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Blog

Geleitzug nach Andromeda

Perry Rhodan
Meister der Insel - Extended

Norbert Mertens
nach einer Idee von Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Geleitzug nach Andromeda

Terraner zwischen den Sterneninseln – ein altes Schiff findet seine Bestimmung

m Jahr 2405 terranischer Zeitrechnung wird nach der Zerstörung des Zentraltransmitters von Andromeda die Transmitterbrücke zwischen den Galaxien instabil und bricht schließlich vollends zusammen.
Für Perry Rhodan stellt sich die Frage: Abbruch der Aktionen in Andromeda oder eine neue Verbindung zur Milchstraße herstellen.
Nach langer Suche entdecken die Terraner die alten Weltraumbahnhöfe der Maahks. Der Bahnhof Central-Station wird bei Kämpfen mit den Duplos vernichtet. Die Bahnhöfe Lookout und Midway können erfolgreich von den Terranern eingenommen werden.
Über diese Strecke werden Kampfschiffe nach Andromeda geholt. Aber ein neues Problem entsteht: Frachtschiffe und deren Begleitschutz müssen aufgeboten werden.
Doch Aktivitäten der Akonen und der Tefroder in der Milchstraße binden wertvolle Kräfte.
Unter dessen wird von Terra aus versucht, eine Nachschubflotte aufzustellen. Sie soll die terranischen Streitkräfte im Kampf gegen die Meister der Insel mit allem Nötigen versorgen. Die Terraner initiieren den GELEITZUG NACH ANDROMEDA ... 


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23.10.16 22:33, kommentieren

Raumschlacht im Venus-Sektor

Perry Rhodan
M 87 Die Zeitpolizei - Extended

Norbert Mertens
nach einer Idee von Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Raumschlacht im Venus-Sektor

Ein Planet soll brennen - und die vergessene Flotte greift ein.

Die Bestien, Vorväter der Uleb, flohen einst aus der Galaxie M 87.
Die Uleb errichteten in der Magellanschen Wolke eine Machtbasis.
Von der Wahnvorstellung getrieben, Manipulationen der Zeitlinie könnten die Entstehung ihrer Rasse verhindern, schufen sie die ›Zeitpolizei‹.
Sie sollte Zeitverbrecher, die Experimente mit der Zeit durchführen, zur Rechenschaft ziehen und gnadenlos vernichten.
Als sie Veränderungen der Zeitkonstanten registrieren, machen sie die Terraner verantwortlich.
Die Zweite Schwingungsmacht wird aktiv.
Die Zweitkonditionierten werden durch Symboflex-Partner ihres freien Willens beraubt, ganz im Sinne der Ulebs.
Diese Schwingungswächter sind haluterähnliche Wesen, die für ihre Aufgabe gezüchtet wurden. Sie befehligen lebende Raumschiffe, die Dolans.

Auf Terra und den Welten des Solaren Imperiums schreibt man Ende August des Jahres 2437 nach Christus. Die Zeitpolizisten werfen riesige Flotten in den Kampf, jedes Schiff geschützt durch ein undurchdringliches Schutzfeld, den Paratronschirm.
Doch die Schiffe der Solaren Flotte und die Einheiten der zu Hilfe geeilten Posbis halten die Invasoren nicht auf. Genau wie das FpF-Gerät erweisen sich die Kontrafeldstrahler als nutzlos. Durch die Veränderungen am Abwehrschirm der Eindringlinge sind die in aller Eile produzierten Plattformen, die den Paratronschirm mit Transformgeschützen durchschlagen sollten, ebenso wenig wirkungsvoll.

Als die Zeitpolizei zum entscheidenden Angriff gegen Terra und das Sol-System ausholt, kommt es zur RAUMSCHLACHT IM VENUS-SEKTOR.

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23.10.16 20:17, kommentieren

Geheimoperation ONAGER

Perry Rhodan
Negasphäre - Extended

Norbert Mertens
nach einer Idee von Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Geheimoperation ONAGER

Sie sind die letzte Hoffnung Terras - und wagen den Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. 

Die Terminale Kolonne TRAITOR beschießt unentwegt den TERRANOVA-Schutzschirm um das Sol-System. Nur gespeist durch die in den TANKSTELLEN gesammelten geistigen Energien der Terraner kann der Nukleus diesen Schutzschirm aufrecht erhalten. 

Allerdings ist die scheinbare Sicherheit trügerisch. Den Verantwortlichen ist klar, dass die mit fast unendlichen Ressourcen ausgestatteten Streitkräfte TRAITORS bald ein Mittel in die Hände bekommen könnten, um den TERRANOVA-Schirm zu durchbrechen. 

Die eingeschlossenen Terraner haben für diesen zu erwartenden finalen Angriff eine letzte Trumpfkarte: Die Neue USO hat unter der Bezeichnung ONAGER einen riskanten Plan zur Verteidigung entwickelt. 

Die Männer eines Kommandounternehmens gehen innerhalb des Schutzschirms in Stellung und starten die GEHEIMOPERATION ONAGER ...

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23.10.16 20:08, kommentieren

Das Andromeda-Backup - MdI Extended Band 1

Perry Rhodan
Meister der Insel - Extended
Band 1

Michael Pfrommer / Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Das Andromeda-Backup

Die Toten kehren zurück ...
Die Vergangenheit greift nach der Zukunft

Nach jahrelangem Kampf scheinen die Meister der Insel im Februar 2406 dem Ende nahe. Da entdecken die Terraner die geheimnisvolle Zentralwwelt der Meister - die Superfestung Tamanium. Sie wird allein von Faktor II verteidigt. 

Die Terraner durchbrechen unter ungeheuren Opfern sämtliche Verteidigungsanlagen. Faktor II kann den terranischen Telepathen nicht entrinnen. Um seine Mentalimpulse zu kaschieren, weckt er im Museum der Schläfer 5.000 alt-lemurische Wissenschaftler, die den Meistern vor zwanzig Jahrtausenden zur Macht verhalfen. 

Doch der Erweckungsprozess verläuft zu schnell. Aus Genies werden Wahnsinnige. Faktor II sucht verzweifelt nach einem Ausweg, und die Terraner sehen sich an der Schwelle ihres größten Triumphes. 

Doch als die Schläfer aus ihren Särgen steigen, erwacht in ihrem Kreis auch ein Mann ohne Gedächtnis. Er erinnert sich nur an seinen Namen: Ron Fox. 

Es ist der Moment, in dem die Geschichte zweiter Galaxien erneut den Atem anhält, doch niemand ahnt es - nicht einmal Ron Fox ... 

 

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23.10.16 20:28, kommentieren

Andromeda-Timeshift - MdI Extended Band 2

Perry Rhodan
Meister der Insel - Extended
Band 2

Michael Pfrommer / Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Andromeda-Timeshift

Der Stratege der Meister öffnet die Zeitschleife; sie führt die Menschheit zurück an den Abgrund.

Auf der fernen Erde schreibt man den Februar 2406. Die Meister sind besiegt. Faktor I wurde von Atlan getötet. Doch als die Terraner die Zentralwelt der Meister stürmen, erwacht in den Katakomben von Tamanium auch ein Mann ohne Gedächtnis. Er war einst der Stratege der Meister. 

Faktor XIV entkommt seinen Verfolgern nach History, einstmals der Menschenzoo der Meister der Insel. 

Mit seiner Flucht startet das geheimnisvolle Andromeda-Backup. Der zwanzigtausend Jahre alte Nofallplan soll das Revival der Erhabenen einleiten.

Der der Letzte der Meister will alles sein, nur kein MdI. Er klammert sich an seine neue Identität, von der er nicht weiß, woher er sie hat: Ron Fox, ein Archäologe aus dem 20. Jahrhundert. 

Aber dann erreicht den Heimatlosen eine rätselhafte Botschaft. Ein machtvoller Gegner tritt auf den Plan. Er scheint den Flüchtling besser zu kennen als Ron sich selbst: Rahol Fontan. 

Eine Zeitschleife öffnet sich. Gegenwart und Vergangenheit wachsen zusammen. 

Die Duplos der SUSAMA kehren zurück. Nur noch die CREST und ihre Besatzung stehen zwischen der Menschheit und dem Abgrund. 

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23.10.16 20:36, kommentieren

Andromeda-Dungeon - MdI Extended Band 3

Perry Rhodan
Meister der Insel - Extended
Band 3

Michael Pfrommer / Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Andromeda-Dungeon

Atlan stürmt das Gefängnis der Meister. Er ist der Showdown der Unsterblichen.

Im März 2406 ist der Stratege der Meister zurück auf der kosmischen Bühne. Nach einer epischen Flucht von 20.000 Jahren greift Faktor XIV nach der absoluten Macht. 

Mit duplizierten Halutern überfällt er die CREST III. Perry Rhodan kann die Angreifer in letzter Sekunde in einer Halbraumblase isolieren. Ihr Ausbruch ist allerdings nur eine Frage der Zeit. 

Doch als Atlan an Bord der CREST noch fieberhaft die Spuren des Strategen rekonstruiert, orten die Terraner ein geheimnisvolles Wrack. Sie entdeckten es bereits vor zwei Jahren in der Nähe des Zeittransmitters Vario. Deshalb wird des Zeit für das "Sonderkommando Atlan". 

Der Arkonide entert das mysteriöse Schiff und enträtselt das Andromeda-Backup. Es soll das Revival der Erhabenen einleiten. 

In der Halle der Wiedergeburt kommt es zum Showdown der Unsterblichen und Atlan begegnet seinem größten Albtrraum. 

 

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23.10.16 20:43, kommentieren

Andromeda-Conundrum - MdI Extended Band 4

Perry Rhodan
Meister der Insel - Extended
Band 4

Michael Pfrommer / Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Andromeda-Conundrum

Sie suchen ihr Universum und finden die Unsterblichkeit.

Das Andromeda-Backup strebte seiner Erfüllung entgegen - die Wiedergeburt der Meister. Auch der gefangene Atlan konnte des nicht mehr verhindern. Doch das Backup geriet zum Desaster. In dreizehn Multiduplikatoren wurden dreizehn tote Meister geboren. 

Agaia Thetin, die einst die MdI aus der Taufe hob, witterte Verrat. Fluchtartig verließ sie die DUPLEX, ein gigantisches Trägerschiff, das vor zwanzig Jahrtausenden für das Andromda-Backup konstruiert wurde. Nun sollte es in die Riesensonne Histo stürzen, doch die DUPLEX entkam in letzter Sekunde in ein Paralleluniversum. 

Als Atlan an Bord des verlassenen Schiffes erwacht, steht er unversehens vor Mirona Thetin. Blickt er in die Augen einer Verbündeten oder einer Todfeindin? Während er mit seinen Erinnerungen ringt, entdeckt er, dass in dieser Parallelwelt das Jahr 1975 angebrochen ist. 

Es ist das Jahr, in dem Perry Rhodan die Spur durch Raum und Zeit verfolgte ...


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23.10.16 20:54, kommentieren

Andromeda-Prequel - MdI Extended Band 5

Perry Rhodan
Meister der Insel - Extended
Band 5

Michael Pfrommer / Kurt Kobler

Titelbild, Backcover und Innenillustrationen: Raimund Peter

Andromeda-Prequel

Er spielt mit der Geschichte der Menschheit, denn jede Geschichte findet ihr Ende.

Als die Terraner zum Endkampf um Tamanium antreten, zum Sturm auf die letzte Bastion der MdI, erwacht unter dern Schläfern von Tamanium ein mysteriöses Paar. Ron Fox, ein Mann ohne Gedächtnis, sowie eine junge Frau ohne Vergangenheit, die sich Syntha nennt. Die beiden entkommen in letzter Sekunde, doch Ron Fox muss erkennen, dass er eigentlich Faktor XIV ist, der Stratege der Meister. Während er mit seinen Dämonen ringt, will seine Begleiterin, die wiedergeborene Agaia Thetin, zu seinem Entsetzen das Revival der Erhabenen einleiten. 

Auf dem Höhepunkt des Dramas stranden sie in einem Paralleluniversum, in dem man das Jahr 1975 schreibt, jenes Jahr, in dem Perry Rhodan einst unsterblich wurde. Und wieder beginnt eine atemlose Jagd nach dem ewigen Leben, die nur Ron Fox entscheiden kann. 

Doch er zahlt einen hohen Preis. Er bleibt auf einem einsamen Planetoiden zurück. Um zu überleben, gilt es, das Rätsel seiner Vergangenheit zu lösen, denn nur wer sich selbst kennt, kann einen Krieg gewinnen. 

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23.10.16 21:00, kommentieren

Wer rastet - der rostet!

Dieser alte Spruch hat immer noch seine Gültigkeit, gerade in der Welt des Schreibens!

Wer rastet ... verliert die Routine im handwerklichen Teil (rostet ein) - und verzichtet auf die immer wieder spanenden Erlebnisse beim Schreiben - wenn eine neue Tür sich öffnet, die den Weg in eine neue Welt, eine neue Geschichte freigibt!

Genauso sind die Romane entstanden, an denen ich gerade arbeite: Türen öffneten sich, mit denen ich so gar nicht gerechnet hatte - und dahinter standen sie:

Thora da Zoltral, die Fürstin von den Sternen

und

Perry Rhodan, der Mensch von der Erde

sowie 

Atlan, der Einsame der Zeit

 

Heraus kam eine Trilogie!

Der Thorn von Arkon (Arbeitstitel)

Als Thora 1971 auf dem irdischen Mond strandet, ist sie nach irdischer Zeitrechnung 60 Jahre alt (was man ihr bei der langen Lebenserwartung der Arkoniden nicht ansieht). Und sie ist erst die Tochter, dann die Schwester des Imperators von Arkon. 

Was hat sie auf Arkon und im Großen Imperium erlebt, bevor sie zusammen mit Crest mit der AETRON startete? Welche Vergangenheit hat sie?

Weshalb ist sie "nur" Kommandantin eines Forschungskreuzers und nicht Admiralin? Was sie aufgrund ihres Alters, der Flottenhierarchie und ihrer Herkunft eigentlich hätte sein müssen.

Der Risikopilot (Arbeitstitel)

Von Perry Rhodan ist aus der Zeit vor seinem Start zum Mond wenig bekannt. Dabei hat auch er seine ganz eigene Vergangenheit. Und er ist 1968 schon zum ersten Mal Atlan begegnet - bei den 68er Unruhen in Paris. 

Eine bewegte Zeit, Aufbruchstimmung, Befreiung - und mittendrin ein Pilot der US Space Force, der unbedingt zu den Sternen fliegen will. 

Der Wächter der Erde (Arbeitstitel)

Atlan da Gonozal, seit zehntausend Jahren der Wächter des Planeten Erde. Immer wieder hat er sie gegen Plünderer verteidigt - aber nie gelang es ihm, ein Schiff zu kapern oder eine Passage zu erhalten, um nach Arkon zurückzukehren. 

Zuverlässig meldeten die Überwachungseinheiten seiner Tiefseekuppel ihm den Einflug jedes Schiffes in das System - nur den der AETRON nicht. 

Wieso erhält er keine Meldung? Oder weiß er eventuell, dass ein Schiff auf dem Mond steht und hat ganz spezielle Pläne mit Perry Rhodan nach dessen Rückkehr vom Mond. 

Die er durch seine eigene totale Fehleinschätzung der Lage nach der Rückkehr der STARDUST selbst zunichte macht ... 

Freut Euch auf die noch unbekannten Abenteuer
von Thora, Perry Rhodan und Atlan ...
als Printausgabe(n)!

 

26.9.16 15:12, kommentieren

Das magische Schwert von Avalon - Teil 1

Atlan, der Einsame der Zeit, erzählt über eines
der größten Rätsel der irdischen Geschichte

 

Prolog

Büro des Großadministrators,
Regierungs-Tower in Terrania-City, Januar 2430

Bericht Perry Rhodan

„Ich möchte dich einladen zur Verleihung eines Dagor-Schwertes auf Quinto-Center, Freund! Und aus diesem Anlass möchte ich dir und deinem missratenen Sohn die Geschichte eines ganz bestimmten Schwertes erzählen! Eines, das die Sagen und Mythen der Erde schon seit Jahrhunderten beherrscht. Und eines, das die Prinzipien des Dagor in einzigartiger Weise repräsentiert.“

Mein bester Freund, der Arkonide Atlan, der zehntausend Jahre über die Erde gewacht hatte, bevor wir uns im Jahr 2040 zuerst gegenseitig umbringen wollten, um dann Freundschaft zu schließen, lächelte mich vom Bildschirm herunter freundlich an.

„Oh“, brachte ich nur hervor, so verblüfft war ich.

Das war nun schon die zweite Überraschung dieses Tages. Wusste Atlan, dass Michael mich gerade vor einer knappen Stunde angerufen und mit seinem Ansinnen fast aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht hätte? Natürlich hatte ich seinem Wunsch entsprochen und alle Termine abgesagt. Dieses Mal würde ich mich auch nicht aufhalten lassen, das ich wusste, wie wichtig gerade das für meinen Sohn war.

Ich entschloss mich zu seinem kleinen Versteckspiel mit dem Freund. Schließlich machte er genau das oft genug mit mir und vielen unserer Freunde.

Außerdem ahnte ich etwas – ein sagenhaftes Schwert, das auf Terra schon lange von Legenden und Sagen umwoben war – das konnte nur …

„Soweit ich weiß“, begann ich ganz harmlos, „steht mein Sohn vor seiner Prüfung zum Dagor-Meister.“

Atlan nickte, plötzlich wurde er sehr ernst. Dagor war etwas, das er mit Lebenseinstellung gleichsetzte. Schon seit seiner frühesten Jugend hatte er Michael ausgebildet, genau wie mich in der Nahkampftechnik an sich. Gut konnte ich mich noch an unzählige Trainingseinheiten zusammen erinnern. Sie hatten uns immer viel Freude gemacht.

Michael hatte sich dazu entschlossen, nicht nur in der Kampftechnik, sondern auch in der eigentlichen Dagor-Philosophie unterwiesen zu werden. Bei diesen Unterrichtsstunden war ich ausgeschlossen gewesen, das ging nur die Dagoristas etwas an.

Und nun stand der er vor seiner letzten Prüfung, dem Kampf mit seinem eigenen zukünftigen Dagor-Schwert gegen seinen Meister.

Zu gut wusste ich, dass es bei diesen Prüfungskämpfen öfter Schwerverletzte oder sogar Tote gab. Man kämpfte unter realen Bedingungen mit tödlichen Waffen. Niemals fanden diese Kämpfe auf Terra statt, da sie dort dem terranischen Recht unterstanden hätten, das solche Kämpfe nicht duldete.

Daher beruhigte es mich, dass Atlan Michaels Gegner sein würde. Gegen ihn würde mein Sohn den Kampf niemals gewinnen können, aber ich konnte sicher sein, dass Michael den Kampf höchstens mit leichteren Verletzungen beenden würde. Schonen würde mein Freund ihn trotzdem nicht, darüber gab es keinen Zweifel.

„Ja, mein Freund. Und ich möchte dich gerne einladen, einer der Ehrengäste bei der anschließenden offiziellen Verleihung des Schwertes und Michaels Aufnahme in den Orden zu sein. Ich gehe davon aus, dass er sich über dein Kommen freuen wird.“

„Sicherlich.“ Ich dehnte das Spiel genüsslich noch etwas aus. Mich wunderte, dass Atlans unfehlbarer Extrasinn ihn noch nicht auf die richtige Idee gebracht hatte.

Wahrscheinlich hatte Michael seinen Entschluss spontan gefasst und sofort umgesetzt, sogar ohne seinen Lehrmeister zu informieren, was seine Bitte noch wertvoller für mich machte.

„Und da es bei allem um ein Schwert geht, nimmst du das zum Anlass, uns zu erzählen …“

Mit Absicht beendete ich den Satz nicht, sondern ließ es Atlan aussprechen, obwohl ich es schon der Erwähnung des Schwertes aus Mythen und Legenden geahnt hatte.

„Was es wirklich mit Excalibur auf sich hat, König Artus und den Rittern der Tafelrunde.“

Atlans rotgoldene Arkonidenaugen musterten mich aufmerksam – um einen leicht enttäuschten Ausdruck anzunehmen.

„Ist das keine Überraschung für dich?“

„Ich kann auch ein wenig denken, Arkonide. Und ich habe im Geschichtsunterricht vor langer Zeit sogar aufgepasst. Es gibt in Terras Geschichte nur ein sagenhaftes Schwert mit zahlreichen Legenden drum herum.“

„Oh … kann es sein, dass ich euch Terraner immer noch unterschätze?“

„Eigentlich kaum nachvollziehbar. So lange, wie du schon bei uns bist.“

Das Gespräch ging wieder in die altbekannte Richtung, was ich jetzt nicht wollte. Mich interessierte eine ganz andere Frage in diesem Zusammenhang.

„Sag mal, Arkonide, warum brichst du ausgerechnet jetzt dein Schweigen? Wo du es über Jahrhunderte nicht getan hast? Fängst du endlich an, die Rätsel der Geschichte offenzulegen?“

Atlans Gesicht wurde so hart und abweisend, dass ich erschrak. Diese Wendung hatte ich nicht erwartet.

„Nein. Ich bleibe weiterhin bei meiner Entscheidung. Die Herrschaften Historiker sollen sich ruhig weiterhin in ihren abenteuerlichen Spekulationen gegenseitig überbieten. Nach meiner Erzählung werden du und dein Sohn die einzigen Menschen sein, die wissen, ob König Artus und seine Tafelrunde tatsächlich existierten und wo Excalibur geblieben ist. – Und das soll auch so bleiben. Die terranische Wissenschaft wird Excalibur nicht in die Hände bekommen, so sicher ist es verwahrt, in einem Versteck, das sie niemals finden werden.“

Sein Gesicht entspannte sich wieder etwas. Ich atmete innerlich auf. Aber sein Lächeln hätte mir zu denken geben müssen, schon jetzt …

„Barbar, ich habe meine Gründe dafür. Glaube es mir. Manches sollte man im Dunkel der Zeit ruhen lassen. Es ist besser. Aber ich denke, Michael ist nun alt genug, Einiges davon zu erfahren. Und da du mein bester Freund bist …“

Wir sagten beide nichts mehr, verstanden uns auch ohne Worte.

„Du kommst?“, fragte er noch einmal. „Leider kann ich dir nicht erlauben, bei der Prüfung dabei zu sein. Du bist kein Dagorista und auch kein Ehrendiener. Bin mal gespannt, wen Michael darum gebeten hat.“

„Mich“, sagte ich nur und lächelte den Freund an.

Atlan war sichtlich überrascht. Er fing sich aber schnell wieder. Leicht legte er den Kopf schief. Diese Geste kannte ich sehr gut. Wahrscheinlich machte ihn sein Extrasinn gerade darauf aufmerksam, dass er sich das – eigentlich – schon selbst hätte denken können.

„Das freut mich sehr, kleiner Barbar.“ Sein Gesicht drückte die Freude unverhohlen aus. „Dann weiß ich dich an meiner Seite, falls ich schon während des Kampfes unter den Erzählzwang gerate. Du weißt, was zu tun ist. – Aber er ist unwahrscheinlich, hoffe ich …“

Seine letzten Worte hörten sich nicht ganz überzeugt an. Wieder stellte ich die richtige Verbindung nicht her.

*

Atlan hatte alles bis ins Detail vorbreitet. Anders hätte es mich auch gewundert.

Ich wollte von Anfang an den privaten Charakter der Reise betonen, besonders für mich selbst und meinen Sohn. Deshalb flog ich nicht mit dem Flottenflaggschiff CREST IV nach Quinto-Center, sondern mit meiner Privatjacht.

Was nichts daran änderte, dass auch sie über HÜ-Schirme und zwei Transformkanonen verfügte.

In dem unterirdischen Hangar des ausgehöhlten Mondes wurde ich von einem Major der USO empfangen, der leger grüßte.

Also wollte auch Atlan das Private betonen, indem er auf einen Empfang nach Salutordnung verzichtete.

Der Major führte mich in ein luxuriöses Gastquartier.

„Wenn es Ihnen recht ist, Sir, könnten Sie die vorbereitete Hypnoschulung gleich absolvieren. Danach wartet Lordadmiral Atlan auf Sie.“

„Hypnoschulung?“, fragte ich etwas verblüfft.

Der Major grinste. Da er ein Umweltangepasster von Newton war, verlieh das seinem grünen Gesicht mit den hervorquellenden Augen den Eindruck eines Frosches. Ich ließ ihn meinen Eindruck nicht spüren. Newtoner waren in der Beziehung teilweise sehr empfindlich.

„Ja, Sir. Soweit ich weiß, sollen Sie über die Abläufe einer Dagor-Prüfung im Allgemeinen und in die Aufgaben eines Ehrendieners im Besonderen unterrichtet werden.“

„Ah … so. Sagen Sie mal“, ich musterte den Kolonialterraner prüfend, „weiß schon ganz Quinto-Center, was hier morgen stattfindet?“

Der Mann grinste. „Natürlich, Sir. Leider darf niemand von uns bei der Prüfung direkt dabei sein, aber die anschließende Zeremonie zur Aufnahme Ihres Sohnes in den Orden und die Überreichung seines Schwertes wird in alle Räume übertragen. Obwohl ich gerne persönlich dabei wäre.“ Er zog das Gesicht in traurige Falten. „Aber das dürfen nur die ganz hohen Offiziere …“

„Machen Sie sich nichts draus, Major. Im Festsaal wird es recht voll werden. Da haben Sie von der Übertragung viel mehr.“

„Meinen Sie, Sir?“

„Natürlich.“

Der Mann lächelte wieder.

„Was ich noch sagen wollte, Sir“, er räusperte sich, „wir alle freuen uns, dass es Ihr Sohn sein wird.“

Innerlich stöhnte ich auf. Da war er wieder, dieser Personenkult, den ich überhaupt nicht mochte, den ich sogar verabscheute. Und Michael noch viel mehr. Gerade darin lagen viele der Probleme, die er hatte. Leider hatte er noch nicht gelernt, mit der Last des Namens „Rhodan“ zu leben.

„Major, sehen Sie es doch bitte nicht auf die Person an sich bezogen. Natürlich bin ich stolz auf meinen Sohn, sehr stolz sogar. Aber Sie und Ihre Kameraden sollten viel mehr daran denken, welcher Erfolg das für die Menschen ist. Denn, wenn ich richtig informiert bin, ist mit meinem Sohn zum ersten Mal überhaupt ein Mensch so tief in die Mysterik und die Philosophie des Dagor eingetaucht, dass er sich der Prüfung zum Meister stellt. Daran sollten sie nur denken!“

Für mich kam immer und zuallererst der Erfolg für die Menschheit an sich. Und ein terranischer Dagor-Meister, ein Laktrote! So dekadent die Arkoniden in der Masse auch sein mochten, es gab immer noch einige Aktive, die das Dagor als Lebenseinstellung aufrechthielten. Sie waren eine Elite, in deren Kreise nur sehr selten ein Nicht-Arkonide aufgenommen wurde.

Ich mochte nicht daran denken, was Michael bei seiner harten Ausbildung durch Atlan, einen der Großmeister des Dagor, erlebt und auch erlitten hatte. Sie sprachen gemäß dem Ehrenkodex der Dagoristas nicht darüber und ich fragte genauso wenig danach. Aber ich konnte mir so dies und das gut vorstellen.

Jedenfalls schien Michael damit zufrieden zu sein – und nur das zählte für mich.

„Wie lange wird die Hypnoschulung dauern, Major?“

„Ungefähr eine halbe Stunde, Sir.“

„Dann unterziehe ich mir ihr sofort. Danach hätte ich gerne einen Becher Kaffee.“

Der Major grinste. „Ich soll Ihnen vom Lordadmiral ausrichten, er wartet anschließend mit echtem terranischen Kaffee und Gebäck auf Sie, Sir.“

Er senkte die Stimme und fügte fast verschwörerisch hinzu: „Gebacken von seiner Sekretärin höchstpersönlich. Und den Kaffee kocht sie auch frisch, brüht ihn sogar noch mit der Hand auf.“

„Na dann.“

Ich freute mich schon jetzt darauf. Atlan hatte sich genau wie unsere anderen Freunde und ich, die schon am Ende des 20. Jahrhunderts gelebt hatten, nicht dazu entschließen können, sein Vorzimmer mit einem der allgemein üblichen Sekretärroboter zu besetzen. Wir bevorzugten altmütterliche Damen nach dem Klischeebild der tüchtigen Chefsekretärin aus dieser lange vergangenen Zeit – mit den entsprechenden Qualitäten!

*

Nach Abschluss der Hypnoschulung wusste ich alles über die Riten des Dagor. Wahrscheinlich wusste außer meinem Sohn, der vor seiner wichtigsten Prüfung stand und mir kaum ein Terraner von diesen Dingen. Die Nahkampftechnik an sich gehörte um Standard in der Ausbildung der Abwehr und der USO – aber das, was ich nun wusste, war ganz anders. Vieles davon hatte Ähnlichkeit mit der Philosophie des irdischen Zen-Buddhismus. Ob das auf den Einfluss von Atlan zurückging? Ich würde ihn nicht fragen. Immer noch war mir seine Reaktion bei unserem Funkgespräch in Erinnerung.

Atlan empfing mich in seinem Chefbüro. Bei ihm war mein Sohn.

Beide verhielten sich freudig und ungezwungen. Michael strahlte über das ganze Gesicht. Ich nutzte die Gelegenheit, ihn genauer anzuschauen.

Heute wirkte er nicht ganz so jungenhaft und fröhlich, wie sonst meistens. Ein Schimmer von Nachdenklichkeit ging von ihm aus. Sein Gesicht war blass, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

Jetzt wurde mir klar, warum Atlan mir die Hypnoschulung vorher „verordnet“ hatte. Sonst hätte ich unweigerlich danach gefragt und wäre meinem Sohn damit vielleicht zu nahe getreten. Michael war es immer peinlich, wenn es ihm mal nicht gut ging – was äußerst selten vorkam bei seiner stabilen Gesundheit und seiner robusten Konstitution, die er wohl von mir geerbt hatte – und man sprach ihn auf diesen Zustand an. Für ihn war es wichtig, niemandem wissen zu lassen, wie es in und mit ihm aussah und Stärke zu zeigen.

So aber wusste ich, dass er seit gestern am Fasten war. Vorher hatte er am Morgen des Vortages noch eine intensive Magen- und Darmreinigung über sich ergehen lassen müssen. Der zukünftige Dagor-Meister sollte frei von allem mit völlig gereinigtem Körper zu seinem wichtigsten Kampf antreten. Er sollte und musste alle körperlichen Bedürfnisse ausschließen.

Michael warf nur einen kurzen Blick auf den Kaffee, den auch er so liebte. Mein erster Impuls war, ebenfalls darauf zu verzichten, genau wie auf das Gebäck. Im letzten Moment hielt ich mich zurück. Auch das gehörte schon zu Michaels Prüfung, sich beherrschen können, wenn andere tranken und aßen, während sein Magen rebellierte und der Durst immer schlimmer wurde.

Es war Atlan zu verdanken, dass eine zwanglose Unterhaltung in Gang kam. Ich selbst hätte es nicht geschafft, zu sehr litt ich mit meinem Sohn.

Das war einer der fatalen Punkte in unserer Beziehung zueinander. Jeder litt mit dem anderen, stand für ihn ein, aber trotzdem fanden wir keinen richtigen Weg zueinander, schafften es nicht, über unsere Gefühle zu sprechen. Dadurch entfernten wir uns immer weiter voneinander.

Ich schüttelte die Gedanken ab und konzentrierte mich auf Atlan. Er sprach traditionsgemäß nicht von der bevorstehenden Prüfung, sondern von dem, was danach geplant war. Scheinbar hegte er nicht den geringsten Zweifel daran, dass Michael es schaffte. Ich übrigens auch nicht.

„Ich hoffe wirklich, dass ich nicht schon während des Kampfes in den Erzählzwang gerate. Aber das glaube ich nicht.  Die Gefahr besteht viel eher danach beim offiziellen Festakt.“

„Wieso, Laktrote?“, fragte Michael und senkte leicht den Kopf, als er Atlan ansprach. Seitdem mit der Reinigung seine Prüfung begonnen hatte, musste er Atlan als seinem Meister entgegentreten – und nicht als eine Art Vater und Freund.

Ich verspürte einen leichten Stich, verdrängte das Gefühl aber sofort wieder.

„Um Excalibur, von dem du uns erzählen willst, geht es dabei doch noch gar nicht. Mein Dagor-Schwert und dieses geheimnisvolle Schwert der Geschichte – dazwischen sind doch Welten!“

In diesem Augenblick, in dem Michael das aussprach, worüber ich seit dem Funkgespräch mit Atlan nachdachte, verstärkte sich meine Ahnung.

„Bestehe erst einmal deine Prüfung, junger Höhlenwilder“, grollte Atlan gegen den jungen Mann. Aber seine Augen sprachen eine andere Sprache.

Michael grinste ihn an. In diesem Moment wirkt er wieder wie ein großer Junge.

Mich ließ ein – eigentlich wahnwitziger! – Gedanke nicht wieder los.

Konnte es tatsächlich sein, dass ...

Nein, der Gedanke war einfach zu fantastisch, sogar im Zusammenhang mit Atlan!

*

Atlan und ich verbrachten den Abend mit einigen Gläschen Wein ganz gemütlich in seinem großen Quartier.

Michael hatte sich in seine Unterkunft zurückgezogen und meditierte gemäß den Dagor-Regeln. Er durfte gar nichts mehr essen, nur noch eine ganz bestimmte, sehr knapp bemessene Menge Wasser zu sich nehmen. Es war sein zweiter Tag. Am dritten Tag würde er durch Wasser- und Nahrungsmangel reichlich entkräftet seinem Meister, also Atlan, im Kampf gegenüberstehen, vor den Augen einer strengen Prüfungs-Kommission, die aus vier Dagor-Meistern bestand, allesamt Arkoniden, die in hohen Offiziersrängen Dienst in der USO taten, weil sie sich für den Kampf für Freiheit und Frieden entschieden hatten.

Seit der Hypno-Schulung wusste ich, dass die Prüfung in einem simulierten Urwald-Klima stattfinden würde, in diesem Zustand eine zusätzliche schwere Kreislauf-Belastung für den Prüfling.

„Meinst du nicht, ihr seid zu streng mit euren Prüflingen?“, frage ich Atlan.

Der Arkonide musterte mich abschätzend.

„Dir tut dein Sohn jetzt schon leid, Freund?“

„Ja.“

Atlan schwieg einen Moment, dann sagte er einfach: „Die Prüfung morgen ist nicht nur eine Prüfung für Michael, sondern auch eine für dich – und für mich selbst, obwohl du das jetzt noch nicht verstehst.“

Der aberwitzige Gedanke tauchte wieder in meinen Gedanken auf.

Atlan lächelte mich an.

„Mein Extrasinn äußert gerade eine Vermutung, woran du denken könntest, kleiner Barbar. Warte es ab, morgen wirst du alles wissen – und du wirst wirklich überrascht sein.“

Er nahm einen Schluck Rotwein, schon seit Jahrhunderten eines seiner Lieblingsgetränke.

„Aber um auf deine Frage zurückzukommen. Ja, wir sind sehr streng zu unseren Prüflingen. Mit Absicht. Ein Dagor-Meister muss sich überall behaupten können.“

Wieder machte er eine Pause, dachte nach, dann sah er mir voll in die Augen.

„Das, was ich morgen von Michael verlange, wird hart werden, sehr hart, genauso für dich und mich wie für ihn – nein, keine Fragen, ich sagte schon, du wirst alles verstehen, wenn es soweit ist.“

Er begleitete seine Worte mit einer abwehrenden Handbewegung.

