leichteren Verletzungen beenden würde. Schonen würde mein Freund ihn trotzdem nicht, darüber gab es keinen Zweifel.

„Ja, mein Freund. Und ich möchte dich gerne einladen, einer der Ehrengäste bei der anschließenden offiziellen Verleihung des Schwertes und Michaels Aufnahme in den Orden zu sein. Ich gehe davon aus, dass er sich über dein Kommen freuen wird.“

„Sicherlich.“ Ich dehnte das Spiel genüsslich noch etwas aus. Mich wunderte, dass Atlans unfehlbarer Extrasinn ihn noch nicht auf die richtige Idee gebracht hatte.

Wahrscheinlich hatte Michael seinen Entschluss spontan gefasst und sofort umgesetzt, sogar ohne seinen Lehrmeister zu informieren, was seine Bitte noch wertvoller für mich machte.

„Und da es bei allem um ein Schwert geht, nimmst du das zum Anlass, uns zu erzählen …“

Mit Absicht beendete ich den Satz nicht, sondern ließ es Atlan aussprechen, obwohl ich es schon der Erwähnung des Schwertes aus Mythen und Legenden geahnt hatte.

„Was es wirklich mit Excalibur auf sich hat, König Artus und den Rittern der Tafelrunde.“

Atlans rotgoldene Arkonidenaugen musterten mich aufmerksam – um einen leicht enttäuschten Ausdruck anzunehmen.

„Ist das keine Überraschung für dich?“

„Ich kann auch ein wenig denken, Arkonide. Und ich habe im Geschichtsunterricht vor langer Zeit sogar aufgepasst. Es gibt in Terras Geschichte nur ein sagenhaftes Schwert mit zahlreichen Legenden drum herum.“

„Oh … kann es sein, dass ich euch Terraner immer noch unterschätze?“

„Eigentlich kaum nachvollziehbar. So lange, wie du schon bei uns bist.“

Das Gespräch ging wieder in die altbekannte Richtung, was ich jetzt nicht wollte. Mich interessierte eine ganz andere Frage in diesem Zusammenhang.

„Sag mal, Arkonide, warum brichst du ausgerechnet jetzt dein Schweigen? Wo du es über Jahrhunderte nicht getan hast? Fängst du endlich an, die Rätsel der Geschichte offenzulegen?“

Atlans Gesicht wurde so hart und abweisend, dass ich erschrak. Diese Wendung hatte ich nicht erwartet.

„Nein. Ich bleibe weiterhin bei meiner Entscheidung. Die Herrschaften Historiker sollen sich ruhig weiterhin in ihren abenteuerlichen Spekulationen gegenseitig überbieten. Nach meiner Erzählung werden du und dein Sohn die einzigen Menschen sein, die wissen, ob König Artus und seine Tafelrunde tatsächlich existierten und wo Excalibur geblieben ist. – Und das soll auch so bleiben. Die terranische Wissenschaft wird Excalibur nicht in die Hände bekommen, so sicher ist es verwahrt, in einem Versteck, das sie niemals finden werden.“

Sein Gesicht entspannte sich wieder etwas. Ich atmete innerlich auf. Aber sein Lächeln hätte mir zu denken geben müssen, schon jetzt …

„Barbar, ich habe meine Gründe dafür. Glaube es mir. Manches sollte man im Dunkel der Zeit ruhen lassen. Es ist besser. Aber ich denke, Michael ist nun alt genug, Einiges davon zu erfahren. Und da du mein bester Freund bist …“

Wir sagten beide nichts mehr, verstanden uns auch ohne Worte.

„Du kommst?“, fragte er noch einmal. „Leider kann ich dir nicht erlauben, bei der Prüfung dabei zu sein. Du bist kein Dagorista und auch kein Ehrendiener. Bin mal gespannt, wen Michael darum gebeten hat.“

„Mich“, sagte ich nur und lächelte den Freund an.

Atlan war sichtlich überrascht. Er fing sich aber schnell wieder. Leicht legte er den Kopf schief. Diese Geste kannte ich sehr gut. Wahrscheinlich machte ihn sein Extrasinn gerade darauf aufmerksam, dass er sich das – eigentlich – schon selbst hätte denken können.

„Das freut mich sehr, kleiner Barbar.“ Sein Gesicht drückte die Freude unverhohlen aus. „Dann weiß ich dich an meiner Seite, falls ich schon während des Kampfes unter den Erzählzwang gerate. Du weißt, was zu tun ist. – Aber er ist unwahrscheinlich, hoffe ich …“

Seine letzten Worte hörten sich nicht ganz überzeugt an. Wieder stellte ich die richtige Verbindung nicht her.

*

Atlan hatte alles bis ins Detail vorbreitet. Anders hätte es mich auch gewundert.

Ich wollte von Anfang an den privaten Charakter der Reise betonen, besonders für mich selbst und meinen Sohn. Deshalb flog ich nicht mit dem Flottenflaggschiff CREST IV nach Quinto-Center, sondern mit meiner Privatjacht.

Was nichts daran änderte, dass auch sie über HÜ-Schirme und zwei Transformkanonen verfügte.

In dem unterirdischen Hangar des ausgehöhlten Mondes wurde ich von einem Major der USO empfangen, der leger grüßte.

Also wollte auch Atlan das Private betonen, indem er auf einen Empfang nach Salutordnung verzichtete.

Der Major führte mich in ein luxuriöses Gastquartier.

„Wenn es Ihnen recht ist, Sir, könnten Sie die vorbereitete Hypnoschulung gleich absolvieren. Danach wartet Lordadmiral Atlan auf Sie.“

„Hypnoschulung?“, fragte ich etwas verblüfft.

Der Major grinste. Da er ein Umweltangepasster von Newton war, verlieh das seinem grünen Gesicht mit den hervorquellenden Augen den Eindruck eines Frosches. Ich ließ ihn meinen Eindruck nicht spüren. Newtoner waren in der Beziehung teilweise sehr empfindlich.

„Ja, Sir. Soweit ich weiß, sollen Sie über die Abläufe einer Dagor-Prüfung im Allgemeinen und in die Aufgaben eines Ehrendieners im Besonderen unterrichtet werden.“

„Ah … so. Sagen Sie mal“, ich musterte den Kolonialterraner prüfend, „weiß schon ganz Quinto-Center, was hier morgen stattfindet?“

Der Mann grinste. „Natürlich, Sir. Leider darf niemand von uns bei der Prüfung direkt dabei sein, aber die anschließende Zeremonie zur Aufnahme Ihres Sohnes in den Orden und die Überreichung seines Schwertes wird in alle Räume übertragen. Obwohl ich gerne persönlich dabei wäre.“ Er zog das Gesicht in traurige Falten. „Aber das dürfen nur die ganz hohen Offiziere …“

„Machen Sie sich nichts draus, Major. Im Festsaal wird es recht voll werden. Da haben Sie von der Übertragung viel mehr.“

„Meinen Sie, Sir?“

„Natürlich.“

Der Mann lächelte wieder.

„Was ich noch sagen wollte, Sir“, er räusperte sich, „wir alle freuen uns, dass es Ihr Sohn sein wird.“

Innerlich stöhnte ich auf. Da war er wieder, dieser Personenkult, den ich überhaupt nicht mochte, den ich sogar verabscheute. Und Michael noch viel mehr. Gerade darin lagen viele der Probleme, die er hatte. Leider hatte er noch nicht gelernt, mit der Last des Namens „Rhodan“ zu leben.

„Major, sehen Sie es doch bitte nicht auf die Person an sich bezogen. Natürlich bin ich stolz auf meinen Sohn, sehr stolz sogar. Aber Sie und Ihre Kameraden sollten viel mehr daran denken, welcher Erfolg das für die Menschen ist. Denn, wenn ich richtig informiert bin, ist mit meinem Sohn zum ersten Mal überhaupt ein Mensch so tief in die Mysterik und die Philosophie des Dagor eingetaucht, dass er sich der Prüfung zum Meister stellt. Daran sollten sie nur denken!“

Für mich kam immer und zuallererst der Erfolg für die Menschheit an sich. Und ein terranischer Dagor-Meister, ein Laktrote! So dekadent die Arkoniden in der Masse auch sein mochten, es gab immer noch einige Aktive, die das Dagor als Lebenseinstellung aufrechthielten. Sie waren eine Elite, in deren Kreise nur sehr selten ein Nicht-Arkonide aufgenommen wurde.