„Du hast als Ehrendiener die Pflicht, den Kampf abzubrechen, sobald du das Gefühl hast, Michael wäre ernstlich gesundheitlich gefährdet. Ich kann dir versichern, die Todesfälle bei Dagor-Prüfungen sind von niemandem beabsichtigt. Es waren tragische Unglücksfälle. Gerade deshalb ist die Aufgabe des Ehrendieners wo wichtig, weil der Prüfling selbst das in der Euphorie, in die er sich zwangsläuft steigert, gar nicht mehr überblicken kann.“

„Ich weiß.“

Die Verantwortung für meinen Sohn lastete jetzt schon schwer auf mir, einige Stunden vorher.

Atlan lächelte.

„Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue. Ich werde Michael bis zum Allerletzten fordern. Bitte greife nicht ein, egal was du siehst. Michael muss da durch, auch wenn es dir als Vater das Herz auseinanderreißt. Er will es auch selbst.“

„Ich weiß“, konnte ich nur leise antworten. Es würde ein schwerer Tag für mich werden, vielleicht einer der schwersten meines Lebens.

Atlans rotgoldene Augen schienen ganz weit in eine Ferne zu blicken, die ich nicht sehen konnte.

„Damals“, murmelte er zögernd, „in der Zeit, von der ich euch erzählen werde, stand ich auch in einem Kampf meinem eigenen Schüler gegenüber, der mit seinem ganz persönlichen Schwert gegen mich kämpfte …“

Er schüttelte sich, sein Blick wurde wieder klar, sein Gesicht so hart, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte. Fast bekam ich selbst Angst. Jetzt hätte ich ihm nicht als Gegner gegenüberstehen mögen. Was mochte sein damaliger Schüler getan haben, dass die Erinnerung eine solche Reaktion ihn ihm auslöste?

Die Antwort gab ich mir selbst: ihn enttäuscht oder sogar verraten!

„Ich hoffe, dass ich den Kampf morgen durchstehe. Du weißt, was du zu tun hast?“, erinnerte er noch einmal daran, sehr ungewöhnlich für ihn.

Ja, ich wusste es. Zu oft war ich bereits dabei gewesen, wenn den Arkoniden der Erinnerungszwang übermannte. Dann übernahm sein fotografischer Gedächtnisteil die Herrschaft über ihn, er war kaum noch selbst handlungsfähig. Normalerweise verhinderte der Extrasinn eine Zwangserinnerung in gefährlichen Kampfsituationen.

Es gab aber Ausnahmen. Dann, wenn die Erlebnisse für Atlan so aufwühlend gewesen waren, dass sie auch heute noch den Stellenwert eines Traumas hatten.

Was mochte damals, in der Zeit, als dieses magische Schwert mit dem Namen Excalibur einem König gehört haben sollte, wirklich geschehen sein?

Und warum unterzog Atlan sich der Qual genau dieser für ihn offensichtlich schon jetzt belastenden Erinnerung?

Meine Ahnungen nahmen immer konkretere Formen an …

*

Michael trat mir gefasst und mit unbewegtem Gesicht gegenüber. Wir trafen uns in dem kleinen Vorbereitungsraum. Außer uns war niemand anwesend. Es war die letzte Gelegenheit für Absprachen zwischen dem Hertaso und seinem Ehrendiener vor der Prüfung. Danach hatten wir uns nach dem vorgeschriebenen Zeremoniell zu richten.

Er sah noch schlechter aus als am Vortag. Seine Lippen waren ausgetrocknet und aufgeplatzt.

Obwohl sowohl er als auch ich wussten, dass Atlan ihm nichts Ernsthaftes antun würde, war so ein Kampf mit archaischen, aber trotzdem nicht minder tödlichen Waffen immer noch zu einem großen Stück unkalkulierbar. Dass ihm das vollkommen bewusst war, zeigten seine Worte.

„Dad, ich vertraue dir und weiß, dass du das Richtige tun wirst. Aber, bitte, brich den Kampf nicht ab, bevor er wirklich zu Ende ist. Ich kann gegen Atlan nicht gewinnen, aber ich will ihn bis zuletzt durchstehen.“

„Du wirst deine Prüfung bestehen“, versuchte ich ihm Mut zu machen.

Heftig winkte er ab. „Darum geht es nicht nur. Ob ich sie bestehe, das werden Atlan und die Kommission entscheiden. Du hast deine Hypnoschulung gehabt, also weißt du genauso gut wie ich, dass der Kampf an sich nicht das entscheidende Element ist. Außerdem“, er lachte ein wenig gezwungen, „habe ich noch nie gehört, dass ein Hertaso diesen Kampf gegen seinen Laktrote gewonnen hätte.“

„Ich auch nicht“, lächelte ich zurück. „Aber ich habe dich verstanden, Mike. Bis zum bitteren Ende.“

Wir besiegelten die Vereinbarung mit einem festen Händedruck.

„Danke“, sagte Michael, noch während wir unsere Hände umschlossen hielten. „Ich weiß, dass ich mit einigen Blessuren da rauskommen werde. Atlan wird mich nicht schonen. Ich habe gehört, der Medorobot wartet schon. Hoffentlich hat er was schön Kaltes zu trinken dabei. Da freue ich mich jetzt schon drauf. – Also, bringen wir es hinter uns. Und …“

Er sah mich mit seinen so außergewöhnlichen nachtblauen Augen direkt an: „Danke, dass du die Zeit dafür gefunden hast.“

Brüsk wandte er sich ab und betätigte die Rufanlage. Ich bedauerte es, unsere kurze private Zeit war vorbei.

Mir war eines klar, viel zu klar: Michael hatte trotz allem Angst, aber er wusste sie zu beherrschen und auch zu verbergen.

Ein kühner Gedanke kam mir: hatte damals dieser Schüler von Atlan, gegen den er gekämpft hatte, auch Angst gehabt – und wie berechtigt war dessen Angst gewesen? Michael brauchte sich „nur“ vor den mehr oder weniger schweren Verletzungen zu fürchten, die aber die moderne Medizin problemlos in kürzester Zeit würde heilen könne. Aber damals … ich wurde immer neugieriger!

*

Zwei weitere Ehrendiener betraten jetzt den Raum. Sie verneigten sich wortlos vor uns, sagten aber kein Wort.

Ich glaubte, einen von ihnen zu erkennen. Er gehörte zur Zentralebesatzung von Atlans IMPERATOR III.

Der Mann lächelte mir kurz zu. Mehr nicht. Das Ritual verbot ein Gespräch.

Michael und ich legten unsere Uniformen ab, er trug die schwarze der USO, ich meine normale Bordkombination der Solaren Flotte.

Die beiden Männer reichten uns die traditionelle Kleidung der Dagoristas, die bei allen rituellen Kämpfen getragen wurde: weite Leinenhosen und ebenso weite Blusen, die in der Taille nur mit einer Kordel zusammengehalten wurden. Dazu schlüpften wir in leichte Leinenschuhe.

Verstohlen mustere ich Michael, wie er sich auszog, sah kurz seine durchtrainierten Muskeln unter der glatten Haut spielen. Der Junge hatte einen Trainingszustand, auf den sogar ich neidisch werden konnte. Im Extremfall würde mir der Zellaktivator helfen, die nötige Energie aufzuwenden, aber ohne sähe ich gegen meinen eigenen Sohn schlecht aus, gab ich vor mir selbst zu.

Seine Körperbewegungen waren ruhig und beherrscht. Trotzdem bemerkte ich, wie viel Kraft es ihn jetzt schon kostete, sich so zu bewegen. Sicherlich litt er schon unter starken Kopfschmerzen, Schwindelattacken und vielleicht sogar schon Übelkeit.

Der Kampf gegen den eigenen Körper, die Fähigkeit, allein mit der Kraft des eigenen Willens einen Körper, der nichts Anderes mehr wollte, als endlich Ruhe zu bekommen, noch über die subjektiv empfundenen Grenzen hinaus zu beherrschen – das war die eigentliche Prüfung, die ihm bevorstand.

Bereits oft genug hatte auch ich mich ihr stellen müssen, teilweise in höchst gefährlichen Situationen. Deshalb konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie er sich fühlte.

Und gleich wartete der nächste Schock.

*

 

31.8.16 22:21, kommentieren

Das magische Schwert von Avalon - Teil 2

Sogar für mich waren die plötzlichen mörderischen Klimabedingungen wie ein Schock.

Michael und ich gingen durch einen schmalen Gang vom Vorbereitungsraum direkt in den Prüfungsraum. Es war einer der mir sehr gut bekannten Trainingsräume, in denen man nahezu alle möglichen Umweltbedingungen simulieren konnte. Das umfasste nicht nur das Klima, sondern auch die Flora und Fauna.

Atlan hatte sich für einen kleinen Raum entschieden, in dem tropische Bedingungen herrschten. Eine Kontrollskala gleich am Eingang zeigte es in eindeutigen Zahlen an: 45°C, Luftfeuchtigkeit 97%, mörderischer konnte es kaum sein. Atlan ging wirklich voll zur Sache.

Unmut regte sich in mir. Musste das wirklich sein? Ich empfand es als unnötige Quälerei. Aber ich würde darüber mit ihm auch nicht diskutieren. Seine und meine Einstellung in gewissen Bereichen unterschieden sich doch erheblich, was unserer Freundschaft keinen Abbruch tat.

Immerhin hatte der alte Arkonide auf einen „Dschungel“ oder so etwas verzichtet. Der Bodenbelag bestand aus federndem Kunststoff, wie mir ein paar prüfende Schritte bestätigten.

An der linken Seite des Raumes standen die vier Prüfer. Ich kannte sie alle persönlich, aber in den Uniformen der USO. Jetzt trugen auch sie archaische Dagor-Kleidung. Sie nickten uns höflich-distanziert zu, mehr erlaubte das Ritual ihnen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht.

Einer der Eckpfeiler der Dagor-Philosophie war das Zusammengehörigkeits- und Kameradschaftselement. Demzufolge hatte die Mitglieder der Kommission sich nicht hinter einem Energieschirm vor den mörderischen Bedingungen „in Sicherheit gebracht“, sondern waren ihnen genauso wie Michael, Atlan und ich ausgesetzt.

Vorsichtig beobachtete ich meinen Sohn gleich beim Eintritt. Obwohl er auf alles vorbereitet gewesen sein musste, schwankte er leicht. Auf seiner Stirn erschien Schweiß, obwohl sein Körper schon ziemlich ausgetrocknet sein musste. Das Schwitzen würde ihm noch die letzten Flüssigkeitsreserven entziehen.

Ich sah, wie er trotzig die Zähne zusammenbiss und die Augen sich zu Schlitzen verengten.

Atlan nickte uns zu und machte eine auffordernde Geste zu Michael hin.

Der verstand sofort und entledigte sich seiner weiten Bluse und seiner Schuhe. Erneut sah ich die Muskeln und Sehnen unter seiner Haut spielen. Ich hatte kaum mal einen Mann gesehen, der besser trainiert war.

Nach den Regeln musste er mit bloßem Oberkörper kämpfen, da man seine körperlichen Reaktionen ganz genau beobachten wollte.

Atlan legte ebenfalls die Bluse ab, obwohl er das als Meister nicht gebraucht hätte. Er lächelte zurückhaltend, nur ein ganz klein wenig.

Damit gab er Michael schon zu Anfang ein gutes Gefühl, indem er sich mit ihm gleichstellte. Ich beachtete die fürchterlichen Narben über seiner Bauchdecke überhaupt nicht, dazu kannte ich sie zu gut.

Michael schenkte ihnen ebenso wenig Aufmerksamkeit.

Atlan machte eine weitere, diesmal einladende, Handbewegung.

Mein Sohn trat näher an ihn heran, neigte kurz den Kopf und legte die rechte, offene Handfläche auf sein Herz, der traditionelle Gruß.

„Hertaso“, sprach Atlan ihn an, auf arkonidisch, wie das Ritual es erforderte, „bist du bereit, dich deiner letzten Prüfung zu stellen? Einer Prüfung, die dir alles abfordern wird, die dich auch mit den Abgründen deines Selbst konfrontieren wird?“

Michael wich Atlans Blick nicht aus, schwankte auch nicht, stand kerzengerade, ließ sich nichts anmerken, Beherrschung in höchster Vollendung.

„Ja, Laktrote, ich bin dazu bereit und werde mich allem stellen, was du für erforderlich hältst.“

„Und du vertraust deinem Ehrendiener absolut, dass er für dich Entscheidungen trifft, wenn du nicht mehr dazu in der Lage sein solltest?“

Der junge Mann drehte sich zu mir um. Unsere Blicke trafen sich wieder. Wie so oft, wenn ich ihm in die Augen sah, hatte ich das Gefühl, in diesen nachtblauen Tiefen zu versinken.

Genau das Gleiche behaupteten viele, wenn sie mir in die Augen blickten. Das lag dann wohl etwas in der Familie.

Sofort schüttelte ich den Gedanken wieder ab.

„Ja, ich vertraue meinem Ehrendiener, meinem Vater!“

Diesen Zusatz hätte er nicht machen brauchen. Dass er es machte, erfüllte mich mit noch größerem Stolz als bisher schon.

Atlan nickte.

„So sei es denn“, sprach er die vorgeschriebenen Worte.

Einer der Prüfer trat vor und reichte ihm einen Gegenstand, der noch mit einem prächtigen Samttuch verhüllt war.

Das Dagor-Schwert, das Michael aus den Händen seines Ausbilders und Meisters entgegennehmen und damit seinen allerersten Kampf gerade gegen diesen Meister ausfechten würde.

Die Hypno-Schulung hatte mir zwar die Hintergründe dieser rituellen Handlung erklärt, aber so ganz war ich mir trotzdem über den Sinn bisher nicht klar. Wahrscheinlich würde ich sie erst in vollem Umfang verstehen, wenn ich dem Kampf bis zum Ende beigewohnt hatte.

Atlan nahm das noch verhüllte Schwert in Empfang. Auch unter seiner Haut spielten die Muskeln und Sehnen, nur war sie im Gegensatz zu der meines Sohnes, der noch jung war, von Narben übersät, nicht nur über dem Magen. Bis heute verstand ich nicht, wieso mein Freund diese Narben mit sich herumtrug. Schon während seiner Verbannungszeit auf der Erde wären die medizinischen Roboter seiner Tiefseekuppel problemlos in der Lage gewesen, sie zu beseitigen.

Wahrscheinlich hing es damit zusammen, dass die Erinnerung an seine bewegte und gefährliche Vergangenheit ihn nicht mehr losließ.

Man hätte eine Stecknadel im Raum fallen hören können, als Atlan das Tuch zur Seite zog und ein prächtiges Schwert zum Vorschein kam.

Meine Kenntnisse auf dem Gebiet der Stilepochen und der Kunst waren nicht sehr ausgeprägt, aber ich erkannte sofort, dass dieses Schwert vom Stil her eher in die terranische Ritterzeit gepasst hätte als hierher. Auch wenn die Dagoristas Schwerter im archaischen Stil – allerdings mit modernster Technik – verwendeten, niemals wäre das eines im terranischen Stil gewesen.

Die Klinge schimmerte bläulich. So, wie Atlan das Schwert hochhielt und präsentierte, war es viel leichter, als die Optik es vermuten ließ.

Neben mir hörte ich Michael schwer atmen. Sein Blick richtete sich auf die reich verzierte Klinge, genau wie meiner. Deutlich sah ich die arkonidischen Schriftzeichen, die Zeichen für Freiheit, Freundschaft, Loyalität, Vertrauen, Selbstbestimmung und auch für Stärke, Durchsetzungsvermögen, Kampfgeist, Mut und Tapferkeit.

Die klassischen Tugenden eines irdischen Ritters nach dem vielbeschworenen Ideal des Mittelalters – auf einem Schwert, das eindeutig aus Arkonstahl war.

Die vier Prüfer musterten es aufmerksam und genauso fasziniert wie Michael und ich. Für sie war es „nur“ ein Schwert aus Arkonstahl in einer archaischen Aufmachung, in einem Stil, der ihnen allerdings nicht bekannt war.

Ich sah, wie einer der hohen Offiziere etwas sagen wollte, aber es ließ. Der Laktrote und Ausbilder des Schülers leitete die Prüfung. Sein Kampf gegen seinen Schüler, der auch sein letzter gegen ihn sein sollte, gehörte zum Ritual.

„Nein“, hörte ich Michael fast entsetzt flüstern – in dem gleichen Augenblick, in dem mir klar wurde, dass das, was ich die ganzen letzten Stunden schon vermutet hatte, Wirklichkeit war!

„Excalibur!“ Stockend sprach Michael es aus. Sein Gesicht wurde noch blasser, die Augen weit aufgerissen. Er schwankte kurz, fing sich aber gleich wieder.

Seine Hände zitterten, als er das Schwert aus Atlans Händen in Empfang nahm.

Der Arkonide sah ihn unerbittlich an. Keine Spur von Freundlichkeit war mehr an ihm, nur eiserne Härte, seine Stimme klirrte wie Eis.

„Ja“, sagte er einfach. „Es freut mich, dass du auch nach diesen drei Tagen noch klar denken kannst. Das gibt mir Hoffnung, dass dieses Schwert nun in die richtigen Hände kommt, wenn du dich seiner würdig erweist. Das musst du mir gleich beweisen.“

Die Worte wichen von dem althergebrachten Ritual ab. Also machte Atlan von dem Recht des Prüfungsleiters Gebrauch, in gewissem Rahmen den Ablauf zu ändern.

Die vier Offiziere, die die Regeln des Dagor, trotz meiner Hypnoschulung, weitaus besser kannten als ich, nickten nur bestätigend.

*

Selten hatte ich einen so harten, aber auch andererseits so fairen Kampf gesehen. Atlan schenkte Michael nichts. Immer wieder taumelte mein Sohn, brach in die Knie – und immer wieder ließ Atlan ihm eine gewisse Zeit zur Erholung, bis er wieder aufstehen konnte und der Kampf weiterging.

Deutlich sah ich, wie Michael einige Male kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch war, wie er sich nur mit äußerster Gewalt, schon zusammengekrümmt auf den Knien oder sogar lang ausgestreckt nur mit letzter Kraft gegen die nahende Ohnmacht wehren konnte.

Einige Male war ich trotz meines Versprechens versucht, meiner Pflicht als Ehrendiener nachzukommen und den Kampf abzubrechen.

Um mein Gewissen zu beruhigen, rief ich mir ins Gedächtnis, dass Michael von einem Medoroboter überwacht wurde. Sobald sein Kreislauf so instabil wurde, dass Lebensgefahr bestand, würde der Kampf von dieser Seite aus abgebrochen werden.

Trotz allem – ich war sein Vater! Mir tat es weh, wie er leiden musste. Immer wieder sagte ich mir, dass es seine eigene Entscheidung gewesen war. Er wollte das, wollte diese Bewährungsprobe für sich selbst. Ob er darin so eine Art archaischen Mannbarkeitsritus sah, oder ob es „nur“ sein Selbstbewusstsein war, das diese Herausforderung meistern mussten, auch um sich aus meinem Bannkreis, den er seit frühester Jugend als „übermächtig“ empfand, abzusetzen.

Mir waren die Hände gebunden, ich war zum Zuschauer verdammt. So versuchte ich mich ein wenig abzulenken, indem ich die geschichtlichen Fakten überdachte, die ich – bevor ich überhaupt daran gedacht hatte, einen Arkoniden namens Atlan zu treffen – über Excalibur, die dazugehörige Artus-Sage und andere Legenden wusste.

Der Sage nach, die ich als Kind und Jugendlicher kannte, war König Artus ein strahlender Ritter, der für die Gerechtigkeit und die Freiheit kämpfte, ein leuchtendes Idealbild. Und das sagenhafte Schwert Excalibur zog er als junger Mann aus einem Steinklotz, nachdem viele andere es vor ihm ergebnislos versucht hatten. Er einte mit Hilfe dieses magischen Schwertes die Stämme Britanniens, die sich seit dem Abzug der Römer Anfang des 5. Jahrhunderts gegenseitig befehdeten und zerfleischten. Der Sage nach machte das Schwert ihn unverwundbar.

Dafür gab es jetzt, nachdem ich wusste, wer für Excalibur „verantwortlich“ war, eine ganz einfache Erklärung: Das Schwert musste auch einen Schutzschirmprojektor enthalten.

Diese Version der Artus-Sage war zwar die populärste, aber es gab daneben viele andere.

Eines aber war allen gemeinsam: Artus verlor sein wunderbares Schwert und es „versank im See der Feen“. Wobei keine Version der Sage eine klare Aussage traf, was es mit diesem „See der Feen“ wirklich auf sich hatte.

Historiker, die sich intensiver mit der Artus-Sage beschäftigten, vermuteten in dem See, über dem grundsätzlich dichter Nebel herrschte, eine geheimnisvolle Insel. Immer wieder tauchte in Legenden der Name „Avalon“ auf. Sie sollte hinter der christlichen Abtei Glastonbury liegen und der Weg dorthin nur „Eingeweihten“ bekannt sein. Sie galt als Sitz von Priesterinnen des sogenannten „Alten Glaubens“ und von Druiden, die nicht bereit waren, sich zu dem immer stärker vordringenden Christentum zu bekennen.

Zum Schluss sollten nur noch eine Handvoll Priesterinnen und Druiden übrig gewesen sein, unter ihnen die „Herrin vom See“, die Hohepriesterin, und Merlin, der Oberste der Druiden.

Ihr Schicksal versank ebenfalls im Dunkel der Geschichte.

Wobei auch in der Artus-Sage ein Zauberer namens Merlin auftauchte, ein weiser Mann, dessen Herkunft unbekannt war, und der König Artus seit seiner Wahl zum König, nachdem er das Schwert aus dem Stein gezogen hatte, beraten hatte. Nach dem Tod des Königs und der Auflösung der Tafelrunde verschwand er spurlos.

Nachdenklich betrachtete ich die Kämpfer. Michael blutete inzwischen aus einigen Wunden, die allesamt leichter Natur, aber wahrscheinlich sehr schmerzhaft waren. Atlan verlange ihm wirklich alles ab.

Leichter Zorn regte sich in mir. Musste das wirklich sein?

Zumal ich inzwischen auch Schwierigkeiten mit dem höllischen Klima bekam. Schon einige Zeit war ich schweißgebadet, obwohl ich nichts Anderes zu tun hatte, als neben der markierten Kampffläche zu stehen und zu beobachten.

Wie musste es erst Michael gehen?

Den Arkoniden der Prüfungskommission wirkten dagegen recht unbeeindruckt. Kein Wunder, sie waren schon von ihrer Heimat her hohe Temperaturen gewöhnt, wenn auch nicht so schwüle. Auf den drei Arkon-Planeten herrschte trockene Hitze.

Mein Sohn hielt sich weiterhin tapfer, obwohl sein Gesicht immer verkrampfter wurde.

Ich sah genauer zu Atlan hin. Wirkte auch er angeschlagen? Natürlich, die Hitze, die Schwüle, die Belastung des Kampfes, obwohl er gesättigt und ausgeruht war – trotzdem, sein Gesicht verkrampfte sich auch immer mehr.

Schwankte er leicht? Ich kniff die Augen zusammen, wischte mir mit dem Ärmel der lockeren Bluse über die Stirn, um den in die Augen tropfenden Schweiß aufzuhalten und meine Sicht zu klären.

Tatsächlich! Atlan bekam auch Probleme! Sollte seine Befürchtung eintreten? Dann war es der eindeutige Beweis dafür, dass damals Dinge geschehen waren, die auch für ihn äußerst belastend waren – heute noch!

Noch war es nicht ganz so weit, noch hielten beide durch. Aber das Ende des Kampfes stand kurz bevor. Sicherlich würde Atlan, sobald er sein fotografisches Gedächtnis nicht mehr beherrschen konnte, den Kampf sehr schnell beenden, solange er noch handlungsfähig und damit Michael vollständig überlegen war.

Er würde sich nicht die Blöße geben, als erster Laktrote beim rituellen Prüfungskampf von seinem Schüler besiegt worden zu sein! Nicht Atlan!

Atlan … Merlin?

Ich erschrak selbst bei diesem Gedanken. Die Artus-Sage beschrieb Merlin als „alten Mann mit langen, weißen Haaren“. Weiße Haare galten damals als das entscheidende Merkmal für alte Menschen, unabhängig von ihrem Körper, der ohnehin bis zum Hals verhüllt zu sein hatte.

Noch intensiver betrachtete ich meinen arkonidischen Freund, der deutlich härter vorging, er bereitete das Ende des Kampfes vor. Kurz hob den Blick, sah mich an und schüttelte leicht den Kopf. Also hatte er die Situation noch vollständig unter Kontrolle.

Merlin … es konnte sein … möglich war es … und es passte sehr gut zu ihm! Ein geheimnisvoller Weiser … ich überlegte … in der Sage wurde zu Merlins Religion nichts gesagt … weder dass er wie Artus Christ war, noch dass er dem Alten Glauben folgte …

Noch einmal schweiften meine Gedanken zurück. Eine bekannte Fantasy-Autorin hatte zum Thema Avalon einen Beststeller geschrieben und in ihm einige Thesen von Historikern aufgenommen, die alternativ an die Legenden herangingen, schon fast „ketzerisch“.

Atlan konnte sie nicht inspiriert haben, da der Arkonide in dieser Zeit im Tiefschlaf in seiner Kuppel lag.

Ende des 20. Jahrhunderts, nachdem wir Menschen die arkonidische Technik übernommen und immer mehr auch in nichtmilitärische Bereiche integriert hatten, wurde die Gegend nochmal mit modernster Technik überprüft und katalogisiert.

Das Ergebnis blieb das Gleiche: es gab keine Insel Avalon – jedenfalls nicht nach strengen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Für viele Historiker, die sich gerade diesem Thema verschrieben hatten, brach eine Welt zusammen. Forschungsteams, die zurückkehrten, waren fest davon überzeugt, dass dort absolut nichts ist.

Erschwerend kam hinzu, dass im 5./6. Jahrhundert in Britannien nach dem Abzug der Römer, die noch schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen hatten, die sogenannten „Dunklen Zeitalter“ begannen, für deren Analyse die Historiker sich fast ausschließlich auf Ausgrabungsergebnisse stützen mussten.

Später tauchte Excalibur noch einmal in der terranischen Frühgeschichte auf. Der englische König Richard I. aus der Familie der Plantagenet, besser bekannt als Richard Löwenherz, behauptete, sein Schwert wäre Excalibur.

Im Gegensatz zur „dunklen Zeit“ der britischen Insel gab es hierzu überlieferte gut erhaltene schriftliche Dokumente.

Die Quellen an sich hatte ich nie angezweifelt, die Aussage an sich schon. Ich hielt sie immer für politische Propaganda, auf die dieser König sich bestens verstanden haben sollte.

Aber nun musste ich auch das vielleicht in einem ganz anderen Licht sehen!

Wie wir Menschen eben sind – einige Wissenschaftler wollten sich damit nicht zufriedengeben und traten an Atlan heran, nachdem der sich uns angeschlossen hatte und offiziell bekannt wurde, dass er seit zehntausend Jahren auf der Erde weilte.

Atlan lehnte alle Bitten um Aufklärung ab, nicht nur im Zusammenhang mit Artus, Excalibur und Avalon.

Seine häufigste Antwort: „Terranische Höhenwilde müssen nicht alles wissen.“

Ich merkte, dass ich fast mit offenen Augen geträumt hatte, als Michael aufschrie.

Ein heftiger Schlag von Atlan riss ihm das Schwert aus der Hand. Er selbst stürzte und konnte sich nicht mehr aufrappeln. Verkrümmt lag er auf dem Boden. 

Atlan warf sein eigenes Schwert weg und griff nach Excalibur. Blitzschnell drehte er Michael mit dem Fuß auf den Rücken und setzte ihm die Spitze des legendären Schwertes an die Kehle.

Schlagartig hatte ich das Gefühl, in einem Film zu sein, der in Zeitlupe lief. Überdeutlich nahm ich alles wahr, was vor mir geschah.

Ich sah Michaels entsetzt aufgerissene Augen, die Atlan anstarrten. Er wusste, dass Atlan ihn niemals töten würde!

Trotzdem musste er jetzt, in dieser Situation, die kreatürliche Angst des Individuums vor dem Tod empfinden. Ich hörte seinen heftigen Atem überdeutlich – und empfand Mitleid mit ihm, meinen Sohn, obwohl ich wusste, worum es ging. Zum Glück seit meiner Hypnoschulung, sonst hätte ich spätestens jetzt eingegriffen und es nicht weiter zugelassen!

Das war der bedeutungsvollste Teil der Prüfung! Der unterlegene Hertaso sollte spüren, wie es ist, ohne Aussicht auf Rettung von einer tödlichen Waffe bedroht zu werden. Natürlich würde kein Meister seinen Schüler töten, aber das Unterbewusstsein jedes intelligenten Lebewesens sandte die vom Verstand nicht kontrollierbaren kreatürlichen Impulse aus.

Genau diese Signale sollte der Prüfling erfahren, sich ihnen stellen und sie ertragen! Ein Dagor-Meister, der als Unterlegener um Gnade bat, galt als Schande für den gesamten Orden.

Die Gesichter der vier Arkoniden zeigten keine Regung. Sie warteten. Es war Atlans Sache, wie lange er diese Prüfung in Selbstbeherrschung ausdehnen wollte.

Michaels Hände begannen zu beben. Er krampfte sie zusammen, versuchte seine Instinkte zu beherrschen.

Atlan drückte mit der Spitze des rasiermesserscharfen Schwertes noch weiter zu. Michael keuchte, röchelte, würgte.

Atlan, hör auf!, dachte ich entsetzt. Auch meine kreatürlichen Gefühle gewannen zunehmend die Oberhand. Ich litt gemeinsam mit meinem Sohn!

Ein kleiner Bluttropfen erschien an der Kehle von Michael und dieser lag plötzlich ganz still. Seine Augen, immer noch weit aufgerissen, starrten an die Decke. Sein Keuchen und Würgen verstummte. Er entspannte sich sogar ein wenig, unterwarf sich dem übermächtigen Gegner mit aller Würde eines Dagoristas.

Als ob ich mit den Gefühlen meines Sohnes direkt verbunden war in diesem Moment, fühlte ich die Zufriedenheit, die auch ihn durchdringen musste, seine inneren Triebe besiegt zu haben.

Atlan zog sofort das Schwert zurück und half Michael beim Aufstehen. Das war der letzte Teil! Der Hertaso musste mit Hilfe des Meisters noch die Kraft aufbringen, sich diesem gegenüberzustellen.

Taumelnd kam der junge Mann hoch. Er blutete immer noch aus den Schnittwunden. Sie waren alle oberflächlich, ungefährlich. In einer halben Stunde würden sie für ihn bei unserer modernen Medizin Vergangenheit sein.

Atlan umfasste Michael an den Handgelenken, Michael umfasste seine.

„Du hast deine Prüfung bestanden, Hertaso“, sagte Atlan feierlich.

Ein schwerer Atemzug zwang ihn zu einer Pause, seine Augen verschleierten sich, der Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht – die Anzeigen waren eindeutig! Er geriet immer mehr unter Erinnerungszwang.

Die vier Arkoniden traten heran. Sie sahen die Probleme ihres Vorgesetzten ebenfalls, zumal sie ebenfalls über aktivierte Extrasinne verfügten.

Atlan winkte sie zurück.

„Ein anderer Schüler lag vor sehr langer Zeit genauso vor mir, mit genau diesem Schwert an der Kehle.“

Trotz seiner Beeinträchtigung klirrte seine Stimme wie Eis, ich hatte das Gefühl, neben ihm zum Eisblock zu erstarren. So sprach mein Freund immer dann, wenn es bei ihm absolut keine Gnade mehr gab.

Michel kannte ihn ebenfalls gut genug. Sein erschöpftes Gesicht verkrampfte sich zu einer Maske.

„Er hatte mich und die Botschaft dieses Schwertes verraten. Ich machte einen Fehler, den ich heute noch bereue. Ich schonte ihn.“

Er atmete immer schwerer. Es kostete ihn sichtliche Mühe, aufrecht stehen zu bleiben.

„Michael Rhodan, Laktrote des Dagor-Ordens, ich warne dich! Solltest du die Botschaft dieses Schwertes eines Tages verraten und dich gegen die Menschen stellen, für die ich nach wie vor einstehe, dann bete zu allen Sternengöttern, dass ich dich niemals finde.“

Michael presste die Zähne zusammen, so fest, dass ich das Knirschen hörte.

Respektvoll neigte er den Kopf, legte die Handfläche im rituellen Gruß auf sein Herz und antwortete mit stockender, krächzender Stimme. Dabei hielt er sich mit fast übermenschlicher Kraft noch aufrecht, obwohl sein Oberkörper noch schwankte.

„Altan, ich werde die Botschaft dieses Schwertes niemals verraten und niemals gegen die Menschheit kämpfen. Das gelobe ich in diesem Augenblick und im Angesicht aller She’Huan.“

Obwohl ich schon lange wusste, dass Michael den alten Glauben an die arkonidischen Sternengötter angenommen hatte, versetzte es mir doch einen kleinen Stich. Versuchte ich doch, an meinem christlichen Glauben festzuhalten und die Wunder des Kosmos als von unserem Schöpfer erschaffen zu sehen.

Damit war das Ritual des Dagor erfüllt und die Prüfung für Michael erfolgreich abgeschlossen.

Nun hatte die Realität wieder Vorrang.

Ich konnte meinen Sohn gerade noch auffangen, als dieser endlich haltlos zusammenbrach und in eine tiefe Ohnmacht sank.

Atlan schien auch nicht mehr lange durchhalten zu können.

„Sir?“, wandte sich einer der Arkoniden an uns.

Ich sah kurz zu Atlan hin, der nickte. Für mich das Zeichen, dass er kaum noch handlungs- und entscheidungsfähig war und dass ich das Sagen hatte.

Aus den Augenwinkeln sah ich schon zwei Medoroboter herangleiten. Die kegelförmigen Maschinen waren bereits von einem der Offiziere alarmiert worden.

„Bitte teilen Sie allgemein mit, dass die Feier zur Aufnahme in den Orden um einen Tag verschoben wird. Die Leute werden sich noch ein wenig gedulden müssen.“

Der Mann nickte verständnisvoll, bei einem Arkoniden schon ein großes emotionales Zugeständnis.

„Ihr fotografisches Gedächtnis, Sir.“ Er stellte es fest als Tatsache, zu Atlan gewandt. Und zu mir: „Selbstverständlich, Sir. Wir kümmern uns um alles Nötige. Wollen Sie den Lordadmiral und Ihren Sohn in die Krankenstation begleiten?“

„Ja.“

Mehr war nicht nötig. Niemand stellte eine Frage. Natürlich wussten die Arkoniden, dass Atlan sich an ein Erlebnis erinnerte, dass für ihn auch heute noch traumatisch war, sonst hätte der Extrasinn den Flashback verhindern können. Genauso hatten sie mitbekommen, dass es etwas mit diesem Schwert zu tun hatte.

Aber sie wussten genauso, dass Atlan ihnen niemals Auskunft erteilen würde. Also schwiegen sie.

Ohnehin unterlag alles, was in diesem Raum geschehen und gesagt worden war, dem strengen Ehrenkodex der Dagoristas, würde also niemals nach außen dringen.

Hätte Michael mich nicht als einen Ehrendiener benannt, hätte auch ich nichts von dem erfahren, was ich miterleben durfte.

So langsam ahnte ich, warum Atlan Michael und mir die Wahrheit über diese Zeit erzählen wollte. Es schien um einen Verrat mit weitreichenden Folgen zu gehen.