Ich mochte nicht daran denken, was Michael bei seiner harten Ausbildung durch Atlan, einen der Großmeister des Dagor, erlebt und auch erlitten hatte. Sie sprachen gemäß dem Ehrenkodex der Dagoristas nicht darüber und ich fragte genauso wenig danach. Aber ich konnte mir so dies und das gut vorstellen.

Jedenfalls schien Michael damit zufrieden zu sein – und nur das zählte für mich.

„Wie lange wird die Hypnoschulung dauern, Major?“

„Ungefähr eine halbe Stunde, Sir.“

„Dann unterziehe ich mir ihr sofort. Danach hätte ich gerne einen Becher Kaffee.“

Der Major grinste. „Ich soll Ihnen vom Lordadmiral ausrichten, er wartet anschließend mit echtem terranischen Kaffee und Gebäck auf Sie, Sir.“

Er senkte die Stimme und fügte fast verschwörerisch hinzu: „Gebacken von seiner Sekretärin höchstpersönlich. Und den Kaffee kocht sie auch frisch, brüht ihn sogar noch mit der Hand auf.“

„Na dann.“

Ich freute mich schon jetzt darauf. Atlan hatte sich genau wie unsere anderen Freunde und ich, die schon am Ende des 20. Jahrhunderts gelebt hatten, nicht dazu entschließen können, sein Vorzimmer mit einem der allgemein üblichen Sekretärroboter zu besetzen. Wir bevorzugten altmütterliche Damen nach dem Klischeebild der tüchtigen Chefsekretärin aus dieser lange vergangenen Zeit – mit den entsprechenden Qualitäten!

*

Nach Abschluss der Hypnoschulung wusste ich alles über die Riten des Dagor. Wahrscheinlich wusste außer meinem Sohn, der vor seiner wichtigsten Prüfung stand und mir kaum ein Terraner von diesen Dingen. Die Nahkampftechnik an sich gehörte um Standard in der Ausbildung der Abwehr und der USO – aber das, was ich nun wusste, war ganz anders. Vieles davon hatte Ähnlichkeit mit der Philosophie des irdischen Zen-Buddhismus. Ob das auf den Einfluss von Atlan zurückging? Ich würde ihn nicht fragen. Immer noch war mir seine Reaktion bei unserem Funkgespräch in Erinnerung.

Atlan empfing mich in seinem Chefbüro. Bei ihm war mein Sohn.

Beide verhielten sich freudig und ungezwungen. Michael strahlte über das ganze Gesicht. Ich nutzte die Gelegenheit, ihn genauer anzuschauen.

Heute wirkte er nicht ganz so jungenhaft und fröhlich, wie sonst meistens. Ein Schimmer von Nachdenklichkeit ging von ihm aus. Sein Gesicht war blass, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

Jetzt wurde mir klar, warum Atlan mir die Hypnoschulung vorher „verordnet“ hatte. Sonst hätte ich unweigerlich danach gefragt und wäre meinem Sohn damit vielleicht zu nahe getreten. Michael war es immer peinlich, wenn es ihm mal nicht gut ging – was äußerst selten vorkam bei seiner stabilen Gesundheit und seiner robusten Konstitution, die er wohl von mir geerbt hatte – und man sprach ihn auf diesen Zustand an. Für ihn war es wichtig, niemandem wissen zu lassen, wie es in und mit ihm aussah und Stärke zu zeigen.

So aber wusste ich, dass er seit gestern am Fasten war. Vorher hatte er am Morgen des Vortages noch eine intensive Magen- und Darmreinigung über sich ergehen lassen müssen. Der zukünftige Dagor-Meister sollte frei von allem mit völlig gereinigtem Körper zu seinem wichtigsten Kampf antreten. Er sollte und musste alle körperlichen Bedürfnisse ausschließen.

Michael warf nur einen kurzen Blick auf den Kaffee, den auch er so liebte. Mein erster Impuls war, ebenfalls darauf zu verzichten, genau wie auf das Gebäck. Im letzten Moment hielt ich mich zurück. Auch das gehörte schon zu Michaels Prüfung, sich beherrschen können, wenn andere tranken und aßen, während sein Magen rebellierte und der Durst immer schlimmer wurde.

Es war Atlan zu verdanken, dass eine zwanglose Unterhaltung in Gang kam. Ich selbst hätte es nicht geschafft, zu sehr litt ich mit meinem Sohn.