Warum er aber gerade Michael dieses Schwert gab und es nicht weiterhin versteckt hielt … vielleicht würde diese Frage im Verlauf seines Berichtes beantwortet werden.

Scheinbar sah er in seinem damaligen Schüler, der nur Artus gewesen sein konnte, und Michael gewisse Parallelen.

Ich jedenfalls würde nicht als Gegner vor meinem arkonidischen Freund stehen mögen nach der Warnung, die er eben ausgesprochen hatte!

*

Die Situation hätte für eine Erzählung aus Terras Frühzeit kaum grotesker sein können.

Hier modernste medizinische Technik – dort die Aussicht auf eine Erzählung aus den Anfängen der Ritterzeit.

Atlan versicherte mir, dass er noch etwas durchhalten konnte, bevor der Erzählzwang ihn so übermannte, dass er berichten musste, egal wo er war und was er gerade tat. Er musste jetzt schon fürchterliche Kopfschmerzen haben, die mit keinem Medikament zu unterdrücken waren.

Deshalb verzichtete der Medoroboter auch darauf, ihn mit Schmerzmitteln vollzupumpen, sondern injizierte ihm lediglich über Hochdruckspritzen Elektrolyte, die ihm helfen würden und versorgte die leichten Schnittwunden, die auch er davongetragen hatte. Mein Sohn hatte sich schon „so teuer wie möglich verkauft“. Ein Übriges tat der Zellaktivator.

Bei Michael war es etwas anders. Der Roboter legte zuerst einen Venenzugang auf seinem Handrücken und schloss eine Infusion an, begleitet von dem mürrischen Gemurmel eines USO-Arztes. Da der Mann Terraner war und von der Sorte Ärzte, die weder Humor noch Einfühlungsvermögen zu kennen schienen, brachte er nicht das geringste Verständnis für Dagor, die dazugehörigen Riten und besonders diese Prüfung auf.

Ungeachtet dessen musste er eine medizinische Kapazität sein, sonst würde er nicht in der USO und dazu noch im Hauptquartier Quinto-Center arbeiten.

Atlan und ich hörten uns die Kritik geduldig an, bis er einmal eine Pause machte.

Der Arkonide fragte mit einem gequälten Lächeln: „Sind Sie nun fertig, Doc?“

Der Mann schnappte nur nach Luft. Sein Mund blieb offen stehen, ein lustiger Anblick, der mich ein wenig entspannte.

„Gut“, stellte Atlan ungerührt fest. „Dann haben Sie sicherlich die Güte, uns jetzt allein zu lassen? Ich habe dem Herrn Großadministrator und seinem Sohn etwas zu erzählen, das nicht für dritte Ohren bestimmt ist.“

„Sir“, empörte sich der Arzt. „Ich habe Schweigepflicht. Außerdem benötigt dieser junge Mann“, er deutete auf Michael, der immer noch ohnmächtig war, „noch weitere medizinische Überwachung.“

„Richtig. Deshalb werden wir auch hierbleiben. Lassen Sie uns bitte noch kalte Getränke und etwas zu essen bringen. Ja, ich weiß, der junge Mann muss noch vorsichtig sein. Ich kann Ihnen versichern, dass dies nicht das erste Mal ist, dass er sich in einer solchen Lage befindet. Er weiß, wie er sich zu verhalten hat. – Und, was Ihre Schweigepflicht betrifft“, er sah den Arzt sehr ernst an, „daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, sonst wären Sie nicht hier. Aber es gibt Dinge in der Geschichte der Erde, die terranische Höhlenwilde nicht wissen müssen. Ich breche mein Schweigen den beiden Herren gegenüber nur aus ganz bestimmten Gründen.“

Der Arzt wurde auch sehr ernst. Er nickte, sagte nichts mehr.

„Ich verstehe, Sir. Ich lasse Ihnen alles Gewünschte bringen. Falls Sie mich benötigen …“

„… rufen wir Sie“, ergänzte Atlan freundlich.

Der Mediziner grüßte und zog sich dann zurück.

Ich warf einen kurzen Blick auf den Medoroboter, der sich um Michael kümmerte. Die grundsätzliche medizinische Behandlung schien beendet zu sein, denn der Roboter wusch ihm gerade den Schweiß vom Körper.

Ich fragte mich, wie ähnlich König Artur meinem Sohn gewesen war oder umgekehrt. Atlan schien ganz bestimmte Parallelen zu ziehen.

„Wie lange noch, bis er aufwacht?“, frage ich den Roboter.

„Ich kann ihn jederzeit aufwecken. Er ist nicht mehr bewusstlos, sondern im künstlichen Schlaf. Es geht ihm gut, die Kreislauffunktionen sind wieder stabil, der Elektrolyt- und Mineralstoffhaushalt wird wieder aufgefüllt.“

Der Beutel mit der Infusionslösung war schon fast vollständig durchgelaufen. Ein zweiter lag schon bereit.

„Und du?“, fragte ich Atlan.

„Ja, lass uns vorher noch duschen“, bestätigte mein Freund, als ob er meine Gedanken gelesen hätte. „Je wohler wir uns gleich fühlen, desto besser könnt ihr die Erzählung ertragen.“

„Ertragen?“ Meine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bestätigen.

„Gleich“, meinte Atlan. „Michael soll es auch hören. Denn um ihn geht es hauptsächlich dabei.“

„Aha“, versuchte ich zu scherzen. „Dann bin ich nur so eine Art Beiwerk.“

Atlan musterte mich nachdenklich. „Nein, kein Beiwerk. Du gehörst dazu. Es geht dich genauso an wie Michael. Vielleicht musst du als Vater ihm sogar erklären, warum ich vorhin so hart reagiert habe. Ich selbst kann es ihm nicht verständlich machen.“

Mir wurde immer unheimlicher und beklommener zumute.

Ich ließ Atlan zuerst unter die Dusche gehen. Er setzte sich auf den Duschhocker, der in allen Hygieneräumen von Krankenzimmern zur Standardausrüstung gehörte, erklärte missmutig, er werde wohl alt.

Danach stellte ich mich unter das angenehm warme Wasser und ließ mich anschließend von der Heißluft trocknen.

Als ich in das Zimmer zurückkam, hatte sich schon Einiges verändert. Michael lag in einem Krankenbett, die zweite Infusion lief inzwischen. Vor dem Bett hatten Roboter für Atlan und mich bequeme Sessel und einen kleinen Tisch aufgestellt.

Ein Servoroboter hielt sich bereit, um das Essen und Getränke zu servieren, die in seinem Hohlraum vorbereitet waren.

Insgesamt hatte man versucht, eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Der Arzt hatte also Wort gehalten.

Atlan saß schon in einem Sessel und leerte gerade ein großes Wasserglas. Flüssigkeitshaushalt wieder auffüllen – das Wichtigste nach solchen Aktionen, wichtiger als Essen.

„Können wir?“, frage er leise. „Ich muss anfangen.“

Ich nickte und gab dem Medoroboter die Anweisung, Michael aufzuwecken.

Da er nicht mehr ohnmächtig war, sondern in künstlichem Heilschlaf, wurde er nach der Injektion übergangslos wach.

Genau wie ich war es sofort wach und voll orientiert, auch so eine Familieneigenschaft.

Sein erster Blick und seine erste Frage galten Atlan – verständlich!

„Ich habe es also geschafft? Warst du zufrieden?“

Atlan lächelte so milde, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte. Wieder versetzte es mir einen Stich, aber über das Thema hatten der Arkonide und ich uns schon vor vielen Jahren ausgesprochen, als Michael noch ein Kind war. Er fühlte wie ein Vater für meinen Sohn.

Inzwischen war ich froh darüber. Einen besseren Lehrmeister hätte mein Sohn nicht haben können – womit meine Gedanken wieder zu der bevorstehenden Erzählung gingen.

Ich reichte Michael ein Glas kühles Wasser. Er nahm es dankbar und trank vorsichtig in kleinen Schlucken.

Der Arzt brauchte wirklich keine Befürchtungen zu haben. Michael hatte seine Lektion diesbezüglich schon sehr lange gelernt und würde sich entsprechend vernünftig verhalten.

Der Roboter servierte frisches Brot, Braten, Butter, Käse und frische Bananen und Äpfel, alles dünn geschnitten und in kleinen Häppchen, genau richtig für Michael, der noch vorsichtig sein musste nach dem dreitägigen Fasten und der anschließenden Belastung.

Er grinste uns an, schon wieder jungenhaft, als ob nichts gewesen wäre. Typisch mein Sohn!

„Ich würde gerne aufstehen“, erklärte er. „Mir geht es schon wieder gut.“

„Und das glauben wir dir natürlich“, grollte Atlan. „Du bleibst liegen oder meinetwegen auch im Bett sitzen. Und nun lasst uns endlich anfangen. Läuft das Aufzeichnungsgerät?“´

„Schon vorbereitet.“ Ich wusste, dass der Arkonide grundsätzlich für sich selbst eine Aufzeichnung von seinen Berichten anfertigte.

Atlan lehnte sich bequem zurück und versuchte sich zu entspannen.

„Vorab möchte ich euch etwas erklären. Ihr habt es sicherlich schon vermutet, aber ich habe einen ganz bestimmten Grund, euch das Geheimnis von Avalon anzuvertrauen und auch gerade jetzt. Und ich habe einen genauso guten Grund, Excalibur wieder zu verschenken. Ich hoffe, zum letzten Mal!“

Wieder sah er meinen Sohn so unbarmherzig an.

Aber ein anderes Wort alarmierte mich viel mehr: Avalon!

Sollte es wahr sein, nicht nur eine Legende? Aber warum hatten dann alle modernen Ortungstechniken versagt?

Mein Freund lächelte mich an. „Nicht so neugierig, kleiner Barbar. Ich kann förmlich sehen, wie sich deine Gedanken überschlagen.“

Wieder musterte er Michael mit diesem Blick. Obwohl ich wirklich keinen Grund zum Frieren hatte, überzog mich wieder diese fürchterliche, gefühlte Kälte.

Atlans Blick schien schon in weite Fernen zu schweifen. Ich kannte das sehr gut von unzähligen Berichten.

„Vor dir, junger terranischer Höhlenwilder“, wandte er sich wieder an Michael, „habe ich nur ein einziges Mal in den gesamten zehntausend Jahren auf der Erde einen jungen Mann so intensiv ausgebildet, viele Emotionen und noch mehr Hoffnungen in diesen Mann investiert. – Und genau deshalb habe ich lange gezögert, bevor ich dich nicht nur genauso hart, sondern sogar noch härter ausgebildet habe.“

Noch einmal unterbrach er sich, dann fuhr er fort. „Es war damals eine schlimme Zeit. Nicht umsonst nannte man sie später die Dunklen Zeitalter Britanniens, nicht nur wegen der fehlenden schriftlichen Aufzeichnungen, für die ich übrigens nicht verantwortlich bin. Es gab wirklich keine, weil kaum noch jemand schreiben konnte auf dieser verfluchten Insel, nachdem die Römer abzogen.“

Er schauderte selbst zusammen, so heftig waren schon die Bilder, die vor seinem inneren Auge ablaufen musste. Altan hatte mir einmal erklärt, dass es bei seinen Erinnerungen das Gefühl hatte, eine Art Film zu sehen mit sich selbst als Hauptperson und alle Gefühle, von Freude und Hoffnung bis zu bitterster Enttäuschung, noch einmal durchlebte.

„Ich hatte schon viel Schlimmes auf der Erde gesehen und selbst erlebt, wenn meine geliebten Barbaren wieder einmal bei ihrer Lieblingsbeschäftigung waren, sich gegenseitig umzubringen, was ich ihnen trotz größter Bemühungen nie abgewöhnen konnte.“

Sein Blick verschleierte sich immer mehr. Traurigkeit und Enttäuschung sprachen aus seinen Augen.

„Ich ritt an der Seite von Alexander, den man später den Großen nannte, weil ich in ihm einen Hoffnungsträger sah. Ich wollte die Menschen einen, ein Weltreich errichten, um den Weg zu den Sternen voranzutreiben – ich scheiterte – auch er war mein Schüler und entglitt mir – im Rom Kaiser Neros erlebte ich den wohl größten Alptraum meines Lebens – und ich versuchte Attila zu stoppen, der seinen Namen als Geißel der Menschheit völlig zu Recht hatte. Ja, ich war einer der hunnischen Reiter aus seinem näheren Umfeld. Nur so konnte ich überhaupt an ihn herankommen. Und nein – diese Frage beantworte ich nicht, jedenfalls nicht jetzt.“

Inzwischen hatte er sich von dem Servoroboter Rotwein geben lassen, sein Lieblingsgetränk. Dank des Zellaktivators konnte er davon nicht betrunken werden und genoss ihn entsprechend.

„Und dann, einige Jahrzehnte, nachdem die Menschen und auch ich sich gerade von Attila erholt hatten, entdeckte ich in Britannien einen Jungen, auf den ich wieder größte Hoffnungen setzte. Dieser war noch viel jünger als Alexander – und ich versuchte es noch einmal.“

„Warst du“, nutzte ich eine kurze Pause, in der er wieder einen Schluck Wein nahm, „sein Berater, der geheimnisvolle Merlin, der Mann mit dem langen, weißen Haar?“

Atlan blickte mich sinnend an. Mich? Er schien durch mich hindurchzusehen.

Michael hörte gebannt zu. Ein Stück von dem lecker belegten Brot hielt er in der Hand, ohne davon abzubeißen, so gebannt war er schon jetzt.

„Nein“, sagte Atlan ganz langsam, und ich war schon enttäuscht, weil meine Vermutung nicht richtig war, „ich war nicht Merlin, der Berater des Königs, ich war der Merlin von Britannien! Das ist ein großer Unterschied!“

Er holte Luft und fuhr fort: „Der Merlin von Britannien, der zusammen mit der letzten Herrin vom See, der Hohepriesterin, versuchte, zu retten, was noch zu retten war. Und wieder einmal nicht einsehen wollte, dass es eigentlich gar nichts mehr zu retten gab.

Und – es war schlimmer als Alexander, Rom oder Attila.

Es begann schon hundert Jahre vorher, an dem Tag, an dem die letzte römische Galeere den Hafen verließ und zum Kontinent zurückkehrte, Artus noch nicht geboren war und ich auch noch nichts von Attila wusste …“

* * * * *

Und da die Superintelligenz ES wieder einmal mit den Zeitlinien „spielt“, wird es noch ein wenig dauern, bis auch wir Leser erfahren, was Atlan seinem besten Freund und dessen Sohn über eines der faszinierendsten Rätsel der Weltgeschichte erzählt.

1 Kommentar 31.8.16 22:27, kommentieren

Wie es zu der Geschichte kam ...

Die Idee zu dieser Geschichte wurde vor knapp zwei Jahren "geboren" in einem Gespräch mit Hans Herrmann, der genau wie ich der Meinung war, dass die alten Autoren ein Zusammentreffen zwischen Thora und Atlan nicht wollten.

Ich vertrat schon damals die Meinung, dass ein Zusammentreffen unweigerlich in Problemen hätte enden müssen.

Einerseits die männlich-charismatische Ausstrahlung des Arkoniden und andererseits die Wirkung, die sie als Fürstin aus einem genauso alten und mächtigen Herrschergeschelcht wie seinem auf ihn gehabt haben muss ... dazu kommt noch, dass  Thora für Atlan seit Jahrzehntausenden die erste Frau ist, mit der er wirklich auf Augenhöhe kommunizieren kann.

Hans hatte in diesem Gespräch die Idee dazu, das in der EA scheinbar "heiße Eisen" anzufassen und eine Geschichte über das Zusammentreffen zwischen Thora und Atlan zu verfassen.

Nach kurzem Zögern stimmte ich zu. Getreu nach dem Prinzip: in Fangeschichten ist alles erlaubt, solange es nicht gegen den Kanon der EA verstößt. 

Das Ergebnis ist diese kleine Geschichte, in der es nicht nur um die beiden Arkoniden, sondern auch um Loyalität und Freundschaft geht.

Und ich habe versucht, ein anderes Rätsel zu lösen: 

Thora starb nach EA 78 als "Unsterbliche" ...

Ich hoffe, Euch gefällt die Geschichte - und über Feedback freue ich mich natürlich ebenfalls ...

 

 

 

28.8.16 13:51, kommentieren

Was schreibst Du eigentlich?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt - bevor dieser Jemand eine meiner Geschichten liest ...

Psychologische und medizinische Sciencefiction

Aha ... hmm ... und was genau ist das?

Sciencefiction mit Schwerpunkt auf den Personen, nicht auf der Technik. Die ist natürlich auch dabei, genau wie die nötige Portion Action, ohne die SF einfach keine Sciencefiction ist, aber bei mir stehen immer die Personen im Mittelpunkt. Ich möchte nachvollziehbar machen, warum sie so und nicht anders reagieren (können). Ihre Stärken und ihre Schwächen dem Leser zeigen. Getreu dem Grundsatz der Autoren: Show, don't tell.

Und dann natürlich der zweite Schwerpunkt: die Medizin. Mich faszinieren die Fortschritte, die gerade in diesen Jahren von der medizinischen Forschung gemacht werden. Zehn Jahre sind schon Lichtjahre, ein Quantensprung. - Wie sieht das dann erst in Jahrhunderten aus? - Raum für fantastische Spekulationen. - Und für Überlegungen, wo die Medizin schon heute am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist. Vieles wird sich nicht mehr weiterentwickeln lassen. Damit müssen wir Menschen uns abfinden.

Deshalb wirken einige Szenen in meinen Geschichten vielleicht archaisch. An Stellen, an denen Leser eine Lösung wie "man nehme einen Chip und programmiere ihn und halte ihn einfach gegen den Körper" erwarten - Sorry, das wird in manchen Bereichen niemals so funktionieren können. Weil die natürlichen Grenzen, die der menschliche Körper aufzeigt, nicht überschritten werden können - und auch nicht sollten!

 

Worauf ich noch Wert lege?

Auf ein modernes, selbstbestimmtes Frauenbild

Nein, ich bin absolut keine Emanze, keine Sorge! Mir sind sog. "Emanzen" sogar äußerst suspekt. 

Ich möchte meine weiblichen Hauptpersonen selbstbestimmt, selbstbewusst und gleichberechtigt an der Seite der Männer sehen! Nicht vor ihnen, nicht hinter ihnen, sondern ganz einfach an ihrer Seite auf Augenhöhe! Nicht mehr und nicht weniger!

Wobei mir Amazonen-Typen durchaus sehr sympathisch sind (vielleicht weil ich selbst eine bin ...?)

Dieses Frauenbild habe ich in der weiblichen Hauptperson meiner Michael Rhodan/Roi Danton-Romane (hier: Lockruf der Freihändler / Der Arkonide und der Freihänderkönig) umgesetzt. Beatrice Wood ist genau der Typ Frau, den ich mir in dem Sinn vorstelle.

Wobei genauso Frauen aus der PR-Serie das nötige Potential haben, sie entsprechend in Romanen umzusetzen. Gerade Frauen aus der Frühzeit der Serie, wie z.B. die Arkondin Thora sind dafür prädestiniert. 

Besonders sie ist nicht das, was die alten Autoren ihr "zubilligten". Eine Raumschiffsfkommandantin, die so "wenig" zu bieten hat? Nicht nachvollziehbar. Die teilweise reagiert wie ein verzogenes kleines Kind? Ebenfalls nicht nachvollziehbar. 

Warum reagiert sie so und nicht anders?

 

 

 

20.8.16 18:28, kommentieren

Unter Mordverdacht - der Wert echter Freundschaft

Februar 2428
Regierungs-Tower, Terrania-City,
Büro des Großadministrators

„Mordverdacht?“, wiederholte Perry Rhodan fassungslos. „Mit Verlaub, Herr Oberstaatsanwalt, sind Sie betrunken?“

Norman Rider, Oberstaatsanwalt von Terrania-City, ein schon ergrauter, seriös wirkender Herr, der fast lebensgroß hinter seinem Schreibtisch auf dem Bildschirm zu sehen war, schüttelte den Kopf.

„Ich wünschte, ich wäre es, Sir. Dann bräuchte ich mich nämlich nicht mit diesem Fall zu befassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Sir, ich bin ebenfalls Vater, deshalb ... Darf ich Ihnen versichern, dass ich persönlich nicht glaube, dass Ihr Sohn einen Mord begangen haben soll – aber die Indizien sind im Moment erdrückend.“

Perry hatte das Gefühl, in ein unendlich tiefes Loch zu fallen. Michael, sein Sohn, unter Mordverdacht verhaftet.

Das kann doch nicht sein, das ist unmöglich, hämmerten seine Gedanken.

Rider fuhr fort: „So sehr mir mein Gefühl auch sagt, dass hier etwas nicht stimmt, so muss ich mich trotzdem an meine Vorschriften halten, Sir.“

„Das erwarte ich auch von Ihnen, Mr. Rider. Alles andere lehne ich ab. Behandeln Sie meinen Sohn genauso wie jeden anderen Verdächtigen. Haben Sie schon Anklage erhoben?“

„Nein, Sir. Dazu bleiben mir noch ...“, er blickte auf seine Uhr, „genau vier Stunden und 15 Minuten. Länger kann ich Ihren Sohn und die anderen Verhafteten nicht in Gewahrsam behalten, sondern muss sie entweder freilassen oder Anklage erheben.“

„Ich weiß“, sagte Perry tonlos. Er, der sonst als Sofortumschalter gerühmt wurde, war wie betäubt, sah die ganze Welt wie durch dicke Watte.

„Ich komme persönlich zu Ihnen, Mr. Rider. Sie können mir dort berichten.“

Der Staatsanwalt nickte zögernd.

„Was ist noch?“

„Sir, leider hat die Presse davon Wind bekommen. Im Moment können sowohl die Polizei als auch ich uns nicht erklären, wieso, aber vor einigen Minuten erhielten wir eine Interviewanfrage vom größten terranischen Nachrichtensender. Deshalb muss ich Ihnen empfehlen, nicht persönlich zu intervenieren. Die Tatsache an sich ist schon schlimm genug, aber wenn Sie zugunsten Ihres Sohnes eingreifen, was ich voll verstehen könnte ...“

Perry unterbrach ihn brüsk. „Da Sie selbst auch Vater sind, natürlich.“

Er merkte sofort, dass er dem Mann unrecht tat. Der Staatsanwalt tat nur seine Pflicht – und sogar noch mehr. Er warnte ihn aus ehrlicher Überzeugung. Natürlich würden seine politischen Gegner die Sache ausschlachten – und sie würden Kenntnis davon erlangen, wenn schon die Presse etwas gewittert hatte!

„Wozu hast du deine Freunde?“, piepste es hinter ihm. Er fuhr bei dem Luftzug herum. Der Mausbiber Gucky war direkt hinter ihm per Teleportation aufgetaucht.

Er winkte Norman Rider auf dem Bildschirm zu. „Ich bringe den Chef zu dir, Norman. Du bist in Ordnung, Perry meinte es nicht so. Aber wir haben keine Minute zu verschenken.“

Rider atmete sichtbar auf. „Bis gleich, Sir.“ Er unterbrach die Verbindung.

Gucky schüttelte sinnend den Kopf. „Der Staatsanwalt ist okay. Er glaubt an eine getürkte Geschichte, gerade weil die Beweise gegen Mike so erdrückend sind – und weil er dein Sohn ist. Der Sohn des Großadministrators ein Mörder – das passt absolut nicht in seine Vorstellungswelt.“

„In meine auch nicht“, konterte Perry. „Offensichtlich braucht Mike jetzt dringend Hilfe. Aber ob er sie annehmen wird?“

Traurig dachte er an die zahlreichen Auseinandersetzungen und Missverständnisse mit seinem Sohn. Schon lange hatte er erkannt, dass er in der Vaterrolle große Defizite hatte. Wahrscheinlich wollte er das, was er selbst in seiner Jugend entbehrt hatte, seinen Kindern nun überreichlich geben – und besonders Michael, der seinen eigenen Weg gehen wollte, engte er damit ein, ohne es zu wollen. Im Gegenteil war er sehr stolz auf seinen Sohn, der sich zu einem jungen Mann mit einer Weltanschauung entwickelt hatte, die der seinen fast identisch war. Nur die Methoden, mit denen man sie erreichen konnte oder sollte – da ging Michael mehr den harten Weg seines Freundes Atlan.

Guckys Antwort riss ihn aus den Gedanken. „Er wird sie annehmen müssen. Es bleibt ihm gar keine andere Wahl. Genau wie du die Hilfe deiner Freunde annehmen wirst, ohne darüber zu diskutieren. Das ist eine Sache für den Dicken, den Arkonidenhäuptling und für mich – du wirst dich völlig raushalten.“

Bei diesen Worten hatte er schon seine Hand gepackt und die Umgebung verschwamm vor Perrys Augen.

Übergangslos, als er wieder etwas sehen konnte, standen sie im Dienstzimmer des Oberstaatsanwaltes.

Da er sie per Teleportation erwartet hatte, erschrak er nicht, sondern atmete erleichtert auf.

„Ich hole die beiden. Keine Sorge, ich höre mit“, sagte Gucky nur und verschwand schon wieder.

Perry wusste, dass sein kleiner Freund ihn telepathisch überwachte und sich so informierte.

Rider deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Perry setzte sich wie erschlagen.

Also sitze ich auch einmal als „Bittsteller“ vor dem Schreibtisch eines zuständigen Beamten.

Dankbar nahm er das Glas Wasser, dass ihm der Servoroboter auf Riders Wink reichte.

Das Schott öffnete sich und einer der üblichen Sekretärroboter kam herein.

„Sir, der Reporter der Solar News bittet dringend um eine Stellungnahme von Ihnen. Der Sender möchte gerne live berichten.“

„Schicke den windigen Herren weg“, explodierte Rider. „Er bekommt kein Interview, weder live oder sonstwie. Am besten verschwindet er mitsamt seinem Übertragungsteam und lässt uns in Ruhe unsere Arbeit machen. Und wenn wir tausendmal Michael Rhodan festnehmen mussten, auch die Familie des Großadministrators hat ein Recht auf ihre Privatsphäre. Du kannst ihm mitteilen, dass bisher noch keine Anklage erhoben worden ist, weil dafür kein Grund vorliegt.“

Der Roboter verschwand und Perry sagte ganz leise: „Danke, Mr. Rider. Ich weiß, wie weit Sie sich mit dieser Mitteilung aus dem Fenster lehnen.“

Der Staatsanwalt überlegte einen Moment, dann lächelte er. „Eine Redensart aus Ihrer Jugend, Sir?“

Perry nickte, dann verhärtete sich sein Gesicht. Die Muskeln in seinem Körper verkrampften sich, ganz deutlich spürte er es. „Bitte berichten Sie.“

Norman Rider machte es kurz. „Gestern Nacht um 0.11 Uhr Terrania-Standard, wurde die Polizei wegen einer Schlägerei in die „Sunlight-Bar“ gerufen. Möbel zertrümmert, einige Verletzte, ein Toter – der Inhaber der Bar. Einige Zeugen sagten aus, es wäre plötzlich losgegangen, einige Männer hätten sich gestritten und dann ging die Schlägerei auch schon los. Wer den Inhaber erstochen hat, können sie nicht sagen. Es war alles zu unübersichtlich. Ihr Sohn wurde mit dem Messer in der Hand und dem Blut des Opfers an seiner Kleidung gefunden, in völlig orientierungslosem Zustand. Andere Zeugen sagen aus, dass Mr. Rhodan den Streit begann und die Anderen mit hineingezogen wurden.

Außer Ihrem Sohn haben wir alle Zeugen schon in den Verhör-Detektor gesteckt. Einwandfreies Ergebnis, passt genau zu ihren Aussagen.

Ihr Sohn selbst versicherte, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Er wäre mit einem Mädchen, mit dem er auch einige Nächte vorher verbracht habe, in die Bar gegangen, um noch etwas zu trinken. Dann setzt seine Erinnerung plötzlich aus.

Das Mädchen ist übrigens eine der Belastungszeuginnen. Sie behauptet, ihn erst in der Bar kennengelernt zu haben.“

Perry stieß die Luft heftig aus. „Und warum haben Sie Michael noch nicht in den Detektor gesteckt? Soweit ich weiß, ist das Verfahren völlig schmerz- und risikolos.“

Der Staatsanwalt verzog säuerlich das Gesicht. „Ja, sofern der Betroffene nicht eine Menge an Drogen im Blut hat. Ihr Sohn war derart vollgepumpt mit allem möglichen Dreckzeug, dass er wirklich einen Blackout hat. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind eindeutig. Wenn man einen Menschen mit diesem Giftzeugs im Leib in den Detektor steckt, könnte es für ihn ... nun ... etwas unangenehm werden.“

„Dann wird er das eben in Kauf nehmen müssen“, erklang die kalte Stimme von Atlan neben ihnen. „Schließlich ist er kein kleiner Junge mehr, sondern USO-Offizier und mein Hertaso. – Und ich schätze es überhaupt nicht, mich für meine Schüler schämen zu müssen.“ Zusammen mit Reginald Bull, Perry Rhodans ältestem Freund und Gucky erschien er gerade aus der Leuchterscheinung der Teleportation.

Perry fühlte Erleichterung in sich aufsteigen. Atlan! Sein Freund – und der Lehrmeister seines Sohnes! Der Hinweis auf den „Hertaso“ war eindeutig. Gemäß der alten arkonidischen Tradition des Dagor stand der Meister für seinen Schüler ein von dem Moment an, wo er ihn als Schüler angenommen hatte. Der Arkonide liebte Michael wie einen eigenen Sohn, das wusste er – und trotzdem tolerierte er es – eben weil er ihm nicht der Vater sein konnte, der er so gerne wäre.

Verdammt, wenn Michael mich doch verstehen könnte!

Perry wollte aufstehen, aber Bully drückte ihn mit festem Griff in seinen Sessel zurück.

„Du bleibst hier sitzen, Alter. Wir sind von Gucky informiert. Schön, wenn man einen neugierigen Telepathen als Freund hat.“

Sein Grinsen verunglückte zu einer Grimasse.

„Genau“, fuhr Atlan ungerührt fort. „Bitte überlasse uns die Sache. Ich weiß, was du am liebsten tun würdest – und ich würde es an deiner Stelle genauso tun. Aber das hier ist eine Sache für deine Freunde. Wir wollen ja nicht, dass unsere politischen Gegner behaupten, du hättest zugunsten deines Sohnes deine Vollmachten missbraucht, oder? Hast du schon einmal daran gedacht, dass in einem halben Jahr die Wahlen zum Großadministrator anstehen?“

Der Staatsanwalt wurde leichenblass. „Sehen Sie einen Zusammenhang, Sir?“

„Und ob“, knurrte Atlan böse.

Perry fühlte sich, als ob er keine Luft mehr holen könnte. Plötzlich musste er wieder an seine Jugendzeit denken – zum zweiten Mal in kurzer Zeit!

Daran, dass auch er selbst als junger Mann das Ziel von ungerechtfertigten Verdächtigungen und sogar von feindlichen Agenten gewesen war.

Soll Mike das Gleiche durchmachen wie ich?, fragte er sich verzweifelt.

Atlan blickte genau wie der Staatsanwalt kurz vorher auf seine Uhr, die ein Teil seines Multifunktionsarmbandes war.

„Gucky?“, fragte er nur.

„Mike weiß tatsächlich nicht, was los war. Er sitzt in seiner Zelle und ist am Boden zerstört. Dass er einen Menschen umgebracht haben soll, ist für ihn der Tiefschlag!

„Aber Sir“, protestierte Rider. „Sie wissen doch ...“

„Ich weiß, Herr Oberstaatsanwalt“, Atlan verzog das Gesicht, „dass Mutantenverhöre nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zulässig sind auf offiziellen Antrag. Dazu müssen vorher alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sein. - Keine Sorge, wir bieten denjenigen, die hinter dieser Schweinerei stecken, keine Handhabe. Wir gehen streng nach Vorschrift vor. Außerdem fällt das nicht mehr in Ihre Verantwortung. - Michael Rhodan ist USO-Leutnant der Reserve. Als solcher studiert er an der Universität von Terrania-City. Ich habe mir erlaubt, ihn mit Wirkung von gestern 8.00 Uhr als meinen persönlichen Adjutanten wieder in den aktiven Dienst zu reaktivieren. Damit untersteht er direkt meiner Befehlsgewalt und die USO macht hiermit von ihrem Recht Gebrauch, sich zuständigkeitshalber in die laufenden Ermittlungen einzuschalten.“

Dem Oberstaatsanwalt war seine Erleichterung deutlich anzusehen

„Ihre Anweisungen, Sir?“

„Ist dieser Reporter noch da?“

„Wahrscheinlich“, vermutete Rider und rief seinen Sekretärroboter herein. Der bestätigte ihm, dass der Reporter sich nicht hatte abwimmeln lassen.

„Sage ihm, er möge sich noch ein wenig gedulden“, wies Atlan den Roboter an. „Er wird in kurzer Zeit sein Interview bekommen – und zwar mit mir.“

Der Roboter drehte sich kommentarlos um und Perry dachte daran, wie viel angenehmer in einer solchen Situation eine „altbackene“ menschliche Chefsekretärin doch war. Er wunderte sich selbst über diese kurze Abschweifung.

Du WILLST dich den Tatsachen nicht stellen! Du nimmst jede Gelegenheit wahr, um auszuweichen!

„Gut“, meinte Atlan emotionslos. „Ich werde euch jetzt einmal zeigen, wie ein alter Arkonidenadmiral die Sache löst. Denn dass Michael unschuldig ist und man versucht, ihn in etwas zu verwickeln, das letztendlich dazu dienen soll, den Herrn Großadministrator zu Fall zu bringen, dürfte klar sein. Oder ist einer der Herren anderer Meinung?“

Er wartete die Antwort gar nicht, sondern fuhr fort. „Also schön. Das hatte ich auch nicht anders erwartet. - Herr Oberstaatsanwalt, fordern Sie einen Medoroboter an und stecken Sie Michael Rhodan in den Detektor – und zwar schnell, wenn ich bitten darf. Ich denke, Terraner sind so aktiv, also bewegen Sie sich gefälligst.“

Perry war nur noch übel und schwindlig. Er begehrte nicht gegen Atlans Aktivität auf. Im Gegenteil – er war froh, dass sein arkonidischer Freund die Initiative ergriffen hatte.

Wie von ganz weit her hörte er die Worte des Arkoniden.

„Es tut mir leid, Perry, aber es muss sein.“

Perry antwortete fast automatisch. „Ich weiß. Aber ich komme mit.“

„Alter“, mischte Bully sich ein. „Lass es sein.“

Perry schüttelte den Kopf. Er wollte bei seinem Sohn sein, es mit ihm teilen. So eng verbunden wie jetzt hatte er sich mit seinem Sohn ganz selten gefühlt.

 

*

 

In dem kargen Verhörraum saß Michael Reginald Rhodan schon auf dem Spezialstuhl, war aber noch nicht festgeschnallt. An seiner Seite standen zwei Polizisten, denen die ganze Angelegenheit offensichtlich sehr unangenehm war. Sie wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten, traten von einem Bein auf das andere, ihre Hände fummelten unruhig an ihren Uniformen herum.

Als ihr oberster Vorgesetzter zusammen mit Perry Rhodan, Altan, Reginald Bull und Gucky den Raum betrat, nahmen sie sofort Haltung an.

„Lordadmiral Atlan hat sich in die Ermittlungen eingeschaltet, da Mr. Rhodan wieder in den aktiven Dienst übernommen wurde. Von daher ist er mir in diesem Fall übergeordnet“, erklärte Rider.

„Danke“, sagte Atlan nur und wandte sich direkt an Michael.