Das war einer der fatalen Punkte in unserer Beziehung zueinander. Jeder litt mit dem anderen, stand für ihn ein, aber trotzdem fanden wir keinen richtigen Weg zueinander, schafften es nicht, über unsere Gefühle zu sprechen. Dadurch entfernten wir uns immer weiter voneinander.

Ich schüttelte die Gedanken ab und konzentrierte mich auf Atlan. Er sprach traditionsgemäß nicht von der bevorstehenden Prüfung, sondern von dem, was danach geplant war. Scheinbar hegte er nicht den geringsten Zweifel daran, dass Michael es schaffte. Ich übrigens auch nicht.

„Ich hoffe wirklich, dass ich nicht schon während des Kampfes in den Erzählzwang gerate. Aber das glaube ich nicht.  Die Gefahr besteht viel eher danach beim offiziellen Festakt.“

„Wieso, Laktrote?“, fragte Michael und senkte leicht den Kopf, als er Atlan ansprach. Seitdem mit der Reinigung seine Prüfung begonnen hatte, musste er Atlan als seinem Meister entgegentreten – und nicht als eine Art Vater und Freund.

Ich verspürte einen leichten Stich, verdrängte das Gefühl aber sofort wieder.

„Um Excalibur, von dem du uns erzählen willst, geht es dabei doch noch gar nicht. Mein Dagor-Schwert und dieses geheimnisvolle Schwert der Geschichte – dazwischen sind doch Welten!“

In diesem Augenblick, in dem Michael das aussprach, worüber ich seit dem Funkgespräch mit Atlan nachdachte, verstärkte sich meine Ahnung.

„Bestehe erst einmal deine Prüfung, junger Höhlenwilder“, grollte Atlan gegen den jungen Mann. Aber seine Augen sprachen eine andere Sprache.

Michael grinste ihn an. In diesem Moment wirkt er wieder wie ein großer Junge.

Mich ließ ein – eigentlich wahnwitziger! – Gedanke nicht wieder los.

Konnte es tatsächlich sein, dass ...

Nein, der Gedanke war einfach zu fantastisch, sogar im Zusammenhang mit Atlan!

*

Atlan und ich verbrachten den Abend mit einigen Gläschen Wein ganz gemütlich in seinem großen Quartier.

Michael hatte sich in seine Unterkunft zurückgezogen und meditierte gemäß den Dagor-Regeln. Er durfte gar nichts mehr essen, nur noch eine ganz bestimmte, sehr knapp bemessene Menge Wasser zu sich nehmen. Es war sein zweiter Tag. Am dritten Tag würde er durch Wasser- und Nahrungsmangel reichlich entkräftet seinem Meister, also Atlan, im Kampf gegenüberstehen, vor den Augen einer strengen Prüfungs-Kommission, die aus vier Dagor-Meistern bestand, allesamt Arkoniden, die in hohen Offiziersrängen Dienst in der USO taten, weil sie sich für den Kampf für Freiheit und Frieden entschieden hatten.

Seit der Hypno-Schulung wusste ich, dass die Prüfung in einem simulierten Urwald-Klima stattfinden würde, in diesem Zustand eine zusätzliche schwere Kreislauf-Belastung für den Prüfling.

„Meinst du nicht, ihr seid zu streng mit euren Prüflingen?“, frage ich Atlan.

Der Arkonide musterte mich abschätzend.

„Dir tut dein Sohn jetzt schon leid, Freund?“

„Ja.“

Atlan schwieg einen Moment, dann sagte er einfach: „Die Prüfung morgen ist nicht nur eine Prüfung für Michael, sondern auch eine für dich – und für mich selbst, obwohl du das jetzt noch nicht verstehst.“

Der aberwitzige Gedanke tauchte wieder in meinen Gedanken auf.

Atlan lächelte mich an.

„Mein Extrasinn äußert gerade eine Vermutung, woran du denken könntest, kleiner Barbar. Warte es ab, morgen wirst du alles wissen – und du wirst wirklich überrascht sein.“

Er nahm einen Schluck Rotwein, schon seit Jahrhunderten eines seiner Lieblingsgetränke.

„Aber um auf deine Frage zurückzukommen. Ja, wir sind sehr streng zu unseren Prüflingen. Mit Absicht. Ein Dagor-Meister muss sich überall behaupten können.“

Wieder machte er eine Pause, dachte nach, dann sah er mir voll in die Augen.

„Das, was ich morgen von Michael verlange, wird hart werden, sehr hart, genauso für dich und mich wie für ihn – nein, keine Fragen, ich sagte schon, du wirst alles verstehen, wenn es soweit ist.“

Er begleitete seine Worte mit einer abwehrenden Handbewegung.

„Du hast als Ehrendiener die Pflicht, den Kampf abzubrechen, sobald du das Gefühl hast, Michael wäre ernstlich gesundheitlich gefährdet. Ich kann dir versichern, die Todesfälle bei Dagor-Prüfungen sind von niemandem beabsichtigt. Es waren tragische Unglücksfälle. Gerade deshalb ist die Aufgabe des Ehrendieners wo wichtig, weil der Prüfling selbst das in der Euphorie, in die er sich zwangsläuft steigert, gar nicht mehr überblicken kann.“

„Ich weiß.“

Die Verantwortung für meinen Sohn lastete jetzt schon schwer auf mir, einige Stunden vorher.

Atlan lächelte.

„Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue. Ich werde Michael bis zum Allerletzten fordern. Bitte greife nicht ein, egal was du siehst. Michael muss da durch, auch wenn es dir als Vater das Herz auseinanderreißt. Er will es auch selbst.“

„Ich weiß“, konnte ich nur leise antworten. Es würde ein schwerer Tag für mich werden, vielleicht einer der schwersten meines Lebens.

Atlans rotgoldene Augen schienen ganz weit in eine Ferne zu blicken, die ich nicht sehen konnte.

„Damals“, murmelte er zögernd, „in der Zeit, von der ich euch erzählen werde, stand ich auch in einem Kampf meinem eigenen Schüler gegenüber, der mit seinem ganz persönlichen Schwert gegen mich kämpfte …“

Er schüttelte sich, sein Blick wurde wieder klar, sein Gesicht so hart, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte. Fast bekam ich selbst Angst. Jetzt hätte ich ihm nicht als Gegner gegenüberstehen mögen. Was mochte sein damaliger Schüler getan haben, dass die Erinnerung eine solche Reaktion ihn ihm auslöste?

Die Antwort gab ich mir selbst: ihn enttäuscht oder sogar verraten!

„Ich hoffe, dass ich den Kampf morgen durchstehe. Du weißt, was du zu tun hast?“, erinnerte er noch einmal daran, sehr ungewöhnlich für ihn.

Ja, ich wusste es. Zu oft war ich bereits dabei gewesen, wenn den Arkoniden der Erinnerungszwang übermannte. Dann übernahm sein fotografischer Gedächtnisteil die Herrschaft über ihn, er war kaum noch selbst handlungsfähig. Normalerweise verhinderte der Extrasinn eine Zwangserinnerung in gefährlichen Kampfsituationen.

Es gab aber Ausnahmen. Dann, wenn die Erlebnisse für Atlan so aufwühlend gewesen waren, dass sie auch heute noch den Stellenwert eines Traumas hatten.

Was mochte damals, in der Zeit, als dieses magische Schwert mit dem Namen Excalibur einem König gehört haben sollte, wirklich geschehen sein?

Und warum unterzog Atlan sich der Qual genau dieser für ihn offensichtlich schon jetzt belastenden Erinnerung?

Meine Ahnungen nahmen immer konkretere Formen an …

*

Michael trat mir gefasst und mit unbewegtem Gesicht gegenüber. Wir trafen uns in dem kleinen Vorbereitungsraum. Außer uns war niemand anwesend. Es war die letzte Gelegenheit für Absprachen zwischen dem Hertaso und seinem Ehrendiener vor der Prüfung. Danach hatten wir uns nach dem vorgeschriebenen Zeremoniell zu richten.

Er sah noch schlechter aus als am Vortag. Seine Lippen waren ausgetrocknet und aufgeplatzt.

Obwohl sowohl er als auch ich wussten, dass Atlan ihm nichts Ernsthaftes antun würde, war so ein Kampf mit archaischen, aber trotzdem nicht minder tödlichen Waffen immer noch zu einem großen Stück unkalkulierbar. Dass ihm das vollkommen bewusst war, zeigten seine Worte.

„Dad, ich vertraue dir und weiß, dass du das Richtige tun wirst. Aber, bitte, brich den Kampf nicht ab, bevor er wirklich zu Ende ist. Ich kann gegen Atlan nicht gewinnen, aber ich will ihn bis zuletzt durchstehen.“

„Du wirst deine Prüfung bestehen“, versuchte ich ihm Mut zu machen.