Perry musterte seinen Sohn mitleidig. Der junge Mann, gerade 22 Jahre alt, schlank, genauso hochgewachsen wie er, halblanges rotblondes Haar, das ihm im Moment wirr und schweißverklebt ins Gesicht hing, mit leichenblassem Gesicht, unendlich tiefen nachtblauen Augen, in denen der Vater nur abgrundtiefes Nichtverstehen und Verzweiflung las – und die Hände vor dem Oberkörper gefesselt mit deutlich sichtbaren Energiebändern.

„Dad“, brachte er mühsam hervor. „Ich habe damit nichts zu tun. Bitte ...“

Atlan unterbrach ihn mit einer brüsken Handbewegung.

„Leutnant Rhodan, wieso haben Sie sich nicht nach ihrem Reaktivierungsbefehl direkt in Imperium-Alpha gemeldet? Sie wissen, dass das eine Disziplinarstrafe nach sich ziehen wird?“

Michael schaltete sofort, obwohl er sich hundeelend fühlen müsste! Perry sah es mit Stolz.

Er scheint genau wie ich ein Sofortumschalter zu sein.

Er stand auf und nahm Haltung an. Durch die gefesselten Hände konnte er nicht salutieren.

„Ja, Sir. Dessen bin ich mir bewusst. Ich werde mich der von Ihnen angeordneten Strafe unterziehen.“

Atlan nickte. Ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Das kommt später, Leutnant Rhodan. - Jetzt geht es um die letzte Nacht. Bitte schildern Sie kurz die Geschehnisse aus Ihrer Sicht.“

Kurz und knapp berichtete Michael. Es war wirklich nicht viel.

„Auf Bitten von Miss Jane Augstin habe ich mit ihr zusammen die Bar besucht. In der Bar war ich noch nie zuvor gewesen, aber ich sah trotzdem keinen Grund, ihr den Wunsch abzuschlagen.“

 „Wie lange kennen Sie Miss Augstin schon?“, fragte Atlan nach.

„Seit knapp zwei Wochen, Sir. Miss Augstin und ich haben schon einige Abende und Nächte zusammen verbracht.“

„Und gestern wollte sie zum ersten Mal genau in diese Bar?“, hakte Atlan nach.

„Ja.“ Michael hob unsicher die Schultern. „Den Grund dafür hat sie mir nicht gesagt. Wir haben in einer Nische gesessen, uns unterhalten und etwas getrunken, wollten danach wieder zu mir in meine Wohnung – und den Rest der Nacht wieder zusammen verbringen. Danach ...“

„Was tranken Sie?“, fragte Atlan.

„Fruchtsaft.“

„Keinen Alkohol?“

„Nein, Sir. Ich trinke keinen Alkohol.“

„Das weiß ich.“ Atlan lächelte leicht. Perry sah den warmen Ausdruck seiner rotgoldenen Augen.

Michael holte tief Luft und fuhr sichtlich mitgenommen fort: „Danach weiß ich gar nichts mehr. Es ist alles weg, ich kann mich an nichts erinnern. Das Letzte war das Gespräch mit Miss Augstin, dann bin ich weggetreten. Als ich wieder aufwachte, war ich schon auf der Polizeiwache mit gefesselten Händen. Man hielt mir vor, ich hätte einen Menschen getötet!“

Er verstummte, presste die Lippen fest aufeinander. Perry bemerkte, wie er sich zusammenriss. Schon seit einigen Jahren zeigte Michael seine Empfindungen kaum noch, er verbarg sie hinter einer Art persönlichem Schutzschirm. Kaum jemand kam an ihn heran, wenn er es nicht wollte. Und er als Vater ...

Er mochte den Gedanken nicht weiterdenken!

„Danke für Ihre Aussage,  Mr. Rhodan.“ Atlan verhielt sich streng förmlich. Genau nach Vorschrift, wie er es angekündigt hatte.

Michael sah seinen Vater an. Seine Augen schienen regelrecht zu flehen.

„Vater“, sagte er ganz leise. „Bitte glaube mir. Ich weiß wirklich nicht, was los ist.“

„Dafür haben wir eine ganz bestimmte Vermutung.“ Atlans Stimme war schon wieder eiskalt. Er sagte kein Wort zu viel, dass später ein gerissener Anwalt als „Verfahrensfehler“ hinstellen konnte, aber wiederum genug, dass jeder seiner Freunde ihn auch so verstand.

Der Oberstaatsanwalt hielt sich zurück. Nachdem er die Befehlsgewalt offiziell an Atlan übergeben hatte, war es nur noch seine Pflicht, als Zeuge bei der Vernehmung anwesend zu sein.

„Leutnant Rhodan“, Atlans rotgoldene Augen brannten, „ich muss Sie darüber informieren, dass die Zeugen entweder nichts gesehen haben oder Sie belasten. Außerdem wurde Blut des Opfers an Ihrer Kleidung gefunden und in Ihrem Blut eine Droge, die nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen ist.“

„Und Miss Augstin?“, fragte Michael stockend.

„Miss Augstin ist die Hauptbelastungszeugin gegen Sie. Sie sagt aus, dass Sie die Droge selbst mitbrachten und das Pulver in Ihrem Fruchtsaft auflösten. Sie hätte sie davon abbringen wollen, aber keinen Erfolg gehabt. Es kam zum Streit mit dem Wirt und Sie haben ihn mit dem Messer, das Sie bei sich hatten, ein beidseitig geschliffenes Stilett, erstochen. - Wollen Sie Ihre Aussage nicht doch noch einmal korrigieren?“

Atlan führte ein perfektes Schauspiel auf und Michael spielte ebenso hervorragend mit.

Perry bewunderte beide, besonders seinen Sohn, der seinem Empfinden nach kurz vor einer Ohnmacht war.

„Oberstaatsanwalt Rider, bitte informieren Sie Leutnant Rhodan über die erforderlichen Maßnahmen und seine Rechte.“

Atlan stellte sich an Perrys Seite. „Du solltest rausgehen“, raunte er ihm zu.

„Nein.“ Perry hatte sich schon längst die Zunge blutig gebissen im Mund. Er schmeckte den Stahlgeschmack seines Blutes schon kaum mehr.

Mike braucht mich. Ich MUSS bei ihm bleiben!, hämmerte es in seinen Gedanken. Wenn nicht jetzt, wann dann? Vielleicht gibt meine Nähe ihm Kraft!

Er fühlte sich so fürchterlich ausgebrannt, was so froh, dass seine Freunde ihm jede Entscheidung abnahmen. So sehr es ihn auch sonst ärgerte, wenn er zum Zuschauer degradiert war, jetzt in dieser Minute war er überglücklich darüber!

Bullys Hand umspannte seinen Arm wie einen Schraubstock.

„Verdammt, warum bist du so stur? Damit hilfst du Mike nicht!“

Gucky hielt sich, für ihn völlig ungewohnt, ruhig. Er schien mit seinen telepathischen Sinnen zu lauschen. Traurig schüttelte er den Kopf. Leise flüsterte er: „Da ist nichts zu machen. Wie ich schon sagte. Auch wenn ich tiefer gehe, es ist nur ein wirres Durcheinander. Keine einzige vernünftige Erinnerung. Das Zeug hat anscheinend auch die Erinnerungen total weggeblasen.“

„Deshalb ist die Droge auch illegal. Bei mehrfachem Gebrauch wird das Erinnerungszentrum eines Menschen dauerhaft geschädigt. Und der Bengel soll tatsächlich so blöd sein, das zu nehmen?“ Bully beherrschte sich nur mühsam und flüsterte. Trotzdem warfen die beiden Polizisten, die im Moment ebenfalls nur Statisten waren, ihnen einen unsicheren Blick zu.

„Also, ich glaube das nicht.“

„Ich auch nicht, Dicker“, antwortete Perry müde.

„Leutnant Rhodan“, der Staatsanwalt begann mit der vorgeschriebenen Belehrung, „da die Beweislage gegen Sie eindeutig ist, muss die Staatsanwaltschaft gemeinsam mit Ihrem Dienstherrn, der USO, Mordanklage gegen Sie erheben nach Ablauf einer Frist von jetzt noch ...“, er sah auf seine Uhr, „knapp drei Stunden. Sie haben aber die Möglichkeit, einem hypnosuggestiven Verhör zuzustimmen. Sollte sich dabei eindeutig Ihre Unschuld erweisen, sind Sie wieder ein freier Mann.

Ich muss Sie aber darauf hinweisen, dass dieses Verhör durch Ihren Drogenkonsum zwar nicht lebensgefährlich, aber äußerst unangenehm werden kann. Sie haben mit Nebenwirkungen wie starken Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen bis hin zum Kreislaufzusammenbruch zu rechnen. Ein Medoroboter wird Sie während des Verhörs überwachen.“

Als wäre dies das Stichwort gewesen, glitt das Schott auf und ein kegelförmiger Medoroboter glitt herein.

Michael war plötzlich betont gleichmütig. Er hob nur die Schultern und meine ein wenig abfällig: „Fangen Sie schon an. Bringen wir es hinter uns.“

Perry wusste, dass sein Sohn Angst hatte. Das betont laxe Verhalten war seine Methode, diese Angst zu bezwingen.

Genau wie ich damals bei meinen ersten Flügen meine Methoden hatte. Auch ich hatte solche Angst ...

Unwillig schüttelte er sich. Wieso denke ich, seitdem ich diese Horrornachricht erhalten habe, immer wieder an diese Zeit VOR meinen Mondflug?

Einer der Polizisten löste die Energiefesseln. Michael setzte sich bequem in dem großen Kontursessel zurück und ließ sich die Haube überstülpen, die entfernt einer Hypnoschulungshaube ähnelte.

Ein Blick aus seinen nachtblauen Augen traf Perry. Er las darin immer noch Verzweiflung, Unverständnis, Hilflosigkeit – und eben die Angst!

Schnell schloss Michael die Augen, als er sah, dass sein Vater ihn so genau betrachtete.

Er will es mir nicht zeigen! Aber das ist doch Quatsch! Ich bin sein Vater!

Die Polizisten fesselten ihn mit mehreren Energiebändern an den Sessel. Zum Schluss konnte er sich überhaupt nicht mehr bewegen.

„Bringen wir es hinter uns“, ordnete Atlan völlig emotionslos an.

Der Überwachungsbildschirm des Detektors flammte auf. Solange das Verhör nicht begann, zeigte er nur wirre Linien an. Sobald er aktiviert war, würden auf jede gestellte Frage die Erinnerungen des Verhörten wie ein Film zu sehen sein.

„Anordnung eines hypnosuggestiven Detektorverhörs durch Lordadmiral Atlan“, diktierte der Oberstaatsanwalt in die Aufnahmepositronik. „Einwilligung des Verdächtigen, USO-Leutnant Michael Rhodan, liegt vor. Zeugen neben dem Lordadmiral: Polizeisergeant Heester, Polizeisergeant Newton, Oberstaatsanwalt Rider, Groß ...“

Weiter kam er nicht. Bully verständigte sich mit einem kurzen Blick mit dem Mausbiber und ergänzte: „Sowie Sonderoffizier Guck vom Geheimen Mutantenkorps des Solaren Imperiums, sonst keiner.“

Er zog Perry mit harten Griff mit sich zum Schott hinaus.

Perry wollte sich wehren, brachte aber nicht die nötige Kraft auf. Als ob er total gelähmt war und sein Körper ihm nicht mehr gehorchte. Der Vater in ihm hatte den Befehl über seinen Körper übernommen. Von dem harten Flottenbefehlshaber war nichts mehr übrig.

„Du musst dir das nicht antun und Mike fällt es leichter, wenn du es nicht siehst“, erklärte sein ältester Freund sehr ruhig.

Bully zog ihn zu einer Sitzecke am Ende des Flurs.

Hier warten wohl die Leute, die bei einem Verhör nicht dabei sein dürfen oder wollen.

„Oder hättest du es toll gefunden, wenn dein Vater dich gesehen hätte, wie du vor Schmerzen jammerst oder deinen Magen auskehrst?“

„Natürlich nicht.“ Perry verstand den Sohn ja so gut, aber ...

„Wenn meine Eltern denn mal da waren. Meistens bin ich ja nur bei anderen Menschen aufgewachsen, bevor ich zu Onkel Karl kam.“ Bitterkeit stieg in ihm auf, als er an seine schwere Jugend dachte.

Bully blickte ihn mit einem undefinierbaren Blick aus seinen wasserblauen Augen an: „Vielleicht ist es jetzt an der Zeit ... denke darüber nach ... so eine günstige Gelegenheit hattest du noch nie – und sie kommt auch wahrscheinlich nie wieder ...“

Perry wusste sofort, was der Freund meinte. „Du meinst, Mike zu erklären, warum ich so hohe Moralansprüche habe und warum ich so autoritär bin?“

Bully grinste. Sein Gesicht war puterrot, ein sicheres Zeichen seiner Aufregung.

„Autoritär würde ich dazu noch nicht einmal sagen, sondern eher befehlsgewohnt. - Ja, das meine ich. Du solltest deinem Sohn endlich gewisse Dinge aus der Zeit vor unserem Mondflug erzählen. Es wird allerhöchste Zeit.“

Perry überlegte und das half ihm, sich ein wenig abzulenken von dem, was sein Sohn gerade hinter diesem Schott durchmachte.

„Du hast recht“, entschied Perry sich. „Bringen wir das hier hinter uns und dann werden wir uns mit Mike zusammensetzen.“

Allein der Gedanke an diese Aussicht, seinem Sohn endlich das erklären zu können, was er bisher gar nicht verstehen konnte, gab ihm wieder innerliche Kraft.

Warum habe ich damit eigentlich so lange gewartet? Brauchte ich erst diesen Schock, um mich meinem eigenen Sohn zu „öffnen“? Hoffentlich kann er mich verstehen!

 

*

 

Als Perry zusammen mit Gucky wieder in den Verhörraum zurückkehrte, wurde Michael gerade von dem Medoroboter behandelt. Allein der Anblick versetzte Perry einen scharfen Stich in der Brust. Sein Sohn sah noch schlechter aus als vorhin. Wenn überhaupt möglich, war sein Gesicht noch blasser und kantiger, die Augen wirken wie erloschen, besaßen keinen Glanz mehr.

„Nun, mein Junge“, quetschte Perry mühsam zwischen den Zähnen hervor, „wie ich sehe, hast du es hinter dir. War es sehr schlimm?“

Michael winkte müde ab. „Reden wir nicht darüber, Dad. Leider hat uns das nicht viel weitergebracht. Ich hatte es geahnt. Und nun?“

„Doch“, meldete sich Atlan zu Wort. Auch sein Gesicht war blass und hart. In seinen Arkonidenaugen lag der Schimmer von mitgefühltem Leid. Also musste es doch recht schlimm gewesen sein.

„Da das hypnosuggestive Verhör nicht auswertbar ist, habe ich nun das Recht, beim Solaren Imperium ein Mutantenverhör zu beantragen. - Was ich hiermit tue ... Herr Staatsmarschall?“

Immer noch drückte Atlan sich offiziell aus, da die positronische Aufzeichnung mitlief.

„Das Mutantenverhör ist per sofort genehmigt“, antwortete Bully ebenso formell. „Welche Mutanten brauchen Sie, Lordadmiral Atlan?“

„Einen Telepathen und abhängig von dem telepathischen Verhör eventuell noch Sonderoffiziere mit ergänzenden Fähigkeiten.“

„Genehmigt. Sonderoffizier Guck erhält hiermit den Auftrag zu einem telepathischen Verhör aller Festgenommenen. Da Sonderoffizier Guck hier anwesend ist, ordne ich an, dass das Verhör von Michael Rhodan sofort stattfindet.“

Perry war wieder zum Statisten verurteilt.

Verdammte Bürokratie, dachte er wütend. Wir führen  hier ein Theater mit vorgeschriebenen Dialogen auf, damit uns kein Windeladvokat die ganze Sache kippt.

„Bleib ruhig sitzen“, ordnete Gucky an, als Michael aufstehen wollte. Sein Nagezahn war nicht zu sehen.

Einen Moment versank er in Konzentration, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts. Ich kann in den Gedanken von Michael Rhodan absolut nichts Verwertbares herauslesen. Der Drogennebel verdeckt alles.“

„Danke, Sonderoffizier Guck“, sagte Atlan. „Bitte führen Sie noch die entsprechenden Verhöre der anderen Festgenommenen durch.“

Gucky nickte und winkte dem Oberstaatsanwalt zu.

„Wir teleportieren“, sagte er kurz und verschwand mit ihm und Atlan, der als derzeitiger Ermittlungsleiter auch dabei zu sein hatte.

Perry musterte seinen Sohn. Der richtete sich endgültig auf.

„Sie müssen noch ein paar Stunden mit starken Kopfschmerzen und Unwohlsein rechnen“, meldete der Medorobot. „Ich habe Ihnen alle erforderlichen Medikamente verabreicht und empfehle eine mehrstündige Schlafperiode zur Erholung.“

„Witzbold“, unkte Michael. „Als ob mich ein paar Kopfschmerzen umhauen.“

„Na, na“, bremste Perry ihn.

Er ist genau wie ich damals – und wohl auch heute noch. Nicht unterkriegen lassen, immer so tun, als ob gar nichts wäre.

Der junge Mann wollte etwas sagen, aber Perry schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung in Gegenwart der immer noch anwesenden Polizisten das Wort ab.

Michael nickte. Er hatte seinen Vater sofort verstanden und sagte nichts mehr. Seinem Gesicht sah Perry an, dass er angestrengt nachdachte, ihm einige ihn belastende Gedanken durch den Kopf gingen.

Ja, ich WERDE ihm alles erzählen! Es wird allerhöchste Zeit. Ich muss zumindest VERSUCHEN, es ihm zu erklären!

Er suchte Bullys Blick und nickte ihm zu. Der grinste erleichtert.

Michael sah ihren kurzen Austausch. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Perry schüttelte leicht den Kopf und lächelte seinen Sohn an. Er versuchte, alle Wärme, die er im Moment empfand, mit in diesen Blick zu legen. Anscheinend gelang es ihm, denn in Michaels trübe, nachtblaue Augen kam wieder etwas Glanz.

 

*

 

Atlan und Gucky wuchsen über sich hinaus. Immer mit der Uhr im Nacken, sondierte Gucky nur Jane Augstin und einen weiteren Festgenommenen, der schon heftig gegen die Untersuchungshaft protestierte, weil er der Meinung war, man hätte den Mörder, nämlich Michael Rhodan, doch ebenfalls im Gewahrsam.

Der Oberstaatsanwalt hatte schon vorher sehr genau recherchiert und wusste von daher, dass außer Miss Augstin alle Festgenommenen polizeilich bekannte Straftäter waren, gegen die nur im Moment nichts vorlag. Die Vorwürfe prallten an ihm ab. Seine Arbeit brachte das mit sich und er war im Laufe seiner vielen Amtsjahre dagegen abgehärtet.

Nach dem telepathischen Verhör des zweiten angeblichen Zeugen stellte Gucky einfach fest: „Wir verschwenden unsere Zeit, wenn ich mir die Anderen auch noch vornehme. Beide haben einen starken Hypnoblock, der ihnen eine falsche Erinnerung gibt. Das ist genau das, was ihr beim Detektorverhör gesehen habt.

Wir brauchen André Noir hier, so schnell wie möglich. Er muss den Block lösen. Viel Zeit haben wir nicht mehr.“

„Dann hole ihn“, ordnete Atlan an und der Ilt verschwand ohne ein weiteres Wort.

André Noir war der Hypno des Mutantenkorps. Wenn überhaupt, konnte nur er hier noch einen Erfolg haben.

Inzwischen hatten sie nur noch knapp über eine Stunde Zeit, nicht viel, um einen Hpynoblock zu lösen.

Gucky tauchte mit André Noir wieder auf.

„Gucky hat mich bereits informiert. Wen soll ich nehmen? Zwei Blöcke zu lösen, schaffe ich in der kurzen Zeit nicht. Bei wem ist damit zu rechnen, dass er mehr weiß?“

„Die Frau“, entschied Staatsanwalt Norman Rider sofort.

„Okay, wir brauchen absolute Ruhe“, piepste Gucky erregt. „Ihr verschwindet alle, auch der Arkonidenhäuptling.“

„Selbstverständlich“, grinste Atlan. Er kannte den Mausbiber lange genug, um sich nicht mehr an seiner Ausdrucksweise zu stören.

Jane Augstin wurde in einen Verhörraum gebracht und mit dem Mausbiber und dem Hypnomutanten allein gelassen.

Oberstaatsanwalt Rider lud Atlan, Perry Rhodan und Reginald Bull in sein Büro zu einem Kaffee ein. Michael wurde vorerst wieder in seine Arrestzelle zurückgebracht.

 

*

 

Wie von Oberstaatsanwalt Rider vermutet, war Jane Augsten „die Trumpfkarte“. André Noir schaffte es knapp zehn Minuten vor dem Ablauf der Frist zur Anklage, ihren Hypnoblock, der mit mechanischen Geräten angelegt worden war, zu lösen. Das anschließende telepathische Verhör durch Gucky brachte die volle Wahrheit ans Tageslicht.

Es war tatsächlich eine politische Attacke gegen Perry Rhodan und seine Wiederwahl als Großadministrator. Man hatte über seinen Sohn versucht, ihn zu treffen. Die Drahtzieher hatten gehofft, er würde seine Sondervollmachten dazu missbrauchen, die Anklage gegen seinen Sohn ohne weitere Ermittlungen abzubiegen oder „nur“ den vorgeschriebenen Ablauf zu seinen Gunsten zu ändern.

Der Inhaber der Bar war nicht von Michael, sondern von demjenigen Festgenommenen getötet worden, der am lautesten gegen seine Untersuchungshaft protestiert hatte.

Norman Rider erhob sofort Anklage, zwei Minuten vor Ablauf der Frist. Es wurde alles ordnungsgemäß protokolliert und Michael Rhodan wieder aus der Untersuchungshaft entlassen.

Michael sah seinen Vater nachdenklich an. „Danke, Dad“, meinte er zögernd und hielt ihm die Hand hin.

Perry Rhodan schlug ein, spürte den festen Druck, schüttelte trotzdem den Kopf. „Nein, mein Sohn. Danke nicht mir, sondern unseren drei Freunden. Wären sie nicht gewesen …“

Er ließ den Rest des Satzes offen und bedankte sich mit festem Händedruck bei den drei Freunden.

Freundschaft ist etwas unschätzbar Wertvolles!

Das Gefühl in ihm wärmte seinen ganzen Körper, rötete sein Gesicht.

„Zum Glück sind wir Freunde“, stellte Atlan ruhig fest und musterte Michael intensiv. „Es tut mir leid, junger Höhlenwilder. Ich konnte dir das Verhör nicht ersparen.“

Michael schüttelte den Kopf. „Es braucht dir nicht leid zu tun. Wer weiß, was ich später noch alles mitmachen muss, wenn ich genau wie ihr in vorderster Front für die Menschheit kämpfe.“

Perry spürte den Stolz auf die selbstverständliche Feststellung des Sohnes.

„Wir sollten uns in Ruhe zusammensetzen. Ich habe dir so einiges zu erzählen in dem Zusammenhang, aus meiner eigenen Jugendzeit. Da gab es so eine Geschichte mit einem Schulglobus.“

Michaels Augen nahmen einen forschenden Ausdruck an.

„Gerne, Dad“, sagte er ganz einfach.

 

*

 

Wie meistens – es kam nicht zu dem geplanten Gespräch. Eine dringende Angelegenheit ließ dem Großadministrator des Solaren Imperiums wieder einmal nicht die Zeit, Vater zu sein …

 

 

 

 

 

 

19.8.16 14:09, kommentieren

Die Erben von Atlantis - der Anfang ...

1

Eine kleine gelbe Sonne in einem abgelegenen Randarm einer Spiralgalaxis. Nur der dritte Planet hat intelligentes Leben hervorgebracht. Die Bewohner nennen sich einfach Menschen, ihren Planeten „die Erde“ – ein wunderschöner blauer Planet mit ausgedehnten Meeren, Flüssen und Landflächen.

Mit dem Jahr 1961 ihrer Zeitrechnung begann für sie ein neues Zeitalter. Der erste Mensch flog in einer winzigen Kapsel in den Weltraum, das Tor zu den Sternen war erstmals aufgestoßen!

Niemand ahnte, dass sie dieses Tor nicht erstmals aufstießen, sondern in den Weltraum zurückkehrten!

Die Menschen hatten ihr komplettes Wissen verloren!

*

Zehntausende Jahre vorher war der blaue Planet das Zentrum eines riesigen Sternenreiches, bekannt in der gesamten Galaxis.

Auf dem größten Kontinent, den die Bewohner genau wie ihren Planeten Lemur nannten, war das Nervenzentrum des Lemurischen Reiches.

Die Lemuren trieben Handel mit zahlreichen anderen Intelligenzen, ihre überlichtschnellen Raumschiffe durcheilten die Galaxis und stießen in andere Sterneninseln vor.

Obwohl grundsätzlich friedlich eingestellt, ließen sich Auseinandersetzungen und Kriege mit anderen Völkern nicht vermeiden. Zu unterschiedlich waren die Ansprüche und Wertvorstellungen.

Die Lemuren überstanden alle Kämpfe dank ihrer überlegenen Technik.

Unter ihrer Führung schmiedeten die galaktischen Völker eine Allianz, nachdem eine extrem kriegerische und gefühllose Echsenrasse, die Mariden, in die Milchstraße eindrang.

Niemand wusste, woher die Mariden kamen. Die größte Gefahr ging von ihrer Fruchtbarkeitsrate und ihrer mentalen Einstellung aus.

Eine weibliche Maride konnte pro Gelege bis zu vierzig Eier ablegen. 50-60% des Geleges war befruchtet. Die Jungen schlüpften nach einer Brutzeit von ungefähr dreißig Lemur-Tagen.

Die Religion und die Mentalität der Mariden verhinderte Geburtenkontrollen und Schutzmaßnahmen für die Planeten. War ein Planet „abgefressen“ und die Bodenschätze ausgebeutet, zogen die Bewohner weiter und eroberten sich neuen Lebensraum.

Bereits die Jungen wuchsen mit Krieg auf und wurden entsprechend ausgebildet.

Die Planeten, die sie ausgeplündert zurückließen, brauchten Jahrhunderte, um sich wieder zu erholen.

In einem nach Lemur-Zeitrechnung jahrzehntelangen Krieg gelang es der Allianz, die Mariden aus der Galaxis zu vertreiben – für einen sehr hohen Preis.

Viele Planeten wurden vernichtet, ihre Bewohner mussten fliehen. Diejenigen, die abgeschnitten zurückblieben, fielen zurück in die Primitivität und vergaßen ihr technischen Wissen und ihre sozialen Strukturen.

Im System der Sonne Lemur schlugen die Mariden unerbittlich zu, nachdem sie erkannt hatten, dass die Lemuren die technischen Führer des Widerstandes waren.

Der Hauptkontinent wurde vernichtet und versank in den Fluten der Meere. Sämtliche Kolonien und militärische Basen auf den anderen Planeten und Monden des Systems wurden zerstört, die Bewohner getötet.

Regierung und Flottenführung evakuierten so viele Lemuren wie möglich, zum Schluss reichten die Schiffe nicht mehr aus.

Die Zurückgebliebenen konnten das technische Wissen ihrer Vorfahren nicht über die Generationen retten, sondern fielen zurück auf die Entwicklungsstufe von Urmenschen.

Niemand erinnerte sich noch an das mächtige Sternenreich. Nur die Erinnerung an einen Kontinent der mächtigen Götter erhielt sich in ihrem Sagenschatz, mitsamt dem Namen: Lemur!

*

Die geretteten Lemuren flohen in die Nachbargalaxis Andromeda und siedelten auf geeigneten Sauerstoffplaneten. Mit den Völkern von Andromeda pflegten sie umfangreiche Handelsbeziehungen.

Sie vergaßen nichts von ihrer überragenden Technik und Wissenschaft und genauso wenig ihre Geschichte. Die Aufzeichnungen wurden als eine Art Heiligtum gehütet.

Die ersten Regierungen wollten weitere Verluste verhindern und verboten deshalb Expeditionen in die Milchstraße. Das wurde von Generation zu Generation als „festes Gesetz der Ahnen“ fortgeschrieben.

Fast vierzigtausend Lemur-Jahre, eine unvorstellbar lange Zeitspanne für lebende Intelligenzen und nur ein Lidschlag im Zeitlauf des Kosmos, fasste eine moderne Regierung den Entschluss, das Verbot aufzuheben.

Eine Forschungsexpedition startete zur alten Heimat.

Die Völker der alten Heimatgalaxis hatten sich inzwischen wieder von den Kriegsfolgen erholt. Sie trieben Handel miteinander und bekriegten sich, wie es schon zu uralten Zeiten war.

Aber niemand kannte den dritten Planeten der Sonne Lemur und ihre Bewohner.

Unter größter Vorsicht flog die Expedition die alte Heimat an. Sie fanden einen Planeten, dessen Bewohner erschreckend primitiv waren.

Der Expeditionsleiter ließ auf einem kleinen Kontinent, einer Landbrücke zwischen zwei großen Kontinenten, einen gut ausgerüsteten militärischen Stützpunkt zurück und ging auf Heimatkurs, um der Regierung Bericht zu erstatten.

Die Wissenschaftler rieten davon ab, direkten Kontakt zu den Nachkommen aufzunehmen. Sie sahen ein zu großes Risiko in dem dadurch ausgelösten Kulturschock.

Nach langen Beratungen wurde beschlossen, den Stützpunkt in der alten Heimat auszubauen und von dort aus die Entwicklung der neuen Lemuren vorsichtig zu fördern und zu lenken.

Der Kontinent bekam den Namen Atlantis.

Über Jahrhunderte schulten Wissenschaftler und Techniker die primitiven Menschen, gaben Impulse, versuchten Kriege zu verhindern.

Auf Anraten von Psychologen und Soziologen wurden persönliche Beziehungen verboten.

So gingen die Bewohner von Atlantis genau wie lange vorher die von Lemur als „mächtige Götter“ in den Sagenschatz der verschiedenen Völker ein. Niemand kannte die Götter, aber sie waren allgegenwärtig.

*

Keiner hatte mit einer Rückkehr der Mariden gerechnet!

Auch sie hatten ihre Geschichte nicht vergessen. Und sie kamen zurück, um gezielte Rache zu nehmen an den Lemuren! Ihr erster Angriff galt dem Lemur-System. Rücksichtslos wüteten sie zwischen den Planeten, obwohl sie erkannten, dass lediglich auf dem dritten Planeten primitive Intelligenzen lebten.

Der Stützpunkt auf Atlantis war hervorragend ausgerüstet. Trotzdem hatte er den weit überlegenen Streitkräften des Feindes nichts entgegenzusetzen.  

Hilfe aus Andromeda kam viel zu spät.

Der Kommandeur des Stützpunktes hatte nur eine Möglichkeit, eine Ansiedlung der Mariden auf dem Planeten zu verhindern. Er sprengte den Stützpunkt und den kompletten Kontinent.

Atlantis versank genau wie Lemur im Meer. Die Sprengung löste schwere Sturmfluten und Überschwemmungen auf dem gesamten Planeten aus.

Fast jedes Volk hat in seinen Sagen und Legenden Berichte über eine große Sintflut zu dieser Zeit.

Ein Teil der überlebenden Wissenschaftler, Techniker und Soldaten traf eine folgenschwere Entscheidung. Sie kehrten nicht nach Andromeda zurück, sondern siedelten auf dem einzigen Planeten eines Doppelsternsystems in 4,5 Lichtjahren Entfernung. Der Planet umkreiste seine Sonnen in etwa der gleichen Zeit wie der alte. Auch die Rotation war nahezu gleich.

Sie wollten bei zukünftigen Angriffen der Mariden mit ihrer gesamten Macht schnell eingreifen können.

Dank ihrer überlegenen Technik verbargen sie den Planeten von Anfang an hinter einem Schutzschirm, der zwar die Strahlen der Sonnen durchließ, aber ihn unsichtbar und auch nicht erkennbar für überlichtschnelle Ortungsgeräte machte.

In Andromeda wurde ihre Entscheidung nicht gebilligt, sie galten fortan als Abtrünnige.

Die „Abtrünnigen“ gründeten eine neue Zivilisation und nannten sich in Erinnerung an ihre Entscheidung Atlanter, ihren Planeten und die Sonnen Atlantis 1 und Atlantis 2.

Sie pflegten zwar Kontakte mit anderen Intelligenzen der Milchstraße, aber ihre Heimat blieb unbekannt. Die neu erlassenen Gesetze waren überaus streng. Jeder Verrat der galaktischen Position von Atlantis wurde mit dem Tod bestraft. Es war das einzige Delikt, für das die Todesstrafe vorgesehen war. 

Sie bauten eine neue Regierung auf, eine Mischung zwischen Adelsherrschaft, Fachministern und freien Wahlen. Das passive Wahlrecht konnten nur Atlanter erhalten, die aus einer adeligen Familie stammten und zusätzlich eine hochwertige wissenschaftliche oder technische Ausbildung nachweisen konnten.

Die Mitglieder des Atlantischen Rates, der Regierung, und das Regierungsoberhaupt, der Erste Rat, wurden in direkter Wahl vom Volk frei gewählt.

Die Mariden zogen weiter durch die Milchstraße. Es war der 2. Galaktische Krieg.

Einem Wissenschaftler der Mariden gelang der Entscheidungsschlag gegen die Unterdrücker.

Er veränderte die Strahlung von Sonnen so, dass die Eier der weiblichen Mariden unbefruchtet blieben. Sie legten leere Eihüllen ab.

Sonderkommandos manipulierten unter Einsatz ihres Lebens jede Sonne, auf deren Planeten die Mariden sich niederließen.

Nach einigen Jahren zogen die Mariden sich wieder zurück. Aber die Atlanter rechneten mit ihrer Rückkehr – und damit, dass deren Wissenschaftler eine Abwehr gegen das veränderte Strahlenspektrum entwickelten.

Die Atlanter gingen davon aus, dass die veränderte Strahlung nur auf die Gene der Mariden wirkten und manipulierten die Strahlung ihrer Sonne ebenfalls.

Die Atlanter veränderten sich entgegen der Prognosen genauso wie die Mariden. Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit sanken mit jeder Generation. Die Natur schaffte den Ausgleich, indem sie die Lebenswartung der Atlanter entsprechend verlängerte. Auch ihr Aussehen änderte sich.

Die Anpassung geschah sehr schnell. Von Generation zu Generation verlängerte sich die Lebenserwartung. Bereits die vierte Generation der Atlanter hatte eine Lebenserwartung von rund eintausend Jahren. Sie stieg mit jeder Generation.

Die verschiedenen Haut- und Haarfarben gab es nicht mehr. Die Haut der Atlanter war samtbraun, die Haare dick und tiefschwarz, der Körperbau in der Regel hochgewachsen und kräftig, ohne kompakt zu wirken.

Forschungen ergaben, dass genetisch gleiche Intelligenzen sich nur einige Wochen auf Atlantis aufhalten brauchten, um die Langlebigkeit zu erreichen.

Für die Wissenschaftler und die Regierung waren diese noch mehr Gründe, den Planeten geheimzuhalten.

***

2

Die Atlanter handelten schnell und konsequent, wie es ihre Art war.

Gleichzeitig mit der Besiedlung von Atlantis sorgen sie für die sichere Überwachung des alten Systems.

Das System verfügt über zwei Asteroidengürtel, einen zwischen dem vierten und fünften Planeten, der andere umkreist die Sonne jenseits der Bahn des achten Planeten.

In beiden Gürteln suchten sie sich geeignete Himmelskörper und bauten sie zu kosmischen Festungen aus. Entsprechende Schutzmaßnahmen verhinderten eine Entdeckung.

Im äußeren Asteroidengürtel wurde eine Flotte stationiert, die so schnell verstärkt wurde, wie die Verhältnisse auf Atlantis dies zuließen.

Sie erhielt den Namen „Wachflotte Alt-Atlantis“ und stand unter dem Kommando eines erfahrenen Admirals.

Nach langen Debatten in der Regierung wurde ein Drei-Stufen-Plan zum Wiederaufbau von Alt-Atlantis verabschiedet.

Die erste Stufe bestand weiterhin im Beobachten und Eingreifen nur im Notfall, auf den man nun bestens vorbereitet war. Kontakte zur Bevölkerung von Alt-Atlantis sollte es wie vorher nur vorsichtig und in Form einzelner Impulse geben.

Die zweite Stufe sollte beginnen, sobald aus eigener Kraft der Weg zu den Sternen beschritten wurde. In dieser Stufe würden die Atlanter persönlich eingreifen und den Fortschritt mit neuen Entwicklungen forcieren. Das bedeutete, dass sie unerkannt unter den Alt-Atlantern leben mussten.

Als dritte Stufe war der direkte Kontakt vorgesehen. Dafür war eine mehrheitliche Regierungsentscheidung erforderlich.

 

*

 

Mit dem Jahr 1961 irdischer Zeitrechnung begannen die ersten Menschen auf der Erde sich Terraner zu nennen und ihren Planeten Terra, die Sonne Sol und das System Solares System. Es waren Menschen, die sich sicher waren, dass sie nicht die einzigen intelligenten Lebewesen im Weltraum waren.

Für die Atlanter war die erste Erdumrundung in einer zerbrechlichen Kapsel der Anlass, die Stufe zwei ihres Langzeitplanes einzuleiten und die Bezeichnungen und die Zeitrechnung des Planeten Terra in ihren Wortschatz aufzunehmen.

Von nun an waren in jedem Team, das sich mit der Weltraumfahrt beschäftigte, Atlanter, die dank ihrer überlegenen Möglichkeiten unerkannt blieben.

Sie bekleideten die Posten von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern. Sogar einige Astronauten waren Atlanter.

 

***

 

3

 

2821 n.Chr. irdischer Zeitrechnung

 

Ramun musste sich erst wieder daran gewöhnen, mit seinem Namen angesprochen und mit den Ehrenbezeugungen seiner Heimat begrüßt zu werden.

Über Jahre war er daran gewöhnt, unter Terranern zu leben, als General Jonas Schneidereit der Leiter der Abteilung Raumaufklärung von Terra zu sein.

Das war vorbei. Er hoffte nur, dass er sein schnelles Verschwinden gut genug getarnt hatte. Die Terraner waren keine „Kinder“ mehr. Dazu hatten sie von ihm und seinen Vorgängern in den letzten achthundert Jahren zu viel gelernt.

Der Befehl von Admiralin Thetis von Zunten, der derzeitigen Kommandeurin der Wachflotte Alt-Atlantis hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht zur Erde zurückkehren würde. Er hatte sein dauerhaftes Verschwinden so schnell wie möglich zu inszenieren und sich anschließend unverzüglich auf ihrer Sternenfestung PLUTO zur weiteren Verwendung zu melden.

Ramun war besorgt. Er kannte die Admiralin nicht nur von seinen regelmäßigen persönlichen Berichten, sondern auch ihren Ruf.

Für Atlantis-Verhältnisse war sie noch sehr jung, gerade knapp über zweihundert Jahre alt, aber sie hatte ihr gesamtes Leben in der Flotte verbracht und die entsprechenden Erfahrungen gesammelt. Sie galt als mutig, risikobereit und eiskalt. Ihre Logik hatte ihr geholfen, eine Karriere zu machen, die auch in der aufgeschlossenen atlantischen Welt für eine Frau erstaunlich war, sogar wenn sie aus einer sehr einflussreichen adeligen Familie stammte.

Ihre Untergebenen liebten und fürchten sie zugleich. Sie ging an vorderster Front mit höchstem persönlichen Einsatz mit ihren Leuten durchs Feuer und achtete auf eine strenge, aber faire Befehlsstruktur.

Dazu gehörte sie zu den Verfechtern der Idee, sich den Terranern gegenüber zu offenbaren. Sie und andere rechneten jederzeit mit einer Rückkehr des alten Feindes.

Ihre Verbundenheit mit den Terranern drückte sie unter anderem dadurch aus, dass sie ihre Sternenfestung nach einem Zwergplaneten des Solaren Systems benannt hatte. Schon ihre Eltern hatten zu dieser Gruppe gehört und ihr den Namen einer altgriechischen Nymphe gegeben.

Ramun kannte Thetis gut genug, um zu wissen, dass die Admiralin sehr gewichtige Gründe für ihre Entscheidung haben musste.

Sie erwartete ihn zusammen mit hochrangigen Offizieren und Wissenschaftlern in einem kleinen Besprechungsraum, der durch einen Energieschirm von der übrigen Zentrale abgetrennt war.

Ramun neigte zur Begrüßung respektvoll den Kopf und legte die offene, rechte Handfläche auf sein Herz.

Thetis erwiderte die Geste lächelnd. Ramun sah sofort, dass ihr Lächeln angespannt wirkte.

Sie trug die Uniform der Atlantischen Flotte, die hellgraue Kombination betonte ihre Figur, und darüber die schwarze Uniformjacke mit den Rangabzeichen auf den Schultern. Ihre langen, dunklen Haare hatte sie zweckmäßig hochgesteckt. Er wusste, dass sie ungebändigt in einer lockeren Flut bis zu ihren Hüften reichten.

„Ich freue mich, dich so schnell hier zu sehen, Ramun. Hoffentlich hast du deinen Rückzug gut genug tarnen können.“

Ramun hob die Schultern. „General John Schneidereit hat einen Herzanfall erlitten. Für eine Wiederbelebung war es zu spät.“

Er grinste matt. „Manchmal kommt sogar die Medizin des 29. Jahrhunderts zu spät. Und da gemäß der Gesetze, die wir selbst forciert haben, eine Bestattung im Konverter innerhalb von drei Stunden nach dem eindeutig festgestellten Tod vorgeschrieben ist, hat General Schneidereit bzw. sein Robot-Double schon seine letzte Ruhe bekommen.“

Sie nickte ernst. „Seuchen oder große Friedhöfe kann sich bei der Bevölkerungsdichte der Erde niemand leisten. Die Erinnerung an einen Verstorbenen sollte ohnehin im Herzen sein.“

Mit einer Handbewegung deutete sie auf die Frauen und Männer, die sich zur Begrüßung ebenfalls kurz von ihren Plätzen an einem großen, runden Tisch erhoben hatten.

„Ich habe die komplette Flottenführung und den Wissenschaftlichen Stab sofort zur Besprechung geladen. Damit sparen wir Zeit. Bitte setzt euch.“

Sie wies Ramun einen Platz direkt an ihrer rechten Seite an.

„Die Anwesenden sind schon unterrichtet“, erklärte sie und wandte ihren Blick direkt auf ihn. „Der Grund, dass ich dich komplett von Terra zurückgerufen habe, ist, dass ich dich hier brauche, als direkten Verbindungsoffizier zu unseren Leuten, die auf der Erde bleiben.“

Ihr Gesicht wurde hart, verlor alles Weiche, Frauliche. Die tiefen grünen Augen strahlten die Kälte von klirrendem Eis aus.

„Die Mariden sind zurück.“

Ramun stöhnte laut auf. Kein Wunder, dass sie ihn vollständig von der Erde abgerufen hatte!

Sie fuhr fort, ohne ihm eine Gelegenheit zur Äußerung zu geben.

„Bisher sind es nur einzelne Schiffe, die unsere Erkundungsschiffe gesichtet haben. Sie scheinen etwas zu suchen und bewegen sich sehr vorsichtig durch die Galaxis.“

„Terra“, sagte ein hoher Offizier.

Thetis winkte ab. „Wir gehen davon aus, dass sie die Koordinaten nicht vergessen haben. Wenn sie dorthin wollten, würde sie das System direkt anfliegen.“

„Vielleicht ist ihnen die Terranische Föderation zu stark“, wandte ein anderer ein.

Thetis lächelte abfällig. „Wenn ihr Geheimdienst etwas taugt, wissen sie bereits, dass das Terranische Reich im Moment eine leichte Beute für sie ist.“

Ramun nickte bestätigend. „Die Terranische Föderation steht vor einem erneuten Krieg. Trotz aller Bemühungen scheint sich die Geschichte der Terraner immer zu wiederholen. Zwei Weltkriege mit Millionen von Toten vor dem Beginn der Weltraumfahrt, die mehr oder weniger zwangsweise Schaffung einer Weltregierung, ein Krieg zwischen der Mutterwelt und ihren Kolonien – und sie haben immer noch nichts daraus gelernt.“

Seine Stimme klang bitter und enttäuscht. Das war ein Punkt, bei dem er immer Bitterkeit empfinden würde – weil er nicht verstand, warum man aufhörte miteinander zu reden – und damit das Unheil seinen Lauf nahm.

Thetis machte eine Geste, die alle einbezog, die am Tisch saßen.

„Ich gehe davon aus, dass ihr unsere Geschichte kennt. Trotzdem bitte ich Ramun, uns noch einmal eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse auf Terra, die von uns teilweise stark vorangetrieben wurden, zu geben, damit sie allen gewärtig sind.“

Ramun erhob sich zu seinem kurzen Vortrag.

„Mit dem Jahr 1961, als der erste Mensch ins All flog, begann für uns die Stufe Zwei des Langzeitplans.

Wissenschaftler und Techniker griffen direkt ein. Bis heute ahnen die Terraner nichts davon, dass z.B. der erste Mensch, der den Mond betrat, ein Atlanter war.

Die politische Situation auf Terra erschwerte unsere Einflussnahme. Nach dem 2. Weltkrieg folgte ein sogenannter Kalter Krieg. Die Nationen der Erde belauerten sich gegenseitig, es wurde mit Atomwaffen gedroht, eine Machtdemonstration folgte auf die nächste. Die Situation glich einem antiken Pulverfass, das jederzeit hochgehen konnte.

Wir konnten die Menschen zum Abrüsten bewegen, langsam entspannte sich die Lage. In dieser Zeit trieben wir die Weltraumforschung voran.

Anfang des 21. Jahrhunderts eskalierte die Situation trotzdem. In vielen Ländern war Krieg, die Menschen flohen aus ihrer Heimat, nicht Hunderte, sondern Zehntausende. Die Flüchtlinge kamen in Länder mit völlig unterschiedlichen ethnischen und sozialen Strukturen. Die Kriminalität nahm immer mehr zu, die Regierungen wurden immer machtloser.

In den Vereinigten Staaten von Amerika, dem damals mächtigsten Land des Planeten, wurde ein Präsident gewählt, der mit der Verantwortung für weltumspannende Atomwaffen überfordert war.

2020 griffen wir ein. In allen wichtigen Ländern der Erde putschten gleichzeitig die Militärs. Innerhalb von zwei Tagen bildeten sie gemeinsam eine Weltregierung.“

Er lächelte versonnen. Die Zuhörer bewegten sich kaum, um kein Wort seines packenden Berichtes zu versäumen.

„Natürlich waren sämtliche Putschisten und die späteren Mitglieder der ersten Weltregierung Atlanter.

Die Historiker von Terra rätseln heute noch darüber, wieso zur gleichen Zeit in verschiedenen Ländern geputscht wurde und man sich danach so schnell auf eine Weltregierung einigte.“

Er lachte zynisch. „Natürlich haben wir dafür gesorgt, dass keine Zusammenhänge ermittelt werden konnten.

Mit der Übernahme der Regierung und der Lösung der irdischen Probleme beschleunigten wir die Raumfahrt.

Schnell wurden die Planeten des Systems erreicht und Kolonien gegründet. Damit und mit bestimmten Maßnahmen zur Geburtenkontrolle bekamen wir endlich die Überbevölkerung der Erde in den Griff.

Beim Aufbau der Raumflotte entschieden wir uns gegen Großraumschiffe und setzten auf Schnelligkeit und Beweglichkeit, damit die Entwicklung schneller voranging.

Die Raumschiffe Terras sind schnelle Raumkreuzer, diskusförmig, hundert Meter Durchmesser und vierzig Meter hoch.

Voll automatisiert, überlichtschnell gemäß unserem untersten Standard. Wir haben ein sehr altes Verfahren zur Serienreife entwickelt.“

„Sonst hättet ihr gegen die Gesetze verstoßen.“

Ramun ging nicht auf die Zwischenbemerkung ein, Thetis warf der Sprecherin einen verweisenden Blick zu.

„Bemannt mit jeweils acht militärischen Besatzungsmitgliedern und zwei wissenschaftlichen. Dreifach gestaffelte Schutzschirme, Offensiv- und Defensivbewaffnung ausreichend, um es mit einem kleinen Aufklärer der Mariden aufnehmen zu können.

Wir zogen uns stückchenweise aus der Weltregierung zurück. Heute wird sie alle zehn Jahre von den Bürgern des Terranischen Reiches direkt demokratisch gewählt.

Die Terranische Föderation beherrscht einen Bereich von rund hundert Lichtjahren um Terra herum.

Andere Intelligenzen haben sie bisher nicht gefunden. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie wirklich sehr weit abgelegenen vom galaktischen Geschehen sind, das sich nach wie vor hauptsächlich um das galaktische Zentrum herum konzentriert.

Wir können nur hoffen, dass diese Völker immer noch davon ausgehen, mit der Vernichtung des atlantischen Kontinents wäre es auf Terra insgesamt mit intelligentem Leben vorbei.“

„Was auch so wäre, wenn wir nicht aktiv eingegriffen hätten. Dann würden die Terraner immer noch in primitiven Raumkapseln zwischen Erde und Mond pendeln. In diesem Stadium sind sie für niemanden interessant genug, dass sich eine Expedition hierher lohnen würde.“

Thetis nickte Ramun zu, fortzufahren.

„Vor einigen Jahren erhoben sich die ersten Kolonien gegen ihre Mutterwelt. Es kam trotz aller Bemühungen um Frieden zu einem planetaren Krieg, den die Mutterwelt gewann. Die Bewohner der aufständischen Kolonien wurden zur Erde zurückgebracht und dafür andere zu den Kolonien, um keine neue Überbevölkerung auf der Erde auszulösen. Man schloss Frieden – erst einmal.

Der Frieden ist brüchig. Die Regierung und die militärische Führung rechnen jeden Tag mit einem offenen Aufstand einiger Kolonien. Man kann aber auch die dortigen Kolonisten nicht zur Erde zurück verbringen, weil man damit den Eindruck von Willkürakten erwecken würde.“

Er sah sich unter den Anwesenden um und schloss: „Deshalb ist die Terranische Föderation eine leichte Beute für die Mariden.“

Thetis ließ das Gesagte kurz wirken, dann erhob sie sich. Ramun hatte sich schon wieder auf seinen Platz gesetzt.

„Danke, Ramun“, sagte sie klar und fest. „Für mich ist eine Situation eingetreten, um dem Rat von Atlantis die sofortige Einleitung von Stufe drei zu empfehlen. Denn ich habe eine ganz bestimmte Vermutung, was die Mariden in der Milchstraße suchen und warum sie so darauf bedacht sind, sich nicht zu zeigen – noch nicht!“

Immer stärker spürte Ramun, dass sie etwas vorhatte und ihm dabei eine ganz besondere Rolle zugedacht.

Thetis fuhr mit emotionsloser Stimme fort: „Die Wissenschaftler der Mariden sind nicht dumm. Sie flohen damals aus der Galaxis, weil ihre Frauen nur noch unbefruchtete, leere Eier legten.

Einige unserer Wissenschaftler befürchten, dass die Nebenwirkung der zeugungs- und empfängnishemmenden Strahlung nicht nur bei uns, sondern auch bei ihnen eintritt. Wahrscheinlich sind die letzten Mariden, die aus den manipulierten Sonnensystemen geflohen sind, schon deutlich langlebiger gewesen.

Ich gehe davon aus, dass die Mariden genau wie wir an der Verwirklichung eines Langzeitplanes arbeiten.

Ihrer dürfte lauten: Erbeutung der Technik des Sonnenmanipulators.“

Erschrecktes Schweigen machte sich in der Runde breit.

Wenn Thetis und diese Wissenschaftler recht hatten …

Ramun mochte nicht daran denken, aber er zwang sich dazu. Er konnte und durfte den Tatsachen nicht ausweichen. Obwohl er mit 514 Jahren deutlich älter als Thetis war, erkannte er die Logik ihrer Vermutung an.

Thetis fuhr schon fort. Sie stand hoch aufgerichtet vor den Besprechungsteilnehmern. Ihre stolze Haltung verriet ihre Herkunft aus einer hoch gebildeten und einflussreichen Adelsfamilie und ihre eigene Führungskompetenz. Sie war die Admiralin und sie duldete keinen Widerspruch.

„Das heißt, wir werden nach Atlantis zurückkehren, sobald Admiral Jingon mit seiner Sternenfestung hier ist, um uns abzulösen. Ich habe bereits beim Rat um meine vorzeitige Ablösung gebeten, um die Situation direkt auf Atlantis zu erörtern. Dem wurde stattgegeben und Admiral Jingon wird innerhalb der nächsten zehn Tage hier eintreffen.“

Ihr Lächeln nahm eine bestimmte Form an, die Ramun sehr gut kannte. So lächelte sie immer, wenn man sich lieber nicht mit ihr anlegen sollte. 

„Vorher möchte ich hier noch etwas erledigen, um dem Rat nicht widerlegbare Argumente zu liefern. Dazu habe ich auch schon einen Plan.“

Thetis brauchte nur zehn Minuten, um ihren Plan konkret zu erläutern.

Danach herrschte einige Sekunden betretenes Schweigen.

Die Admiralin lächelte nicht mehr. „Geht nicht, gibt es nicht. Der Plan ist schwer durchführbar, aber wir werden es schaffen.“

Die Offizierin, die sich schon bei Ransums Vortrag negativ geäußert hatte, sagte kalt: „Damit verstößt du gegen die alten Gesetze. Du weißt, welche Strafe darauf steht.“

Thetis hielt ihrem Blick stand. „Die Todesstrafe“, gab sie ruhig zu. „Aber ich denke, dass der Rat mir in Anbetracht der Situation zustimmen wird. Auf jeden Fall trage ich die Verantwortung. Ihr könnt euch jederzeit auf meine Befehle berufen. Niemand wird euch belangen.“

Die Sprecherin holte tief Luft, dann senkte sie den Kopf und sagte nur: „Natürlich, Edle Dame.“

Ramun wusste nun ganz genau, warum Thetis ihn von der Erde geholt hatte in dieser überaus kritischen Situation. Sie brauchte ihn hier dringender.

„Hat noch jemand Einwände?“, fragte Thetis kalt in die Runde

Niemand meldete sich mehr zu Wort.

Ramun wusste, dass die Offizierin zu einer Gruppe gehörte, die im Atlantischen Rat völlig andere Ansichten wie die Regierungspartei vertrat. Hoffentlich kam es nicht noch zu weiteren Schwierigkeiten. Innere Zwistigkeiten waren das Letzte, was sie im Augenblick brauchten.

Thetis wandte sich an ihn und riss ihn aus seinen Gedanken.

„Nun brauchen wir nur noch einen unerschrockenen Raumoffizier der Terraner. Hast du einen Vorschlag?“

Ramun brauchte nicht zu überlegen.

„Oberst Patrick Ford. Der holt mit uns den Teufel aus der Hölle, wenn es sein muss – um mit einer terranischen Redewendung zu sprechen.“

Thetis lachte hell auf. „Mit dem Vorschlag hatte ich gerechnet. Er ist auch meine erste Wahl. Ich habe seinen Lebenslauf sehr genau studiert. Wird er den Schock überstehen – ich meine psychisch – außerirdischen Intelligenzen nicht nur zu begegnen, sondern auch einer von ihnen zu werden?“

Ramun blieb sehr ruhig. „Er wird es müssen. Es bleibt ihm nichts Anderes übrig, wenn er und sein Volk gegen die Mariden bestehen wollen.“

„Hoffen wir es. Das ist deine Aufgabe, Ramun. Du hast nicht viel Zeit, um einen bekannten Kriegshelden verschwinden zu lassen. Ein Herzanfall wäre bei ihm wohl sehr unglaubwürdig.“

Ramun lachte. „So gesund wie der ist, wohl kaum.“

Thetis nickte allen noch einmal zu, dann beendete sie die Sitzung.

„Na, der wird sich freuen, seinen Ausbilder und Vorgesetzten wieder zu sehen“, meinte Ramun im Rausgehen zu Thetis.

Sie lächelte so unergründlich, dass Ramun trotz seines viel höheren Lebensalters plötzlich sehr unruhig wurde.

 

*

 

20.6.16 21:22, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 01

Lockruf der Freihändler

Eine Raumschiffskommandantin
findet Heimat und Schicksal.

 

Hauptpersonen:

Michael Rhodan/Roi Danton: Der Sohn des Großadministrators lässt sich auf dem Weg zu seinem Ziel nicht aufhalten.

Major Beatrice Wood: Die USO-Kommandantin und Freundin von Roi muss eine schwere Entscheidung treffen.

Lordadmiral Atlan: Der Arkonide wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Oro Masut: Der ertrusische Edelmann wird Leibdiener und Leibwächter eines Fürsten.

Rasto Hims und Tusin Randta: Der Stellvertretende Kommandant und der 3. Offizier der FRANCIS DRAKE gehen für ihren Kommandanten durchs Feuer.

Captain Newton und Captain Masters: Der 1. und der 2. Offizier des USO-Schlachtkreuzers HATSCHEPSUT vertrauen ihrer Kommandantin

Spezialist Hagen, Winsow und Hart: Die USO-Spezialisten lernen, dass gerade „einfache“ Aufträge sehr schwierig sein können.

Suzan Betty Rhodan: Ihr Traum erfüllt sich.

Mory Rhodan-Abro: Die Frau von Perry Rhodan versteht ihre Kinder besser als ihr Mann.

Dr. Geoffry Abel Waringer: Der geniale Wissenschaftler ist in seinem Element.

Kaiser Lovely Boscyk: Er möchte sich zur Ruhe setzen.

Imman Coledo: Der Reeder macht das Geschäft seines Lebens.

Perry Rhodan: Als Vater hat er immer noch große Defizite.

Allan D. Mercant: Der Abwehrchef ist ratlos.

 

 

Teil 1

 

In der Enzyklopädie Terrania finden sich für die Jahre 2430 bis 2435 zahlreiche Berichte über die Kosmischen Freihändler. In diesen Jahren erlebte die Händlerorganisation, die nur aus Terranern bzw. von Terranern abstammenden Menschen bestand, ihren größten Aufschwung.

Ursprünglich war die Organisation von Lovely Boscyk gegründet worden, der sich in der Hierarchie der Freihändler als „Kaiser“ bezeichnete. Die Kapitäne der Handelsschiffe wurden „Fürsten“ genannt, die Offiziere „Edelleute“, die einfachen Besatzungsmitglieder „Bauern“.

Im Jahre 2415 kam es im Urbtriden-Sektor zu einer Raumschlacht zwischen den Freihändlern und den von den Arkoniden abstammenden Galaktischen Händlern, den Springern. Obwohl die Solare Flotte nicht eingriff, endete die Schlacht mit einer schweren Niederlage für die Springer. Dabei stellte sich heraus, dass die Raumschiffsbesatzungen der Freihandelsschiffe größtenteils aus hochqualifizierten Fachleuten bestanden, die den Vergleich mit ihren Kollegen bei der Solaren Flotte und der USO nicht zu fürchten brauchten.

Kaiser Boscyk interessierten die Gründe nicht, warum viele Freihändler ihre Fähigkeiten lieber in seinen Dienst als in den von Flotte oder USO stellten, solange sie sich an die Regeln seiner Organisation hielten.

Im Solaren Imperium galten sie als „suspekt“, weil sie sich bei vielen Geschäften gerade eben an der Grenze der Legalität bewegten. Es war ihnen aber nie konkret etwas nachzuweisen. Immer wieder schlüpften die „charmanten Gauner“ mit einem Lächeln durch die Maschen des Gesetzes.

Da Freihändler grundsätzlich Individualisten waren, ließen sie sich nur schwer führen. Ein Mensch, den alle als Befehlshaber akzeptierten, musste zwangsläufig über herausragende Führungsqualitäten verfügen.

Anfang 2430 wollte Kaiser Boscyk diese schwere Aufgabe in die Hände eines anderen legen und suchte einen geeigneten Partner.

Im gleichen Jahr stieß ein junger Mann zu den Freihändlern, der für Boscyk genau der Richtige war.

Der junge Mann, der sich offiziell Roi Danton nannte, gewann auf Anhieb das Vertrauen des Freihändlerbefehlshabers. Obwohl Roi seine komplette Umwelt mit schockierendem und unverschämten Benehmen verunsicherte, erkannten Boscyk und viele andere sofort, dass der unbekannte junge Mann nicht nur ein außergewöhnlich fähiger Kosmonaut und Hochenergie-Techniker war, sondern auch ein mitreißender Führer und ein geschickter Psychologe.

Nur sehr wenige wussten, wer Roi Danton wirklich war und woher er stammte. Lovely Boscyk gehörte zu diesen Wenigen. Niemand in der Führungsspitze des Solaren Imperiums kam auf die richtige Idee, obwohl es nur eines einzigen Gedankensprunges dazu bedurft hätte – man hätte einfach das Ende der Spur eines verschollenen jungen Mannes mit dem Anfang der Spur des jungen Roi Danton verknüpfen müssen!

Später schrieb man das dem Ehrgeiz und auch dem Trotz eines jungen Mannes zu, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität war und sich aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters lösen wollte …



Mai 2430

Lieber Vater,

wenn du diese Zeilen liest, dann bin ich schon viele Parsek von Terra fort und werde es auch für einige Zeit bleiben. Glaube mir, es schmerzt mich, auf diese unpersönliche und distanzierte Art und Weise von dir, meiner Familie und meinen Freunden Abschied zu nehmen. Aber ich habe Gründe dafür, Gründe, die du vielleicht verstehst, wenn ich sie dir erkläre. Bevor ich sie aufzähle, muss ich jedoch gestehen, dass ich Angst hatte, dir entgegenzutreten und dir meine Absichten zu erklären. Deshalb hauptsächlich entschloss ich mich, diesen Brief an dich zu schreiben. Ich zweifle keineswegs an der Notwendigkeit meines Vorhabens, ich traue mir auch zu, dir meine Gründe in einem Gespräch von Mann zu Mann plausibel darzulegen. Wenn ich dennoch davon Abstand nahm, dann deshalb, weil ich mich vor deinen Gegenargumenten fürchtete und mir vor deiner Überredungskunst bange war. Da mein Entschluss, deiner Obhut ein für allemal zu entsagen, schon seit geraumer Zeit feststeht, wollte ich das Risiko vermeiden, doch noch umgestimmt zu werden. Sicherlich verstehst du das, Dad.

Bestimmt verstehst du auch, warum ich von Zuhause fortgehe und irgendwo in der Galaxis untertauche. Ich muss mich endlich behaupten, ich muss lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Du wirst nun sagen, dass es mir nie an persönlicher Freiheit gefehlt hatte, dass du und Ma mir nie Autoritätspersonen wart, sondern treusorgende Eltern – und zwar im positiven Sinne. Dennoch fühlte ich mich eingeengt und konnte meine Persönlichkeit nicht entfalten. Das lag keineswegs an dir und Ma, sondern an dem Umstand, dass ich eben der Sohn des Großadministrators war. Vielleicht wäre alles gut gegangen, wenn man Vergleiche mit dem Großadministrator und mir als deinem Sohn gezogen hätte. Wenn man an mir kritisiert hätte und so eine Art Widerstand entstanden wäre. Aber ich wurde nicht angefeuert, mein Ehrgeiz wurde nie angestachelt. Ganz im Gegenteil, mein Ehrgeiz wurde eher unterdrückt, indem man mich mit Lob überhäufte, selbst wenn Kritik statthaft gewesen wäre. Auf mir lastete immer der Fluch, der Sohn des berühmtesten Mannes der Milchstraße zu sein. Bisher habe ich mich damit ganz gut abgefunden, glaube ich, aber jetzt kommt die Zeit, da ich mich entscheiden muss. Ich stehe an einem Scheideweg, entweder entschließe ich mich, einen gesicherten Posten innerhalb des Solaren Imperiums anzunehmen und in deinem Schatten zu stehen, oder aber, meinen eigenen Weg zu gehen und zu versuchen, es aus eigener Kraft zu etwas zu bringen. Ich habe den zweiten Weg gewählt.

Dieser Weg wird beschwerlich sein, ich werde viele Hürden nehmen müssen – und vielleicht kann ich sie nicht bewältigen. Das ist mir alles klar, denn ich habe lange über alles nachgedacht und ständig mit mir gerungen. Ich tat dies schon von dem Zeitpunkt an, da ich selbständig zu denken lernte. Schon damals wusste ich, dass ich etwas Entscheidendes tun musste, wenn ich nicht verkümmern wollte. Du siehst also, ein Entschluss, meinem früheren Leben den Rücken zu kehren, kommt nicht von ungefähr. Er ist nicht spontan in mir entstanden, sondern reiflich überlegt. Ich werde mich in die Anonymität zurückziehen und unter einem anderen Namen meinen Weg nach oben zu machen versuchen. Wenn ich nur einen Teil deiner Fähigkeiten geerbt habe, dann brauche ich mir um meine Zukunft keine Sorgen zu machen. Und das solltest du auch nicht tun.

Abschließend bitte ich dich, meine Handlungsweise zu verstehen. Ich weiß noch nicht genau, wie es weitergehen soll und was ich tun werde, aber eines ist sicher – ich werde dem Namen Rhodan keine Schande machen. Das verspreche ich.

Herzliche Grüße

Mike



1

Terrania-City,

Büro des Großadministrators,

Regelmäßige Führungsbesprechung

15. Oktober 2430, 10.00 Uhr


Ich vermute, es gibt schlechte Nachrichten.“

Perry Rhodan blickte sich im Kreis seiner Getreuen um, die sich um den großen Besprechungstisch in seinem Büro versammelt hatten. Die ernsten Gesichter rundherum verrieten ihm schon genug. Sein Gesicht war nach außen hin beherrscht, aber jeder der ihn kannte, merkte wie es in ihm brodelte – und diese Getreuen kannten ihn sehr genau, schon seit Jahrhunderten!

Reginald Bull, der Staatsmarschall des Solaren Imperiums, sein Stellvertreter, genannt Bully – mit hochroten Gesicht, die roten Haare standen in Form einer Bürste von seinem Kopf ab, ein sicheres Zeichen seiner Erregung; Solarmarschall Allan D. Mercant, der Chef der Solaren Abwehr – ein kleiner, unscheinbarer Mann mit schütterem Haarkranz, dessen Gesicht nichts von seinen Gefühlen verriet; Solarmarschall Homer G. Adams, der Finanzminister des Solaren Imperiums, klein, schmächtig, ein Finanzexperte, wie er seit Jahrhunderten nicht noch einmal geboren worden war mit ebenso ausdruckslosem Gesicht – sowie der Arkonide Atlan, Regierender Lordadmiral der USO, eines galaxisumspannenden Geheimdienstes, von dem sogar Solarmarschall Mercant zugab, im Vergleich schlechter abzuschneiden – er schaute Perry abwägend an, ohne sich zu äußern.

Keine Spur von Michael?“ fragte der weiter.

Kopfschütteln von allen Anwesenden antwortete ihm.

Mercant räusperte sich. „Ich beginne von vorne, Sir, damit wir alle noch einmal einen Gesamtüberblick bekommen. Die Spur Ihres Sohnes verliert sich im Prinzip schon hier auf dem Raumhafen. Michael ist am 19. Mai abends mit seiner eigenen Space-Jet vom Raumhafen Terrania-City gestartet. Er hat sich vorschriftsmäßig bei der Raumhafenkontrolle abgemeldet und als Ziel seines Fluges Ferrol im Wega-System angegeben. Nur ist er dort niemals angekommen. Es ist lediglich bekannt, dass er direkt nach Überfliegen der Terra-Luna-Sicherheitszone in den Linearraum ging und die Jet nirgends wieder auftauchte.“

Perry winkte ab. „Eine solche Jet kann doch nicht einfach verschwinden. Es ist das modernste Modell aus der aktuellen Flottenfertigung. Die fällt auf, wenn sie irgendwo landet.“

Er hatte seinem Sohn Michael diese Space-Jet persönlich geschenkt zu seinem mit hervorragenden Noten bestandenen Abschluss als Kosmonaut und Ingenieur für Hochenergie-Maschinenbau.

Wenn sie irgendwo auf einem Raumhafen aufgetaucht wäre, Sir, ja.“ Mercant hob hilflos die Hände. „Wir müssen davon ausgehen, dass Michael sich im freien Raum mit einem größeren Schiff getroffen hat und dieses die Jet aufgenommen.“

Er schaute resignierend in die Runde. „Ich gebe es sehr ungern zu, aber ich bin mit meinen Möglichkeiten am Ende. Was die Vermutung nahelegt, dass Michael sein ‚Verschwinden‘ von langer Hand geplant hatte.“

Es hörte sich endgültig an. Jeder erkannte, dass Allan D. Mercant nur auf Drängen des Großadministrators überhaupt eine Suche nach Michael Rhodan eingeleitet hatte, dass seine eigene Meinung wahrscheinlich etwas anders aussah.

Wir hätten dann wohl nur noch die Möglichkeit einer galaxisweiten Fahnung“, flüsterte Perry. „Das werde ich meinem Sohn niemals antun, öffentlich gesucht zu werden wie ein Verbrecher.“

Oh, schau an“, meldete Atlan sich zu Wort. „Das erste vernünftige Wort, das ich in dieser Angelegenheit höre.“

Perry warf ihm einen bitterbösen Blick zu.

Als nächster ergriff Reginald Bull das Wort.

Alle entsprechenden Suchmeldungen in der Presse blieben ebenfalls erfolglos. Einige vage Hinweise haben sich als nicht zutreffend erwiesen. Da waren wohl einige auf die ausgesetzte Belohnung aus.“

Über Monate nach seinem Verschwinden hatte Perry Rhodan versucht, den Sohn über Suchmeldungen in allen Medien zu finden. Das Bild von Michael war immer wieder in den Nachrichtensendungen aufgetaucht.

Die Bankgeschäfte von Michael aus den letzten Wochen und Monaten vor seinem Verschwinden haben auch keine Spur ergeben“, ergänzte Homer G. Adams.

Perrys Gesichtsausdruck wurden immer trauriger. Wenn ein Finanzexperte wie Adams sagte, er hätte keine Spuren finden können, dann musste er davon ausgehen, dass es auch keine gab.

Jeder wusste, wie Perry unter dem Verlust seines Sohnes litt. Er war der Meinung, dass Michael jede Freiheit gehabt hatte und auch weiterhin hätte haben können. Nur schwer konnte er verstehen, dass er selbst und sein Name es waren, was Michael immer bedrückte, seit frühester Kindheit kämpfte er gegen die Macht des Namens „Rhodan“, wie er sich selbst ausdrückte. Dabei wollte er nur er selbst sein, sich beweisen, dass er auch ohne den Vorteil dieses berühmten Namens etwas erreichen konnte.

Dann ist es an der Zeit, dass ich meine Karten auf den Tisch lege“, sagte Atlan leise und eindringlich. Alle Blicke wendeten sich ihm zu. Jeder wusste, dass Atlan eine Suche nach Michael durch Agenten seiner USO schlichtweg abgelehnt hatte.

Zuerst einmal möchte ich betonen, dass ich selbstverständlich auch nicht weiß, wo Michael ist, wie er sich jetzt nennt und was er macht.“

Perry unterbrach den Freund nicht. Er lauschte nur.

Allerdings habe ich mehr als alle hier Anwesenden geahnt.“ – Gespannte Aufmerksamkeit in allen Gesichtern, aber niemand sagte ein Wort.

Michael musste sich für die Mentalstabilisierung meine Genehmigung einholen – ohne sie wird niemand operiert. Er hat mir bei dem Gespräch ganz offen gesagt, dass er die Absicht habe, nach dem Ende seines Studiums von zu Hause wegzugehen und zu versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen. Natürlich habe ich versucht, ihn umzustimmen und ihn daran erinnert, dass innerhalb des Imperiums große Aufgaben auf ihn warten – aber er hatte seine Entscheidung schon getroffen und war nicht davon abzubringen.“

Man hätte in dem Raum eine Stecknadel fallen hören können, so still war es plötzlich. Niemand traute sich, Perry anzublicken, der den Arkoniden mit großen Augen musterte.

Du hast“, brachte er mühsam hervor, „gewusst, dass Mike sich absetzen will – und mir nichts davon gesagt?“ Anscheinend konnte er nicht glauben, was er gerade hörte.

Ja und?“, konterte Atlan. Was hättest du machen wollen, wenn ich es dir gesagt hätte? Du hättest ihn nicht aufhalten können. Außerdem wusste ich nur, dass er gehen wollte, aber nicht wann. Hättest du ihn einsperren wollen, Freund?“

Natürlich nicht. Aber ich hätte gerne noch einmal mit ihm geredet, versucht, ihn davon abzubringen.“

Genau das hat auch Michael befürchtet. Deshalb ist er einfach so gegangen und hat dir nur den Brief hinterlassen. Er hat darin doch geschrieben, dass er sich davor fürchtete, dass du ihn mit deiner Überredungskunst von seinen Plänen abbringen könntest.

Was wäre aus Mike geworden, wenn dir das gelungen wäre? Mit Sicherheit wäre er unglücklich geworden. Und möchtest du einen unglücklichen Sohn?“

Perry schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Aber er hätte doch zumindest noch einmal mit mir reden können.“

Genau das wollte er nicht, kleiner Barbar. Kannst du nicht mehr lesen? Wir alle verstehen dich und deine Gefühle. Aber wir sollten auch Michael verstehen. Ich habe ihm klar zu verstehen gegeben, dass ich seine Entscheidung nicht gut heiße, aber dass ich sie akzeptiere. Genauso sollten wir alle es halten. Und deshalb habe ich eine Beteiligung der USO an der Suchaktion abgelehnt.“

Der Arkonide blickte in die Runde. Die anderen Männer nickten bestätigend. Sogar der sonst so temperamentvolle Bully sparte sich den Kommentar.

Michael musste mir ein Versprechen geben“, fuhr Atlan fort. „Er musste mir bei allem, was ihm heilig ist schwören, niemals gegen die Menschheit zu arbeiten. Dieser Schwur reicht mir aus, auch heute noch.“

Atlan verschränkte die Hände vor der Brust und deutete damit an, dass er nichts weiter zu sagen hatte.

Mercant ergriff noch einmal das Wort. „Bitte, Sir, lassen Sie es ebenfalls dabei bewenden. Ich habe ein gutes Gefühl. Michael wird seinen Weg machen und wenn er wieder auftaucht, können Sie mit Sicherheit stolz auf ihn sein. Wir alle kennen den Jungen seit frühester Kindheit und wissen, wozu er fähig ist.“

Perry überlegte einen Moment, dann sagte er mit leiser Stimme: „Jedenfalls dürfte jetzt klar sein, warum er den Ausbildungslehrgang bei der USO vor zwei Jahren unbedingt machen wollte und auf der Mentalstabilisierung bestanden hat. Das gehörte alles zu seinen Vorbereitungen. Wann mag er sich zu diesem Schritt entschieden haben?“

Vermutlich schon vor einigen Jahren“, gab Atlan zu. „Wenn ich es jetzt überdenke, gab es genug Anzeichen, aber niemand von uns hat sie zur Kenntnis genommen. Das ist unser Fehler, wir haben deinen Sohn ganz gewaltig unterschätzt – sogar ich, obwohl ich sehr viel mit ihm zu tun hatte.“

Niemand sagte mehr etwas dazu. Eine Weile breitete sich Stille aus. Bis Perry Rhodan sich räusperte und meinte: „Also wenden wir uns dem aktuellen Tagesgeschäft zu.“ Jeder merkte, wie schwer ihm das fiel.

Allan D. Mercant sortierte einige Folien, die er vor sich liegen hatte.

Da wäre das Thema der Freihändler“, begann er.

Perry verzog missbilligend das Gesicht. Die Freihändler waren ihm schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Er, der immer nur das Wohl für „seine“ Menschheit im Auge hatte, befürchtete, dass die Freihändler vielleicht eines Tages zu einer Gefahr für diese Menschheit werden könnten, weil sie sich nicht in das Imperium eingliedern ließen. Mit Sorge sah er die Qualifikation ihrer Raumfahrer. Deshalb ließ er sie von der Abwehr „vorsichtig“ überwachen.

Lordadmiral Atlan sah das zwar nicht ganz so hart – er hatte im Prinzip nichts gegen eine vom Imperium unabhängige Händlerorganisation. Trotzdem war er vorsichtig und hatte genau wie die Abwehr zahlreiche USO-Spezialisten im Einsatz. Die Aktivitäten zwischen Abwehr und USO verliefen genau koordiniert. Sie hatten ihre Agenten auch in großen Firmen, die mit den Freihändlern sympathisierten, wie z.B. in der Großwerft des Reeders Imman Coledo. Der gehörte sogar zum privaten Bekanntenkreis der Familie Rhodan. Da er sich als Hobbypsychologe betätigte und ein sehr gutes Einfühlungsvermögen für Menschen besaß, hatte er bei so einigen Alleingängen von Michael Rhodan während dessen Jugendzeit positiv auf ihn einwirken können. Dafür war insbesondere Perry ihm sehr dankbar.

Obwohl er die Freihändler belieferte, bekam er auch Aufträge der Solaren Flotte. Coledo war dafür bekannt, dass er absolut loyal zum Solaren Imperium stand und Diskretion jedem Kunden gegenüber für ihn selbstverständlich war.

Berichten Sie bitte, Allan“, forderte Perry seinen Abwehrchef auf.

Imman Coledo hat im Moment große Sorgen mit einem Auftrag der Freihändler.“

Der Abwehrchef schien die Gedanken des Großadministrators geahnt zu haben.

In der Runde herrschte ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Freihändler waren in den letzten Monaten – eigentlich seit dem Sommer des Jahres – immer wieder ein Thema in ihren regelmäßigen Besprechungen.

Zum Glück weiß Coledo nichts davon, dass wir einige Agenten bei ihm haben.“ Mercant tauschte ein verschwörerisches Grinsen mit Atlan aus, der nur anzüglich lächelte. „Unter anderem sind sein Chefingenieur und seine persönliche Sekretärin Agenten von mir. Hin und wieder braucht auch ein Mann wie Mr. Coledo einen Menschen zum Reden. Er schätzt seine Sekretärin und vertraut ihr uneingeschränkt. - Jedenfalls hat er im Moment einen Großauftrag von den Freihändlern, 500 Schiffe der 200- und 500-Meter-Klasse, alles Standardanfertigungen.“

Niemand unterbrach den Abwehrchef bei seinem Bericht.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Umfang des Auftrages. Das würde mit den uns bekannten Zahlen die Flotte der Freihändler auf einen Schlag auf ca. 1.500 Schiffe erhöhen. Zahlungsschwierigkeiten sind nicht zu erwarten, die Schiffe sind schon zur Hälfte bezahlt worden. Die normalen Konditionen von Coledo für private Handelsgesellschaften: die Hälfte bei Auftragserteilung, die andere Hälfte bei Übernahme der Schiffe. Das Geschäft ist wie üblich über die bekannten Konten der Freihändler abgewickelt worden.“

An dieser Stelle hakte Homer G. Adams ein, mit einem Gesicht, als ob er auf eine Zitrone gebissen habe. „Leider muss ich diesmal einen Misserfolg gestehen, Sir.“ Er schluckte hart, weil ihn das persönlich in seiner Ehre traf. „Ein Teil der Gelder stammt aus den bekannten Rücklagen der Freihändler und aus den an die Organisation abgeführten Gewinnprozenten der Kapitäne. Der restliche Teil stammt anscheinend aus großzügigen Sponsorengeldern unbekannter Herkunft. Es ist nicht zurückzuverfolgen. Hier waren absolute Profis am Werk. Das lässt aus meiner Sicht nur den Schluss zu, dass die Freihändler Unterstützung von einflussreicher Seite erhalten haben. – Es tut mir sehr leid, Sir.“

Bullys Gesicht wurde noch roter, Perry riss die Augen weit auf und Atlans rotgoldene Arkonidenaugen begannen zu tränen, bei ihm ein Zeichen hochgradiger Erregung.

Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, Homer“, beruhigte Perry den Finanzchef. „Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken befassen, dass es inzwischen einflussreiche Menschen gibt, die die Freihändler unterstützen – oder sogar andere Völker.“

Atlan schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Wenn die Freihändler mit anderen Völkern sympathisieren würden, wären diese auch an Bord ihrer Schiffe vertreten. Dort gibt es aber nur Terraner und terranische Kolonisten. Das konnten wir inzwischen eindeutig feststellen.“

Mercant fuhr ungerührt fort: „Ablieferungstermin für die Schiffe ist im Februar nächsten Jahres – bis auf eines. Das bereitet Coledo so große Sorgen, er soll es nämlich schon in drei Wochen fertig haben – eine Sonderanfertigung. Kugelzelle von 850 Metern Durchmesser mit einigen zusätzlichen Beibooten, alles im erlaubten Rahmen. Die Konstruktionspläne wurden mit der Auftragserteilung geliefert. Nach Ansicht des Chefingenieurs sind das exakt ausgearbeitete Pläne, wie sie von unseren Ingenieuren nicht besser entwickelt werden könnten.

Mit der Auftragserteilung wurde Coledo von Kaiser Boscyk davon unterrichtet, dass zukünftig nicht mehr er selbst sein Ansprechpartner bei den Freihändlern wäre, sondern sein neuer Stellvertreter, ein gewisser Fürst Roi Danton. Er selbst würde sich in Zukunft mehr repräsentativen Aufgaben zuwenden, was immer das auch heißen mag.

Für Fürst Danton persönlich ist auch das Schiff mit der 850-Meter-Zelle. Er holt es mit einer kleinen Überführungsmannschaft ab. Coledo hat den Termin unbedingt zu halten, weil Danton das Schiff braucht. Erforderliche Überstunden würden von Danton mit den tariflichen Zuschlägen vergütet.

Der Reeder kennt diesen neuen Fürsten bisher auch nicht. Daher war er natürlich neugierig und hat Boscyk nach ihm ausgefragt. Demnach soll Roi Danton Mitte zwanzig sein, nach Meinung von Boscyk außergewöhnlich talentiert. Sonst hätte er ihn nicht zu seinem Stellvertreter gemacht, obwohl er erst seit ein paar Monaten bei den Freihändlern ist. Zusätzlich hat er Coledo noch gewarnt. Der soll sich nicht schockieren lassen von Danton, weil dieser Fürst ein geradezu unmögliches und sogar unverschämtes Benehmen an den Tag legen soll.“

Mercant beendete seinen Vortrag und blickte sich in dem kleinen Kreis um. Atlan ergriff zuerst das Wort. Ihm, der die Geschichte Terras kannte wie kein zweiter, war sofort etwas aufgefallen.

Dieser Fürst Danton scheint eine ganz besondere Beziehung zur terranischen Frühgeschichte zu haben.“

Perry lächelte. Er hatte eine Idee, worauf sein Freund hinaus wollte.

Sein Vorname“, fuhr Atlan fort“, „heißt aus dem Französischen übersetzt nichts anderes als ‚König’ und sein Name Danton ist der Name eines französischen Revolutionärs, der später selbst ein Opfer der eigenen Revolution wurde. Man sagte damals: ‚Die Revolution frisst ihre Kinder.’ Ich habe es dank meiner technischen Möglichkeiten in diesen Jahren geschafft, viele Adlige vor dem Terror zu retten und außer Landes zu bringen.“ Er lächelte versonnen vor sich hin.

Könnte es sein, dass Danton von Anfang an vorhatte, in die Führungsspitze der Freihändler einzudringen?“, fragte Bully. „Wenn man sich gleich mit dem Namen ‚König’ einführt, liegt das doch nahe.“

Mercant nickte. „Ich halte es durchaus für möglich. Bisher wissen wir über Fürst Danton allerdings gar nichts, wir haben noch nicht einmal einen Ansatzpunkt. Deshalb schlage ich vor, dass wir den Besuch von Danton bei Coledo abwarten. Danach wissen wir mehr, um die nötigen Entscheidungen treffen zu können.“

Wir werden uns auf jeden Fall noch näher mit Danton zu befassen haben“, ergänzte Atlan. „Allem Anschein nach ist er aus dem Nichts aufgetaucht mit ein paar beachtlichen Trümpfen im Ärmel. Ich vermute, dass die so plötzlich aus dem Nichts aufgetauchten Sponsorengelder mit ihm zu tun haben. Die Freihändler werden augenblicklich von einflussreichen Leuten unterstützt, und ich wüsste gerne von wem.“

Dazu gab es nichts mehr zu ergänzen und kurze Zeit später lief die gewaltige Maschinerie von Abwehr und USO an und verschlang beachtliche Kosten. Das alles wäre unnötig gewesen, wenn nur einer der führenden Männer auf eine einzige Idee gekommen wäre …


**********


Zur gleichen Zeit:

Der Zentralplanet der Freihändler war von seinem Entdecker Lovely Boscyk Olymp genannt worden und umlief als zweiter Planet die blass rote Zwergsonne Boscyks Stern. Die Entfernung zur Erde betrug 6.300 Lichtjahre.

Trade-City war die einzige Stadt, die die Freihändler auf dem Planeten errichtet hatten. Ansonsten war der Planet in seinem Urzustand mit ausgedehnter Dschungelvegetation belassen worden.

In einem kleinen Büro im Verwaltungsgebäude des Raumhafens saßen sich zwei Männer gegenüber und schauten aus dem Fenster zu, wie gerade ein 500-Meter-Raumer der Freihändlerflotte landete.

Da sind sie“, meinte der ältere der beiden, ein ca. 50-jähriger Mann. „Meine CHRISTOPH KOLUMBUS. Das war ihr letzter Flug in meinem Auftrag. Ein schönes Schiff mit einer zuverlässigen Mannschaft.“

Kaiser Lovely Boscyk, der Gründer und Befehlshaber der Freihändler war ein großer, kräftiger Mann mit ausdrucksvollem Gesicht. Gekleidet war er nach der Tradition der Freihändler in ein historisches Kostüm. Er sah aus, als ob er der wilden Seefahrerepoche der englischen Königin Elizabeth I. entsprungen war. „Es reicht jetzt für mich. Ich habe den Raum genug durchstreift auf der Jagd nach Geschäften. Nun möchte ich mich nur noch den repräsentativen Aufgaben widmen und ansonsten meinen Liebhabereien leben. Seitdem meine Frau Doora nicht mehr lebt, macht mir das Händlerleben nicht mehr die Freude wie früher. Es wird Zeit, dass du die Zügel übernimmst, Mike.“

Sein Gegenüber, ein junger Mann mit schulterlangem schwarzem Lockenhaar, nickte. Er heute nicht sein Kostüm, das ihn innerhalb von ein paar Monaten als Roi Danton bekannt und auch berüchtigt gemacht hatte.

Unter seiner einfachen dunkelblauen Kombination zeichnete sich eine durchtrainierte Muskulatur ab, die Körperhaltung war straff und kontrolliert. Sein Gesicht wirkte offen und ehrlich und war auf männliche Art und Weise hübsch, am auffälligsten waren die ausdrucksvollen nachtblauen Augen.

Pass auf dich auf, Lovely. Er hat noch niemandem gut getan, sich völlig zurückzuziehen und nichts mehr zu tun. Ich möchte nicht erleben, dass du krank wirst.“

Boscyk lächelte. „Danke, deine Sorge tut mir gut, aber sei sicher, ich weiß, was ich tue. Mein Leben wird nicht leer sein, es gibt genug repräsentative Aufgaben für mich. Ich möchte lediglich die Verantwortung auf die Schultern eines Jüngeren legen. Und mit dir habe ich den Richtigen dafür gefunden.“

Jetzt lächelte auch der junge Mann. „Danke für dein Vertrauen und dafür, dass du immer versucht hast, mir den Vater zu ersetzen, ohne dich aufzudrängen.“

Boscyk musterte sein Gegenüber mit warmen Blicken. Er schätzte den jungen Mann und er war ihm lieb geworden wie ein eigener Sohn, den er nicht hatte.

Ich habe nur versucht, mich in deinen Vater hineinzuversetzen, wie er sich fühlen muss, weil ihm der einzige Sohn davongelaufen ist.“

Das versuche ich auch – aber ich darf meine Ziele nicht aus den Augen verlieren, sonst hätte ich gleich zu Hause bleiben können.“

Bei diesen Worten verhärtete sich das Gesicht des Mannes.

Ja“, Boscyck seufzte. „Willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen und zumindest den Beiräten gegenüber deine wahre Identität offenbaren? Du hättest es dann sehr viel leichter.“

Nein“, kam es eiskalt zurück. Die Beiräte waren von Anfang an ein Problem für ihn gewesen. Sie hatten bisher unter der Regie von Kaiser Boscyk die Freihändler geführt – bis er im Mai „aus dem Nichts“ aufgetaucht war und dem Kaiser einen Fünfjahres-Plan zur Reorganisation der Freihändler vorgelegt hatte, der diese nach dem Solaren Imperium zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Galaxis machen sollte. Boscyk hatte ihn sofort angenommen hatte, weil er keine Fragen offen ließ. Die Beiräte sahen mit diesem Plan ihren Einfluss schwinden und misstrauten dem jungen Mann, von dem niemand wusste, wer er wirklich war.

Sicherlich könnte ich es dann leichter haben, aber dann würde ich schon zu Anfang gleich gegen meine Prinzipien verstoßen, es allein ohne die Zauberwirkung des Namens Rhodan zu schaffen. Außerdem möchte ich nicht das geringste Risiko eingehen. Nicht, dass ich glaube, die Beiräte würden mich bewusst verraten, aber wie leicht kommt es zu Versprechern oder ähnlichem. Je weniger davon wissen, dass ich der Sohn Perry Rhodans bin, desto besser.“

Boscyk nickte versonnen. „Mir hast du dich gleich anvertraut …“

Michael Rhodan lachte ihn offen an. „Vertrauen gegen Vertrauen. Du hast mir auch gleich vertraut und den Plan angenommen.“

Ein leicht wehmütiges Gefühl beschlich ihn. Freifahrerromantik - charmante Gauner – ein freies, abenteuerliches Leben – die ersten Illusionen aus seiner Jugend hatte er schon begraben müssen. Die Führung der Freihändler, die Beiräte – das waren knallharte Wirtschaftsbosse, die teilweise skrupellos handelten. Genau das wollte Michael ändern. Geschäfte unter der Prämisse „Glasperlen für Howalgonium“ würde es bei ihm nicht mehr geben. Er würde darauf achten, dass auch auf Primitivplaneten die Einwohner nicht mehr von den Freihändlern übervorteilt und mit Würde und Respekt behandelt wurden.

Du willst mir also tatsächlich deine Mannschaft und dein Schiff anvertrauen?“

Boscyk zuckte nur die Schultern. „Befehlen kann ich es ihnen natürlich nicht. Aber sie müssten sich sonst entweder zur Ruhe setzen oder mit anderen Fürsten fliegen. Ich werde ihnen vorschlagen, zukünftig mit dir zu fliegen und denke, dass alle annehmen werden, schon weil sie dann zusammenbleiben können. Du bist für sie der Garant für Gewinne und Abenteuer – genau das, was sie wollen. Mit den 300 Besatzungsmitgliedern hast du den Kern für eine hervorragende Mannschaft. Den Rest wirst du dir selbst besorgen müssen. Wie wirst du jetzt weiter vorgehen?“

Zuerst einmal wie vorgesehen zusammen mit dir das Gespräch mit den Edelmännern deiner Mannschaft führen. Dann werden wir ja sehen, wie viele mir folgen.“

Alle.“

Warten wir es ab.“ Michael war Realist und wollte nicht vorgreifen. „Wenn mir alle oder der größte Teil folgen, werde ich in drei Wochen mit der CHRISTOPH KOLUMBUS zur Erde fliegen, um bei Imman Coledo mein neues Schiff abzuholen.“

Wenn er es fertig hat.“

Er hat. Ich kenne Mr. Coledo persönlich. Er wird rund um die Uhr arbeiten lassen. Ich brauche das Schiff zum Termin, weil auch ich einen Termin einhalten muss. Im freien Raum wird das Schiff von einer Werftbesatzung übernommen und die KOLUMBUS und die Mannschaft kehren nach Olymp zurück. Das neue Schiff wird auf einem bestimmten Planeten mit Transformkanonen, HÜ-Schirmen und anderen netten Dingen nachgerüstet.

Ich fliege von dort nach Plophos und komme nach der Hochzeit meiner Schwester hierher.

Das neue Schiff wird Anfang des nächsten Jahres fertig aufgerüstet sein. Solange soll die KOLUMBUS das Flaggschiff der Freihändlerflotte sein.“

Boscyk wusste, dass Michael auch vor ihm gewisse Geheimnisse für sich behielt. Deshalb fragte er nicht näher nach den Transformkanonen und den Umständen der Nachrüstung.

Riskierst du nicht, dabei auf deinen Vater oder Atlan zu treffen?“

Nein.“ Michaels Stimme war die Bitterkeit deutlich anzuhören. „Mein Vater verweigert weiterhin die Einwilligung zur Ehe meiner Schwester mit Dr. Geoffry Abel Waringer. Er mag ihn nicht und hält ihn für einen Phantasten. In meinen Augen ist er ein hyperphysikalisches Genie.“

Der dein Schiff nachrüstet“, kombinierte Boscyk. Michael schaute angelegentlich zur Decke und ging nicht auf die Bemerkung ein. Boscyk grinste. Schließlich konnte er denken und die Kombination lag nahe.

Das Risiko muss ich eingehen“, fuhr Michael fort, als ob er den Einwurf nicht gehört hätte. Auf jeden Fall werde ich Plophos nicht als Michael Rhodan anfliegen sondern als Freihändler Roi Danton. Da Vater die Einwilligung verweigert, heiratet sie in aller Stille. Nur Mutter weiß davon, sie wird es Vater mit Sicherheit nicht verraten.“

Eine schwere Situation für deine Mutter. So weit ich weiß, liebt sie deinen Vater abgöttisch und muss nun einen Drahtseilakt zwischen ihm und ihren Kindern vollbringen.“

Seine Schuld“, wehrte Michael ungewöhnlich hart ab. „Ohne seine verdammte Sturheit wäre alles sehr viel einfacher. Er ist es, der Mutter weh tut, nicht wir.“

Boscyk stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wenn du mich brauchst, bin ich immer für dich da Mike. Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du einen Rat brauchst.“

Das weiß ich zu schätzen, Lovely.“

Er straffte sich und stand auf. „Aber nun lass uns nicht wehmütig werden, wir haben anderes zu tun“, schüttelte er den Anflug der Traurigkeit ab. „Wann werden wir an Bord der KOLUMBUS erwartet?“

Sobald wir wollen. Ich habe den Stellvertretenden Kommandanten Rasto Hims wissen lassen, dass die Mannschaft an Bord bleiben und die Edelmänner sich gleich nach der Landung in der Zentrale einfinden sollen, weil ich sie mit meinem Stellvertreter aufsuchen werde. Bisher wissen sie noch nichts davon, dass das der letzte Flug der KOLUMBUS für mich war.“

Dann sollten wir es nicht länger hinausschieben.

Boscyk musterte Michael eingehend. Er befürwortete seine Entscheidung, den Männern beim ersten Kennenlernen nicht im Kostüm des Stutzers Roi Danton gegenüberzutreten, sondern so wie er war. Die Männer mussten eine Chance haben, ihn richtig einzuschätzen. Umso leichter würden sie später mitziehen, wenn er im Kostüm und mit seinem unmöglichen Benehmen, auf dem der Großteil seiner Tarnung beruhte, offiziell anderen gegenüber auftrat.

Hast du schon einen Namen für dein neues Schiff?“

Ja, FRANCIS DRAKE, nach dem Piraten einer großartigen terranischen Königin des vorkosmischen Zeitalters.“

 

**********

Michael Rhodan alias Roi Danton war genauso fasziniert wie schockiert, als er an der Seite von Kaiser Boscyk die CHRISTOPH KOLUMBUS betrat. Fasziniert war er von der Herzlichkeit, mit der die Freihändler ihren Kaiser begrüßten. Es war sofort zu merken, dass sie alle gerne für ihn flogen. Schockiert war er dagegen über die Disziplinlosigkeit, die überall herrschte.

Dass die Freihändler es mit der Disziplin nicht so streng nahmen wie es in der Flotte und der USO üblich war, wusste er schon länger. Das hatte ihn in früheren Jahren so sehr fasziniert. Inzwischen war er älter, hatte eine sehr gute und sehr harte militärische Ausbildung durchlaufen und sah gewisse Dinge anders als ein romantischer und abenteuerlustiger Jugendlicher. Abenteuerlustig, draufgängerisch und mit sehr großem persönlichem Mut ausgestattet war er immer noch. Er beabsichtigte nicht, die strenge Disziplin der Flotte auf den Schiffen der Freihändler einzuführen. Aber es gab auch für ihn Grenzen, auf deren Einhaltung er bestehen musste, wenn er Erfolg haben wollte. Dazu gehörte, dass gefährliche Nachlässigkeiten wie das Herumstehen von aktivierten Arbeitsrobotern im Weg genauso unterblieben wie ein Herumlungern auf den Gängen des Schiffes, dafür gab es die vorgesehenen Freizeitbereiche.

Was habe ich erwartet?, fragte er sich selbst. Die Freihändler sind ein undisziplinierter Haufen. Sie sind nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl zu führen. Also dann …

In der Zentrale wurden sie von den Edelmännern des Schiffes erwartet. Einer sah wilder aus als der andere, und niemand schien es für erforderlich zu halten, bei ihrem Eintritt aufzustehen. Roi dachte amüsiert daran, wie wohl manche Kommandanten der Flotte auf ein derartiges Benehmen reagieren würden.

Er sah sich kurz in der Zentrale um. Sie hatte die auf Handelsschiffen übliche Aufteilung und die entsprechenden Instrumente. Das würde sich in Zukunft ändern. Die neuen Schiffe, die auf der Coledo-Werft gebaut wurden, bekamen kriegsschiffsmäßige Ortungs- und Funkanlagen, allerdings keine Transformkanonen und HÜ-Projektoren. Die sah sein Plan nur für sein eigenes Schiff vor. Er war kein Verräter am Solaren Imperium, wollte ebenso die Freihändler nicht gefährden. Transformkanonen und HÜ-Schirme waren für alle Raumschiffe außerhalb von Flotte und USO streng verboten. Ein Kapitän, der damit angetroffen wurde, riskierte eine mehrjährige Haftstrafe. Das Solare Imperium verstand keinen Spaß, wenn Privatleute mit seinen mächtigsten Waffen durchs All flogen.

Der Stellvertretende Kommandant der KOLUMBUS, ein umweltangepasster Epsaler, nur 1,60 Meter hoch, aber ebenso breit gebaut, grinste seinen Kommandanten und Kaiser breit an und bot mit einer einladenden Geste Plätze für ihn und Roi an.

Während Hims dem Kaiser Bericht erstattete über ihren Flug, blickte Roi sich unauffällig um. Niemandem fielen seine prüfenden Blicke auf. Alle waren mit Boscyk beschäftigt. Blitzschnell hatte Roi sich seine Taktik für das kommende Gespräch zurechtgelegt. Ihm fiel sofort auf, dass der Bericht von Hims sachlich fundiert und ohne Ausschweifungen vorgetragen wurde. Der Mann schien seine Sache zu verstehen.

Den angebotenen Kaffee nahm Roi gerne an, den dazu gereichten Rum lehnte er mit einem Stirnrunzeln ab. Erstens machte er sich nicht viel aus Alkohol, zweitens war Alkohol im Dienst für ihn nicht tolerabel.

Nachdem Hims seinen Bericht beendet hatte, tauschte Boscyk einen kurzen Blick mit Roi.

Danke für den Bericht, Edelmann Hims. Ich habe eine wichtige Neuigkeit für Sie. Wie Sie bereits wissen, trage ich mich schon länger mit dem Gedanken, mich ins Privatleben zurückzuziehen, sobald ich einen geeigneten Nachfolger gefunden habe. Diesen Nachfolger sehen Sie hier neben mir, Roi Danton.“

Die Edelmänner, die bisher auf ihren Sitzen lümmelten, setzten sich gerade hin. Sie kannten Roi Danton bereits vom Sehen. Näheres wussten sie aber nicht über ihn - nur, dass seine Herkunft im Dunkeln lag und er es geschafft hatte, das schon sprichwörtliche Misstrauen ihres Kaisers auf Anhieb auszuräumen. Bisher hatten sie allerdings nichts mit ihm zu tun gehabt. Das schien nun vorbei zu sein.

Boscyk entging die Reaktion seiner Männer nicht.

Für Sie heißt das, dass die CHRISTOPH KOLUMBUS an Roi Danton übergeht, mit allen Rechten und Pflichten. Ob Sie unter Fürst Danton weiterfliegen, sich bei anderen Fürsten verdingen oder zur Ruhe setzen, bleibt Ihnen überlassen. Auf jeden Fall danke ich Ihnen für die schönen Jahre, die wir zusammen im Weltraum verbracht haben.“

Seiner Eröffnung folgte totale Stille. Niemand sagte etwas, dann stand Hims auf, ging zu Boscyk und gab ihm schweigend die Hand. Roi meinte, in seinen Augenwinkeln den Anflug von Tränen zu erkennen.

Einer nach dem anderen folgte dem Stellvertretenden Kommandanten. Kein Wort fiel dabei, aber Roi spürte die sondierenden Blicke der Männer wie Nadelstiche. Von ihrem ungehörigen Benehmen ließ er sich nicht täuschen. Sein Urteil stand fest. Er hatte es hier mit Fachmännern ersten Ranges zu tun, die bisher auf den Kaiser eingeschworen waren. Wenn er sie für sich gewinnen konnte, hatte er den Stamm einer Elitemannschaft. Misslang ihm das, würden sie ihm das Leben höllisch schwer machen. Er musste gleich von Anfang an für Tatsachen sorgen und diejenigen aussortieren, die nicht hundertprozentig zu ihm standen.

Boscyk war die Rührung ebenso anzumerken wie seinen Männern. Roi störte sie nicht, sondern beobachtete nur interessiert. Ihm entging keine Kleinigkeit.

Als alle wieder saßen, begann Roi. Er stand auf, damit ihn alle besser sehen konnten. Dabei bemerkte er, dass besonders Rasto Hims ihn abschätzend musterte. Der Stellvertretende Kommandant schien seine Stellung nicht nur dem Namen nach zu haben, die anderen Männer hielten sich zurück und überließen ihm den Vortritt.

Sie haben den Kaiser gehört. Dem schließe ich mich an. Sie alle und jeder Bauer sollen frei entscheiden, ob Sie mit mir fliegen wollen oder nicht. Da ich von Kaiser Boscyk vernommen habe, dass Sie eine aufeinander eingespielte Mannschaft sind, würde ich Sie gerne alle unter meinem Kommando sehen – aber es ist Ihre eigene Entscheidung.“

Er machte eine wohlüberlegte Pause und wartete die Reaktion der Edelmänner ab.

Was bieten Sie uns, Kommandant, und vor allen Dingen, was erwarten Sie von uns?“ Rasto Hims brachte die wichtigen Fragen direkt auf den Punkt. Sein Blick hielt dem der nachtblauen Augen Rois stand. Der hatte bewusst darauf verzichtet, seine auffälligen Augen durch farbige Kontaktlinsen zu verstecken, sondern nur seine von Natur aus rotblonden Haare schwarz gefärbt und sie bis auf die Schultern wachsen lassen. Er war sich bewusst, dass seine Augen ihn verraten konnten, aber nur an diejenigen, die ihn sehr genau kannten und ihm nahe gekommen waren. Und diese Gefahr bestand bei den Freihändlern nicht. Er wollte den direkten Augenkontakt zu seinem Gegenüber, nicht getrübt durch farbige Linsen.

Wenn er, wie er hoffte, den ersten Kontakt zu seinem Vater, Atlan oder anderen führenden Männern des Solaren Imperiums noch ein paar Jahre hinauszögern konnte, hatte seine Position sich bis dahin gefestigt und er hatte sich seinen eigenen Ruf aufgebaut. Dadurch würde die Gefahr eines Querdenkens von Roi Danton auf Michael Rhodan automatisch abnehmen.

Das ist schnell gesagt: abwechslungsreiche Reisen, abenteuerliches Freihändlerleben und gute Gewinnbeteiligungen. Dazu einen Kommandanten, der immer hinter ihnen steht. Genauso erwarte ich, dass Sie hinter mir stehen, egal ob wir auf Handelsreisen gehen oder in einen Kampfeinsatz fliegen.

Dazu werftneues Kriegsschiff, das die stärksten Schiffe der Solaren Flotte in den Schatten stellen wird.“

Die Männer merkten auf. Besonders Hims und ein Edelmann namens Tusin Randta, der Roi als 3. Kosmonautischer Offizier vorgestellt worden war, musterten ihn sehr aufmerksam. Roi Verdacht verstärkte sich immer mehr, dass zumindest diese beiden Männer bei der Flotte oder der USO waren, bevor sie sich den Freihändlern anschlossen.

Das hört sich gut an“, antwortete Hims vorsichtig. „Und Ihre Bedingungen?“

Rois Gesicht wurde hart, seine Augen glitzerten. Jedem Anwesenden war klar, dass er auf seinen Forderungen bestehen würde.

Disziplin. Nachlässigkeiten oder Alkohol während der Dienstzeiten, wozu auch Restalkohol zählt, dulde ich nicht. Ich verlange absolute Loyalität Ihrem Kommandanten, also mir gegenüber, egal in welcher Situation.“

Es wurde in der Zentrale so still, dass man eine Stecknadel hätten fallen hören können. Lovely Boscyk äußerte sich auch nicht, er beobachtete nur, genauso wie Roi.

Hims brach als Erster die Stille. „Flottendisziplin?“, fragte er gedehnt.

Roi überlegte blitzschnell. Ihm kam eine Idee und er entschloss sich, sie sofort zu testen.

Eine vernünftige Disziplin, wie ich sie für erforderlich halte. Ein Kriegsschiff, so wie es im Moment gebaut wird, lässt sich nicht ohne klare militärische Befehlsstrukturen beherrschen. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass ich überhaupt nichts von überzogenen Disziplinforderungen halte, die von gewissen Offizieren der Flotte verlangt werden und den Untergebenen absolut keinen Raum für eigene Initiative mehr erlauben. Dadurch sind schon genug Schiffe verloren gegangen mit die Besatzungen zu Tode gekommen. Ich erwarte von Ihnen sogar, dass Sie mitdenken!“

Hims und Randta schauten sich vielsagend an. Dann meinte der 3. Offizier langsam: „Edelmann Hims und ich sind unter dieser Sorte Offiziere bei der Solaren Flotte geflogen und haben genau deshalb den Dienst quittiert und sind Freihändler geworden. Wir möchten nicht wieder unter einem derartigen Kommandanten fliegen.“

Roi nickte vorsichtig. Seine Vermutung war also richtig. Deshalb auch die auffälligen Nachlässigkeiten, die er beim Weg in die Zentrale gesehen hatte. Es war ein bekanntes psychologisches Phänomen, dass Menschen, die unter überzogenen Disziplinarforderungen gelitten hatten und sich daraus befreit, erst einmal zum absoluten Gegenteil tendierten, d.h. ihrem persönlichen Schlendrian nachgingen.

Überlegen Sie sich Ihre Entscheidung gut. Wer mit mir fliegt, entscheidet sich für eine zukünftig eindeutig para-militärische Organisation, aber auch für das Abenteuer und für gute Gewinne.“

Er tauschte einen Blick mit Boscyk, der ihm zunickte, sich erhob, zur Rundrufanlage ging und sich in einer ergreifenden Rundsendung von seiner Mannschaft verabschiedete. Gleichzeitig stellte er Roi als neuen Kommandanten der CHRISTOPH KOLUMBUS vor.

Anschließend tauschte Roi den Platz mit ihm, stellte sich selbst vor und gab der Mannschaft fünf Tage Zeit, sich untereinander zu besprechen und sich zu entscheiden. Innerhalb dieser Frist bot er ihnen einen kurzen Probeflug „zum gegenseitigen Kennenlernen“ an. Wer ihn mitmachen wollte, sollte sich in zwei Tagen morgens um 9.00 Uhr Ortszeit auf seiner Manöverstation einfinden. Alle anderen hätten das Schiff in dieser Zeit zu verlassen. Er wollte keinen untätigen Zuschauer an Bord.

Ich erwarte, dass jeder der mitfliegen möchte, voll dienstfähig ist.“

Jeder wusste, was er damit meinte.

Roi beendete er die Verbindung, nickte den Edelmännern noch einmal zu und verließ die Zentrale. Kaiser Boscyk blieb noch zurück. Roi respektierte es, dass er sich zum Abschied allein mit seinen Edelmännern unterhalten wollte.

 

Fortsetzung: Teil 2


27.5.16 22:53, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 02

Lockruf der Freihändler - Teil 02


Der Testflug war für Roi Danton ein Erfolg auf ganzer Linie. Die Besatzung nahm vollständig daran teil, alle wollten den neuen Kommandanten kennen lernen.

Sie starteten, machten einige Linearetappen, Flugmanöver und Kampfübungen. Roi flog die CHRISTOPH KOLUMBUS entweder allein manuell oder zusammen mit dem Stellvertretenden Kommandanten Rasto Hims, weil er diesen besonders testen wollte. Sein erster Eindruck bestätigte sich. Rasto Hims war auch daran gemessen, dass Epsaler kosmonautische Naturtalente waren, herausragend.

Roi stellte fest, dass sämtliche Mannschaftsmitglieder der KOLUMBUS hervorragende Raumfahrer waren und reibungslos aufeinander eingespielt. Die Mannschaft gefiel ihm und er hoffte, dass sie sich komplett für ihn entschieden.

Er verstand jetzt immer besser, wieso sein Vater so schlecht auf die Freihändler zu sprechen war. Diese Spezialisten konnte auch die Flotte sehr gut gebrauchen – und so lange es die Freihändler gab, fehlten sie dort. Wenn seine weiteren Pläne Erfolg hatten, dann würden Flotte und USO zukünftig noch mehr ausgebildete Spezialisten fehlen.

Allein das sah er als eine Art friedlichen Konkurrenzkampf mit seinem Vater, den er auf jeden Fall für sich entscheiden wollte. Dabei würde er auf keinen Fall Raumfahrer abwerben, sondern nur für eine Verpflichtung bei den Freihändlern werben wie jede andere private Handelsgesellschaft.

Die bewundernden Blicke der Edelmänner in der Zentrale versuchte er zu ignorieren. Besonders Hims blickte ihn öfter anerkennend und überlegend an, als ob er etwas sagen wollte.

Als die KOLUMBUS wieder auf dem Raumhafen von Trade-City gelandet war und die Maschinen ausliefen, erhoben sich die Edelmänner in der Hauptzentrale und allen über Rundruf zugeschalteten Nebenzentralen und klatschten laut Beifall.

Roi freute sich zwar, weil er sicher sein konnte, dass dies keine Bevorzugung war, denn hier wusste niemand, wer er wirklich war, aber trotzdem berührte es ihn peinlich.

Ich muss wohl noch eine Menge lernen, dachte er sarkastisch bei sich, unter anderem auch ehrlich gemeinte Anerkennung genießen zu können.

Seitdem ich den Weltraum kenne, habe ich noch nie so einen Piloten erlebt wie Sie, Kommandant“, brachte Hims es auf den Punkt. „Ich glaube, Sie könnten es auch gut mit dem Großadministrator persönlich aufnehmen.“

Ein Stich durchfuhr Roi. War er wirklich so gut? Vielleicht … er erinnerte sich kurz an einen Flug mit Atlans IMPERATOR, als er seinen Vater bei einer Manöverübung etwas in Bedrängnis gebracht hatte.

Danke, Edelmann Hims“, antwortete er lächelnd. „Sie sind ebenfalls ein sehr guter Kosmonaut. Ich glaube, wir werden sehr gut harmonieren, falls Sie sich dazu entschließen, weiterhin mit mir zu fliegen.“

Hims tauschte kurze Blicke mit den anderen Edelmännern.

Kommandant, wir würden uns gerne in der großen Mannschaftsmesse mit den übrigen Mitgliedern der Besatzung besprechen und entscheiden. Ich glaube aber schon zu wissen, wie die Entscheidung ausfällt.“

Damit lächelte er Roi offen an. Der gab das Lächeln zurück. Er hatte ein gutes Gefühl.

Natürlich, Edelmann Hims. Sie finden mich in meinem Privatquartier.“

Damit stand Roi auf und verließ grüßend die Zentrale, um sich in die Kabinenflucht zu begeben, die er sich ausgesucht hatte. Er hatte darauf verzichtet, das alte Quartier von Lovely Boscyk zu bewohnen. Das erschien ihm respektlos.


**********


Eine Stunde später meldete sich Rasto Hims über Interkom bei ihm mit der Nachricht, dass die Mannschaft eine einstimmige Entscheidung getroffen habe. Roi überlegte einen Moment, ob er ihn zu sich bitten sollte, entschied sich dann aber doch dafür, die Zentrale aufzusuchen.

Sämtliche Edelmänner warteten am großen Kartentisch. Der Platz an der Kopfseite des Tisches war für ihn frei. Roi nahm die stumme Einladung ohne Zögern an und setzte sich.

Hims räusperte sich und begann: „Kommandant, die Mannschaft hat einstimmig entschieden, dass wir mit Ihnen fliegen möchten. Bei dem kurzen Probeflug haben wir gemerkt, dass wir zueinander passen, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind Ihre Leute und Sie können sich auf uns verlassen. Mehr haben wir dazu nicht zu sagen.“

Roi nickte ernst. Grenzenlose Erleichterung und auch ein wenig Stolz machten sich in ihm breit. Er hatte es geschafft, ein schon eingespieltes und miteinander verschworenes Team für sich zu gewinnen! Hart schluckte er, um seine aufkommende Rührung zu unterdrücken.

Ich danke Ihnen und werde alles tun, um mich Ihres Vertrauens würdig zu erweisen. In Zukunft wird gegenseitige Offenheit der wichtigste Stützpfeiler unserer Arbeit werden – und eine Disziplin, die ebenfalls davon getragen wird. Dass ist eine sehr schwere Aufgabe. Trotzdem ich bin sicher, dass wir alle zusammen das meistern werden. Das Flaggschiff der zukünftig sehr viel größeren Freihändlerflotte wird in absehbarer Zeit in der Galaxis einen Ruf haben, der mit Respekt genannt wird. Sie haben die Ehre, die Ersten dieser Mannschaft zu sein!“

Tusin Randta meldete sich zu Wort. „Wollen Sie die Mannschaft vergrößern, Kommandant?“

Roi fixierte ihn aufmerksam. „Ja, ich werde die Mannschaft aufstocken.“

Er warf einen Blick in die Runde. „Sie alle werden bald genaue Instruktionen erhalten. Die Mannschaft erhält Urlaub bis einschließlich 4. November. Am 5. November starten wir zur Erde. Ich erwarte, dass die KOLUMBUS um 8.00 Uhr morgens startbereit ist, jeder uneingeschränkt diensttauglich auf seiner Manöverstation. Ich hoffe, dass ich das zukünftig nicht mehr wiederholen muss.“

Jeder Edelmann wusste, was damit gemeint war, es bedurfte keiner Worte mehr. Alkohol war ab jetzt nur noch in der Freizeit erlaubt. Roi würde Zuwiderhandlungen hart und kompromisslos ahnden.

Gut. Bitte legen Sie einen direkten Anflugkurs auf das Sol-System fest. Sobald wir unterwegs sind, werde ich Sie über weitere Einzelheiten informieren. Danke.“

Nachdem er die Zentrale verlassen hatte, holte Hims tief Luft. „Zur Erde … Ich glaube, mit Roi wird es garantiert nicht langweilig werden. Mich würde es ungemein interessieren, wer er wirklich ist. Denn der Name ist wohl kaum echt, oder?“

Die Männer lachten. „Mit Sicherheit nicht“, meinte Randta. „Ich könnte mir vorstellen, dass auch er ein Opfer der Flotte ist. Oder habt Ihr eine Idee, wo er sonst diese Ausbildung bekommen hat? Ich jedenfalls habe noch nie einen solchen Kosmonauten erlebt, und dazu noch so jung. Der ist nicht älter als maximal Mitte Zwanzig. Aber dieses Geheimnis wird er uns nie anvertrauen. Im Gegenteil, mir sagt mein Gefühl, dass das eine Sache ist, nach der man ihn lieber nicht fragen sollte.“


**********


Olymp, Raumhafen Trade-City

5. November 2430


Roi Danton lächelte versonnen vor sich hin und überprüfte noch einmal sein Aussehen in dem spiegelnden Schott der Hauptzentrale der CHRISTOPH KOLUMBUS, bevor er den Öffnungsmechanismus betätigte. Dieser Auftritt sollte die Generalprobe vor seiner Mannschaft werden.

Er trug die Kleidung eines französischen Adligen von Terra des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ein leuchtend-roter Frack, darunter eine pastell-rose-farbene Weste, ein Spitzenhemd mit reichem Rüschenbesatz, weiße Kniehosen aus Samt, dazu ebenfalls weiße Seidenstrümpfe und edelsteinbesetzte Schnallenschuhe. Sein schulterlanges schwarzes Haar war unter einer weiß gepuderten Perücke verborgen, auf dem Kopf trug er einen schwarzen Dreispitz mit Pelzbesatz.

An seinem Gürtel hingen ein Degen und zwei doppelläufige Perkussionspistolen. Um den Hals trug er eine edelsteinbesetzte Kette mit einem Lorgnon. Diese Requisiten machten nur einen primitiven Eindruck. In ihnen eingebaut war eine Mikroausrüstung aus siganesischer Fertigung, um die ihn jeder Agent von SolAb oder USO beneidet hätte.

Darin verhielt er sich entsprechend der Tradition der Freihändler. Die meisten kleideten sich gerne entsprechend der historischen Vergangenheit der Erde. Bei ihm würde zukünftig das Benehmen dazu kommen. Ein unverschämtes, auffälliges Benehmen, von dem er schon so einigen eine Kostprobe gegönnt hatte. Das musste er auch, denn es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich ganz in die Rolle eines verweichlichten Stutzers hineinzuleben, das absolute Gegenteil seiner wahren Persönlichkeit. Das gehörte zusammen mit der Kleidung zu seiner Tarnung – zu leicht war er sonst als Michael Rhodan zu erkennen. Je auffälliger seine Tarnung, desto unauffälliger wurde sie. Er hoffte, dass niemand, vor allen Dingen sein Vater und Atlan nicht, auf die Idee kommen würden, dass er sich hinter einer Maske verbarg. Besonders die irgendwann unvermeidliche Begegnung mit Atlan wollte er so lange wie möglich hinauszögern. Er befürchtete, dass es ihn nicht lange täuschen konnte.

Die Männer sprangen von ihren Sitzen auf, als er leichtfüßig in die Zentrale hinein tänzelte wie ein Balletttänzer.

Mon Dieu“, stieß er weinerlich aus, „begrüßt man so einen König?“

Die Gesichter der Edelmänner der Zentralebesatzung waren schlichtweg fassungslos. Rasto Hims erlangte zuerst seine Fassung wieder. Anscheinend fragte er sich, ob diese Figur wirklich sein Kommandant war oder irgendjemand anderer – aber wer? Die KOLUMBUS war gemäß der Anweisung von Roi Danton startbereit und es wurde niemand erwartet. Außerdem waren seit der Befehlsübernahme von Danton alle Zugänge zum Schiff von Wachtposten besetzt, es konnte also niemand hereingekommen sein, der dazu keine Berechtigung besaß.

Hims ging auf Danton zu und verbeugte sich tief. Dabei unterdrückte er nur mit Mühe sein Grinsen. Er hatte sofort erfasst, worauf es seinem Kommandanten ankam.

Wir begrüßen Sie ganz herzlich, Majestät. Ihr Platz steht bereit.“ Damit deutete er auf den Sitz des 1. Piloten.

Roi musterte ihn durch sein Lorgnon wie ein seltenes Tier. „Brav, mein Bester“, äußerte er dann. mit näselnder Stimme.„Will Er dem Pöbel mit gutem Beispiel vorangehen?“

Er zog ein Spitzentaschentuch aus seinem Hemdärmel und betupfte sich damit sein gepudertes Gesicht. „Bringe Er mich schnell zu meinem Sitz, ich fühle eine Umnachtung nahen. Oh, warum muss ich denn immer so leiden? Der Weg hierher hat mich überanstrengt. Ich werde mir eine Sänfte bauen lassen, damit ich mich nicht mehr so verausgaben muss.“

Weiter kam er nicht. Die „charmanten Gauner“ konnten sich nicht mehr beherrschen. Ein dröhnendes Gelächter brandete durch die Zentrale und kam aus den Lautsprechern der Rundrufanlage. Da volle Startbereitschaft bestand, waren alle Stationen über die Rundrufanlage mit der Zentrale verbunden. Die komplette Mannschaft hatte so Rois Auftritt mitverfolgen können.

Roi gab seine Rolle auf und stimmte in das Lachen ein. Er tauschte einen kräftigen Händedruck mit Hims und winkte den anderen Männern zu.

Startklar?“, fragte er nur. Ein Nicken kam von allen Stationen zurück.

Also dann“, ergänzte Roi. „Fliegen wir los. Auf zur Erde. Nach der ersten Linearetappe erwarte ich alle Edelmänner zu einer Besprechung am Kartentisch, auch die technischen und wissenschaftlichen Offiziere. Edelmann Hims, melden Sie uns bei der Hafenkontrolle ab.“

Als Hims die Raumhafenkontrolle anrief, meldete sich Kaiser Boscyk persönlich. Er wollte Roi sprechen.

Viel Glück, Roi“, sagte er nur. Er war sehr ernst. „Ich drücke alle Daumen, dass du deine Pläne verwirklichen kannst.“

Danke, Lovely“, antwortete Roi genauso ernst. „Alle gemeinsam werden wir es schaffen.“

Die Edelmänner tauschten vielsagende Blicke. Das war neu. Es war durchaus nicht üblich, dass die Fürsten ihre Edelmänner über alle ihre Geschäfte informierten. Und nach dem, was der Kaiser gerade gesagt hatte, schien Roi sehr viel vorzuhaben. Es fing schon damit an, dass sie jetzt die Erde anflogen. Sie waren gespannt, wie weit ihr Kommandant sie einweihen würde …


**********


Roi musterte seine Edelmänner aufmerksam, während er einen Schluck Kaffee aus seinem Becher trank. Einer sah abenteuerlicher aus als der andere. Jeder war so gekleidet, wie er es aus den Geschichtsbüchern kannte bzw. wie er sich selbst die von ihm bevorzugte Epoche vorstellte.

Ich hatte bei unserem letzten Gespräch bereits angedeutet, dass gegenseitige Offenheit und gegenseitiges Vertrauen für mich die Grundbedingungen einer funktionierenden Zusammenarbeit sind“, begann Roi die Besprechung. „Das heißt, ich sage meinen Leuten, was sie von mir zu erwarten haben und erwarte die gleiche Offenheit von Ihnen.“

Niemand sagte etwas, alle nickten nur zustimmend.

Viele von uns treten hier unter einem angenommenen Namen auf. Das trifft genauso auf mich zu, was Sie sich sicherlich schon gedacht haben. Wir Freihändler halten es damit so wie vor Jahrhunderten auf Terra die französische Fremdenlegion, wenn Ihnen das etwas sagt. In ihr hatte jeder eine Chance, egal wer er vorher war oder was er getan hatte. Wer in die Legion eintrat, begann ein neues Leben. Genauso ist es hier. Ich habe mich aus sehr persönlichen Gründen den Freihändlern angeschlossen.

Unabhängig davon habe ich sehr gute Beziehungen zum Solaren Imperium. Das sollte Sie nicht verwundern, sondern Sie sollten es einfach akzeptieren ohne Fragen zu stellen. Mein Ziel ist es, die Freihändler zur zweitmächtigsten Wirtschaftsorganisation direkt nach dem Solaren Imperium zu machen. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass ich vielleicht für das Imperium arbeite. Allerdings bitte ich Sie, zukünftig zu beachten, dass das Solare Imperium nicht unser Feind ist, obwohl viele innerhalb des Imperiums das leider so sehen. Es wird unter anderem unsere gemeinsame Aufgabe sein, dieses Negativ-Image abzubauen.“

Danton machte eine Pause, um den Edelmännern Zeit zu geben, das Gesagte zu verarbeiten. Dass es in ihren Gehirnen arbeitete, war nicht zu übersehen.

Das, was Sie eben miterlebt haben, als ich die Zentrale betrat, wird von nun an unser gemeinsames Auftreten nach außen sein. Es gehört mit zu dem großen Spiel. Ich brauche diese Extremität, um meine Tarnung aufrecht zu erhalten. Zu viele Menschen im Solaren Imperium könnten mich sonst erkennen. Sehen Sie es auch als eine Art Spaß an, ein wenig verrückt zu spielen.“

Er lachte offen. Die Männer fielen ein.

Der Roi Danton, den Sie jetzt hier sehen, das soll der Roi sein, den nur Sie und bestimmte andere Personen kennen. Alle anderen sollen den verweichlichten Stutzer sehen. Natürlich müssen wir das alles noch ein wenig üben, aber wir fangen ja erst an. Unseren ersten Auftritt werden wir auf Terra haben. Dort werden wir erwartet, und zwar auf der Werft von Imman Coledo.“

Roi war ein sehr geschickter Psychologe. Er kombinierte sein angeborenes Naturtalent mit dem, was er von seinem Lehrmeister Atlan vermittelt bekommen hatte. Dadurch, dass er nur seiner Mannschaft gegenüber sein wahres Ich zu zeigen gedachte, vermittelte er ihnen gleichzeitig das Gefühl, ihnen zu vertrauen.

Imman Coledo?“ Tusin Randta staunte. „Der ist doch der größte Reeder des Solaren Imperiums und gehört zum persönlichen Bekanntenkreis des Großadministrators. Und der baut Schiffe für die Freihändler?“

Roi lächelte fein. „Es sieht wohl so aus. Sie brauchen sich aber keine Sorgen zu machen. Ich kenne Mr. Coledo persönlich. Er ist loyal jedem Geschäftspartner gegenüber, egal ob er zum Imperium gehört oder nicht. Natürlich wird man ihn mit Aufträgen für die Flotte nicht gerade überhäufen, wenn bekannt wird, dass er für uns arbeitet. Aber er wird den Verlust verschmerzen können, denn ich beabsichtige, unsere Flotte innerhalb der nächsten fünf Jahre auf insgesamt 7.500 Schiffe aufzurüsten.“

Die Edelmänner wurden immer fassungsloser. Roi registrierte es mit Genugtuung. Dass Imman Coledo selbst zu den Freihändlern gehörte, behielt er für sich, das gehörte mit zu seinen Geheimnissen. Außerdem fieberte er der Begegnung schon entgegen. Würde seine Maske halten? Imman Coledo kannte ihn von frühester Jugend an, hatte ihn aufwachsen sehen.

Roi fuhr fort, jetzt kam seine bedeutungsvollste Nachricht. „Wir werden die CHRISTOPH KOLUMBUS nicht mehr lange fliegen, wie sie bereits wissen. Sie ist ein schönes, zuverlässiges Schiff, aber genügt meinen Ansprüchen nicht. Wir fliegen zur Erde, weil wir dort bei der Coledo-Werft unser neues Schiff abholen, das zukünftige Flaggschiff der Freihändler-Flotte, ein Kugelraumer mit 850 Metern Durchmesser. Es wird ein Kriegsschiff, das schlagkräftiger sein wird als die stärksten Schiffe der Flotte, sogar als die CREST IV. Ich beabsichtige nicht, mit einem einfachen Handelsschiff durchs All zu fliegen, weil ich damit rechne, dass wir uns zukünftig wohl öfter unserer Haut wehren müssen. Eine Wirtschaftsmacht, die immer stärker wird, ruft ihre Widersacher automatisch auf den Plan, womit ich jetzt nicht das Solare Imperium meine, sondern außerirdische Intelligenzen. Und dann möchte ich, dass wir uns wehren können. Mit so vielen ehemaligen Flotten- und USO-Angehörigen in der Mannschaft sollte uns das nicht schwer fallen.“

Hims grinste offen. Sie verstanden sich. „Kein Problem, Kommandant, Sie werden mit uns zufrieden sein.“

Und genau deshalb brauchen wir Disziplin. Mit einem ungefährlichen Handelsraumer kann man so durchs All fliegen, aber nicht mit einer Kampfmaschine, wie wir sie bekommen werden.“

Das liegt auf der Hand“, bestätigte Randta. Roi wurde den Verdacht nicht los, das nicht nur einige, sondern alle Edelmänner von der Flotte oder der USO kamen. Sie waren eine Elitemannschaft, die er noch weiter zusammenschweißen wollte. Der Name des Freihändler-Flaggschiffs sollte überall mit Respekt genannt werden, auch das war ihm ein Anliegen.

Wir werden das Schiff von der Coledo-Werft zu einem Treffpunkt im freien Raum überführen. Dort wird es von der Werftbesatzung eines bestimmten Geheimplaneten übernommen und mit einigen kleinen technischen Spielereien aufgerüstet. Erstens möchte ich Mr. Coledo nicht in Gewissensnöte bringen, zweitens hat auch er nicht die Möglichkeiten, die auf diesem Planeten zur Verfügung stehen. Wir werden nämlich unter anderem Transformkanonen, einen HÜ-Schirm und ein Ortungsgerät erhalten, das auch eine Verfolgung durch den Linearraum ermöglicht.“

Wenn jetzt eine Bombe auf der oberen Polkuppel der KOLUMBUS eingeschlagen hätte, wäre die Reaktion sicherlich nicht anders ausgefallen. Die Edelmänner sprangen auf, sahen sich in die entsetzten und blass gewordenen Gesichter. Transformkanonen, HÜ-Schirme und einen Linerarorter? Die Geschütze und Schirme waren schon sensationell, aber ein Linearraumorter? Darüber verfügte noch nicht einmal das Imperium! Den fähigsten Wissenschaftlern war es bisher nicht gelungen, ein solches Gerät zu konstruieren.

Echauffieren Sie sich doch nicht so, meine Herren.“ Roi lächelte fein. „Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken. Aber auch außerhalb des Imperiums gibt es fähige Wissenschaftler – und ich habe den Vorteil, solche Menschen zu kennen. Das ist das ganze Geheimnis.“

Die Äußerung trug nicht dazu bei, die Unruhe einzudämmen, im Gegenteil. Roi wartete einige Minuten, bis endlich wieder Ruhe einkehrte.

Sie alle wissen, dass es bei Strafe strengstens verboten ist, Transformkanonen und HÜ-Schirme zu besitzen. Wir werden also auf jedem Flug mit einem Bein im Gefängnis stehen.“

Nach den Gesetzen des Solaren Imperiums, nicht nach unseren“, knurrte Hims.

Roi musterte ihn eindringlich. „Sie sagen es, Edelmann Hims. Nicht nach unseren Gesetzen. Allerdings gelten im Hoheitsbereich des Imperiums auch deren Gesetze, das haben wir zu akzeptieren. Das heißt, Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben. Wir haben dafür zu sorgen, dass das Geheimnis bei uns bleibt. Im Extremfall, falls unser Schiff von Feinden aufgebracht wird, sind diese Dinge zu vernichten, ehe sie in fremde Hände gelangen. Genauso wie es auf den Flottenschiffen üblich ist. Sie werden dafür einen genauen Plan erhalten, sobald das Schiff fertig ist. Ich verlasse mich auf Sie. Es ist für mich persönlich eine Frage der Ehre, das Geheimnis niemals auszuliefern, sondern eher mein Leben zu opfern.“

Sein Gesicht wurde plötzlich sehr hart. Diese Forderung würde er im extremsten Fall mit äußerster Härte durchsetzen, ohne persönliche Rücksichten.

Sie können sich auf uns verlassen“, sagte Hims einfach und erhob sich dabei. Die anderen taten es ihm nach. Roi erhob sich ebenfalls. Ein warmes Gefühl überkam ihn, mit solchen Männern fliegen zu dürfen.

Bitte setzen Sie sich wieder. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch etwas anderes besprechen. Für ein derartiges Kriegsschiff wird unsere Besatzung von 300 Mann nicht ausreichen. Deshalb müssen wir sie aufstocken, wie ich es Ihnen bereits angedeutet habe. 900 Besatzungsmitglieder halte ich für optimal. Das wird eine unserer Aufgaben in den kommenden Monaten sein. Sobald wir nach Olymp zurückgekehrt sind, beginnen Sie alle bitte mit der Suche nach geeigneten Fachleuten. Ich möchte ausschließlich entsprechend qualifizierte Spezialisten an Bord nehmen. Unser Flaggschiff soll in jeder Beziehung einzigartig sein. Hören Sie sich um in Trade-City, ich werde auch eine entsprechende Werbemaßnahme starten. Aber bitte werben Sie bei anderen Fürsten niemanden ab. Das würde unnötig böses Blut innerhalb unserer Reihen schüren.“

Nachdem die Männer sich angeschaut hatten, hatte Rasto Hims noch eine Frage.

Kommandant, werden Sie auch Frauen an Bord nehmen?“

Haben Sie einen besonderen Grund für diese Frage, Edelmann Hims?“

Ja, ich finde es nicht gut, dass die Solare Flotte teilweise bewusst auf hervorragende Spezialistinnen verzichtet, nur weil es Frauen sind. Ich sehe da keinen Unterschied.“

Roi durchzuckte ein feiner Stich. Bea – seine Freundin Bea aus einer sehr harten Zeit, warum kam ausgerechnet jetzt wieder die Erinnerung an sie? Beatrice Wood, inzwischen Major bei der USO, Kommandantin des modernen Schlachtkreuzers HATSCHEPSUT, ihr verdankte er so viel, besonders sein Leben! Zusammen hatten sie bei der USO ein Jahr lang an einem Lehrgang teilgenommen, der nichts anderes als eine Hölle für alle gewesen war – und das alles nur, weil der Leiter des Lehrgangs persönliche Rachegelüste nicht nur an ihm als dem Sohn des Großadministrators, sondern auch an allen seinen Kameraden ausgelebt hatte, bis sie ihn gemeinsam besiegen konnten. Beatrice und er hatten sich mehr als gemocht – aber es gab für sie beide keine Zukunft. Sie selbst lehnte jede über eine gute Freundschaft hinausgehende Beziehung zu einem Mann ab, aus Gründen, die er bis heute noch nicht kannte – und er hatte sich seit der damaligen Zeit eine feste Partnerin versagt, weil in dem Leben, das er jetzt führte, kein Platz dafür war. Ob er Bea überhaupt jemals wieder sehen würde?

Ich stimme Ihnen zu, Edelmann Hims. Ja, wir nehmen auch weibliche Besatzungsmitglieder an Bord, wenn sie die entsprechende Qualifikation aufweisen. Ich wiederhole es noch einmal: keine Dilettanten!“

Dann sehen Sie das anders als in der Flotte. Dort gibt es kaum Frauen, und wenn, haben sie es unsagbar schwer. Die USO soll da wohl schon weiter sein, wie man hört.“

Wieder musste Roi an Beatrice denken. „Ja, das ist man dort. Den Grund kann ich Ihnen genau sagen: Lordadmiral Atlan hat im Laufe seines sehr langen Lebens immer wieder mit Frauen an seiner Seite gekämpft, mit Frauen, die gekämpft haben wie Männer. Aber der Großadministrator, dessen Werk die Solare Flotte ist, denkt da leider anders. Anscheinend ist er in dieser Beziehung wirklich im 20. Jahrhundert stecken geblieben. Damals war es so gut wie unmöglich, dass Frauen zum Militär gingen.“

In diesem Punkt hatte er mit seinem Vater nie zu einer Übereinstimmung gelangen können.

Wir werden also die Erde anfliegen“, erläuterte er ohne weiteren Kommentar seine Absichten, da er auch die Erinnerung an Bea verdrängen wollte, „unser neues Schiff übernehmen und es der Werftbesatzung übergeben. Es wird Anfang des neuen Jahres fertig nachgerüstet sein. Wir fliegen vom Treffpunkt aus mit der KOLUMBUS nach Plophos. Dort erwarten mich private Geschäfte. Sie haben währenddessen Gelegenheit, sich dort umzusehen und werden einige Tage Urlaub erhalten bis auf die Wachbesatzung. Wir kehren noch vor Weihnachten wieder nach Olymp zurück. Die KOLUMBUS wird außer Dienst gestellt, sobald wir unser neues Schiff haben. – Das sind meine Planungen für die nächsten Wochen und Monate. Noch weitere Fragen?“

Alle schüttelten den Kopf.

Gut so. Wir werden die Zeit bis zum Eintreffen auf der Erde nutzen, um noch ein wenig unser Auftreten zu üben. Sehen Sie es als einen Spaß an, den wir uns erlauben. Dann geht alles leichter.“


**********


2


Imman Coledo hatte Sorgen. Obwohl er es sich nicht gern eingestand, er war nervös – nervös wie vor seinem ersten Geschäftsabschluss. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Seit Jahren war er der größte und erfolgreichste Reeder des Solaren Imperiums, zählte zu den Milliardären und galt als zwar sehr harter Geschäftsmann, aber seine Loyalität zum Solaren Imperium stand außerhalb jeder Frage. Deshalb gehörte er auch zu den gern gesehenen Gästen im privaten Haus des Großadministrators und seiner Familie. Allerdings hatte dies während der letzten Monate etwas nachgelassen. Perry Rhodan und seine Frau Mory Rhodan-Abro hatten sich privat im Gegensatz zu früher mehr zurückgezogen, seitdem ihr einziger Sohn Michael von zu Hause „davongelaufen“ war.

Coledo verstand Michael sehr gut, hütete sich aber, Perry Rhodan gegenüber seine Meinung zu äußern. Er gestand sich sogar ein, dass er an Stelle des jungen Mannes nicht anders gehandelt hätte. Wenn der junge Mann zu sich selbst finden wollte, sich selbst beweisen und nicht im Schatten des Vaters stehen, dann hatte er gehen müssen! Coledo, dessen Steckenpferd die Psychologie war und der einen gewissen Ruf als Hobbypsychologe hatte, sah sogar noch ein Stückchen weiter. Als einer der ganz wenigen hatte er erkannt, dass Michael seinen Vater zwar liebte und für ihn durchs Feuer gehen würde, aber ihn auf der anderen Seite immer mehr als eine Art „Übervater“ wahrnahm. Das hatte in seiner Jugendzeit zu diversen gefährlichen Alleingängen geführt. Dabei hatte sich immer wieder gezeigt, dass Michael über sehr großen persönlichen Mut verfügte, der bis zum Draufgängertum ging.

Eines seiner haarsträubenden Abenteuer hatte er selbst dem Heranwachsenden im Alter von 15 Jahren ermöglicht. Dabei hatte Michael ungewollt erfahren, dass Imman Coledo auch zu den Freihändlern gehörte und bei ihnen den Rang eines Edelmannes bekleidete. Michael, der ihn zu dem gefährlichen Abenteuer überredet hatte, weil er seinen Vater treffen wollte, der ihn an seinem 15. Geburtstag regelrecht versetzt hatte, erwies sich ihm gegenüber als fair. Perry Rhodan und die Führungsspitze des Imperiums wussten bis heute nicht, dass der Reeder Freihändler war.

Genauso fair hatte sich der Mausbiber Gucky verhalten, der in den Gedanken von Michael wie in einem offenen Buch las. Gucky war einer der besten Freunde des Jungen. Alles, was dieser bei seinen diversen Abenteuern erlebte und nicht selbst erzählte, behielt auch er für sich.

Bei besagtem Flug bekam Michael den ersten Kontakt mit den Freihändlern und stellte dabei fest, dass sie bei weitem nicht so schlecht waren wie ihr Ruf. Seitdem sympathisierte Michael mit der Händlerorganisation.

Coledo würde sich nicht wundern, wenn er dem Sohn des Großadministrators eines Tages bei den Freihändlern wieder begegnen würde. Wenn ja, würde er sich ihm gegenüber genauso fair zeigen und ihn nicht verraten.

Imman Coledo seufzte und betrachte mit Wohlgefallen den festlich gedeckten Tisch, den seine Sekretärin vorbereitet hatte. Er ließ sich guten Kunden gegenüber nicht lumpen, außerdem war auch für ihn ein Geschäft über 500 neue Raumschiffe nicht alltäglich. Wenn dazu die Aussicht bestand, mit diesem Kunden weitere gute Geschäfte machen zu können, aber er den neuen Vertreter dieses Großkunden noch nicht persönlich kannte, dann war das auch für einen erfahrenen Geschäftsmann wie ihn ein Grund, nervös zu werden. Seine heutige Stimmung war eindeutig mit dem Namen Roi Danton zu erklären.

Auf dem Tisch waren die erlesensten Delikatessen liebevoll angerichtet, die der Planet Terra zu bieten hatte, angefangen von echtem Räucherlachs über geräucherten Schinken bis hin zu Roastbeef, natürlich auch echt und nicht synthetisch hergestellt. Alles lag auf silbernen Schalen, die auf gestoßenem Eis standen.

Mrs. Lawrence betrat den Raum und blickte ihren Chef fragend an. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Mr. Coledo?“ Sie war schon etwas älter und gehörte zu den wenigen anscheinend aus vorigen Jahrhunderten „übrig gebliebenen“ Vorzimmerperlen, die immer seltener wurden. Angeblich sollten die Zellaktivatorträger der Regierung genau wie er diese Damen den sonst üblichen Robotern vorziehen.

Coledo, ein kleiner etwas dicklicher Mann lächelte ihr freundlich zu. „Wie immer, Mrs. Lawrence. Wenn ich Sie nicht hätte.“

Mrs. Lawrence lächelte ihm verschwörerisch zu. „Sind Sie auf diesen Fürsten Danton auch so gespannt?“ Sie konnte sich diesen vertraulichen Ton nach den langen Jahren ihrer Zusammenarbeit leisten. Coledo vertraute ihr uneingeschränkt und hatte ihr schon so manches Geheimnis persönlicher oder geschäftlicher Art anvertraut.

Der Reeder nickte. „Kaiser Boscyk hat mir mitgeteilt, dass er sich zurückzieht und nur noch repräsentative Aufgaben wahrnehmen möchte. Alle Geschäfte für die Freihändler wären zukünftig über diesen Fürsten Danton abzuwickeln, er ist der alleinige Ansprechpartner. Eine Rückfrage beim Kaiser wäre in keiner Angelegenheit nötig.“

Das hört sich für mich nach einer klaren Aussage an. Damit sollten wir doch wissen, woran wir sind.“

Coledo hob hilflos die Schultern. „Dass Kaiser Boscyk sich demnächst aus dem aktiven Geschäft zurückziehen will, wusste ich schon lange, auch dass er seit einiger Zeit einen geeigneten Nachfolger suchte, dem er vertrauen kann. Das beunruhigt mich nicht, weil es nur seinen Ankündigungen entspricht. Was mich beunruhigt, ist die Person dieses Roi Danton. So wie der Kaiser mitteilte, sollten wir alle uns nicht durch sein teilweise regelrecht unverschämtes Benehmen täuschen lassen. Das wäre nun mal seine Art. Was ich davon halten soll, weiß ich wirklich nicht.“

Mrs. Lawrence nickte sinnend vor sich hin. „Hat der Kaiser etwas gesagt, wo er Danton herhat?“

Das ist es ja gerade, was mich so stutzig macht. Ich kenne Kaiser Boscyk als sehr vorsichtigen Mann mit einer hervorragenden Menschenkenntnis. Danton soll im Frühsommer zu den Freihändlern gestoßen sein. Niemand weiß, wo er herkommt, außer dem Kaiser. Dem gegenüber hat er sofort mit offenen Karten gespielt. Bekannt ist nur, dass er ein hervorragender Kosmonaut sein soll, jemand der zwischen den Sternen zu Hause ist – und zusätzlich noch Hochenergietechniker. Zusammen die ideale Kombination für einen Raumschiffskommandanten.“

Einen Moment schwiegen beide. Dann meinte die Sekretärin: „Ich schlage vor, wir schauen uns diesen Wunderknaben einfach mal an, dann wissen wir mehr. Oder lässt er sich von jemanden vertreten?“

Nein, das hätte ich auch nicht zugelassen. Obwohl bei uns auch heute noch der Kunde König ist, ziehe ich es vor, meine Geschäftspartner persönlich zu kennen. Ist die CHRISTOPH KOLUMBUS übrigens schon gelandet?“

Ja, gerade eben, Mr. Danton müsste gleich hier sein, falls er nicht aufgehalten worden ist. Das glaube ich aber nicht, ich habe unser Empfangsteam entsprechend instruiert. Wie mir Dantons 1. Offizier mitteilte, war es recht schwierig, auf der Erde zu landen, weil unsere Bürokraten die Freihändler nicht so gerne mögen.“

Coledo grinste schief. Er kannte die kleinlichen Schikanen, denen Freihändlerschiffe auf Solaren Planeten ausgesetzt waren, weil sie sich dem Imperium nicht eingliedern ließen und auf ihrer Unabhängigkeit bestanden.

Als ob hiermit ein Stichwort gefallen war, erklang von nebenan aus dem Büro der Chefsekretärin Lärm. Mrs. Lawrence verzog unwillig das Gesicht, für diese „trockene“ Dame eine ihrer seltenen Gefühlsregungen. Lärm oder Unregelmäßigkeiten in ihrem Herrschaftsbereich duldete sie nicht. Sogar ihr Chef selbst unterwarf sich dort einer gewissen Zurückhaltung.

Ohne ein Wort ließ sie ihn stehen, um nebenan nach dem Rechten zu sehen. Coledo folgte ein paar Schritte hinter ihr. Auch ihn hatte der Lärm neugierig gemacht. Kunden, die in seinen abgeschirmten Bereich vordringen konnten, benahmen sich in der Regel nicht so auffällig. Und seinen eigenen Angestellten wollte er das nicht geraten haben. Also musste schon ein gewichtiger Grund vorliegen.

Mrs. Lawrence kam gerade zurecht, als ein massig gebauter Epsaler, der mehr nach einem Piraten des terranischen Mittelalters aussah als nach einem Raumfahrer mit dröhnenden Schritten in ihr Büro gestampft kam. Sein Gesicht drückte sein Missfallen aus. Hinter ihm folgte das vierköpfige, sorgfältig auf Dienstleistung geschulten Begleitteams der Coledo-Werft, allesamt mit ratlosen Gesichtern.

Ich bedaure es sehr, dass diese Damen und Herren nicht in der Lage sind, meinen Herrn ordnungsgemäß anzumelden“, dröhnte die Stimme des Epsalers.

Mrs. Lawrence musterte ihn missbilligend. „Was haben Sie zu bemängeln?“, fragte sie erstaunt.

Die Teamleiterin, eine attraktive dunkelhaarige Dame in mittleren Jahren, hob hilflos die Schultern. „Wir haben Mr. Danton an der unteren Polschleuse seines Schiffes abgeholt und hierher geleitet“, begann sie verwirrt.

Ehe sie fortfahren konnte, tauchte direkt hinter ihr der Grund für ihre Verwirrung auf. Mrs. Lawrence und Imman Coledo rissen die Augen auf und starrten ihren Besucher an. Damit hatte auch Coledo nicht gerechnet, trotz der Warnung von Kaiser Boscyk.

Roi Danton hatte sich für diesen wichtigen Besuch regelrecht herausgeputzt. Zu seinem üblichen blutroten Frack trug er eine edelsteinbesetzte Weste und seine Schnallenschuhe und sein Gürtel, an dem die beiden doppelläufigen Perkussionspistolen und der Degen hingen, waren mit lupenreinen Diamanten besetzt. Sein Gesicht wirkte blasiert und gelangweilt, aber Coledo als Hobbypsychologe suchte sofort den Blick in seine Augen. Erfreut registrierte er, dass der Freihändler seinen Blick offen erwiderte und dass dieser Blick Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verriet. Aber noch etwas anderes registrierte Coledo blitzschnell. Das Alter seines Gegenübers schätzte er auf Mitte 20, so wie Boscyk es ihm schon gesagt hatte. Der Ausdruck der Augen wollte allerdings nicht zu dieser Schätzung passen. Coledo sah in nachtblaue Augen, in deren Tiefe eine Erfahrung und auch Leid standen, die nicht zu diesem jungen Alter passen wollten. Coledo überlegte, wo er solche ungewöhnlichen Augen schon einmal gesehen hatte – aber er kam nicht auf die richtige Idee, obwohl er damit rechnete, Michael Rhodan früher oder später bei den Freihändlern zu begegnen! Zu perfekt was die äußere Tarnung des Mannes!


**********


Roi hatte dieser Begegnung mit Sorge entgegengefiebert. Für ihn stellte sie nicht nur eine schwierige geschäftliche Verhandlung dar, sondern auch einen Test und einen Fingerzeig, wie er sich weiter verhalten konnte und musste. Coledo kannte Michael Rhodan sehr gut. Viel hing für ihn davon ab, ob der Reeder ihn erkannte oder nicht. Unter anderem deshalb hatte er sich so sorgfältig zurechtgemacht und seinen Auftritt sorgfältig einstudiert.

Roi wandte seinen Blick von Coledo ab und der Sekretärin zu. Das Begleitteam ignorierte er völlig. Natürlich wusste er, dass Mrs. Lawrence Agentin der Solaren Abwehr war und dass ihr Bericht über dieses Treffen kurz nach seiner Abreise schon bei Solarmarschall Mercant und etwas später bei seinem Vater sein würde. Dieser irgendwann später seine Mutter informieren, die wiederum seine Schwester und ihn auf dem Laufenden hielt. Zum Glück ahnte sein Vater nicht, dass Mory Rhodan-Abro sehr wohl über die Identität des neuen Befehlshabers der Freihändler unterrichtet war.

Roi hatte zwischenzeitlich überlegt, ob er Coledo mitteilen sollte, dass er schon lange von der Abwehr überwacht wurde. Er hatte sich dagegen entschieden, weil er nicht riskieren wollte, dass der Reeder sich mit seinem Wissen doch einmal verriet. Außerdem wollte er nicht, dass Coledo sich vom Großadministrator bespitzelt und entsprechend verletzt fühlte. Er nahm es seinem Vater persönlich übel, dass er diese Maßnahme der Abwehr nicht nur tolerierte, sondern sogar anordnete. Seiner Meinung nach war Vorsicht gut, aber sie durfte nicht in Misstrauen Menschen gegenüber ausarten, die loyal zum Imperium standen.

Haben Wir die Ehre mit Madame Lawrence, der tüchtigsten Perle Unseres Geschäftspartners Monsieur Coledo?“ Sein geschwollener Ton trug zur gesteigerten Verwirrung bei. „Madame, Sie sehen bezaubernd aus. Monsieur Coledo darf sich glücklich schätzen, dass er das Vergnügen hat, eine der seltenen Vorzimmerdamen in Diensten zu haben, die es heute in unserer technisierten Zeit noch gibt. Roboter – pfuii …“ Er schüttelte sich vor Ekel und zog ein Spitzentaschentuch aus seinem linken Jackenärmel. Sofort strömte der penetrante Geruch eines süßlichen Parfüms durch den Raum. Coledo musste unwillkürlich husten, was ihm ein indigniertes „Aber, Monsieur …“, von Roi einbrachte.

Der wurde sich immer sicherer, dass Coledo ihn nicht erkannte und genoss das Spiel in vollen Zügen.

Ehe Mrs. Lawrence protestieren konnte, ergriff Roi ihre Hand und hauchte einen zarten Handkuss darauf. Gleichzeitig beugte er elegant das Knie und verneigte sich vor ihr.

Ihr gehorsamer Diener, Madame Lawrence. Dass Sie mit solchen Plebejern arbeiten müssen, betrübt Uns außerordentlich.“ Dabei schenkte er dem Begleitteam einen verachtenden Blick.

Die Leiterin des Empfangsteams holte tief Luft und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber Roi kam ihr zuvor. „Hinweg“, er wedelte mit einer abwehrenden Handbewegung durch den Raum.

Belustigt beobachtete Roi die Wirkung seines Auftrittes auf Mrs. Lawrence. Mit jeder verstreichenden Sekunde taute die Dame sichtlich auf. Zum Schluss lächelte sie ihn sogar freundlich an. Roi hätte am liebsten laut gelacht. Am meisten machte ihm die Verwirrung von Coledo Spaß. Er wusste, dass der Reeder einen gewissen Ruf als „Frauenheld“ hatte, aber anscheinend hatte er es bisher nicht geschafft, seine Sekretärin so um den Finger zu wickeln.

Der Reeder rettete die Situation, indem er laut sagte. „Willkommen, Monsieur Danton. Es freut mich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich freue mich schon auf unser Gespräch.“ Damit deutete er zu dem gedeckten Tisch in seinem Büro.

Das Begleitteam entließ er freundlich: „Ich danke Ihnen. Monsieur Danton und ich werden uns für einige Zeit zurückziehen.“

Die vier Begleiter drehten sich um und verließen fast fluchtartig den Raum. Sie waren sehr froh, dieser ungewöhnlichen Situation entkommen zu können.

Mrs. Lawrence hatte sich wieder gefangen. Fragend blickte sie auf ihren Chef, ob er sie noch benötigte. Coledo nickte ihr zu. „Mrs. Lawrence, würden Sie uns bitte den Kaffee bringen? Sie sind dann weiterhin in Ihrem Büro?“

Mrs. Lawrence nickte, wieder in ihrer unnachahmlichen Manier eines englischen Butlers.

Dantons Lächeln war kein Standpunkt anzusehen. Er wandte sich seinem Begleiter zu. „Wir danken Ihm für die Begleitung, Edelmann Hims. Kehre Er zurück auf die CHRISTOPH KOLUMBUS und halte Unser Schiff in Startbereitschaft. Sorge er auch dafür, dass eine angemessene Überführungsmannschaft für Unser neues Schiff eingeteilt wird. Mit der Leitung betraue Er auf Unseren Wunsch Edelmann Randta.“

Hims nickte und drehte sich nach einem Kratzfuß vor seinem Kommandanten, dem man ansah, dass er noch der Übung bedurfte um und folgte dem Begleitteam.


**********


Fortsetzung: Teil 03


28.5.16 15:02, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 03

Lockruf der Freihändler – Teil 03

Roi und Imman Coledo saßen zwanglos an dem gemütlich gedeckten Tisch und genossen die ausgewählten Spezialitäten. Dazu tranken sie echten terranischen Bohnenkaffee, eine Spezialität, die Roi entsprechend würdigte. Das nutzte Coledo zu einer entsprechenden Frage: „Sind Sie auch auf Terra geboren, Monsieur Danton?“

Roi unterdrückte ein Lächeln. Natürlich wollte der Reeder ihn näher kennen lernen. Nichts anderem diente diese zwanglose Unterhaltung. Niemand von ihnen war bisher auf die Geschäfte zu sprechen gekommen. Roi war sich inzwischen sicher, dass Coledo ihn nicht erkannte. Entsprechend wurde er innerlich immer selbstsicherer. Sein großes Spiel faszinierte ihn selbst.

Ja, Monsieur Coledo, in Terrania-City.“ Dass er durch seine Mutter zur Hälfte Plophoser war, behielt er lieber für sich.

Roi wagte es sogar, auf die terranische Frühgeschichte zu sprechen zu kommen. Coledo verfügte zwar nicht über sein Wissen, dass er seinem Vater, seinem Patenonkel Bully und hauptsächlich Atlan verdankte, aber er hatte genug historische Kenntnisse, um Roi diesbezüglich einschätzen zu können.

Sie hatten anscheinend einen sehr guten Lehrer?“

Coledos Blick ließ sein Gegenüber nicht mehr los. Inzwischen interessierte ihn Roi nicht nur als Geschäftspartner, den er gerne besser einschätzten wollte, sondern genauso als Mensch. Der junge Mann faszinierte ihn. Er gab vor sich selber zu, dass er bisher nicht vielen Menschen mit einer derartig charismatischen Ausstrahlung begegnet war.

Roi musterte ihn offen. Jetzt oder nie, dachte er bei sich. Entweder er schluckt das so oder er erkennt mich. Ich muss wissen, wie gut meine Maske wirklich ist.

Einen sehr guten, Monsieur Coledo. Meiner Meinung nach den besten, den es gibt.“

Coledo schüttelte überlegend den Kopf. „Da muss ich Sie leider korrigieren, Monsieur Danton. Der beste Geschichtslehrer, den es im Solaren Imperium gibt, ist sicherlich Lordadmiral Atlan. Oder meinten Sie vielleicht ihn?“ Sein Blick schien Roi durchbohren zu wollen.

Nein. An den ehrenwerten Lordadmiral habe ich nicht gedacht. Aber Sie wissen doch, wie das ist, man kommt an solche lebenden Legenden nicht heran.“ Er seufzte bedauernd.

Coledos Gesicht nahm einen lauernden Ausdruck an. Roi erkannte sehr genau, dass er sich auf schwankenden Boden begab – mit voller Absicht. Dass Mrs. Lawrence mithörte, schloss er aus, denn er wusste, dass es in Coledos Büro keine Abhörgeräte gab. So weit ging noch nicht einmal Allan D. Mercant. Ihm reichten bis jetzt noch die Berichte der Sekretärin und des Chefingenieurs. Falls Coledo ihn erkennen sollte, setzte er auf seine Verschwiegenheit, denn schließlich hatte er ihm ein Geschäft anzubieten, das auch für ihn äußerst attraktiv war. Zudem wusste er, dass Coledo durch eine entsprechende Hypnoschulung in der Lage war, seine Gedanken abzuschirmen. Also war noch nicht einmal sein kleiner neugieriger Freund, der Mausbiber Gucky eine diesbezügliche Gefahr.

Ich könnte vielleicht durch meine Beziehungen zum Großadministrator eine Begegnung mit Lordadmiral Atlan vermitteln“, bot Coledo an.

Roi lehnte mit betrübtem Gesicht ab. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Monsieur Coledo, aber ich möchte die Zeit des Herrn Lordadmiral nicht privat beanspruchen. Wie man hört, ist er sehr beschäftigt. Und leider lassen auch mir meine Geschäfte keine Zeit für ein derartig interessantes Vergnügen. Sehr bedauerlich, leider.“

Coledo erkannte in diesem Moment, dass Roi Danton sehr gute Gründe hatte, einer Begegnung mit dem Arkoniden auszuweichen. Aber auch jetzt kam er nicht auf die richtige Idee. Seine Vermutung zielte eher darauf, dass der Freihändler ein ehemaliger USO-Angehöriger war, der deshalb Atlan nicht wieder unter die Augen treten mochte.

Schade.“

Ja.“ Roi seufzte, betupfte sich den Mund mit seiner Serviette aus edelstem Leinen und wechselte das Thema.

Da wir uns nun ein wenig näher kennen gelernt haben, möchte ich auf unsere Geschäfte zu sprechen kommen.“

Coledo nickte zustimmend. Es wurde Zeit dafür.

Ihr neues Schiff ist entsprechend Ihren Wünschen fertig“, nahm er den Gesprächsfaden auf. „Sie können es direkt übernehmen. 850 Meter-Zelle und kriegsschiffsmäßige Ortungs- und Funkanlagen, ansonsten die übliche erlaubte Offensiv-Bewaffnung und entsprechende Defensiveinrichtungen für private Raumschiffe.“

Sehr gut.“

Monsieur Danton, die Extraanfertigung mit der 850-Meter-Zelle hat einiges an Kosten verschlungen. Haben Sie einen bestimmten Grund dafür? Sie hätten doch genauso gut die Standard-Zelle der Stardust-Klasse nehmen können, das hätte Ihnen viel Geld gespart.“

Roi lächelte. „Sagen wir, es ist die Exzentrizität eines Mannes aus königlichem Geblüt.“

Coledo nickte. „Also nehmen Sie Ihren Vornamen direkt als Zeichen Ihrer Würde?“ Coledo hatte sich als Vorbereitung des Gesprächs per Hypnoschulung Kenntnisse der französischen Sprache angeeignet.

Wie man es nimmt. Warten wir ab, mein Lieber.“

Roi grinste innerlich. Natürlich konnte er dem Reeder nicht verraten, dass das Schiff von der Erde aus nach Lost Hope fliegen würde, um dort von Dr. Waringer technisch aufgerüstet zu werden. Wenn sich alles, was Geoffry und er sich ausgedacht hatten, umsetzen ließ, würde sein Schiff über eine größere Kampfkraft verfügen als die stärksten Schiffe der Solaren Flotte, das Flaggschiff seines Vaters, die CREST IV eingeschlossen. Und dazu war der größere Kugeldurchmesser erforderlich. Er hätte sich natürlich auch für eine Standardzelle mit 1.500 Metern Durchmesser entscheiden können, aber er persönlich liebte diese riesigen Schiffe nicht.

Auch die Ortungs- und Funkanlagen wie in einem Kriegsschiff haben mich irritiert“, fuhr Coledo vorsichtig fort. „Ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen diesen Wunsch erfüllen soll. Sie wissen, die Gesetze des Solaren Imperiums … Ich stehe absolut loyal zum Imperium und zum Großadministrator.“

Rois Gesicht wurde plötzlich sehr hart. Jetzt musste er seinen Standpunkt mit aller Härte vertreten, sonst wurde er unglaubwürdig. „Das ist nach den Gesetzen nicht verboten, Monsieur. Sollte Ihnen das trotzdem die Seelenruhe stehlen, bin ich gerne bereit, meine folgenden Aufträge an andere solare Werften zu vergeben.“

Coledo winkte sofort ab. Natürlich wollte er diesen guten Kunden nicht verlieren, aber er konnte es sich auch nicht leisten, auf die Aufträge der Solaren Flotte zu verzichten. Schon jetzt war der Umfang der Flottenaufträge gesunken, weil bekannt war, dass er auch die Freihändler belieferte. Andererseits war seine Werft die führende im Solaren Hoheitsgebiet. Das wussten sowohl die Flotte als auch die Freihändler. Seine Qualität und seine Lieferzeiten konnte außer den flotteneigenen Mondwerften niemand anbieten.

Keine Sorge, Monsieur. Selbstverständlich möchte ich weiterhin mit Ihnen und den Freihändlern gute Geschäfte machen.“

Das freut mich zu hören, Edelmann Coledo.“ Roi freute sich diebisch über Coledos erstaunten Gesichtsausdruck. „Natürlich hat Kaiser Boscyk mich umfassend über Sie informiert. Sie können allerdings sicher sein, dass Ihr Geheimnis bei mir genauso gut aufgehoben ist wie beim Kaiser – solange sie uns gegenüber dem Imperium nicht benachteiligen.“

Coledos Gesicht zeigte sehr deutlich, dass er begriffen hatte. Roi Danton wusste, dass er Freihändler war!

Coledo antwortete nichts darauf. Roi hatte seinen Standpunkt sehr deutlich gemacht, es gab dazu nichts mehr zu sagen. Beide Männer wussten, was sie voneinander zu halten hatten.

Gut, da das geklärt ist, möchte ich Ihnen gerne eine weitere Grundbedingung für unsere weitere Geschäftsbeziehung nennen. Ich erwarte, dass Sie weiterhin loyal zum Solaren Imperium stehen wie bisher. Sonst werden die Freihändler keine Geschäfte mehr mit ihnen abschließen.“

Nun war Coledo doch sprachlos. Damit hatte er niemals gerechnet.

Sehen Sie, Monsieur. Ich will es Ihnen erklären. Dass die Freihändler im Solaren Imperium nicht gerne gesehen sind, wissen Sie ebenso wie ich. Seitdem Kaiser Boscyk mich mit der Wahrung der Interessen der Freihändler beauftragt hat, soll sich das ändern. Mein Ziel ist eine treu zum Solaren Imperium stehende unabhängige Freihändlerorganisation mit politischer Anerkennung durch das Imperium. Die Freihändler sollen innerhalb der nächsten fünf Jahre die zweitstärkste Wirtschaftsmacht unserer Galaxis werden hinter dem Imperium.“

Coledo atmete deutlich hörbar ein. „Sie haben sich sehr viel vorgenommen, Monsieur Danton. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie Ihr Ziel erreichen, weil ich Sie persönlich sympathisch finde. Aber and die politische Anerkennung durch das Imperium glaube ich nicht. Ich kenne den Herrn Großadministrator auch privat. Er wird sich mit allen Mitteln dagegen stemmen. Warum weiß ich nicht, aber er verabscheut die Freihändler regelrecht.“

Warten wir es ab, Monsieur.“ Roi lächelte fein. „Darf ich auf Ihre uneingeschränkte Hilfe zählen?“

Coledo nickte. „In meinem Rahmen, natürlich. Es wird mit Sicherheit auch mein Schaden nicht sein.“

Das denke ich auch. Dann kommen wir zu den Details. Bitte schauen Sie doch zuerst einmal auf Ihr Konto. Das 850-Meter-Schiff ist bezahlt, das Geld habe ich bereits auf Ihr Konto transferieren lassen. Dabei bin ich davon ausgegangen, dass Sie wie immer Qualität liefern und es nichts zu beanstanden gibt.“

Coledo winkte ab. „Das brauche ich nicht zu überprüfen. Ihr Wort als Ehrenmann genügt mir.“

Sehr gut.“ Roi verriet nicht, wie ihn dieses Vertrauen freute. „Die anderen 500 Schiffe sind so wie bestellt zum Termin fertig?“

Selbstverständlich. Wie immer bei uns.“

Gut. Dann erstellen Sie mir bitte ein Angebot für weitere 4.000 Schiffe innerhalb der nächsten drei Jahre. Je tausend 800-Meter Schiffe und 500-Meter-Schiffe sowie zweitausend 200-Meter-Schiffe. Alle Schiffe mit kriegsschiffsmäßigen Ortungs- und Funkanlagen. Leider muss ich davon ausgehen, dass wir uns zukünftig immer mal wieder wehren müssen, deshalb möchte ich unsere Besatzungen so gut wie möglich ausrüsten. Ansonsten der übliche Standard für Handelsschiffe.“

Coledo musste um seine Fassung ringen. Ein solcher Auftrag gehörte auch für ihn zu den ganz außergewöhnlichen. So etwas zog man nur einmal im Leben an Land.

Ich möchte nur der Vollständigkeit halber erwähnen, dass ich auch bei anderen Werften Angebote einholen werde“, fuhr Roi ungerührt fort. „Bitte berücksichtigen Sie das bei Ihrer Kalkulation.“

Coledo lächelte. „Natürlich. Sind Sie damit einverstanden, wenn ich Ihnen dieselben Konditionen wie der Solaren Flotte einräume?“

Roi lächelte fein. Innerlich entspannte er sich. „Ich sehe, wir haben uns verstanden, Mr. Coledo.“

Woher wollen Sie die Mannschaften, Offiziere und Kapitäne nehmen?“, fragte Coledo schwach. Er musste den Schock erst noch verdauen.

Das lassen Sie meine Sorge sein, Monsieur.“

Coledo musterte ihn eindringlich. Der junge Mann gefiel ihm außerordentlich gut. Trotz seines Selbstbewusstseins wirkte er nicht arrogant, seitdem er seine Maske abgelegt hatte.

Darf ich Ihnen einen Rat geben? Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich bin ein paar Jahre älter als Sie.“

Roi nickte lächelnd. „Nur zu. Ich bin immer für gute Ratschläge zu haben.“

Verbrennen Sie sich nicht die Finger, junger Freund. Mit dem Solaren Imperium und dem Großadministrator ist nicht zu spaßen. Falls Sie anfangen sollten, Raumfahrer von der Flotte oder der USO abzuwerben, sollten Sie auf alles gefasst sein.“

Roi lachte offen. „Das weiß ich. Keine Sorge, ich werbe nicht ab. Aber was kann ich dafür, wenn es so einigen bei uns besser gefällt als bei der Flotte. Da steckt niemand drin.“

Und damit hat der friedliche Wettstreit mit Vater neue Dimensionen angenommen, dachte Roi bei sich. Er spürte in seinem Nacken ein leichtes Kribbeln, er freute sich darauf.

Er auf und klopfte Coledo freundlich auf die Schulter. Das fiel ihm nicht schwer, da er im Gegensatz zu dem kleinen etwas dicklichen Reeder groß und hochgewachsen war.

Dann lassen Sie uns das neue Flaggschiff der Freihändler-Flotte besichtigen. Es wird FRANCIS DRAKE heißen. Sie wissen sicherlich, dass Francis Drake kein alltäglicher Pirat war.“

Ein guter Name für Ihr Schiff, Monsieur. Und ein bezeichnender.“


**********


Roi Danton verließ die Coledo-Werft in absoluter Hochstimmung. Zum einen hatte der Reeder ihn nicht erkannt, obwohl er ihn von früher her sehr gut kannte und er ihm sogar einige sehr deutliche Hinweise präsentiert hatte – also konnte er sich auf seine Tarnung verlassen. Zum anderen war sein neues Schiff, sein erstes wirklich eigenes Schiff, ein Traum! Perfekt und supermodern. Außerdem war er sich sicher, dass er auch für den kommenden Großauftrag sehr gute Konditionen von Coledo erhalten würde. Roi konnte sich nicht dagegen wehren, aber er schwebte emotional auf Wolken.

Ihm tat es nur leid, dass die Ingenieure und Techniker der Werft einige Arbeit unnötig gemacht hatten. Das hatte ihn auch einiges an Solar zusätzlich gekostet, aber er durfte keinen Verdacht erregen, wenn er ein Schiff mit nur einem Kalup oder zu wenig „Normalwaffen“ erworben hätte. Dann wäre die Abwehr mit Sicherheit sofort präsent gewesen. Eine solche Überprüfung brauchten weder er noch Coledo.

Er traf sich mit der abkommandierten Überführungsbesatzung beim Schiff. Auch seine Edelleute und die Mannschaften waren hellauf begeistert. Zusammen mit der KOLUMBUS starteten sie von Terra. Der Raumhafenkommandant wunderte sich ein wenig, weil Roi als Name des Schiffes nur die Nummernbezeichnung angab, unter der die Produktion in der Werft gelaufen war. Roi erklärte, dass das Schiff in einem großen Festakt auf der Zentralwelt der Freihändler getauft werden würde. Damit gab der Mann sich zufrieden.

Roi flog das neue Schiff selbst zu einem Treffpunkt im freien Raum. Dort wartete eine Korvette auf sie. Eine Werftmannschaft übernahm das Schiff, um es nach Last Hope zu fliegen, wo Rois Schwester Suzan Betty Rhodan zusammen mit ihrem Verlobten Dr. Waringer wohnte. Dort betrieb er mit Billigung ihrer Mutter seine Forschungen. Er würde das neue Flaggschiff der Freihändler-Flotte mit Transformkanonen ausrüsten, die schneller schossen als die auf den terranischen Flottenschiffen üblichen Modelle, neu konstruierten Linearkonvertern, dem sagenhaften Halbraumspürer, der es ermöglichen sollte, Schiffe auch durch den Linearraum zu verfolgen. Darüber verfügten bisher weder Flotte noch USO. Professor Kalup, das wissenschaftliche Genie des Solaren Imperiums, arbeitete bisher erfolglos daran, während Dr. Waringer ein ganz anderes Konzept in die Praxis umgesetzt hatte.

Dazu kamen noch ein neuartiger Anti-Ortungsschirm und einige andere technische Neuentwicklungen. Die Vereinbarung zwischen Roi und Geoffry lautete dahingehend, dass der Wissenschaftler die Neuentwicklungen Roi zum Test auf seinem Schiff überließ. Damit bekam die zukünftige FRANCIS DRAKE auch den Status eines Experimentalschiffes.

Roi fragte sich innerlich, wie viel Atlan schon damals geahnt hatte, als er ihm vor seiner Mentalstabilisierung das heilige Versprechen abnahm, niemals gegen die Interessen der Menschheit zu arbeiten. Mit diesem Schiff könnte er dem Imperium sehr gefährlich werden. Atlan hatte zwar nichts von seinen Plänen gewusst, aber eines seiner Fachgebiete war Galaktopsychologie, außerdem verfügte er über die Erfahrung seines mehr als zehntausendjährigen Lebens und war diese ganze Zeit der Mentor der Menschheit. Alles zusammen mehr als genug Gründe für ihn, Roi das erste Zusammentreffen mit Atlan als Freihändler so lange hinauszuzögern, wie es ihm möglich war.

Geoffry war selbst mitgekommen, um das Schiff zu übernehmen. Roi verabschiedete sich von seinem zukünftigen Schwager mit dem Hinweis, nicht seine eigene Hochzeit zu vergessen und flog mit der KOLUMBUS direkt weiter nach Plophos …


**********


Der Hafenkapitän des Raumhafens von New Taylor, der Hauptstadt des Planeten Plophos, wirkte völlig ratlos, als er Obmann Mory Rhodan-Abro in ihrem Arbeitszimmer im Regierungspalast anrief.

Obmann, das Freihändlerschiff CHRISTOPH KOLUMBUS ersucht um sofortige Landeerlaubnis. Der Kommandant, ein Fürst Danton behauptet, er hätte einen Termin mit Ihnen im Palast. Ich weiß nicht …“

Mory Rhodan-Abro, immer noch die kühle rothaarige Schönheit mit dem Aussehen einer 25-Jährigen dank ihres Zellaktivator, lächelte nachsichtig.

Was wissen Sie nicht, Oberst Anders?“

Es ist doch üblich, ein Freihändlerschiff grundsätzlich nicht bevorzugt abzufertigen. Deshalb wollte ich lieber bei Ihnen nachfragen. Zumal die Behauptung dieses Fürsten mir ein wenig unglaubwürdig erscheint.“

Mory holt tief Luft und unterdrückte ihren aufkommenden Ärger. Sie blieb gleich bleibend freundlich.

Mit ‚nicht bevorzugt abfertigen‘ meinen Sie sicherlich die kleinlichen Schikanen, denen die Freihändlerschiffe auf Solaren Planeten immer wieder ausgesetzt werden. Ich hoffe, Sie schließen sich dieser Praxis nicht an. Die Freihändler sind nicht unsere Feinde, es sind Menschen wie Sie und ich. Bitte verhalten Sie sich entsprechend und geben Sie das als Anweisung an Ihre Leute weiter. Ich möchte mich nicht über entgegengesetzte Berichte ärgern müssen. Sie verstehen mich?“

Aber Obmann“, wagte Oberst Anders zu sagen, „auf Terra …“

Weiter kam er nicht, weil Mory ihm nun doch ins Wort fiel, was sie normalerweise ihren Untergebenen gegenüber vermied. „Vielleicht wird sich unsere Mutterwelt diesbezüglich irgendwann nach uns richten.“ Sie schenkte dem Mann ihr bezauberndstes Lächeln. „Außerdem stimmt die Aussage des Fürsten. Ich erwarte ihn wirklich.“

Nähere Auskünfte gab sie nicht. Sie wäre unglaubwürdig geworden, würde sie ihrem Untergebenen gegenüber ihr Vorgehen erläutern.

Sie beendete die Verbindung mit einem maliziösen Lächeln und drehte sich zu ihrer Tochter Suzan um, die vor ihrem Schreibtisch saß. Mutter und Tochter schauten sich an.

Soll es immer so weitergehen?“, fragte Suzan traurig.

Mory stand auf und nahm ihre Tochter tröstend in die Arme. „Nein, und gerade daran werden wir jetzt arbeiten.“

Wird der Hafenkapitän nicht an die Erde melden, dass du mit Roi Danton sprechen willst? Was wird Dad dazu sagen?“ Die Angst stand ihr im Gesicht geschrieben. Im Moment war sie auf ihren Vater nicht gut zu sprechen, da er ihre bevorstehende Hochzeit mit Geoffry immer noch ablehnte.

Die Trauung war im engsten Kreis auf Plophos anberaumt worden. Perry Rhodan, Atlan, Bully und die gesamte Führungsspitze des Solaren Imperiums ahnte nichts davon. Sie würden es danach erfahren. Suzan und Mory hatten sich zusammen mit Geoffry und auch Michael zu diesem schweren Schritt entschlossen, um eventuelle Missbefindlichkeiten an dem großen Tag auszuschließen. Suzan sollte ihren großen Tag glücklich genießen können.

Mory winkte ab. „Ich glaube nicht, dass Oberst Anders es wagen wird, etwas an die Erde zu melden. Zum einen hat er meine Anweisung, zum anderen möchte er sich sicherlich nicht der Kritik von dort aussetzen, dass er ein Freihändlerschiff schnell abgefertigt hat. Und wenn, dann wird mir schon etwas einfallen Perry gegenüber.“

Danke, Mum.“ Suzan wusste sehr genau, welches Risiko ihre Mutter einging. Sie stellte sich im Prinzip gegen ihren Mann, den sie abgöttisch liebte, für ihre Tochter – und auch für ihren Sohn.

Warum lehnt Dad nur Geoffry so ab? Er hält ihn immer noch für einen Phantasten und lässt sich nicht davon abbringen.“ Suzan konnte sich von dem Problem einfach nicht lösen.

Eifersucht, dass ihm seine Tochter entführt wird, wie fast alle Väter es empfinden – oder ganz einfach seine alte Angst, dass es gute Wissenschaftler und Soldaten gibt, die nicht für seine