Heftig winkte er ab. „Darum geht es nicht nur. Ob ich sie bestehe, das werden Atlan und die Kommission entscheiden. Du hast deine Hypnoschulung gehabt, also weißt du genauso gut wie ich, dass der Kampf an sich nicht das entscheidende Element ist. Außerdem“, er lachte ein wenig gezwungen, „habe ich noch nie gehört, dass ein Hertaso diesen Kampf gegen seinen Laktrote gewonnen hätte.“

„Ich auch nicht“, lächelte ich zurück. „Aber ich habe dich verstanden, Mike. Bis zum bitteren Ende.“

Wir besiegelten die Vereinbarung mit einem festen Händedruck.

„Danke“, sagte Michael, noch während wir unsere Hände umschlossen hielten. „Ich weiß, dass ich mit einigen Blessuren da rauskommen werde. Atlan wird mich nicht schonen. Ich habe gehört, der Medorobot wartet schon. Hoffentlich hat er was schön Kaltes zu trinken dabei. Da freue ich mich jetzt schon drauf. – Also, bringen wir es hinter uns. Und …“

Er sah mich mit seinen so außergewöhnlichen nachtblauen Augen direkt an: „Danke, dass du die Zeit dafür gefunden hast.“

Brüsk wandte er sich ab und betätigte die Rufanlage. Ich bedauerte es, unsere kurze private Zeit war vorbei.

Mir war eines klar, viel zu klar: Michael hatte trotz allem Angst, aber er wusste sie zu beherrschen und auch zu verbergen.

Ein kühner Gedanke kam mir: hatte damals dieser Schüler von Atlan, gegen den er gekämpft hatte, auch Angst gehabt – und wie berechtigt war dessen Angst gewesen? Michael brauchte sich „nur“ vor den mehr oder weniger schweren Verletzungen zu fürchten, die aber die moderne Medizin problemlos in kürzester Zeit würde heilen könne. Aber damals … ich wurde immer neugieriger!

*

Zwei weitere Ehrendiener betraten jetzt den Raum. Sie verneigten sich wortlos vor uns, sagten aber kein Wort.

Ich glaubte, einen von ihnen zu erkennen. Er gehörte zur Zentralebesatzung von Atlans IMPERATOR III.

Der Mann lächelte mir kurz zu. Mehr nicht. Das Ritual verbot ein Gespräch.

Michael und ich legten unsere Uniformen ab, er trug die schwarze der USO, ich meine normale Bordkombination der Solaren Flotte.

Die beiden Männer reichten uns die traditionelle Kleidung der Dagoristas, die bei allen rituellen Kämpfen getragen wurde: weite Leinenhosen und ebenso weite Blusen, die in der Taille nur mit einer Kordel zusammengehalten wurden. Dazu schlüpften wir in leichte Leinenschuhe.

Verstohlen mustere ich Michael, wie er sich auszog, sah kurz seine durchtrainierten Muskeln unter der glatten Haut spielen. Der Junge hatte einen Trainingszustand, auf den sogar ich neidisch werden konnte. Im Extremfall würde mir der Zellaktivator helfen, die nötige Energie aufzuwenden, aber ohne sähe ich gegen meinen eigenen Sohn schlecht aus, gab ich vor mir selbst zu.

Seine Körperbewegungen waren ruhig und beherrscht. Trotzdem bemerkte ich, wie viel Kraft es ihn jetzt schon kostete, sich so zu bewegen. Sicherlich litt er schon unter starken Kopfschmerzen, Schwindelattacken und vielleicht sogar schon Übelkeit.

Der Kampf gegen den eigenen Körper, die Fähigkeit, allein mit der Kraft des eigenen Willens einen Körper, der nichts Anderes mehr wollte, als endlich Ruhe zu bekommen, noch über die subjektiv empfundenen Grenzen hinaus zu beherrschen – das war die eigentliche Prüfung, die ihm bevorstand.

Bereits oft genug hatte auch ich mich ihr stellen müssen, teilweise in höchst gefährlichen Situationen. Deshalb konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie er sich fühlte.

Und gleich wartete der nächste Schock.

*

 

31.8.16 22:21

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen
Powered by 20six / MyBlog
Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung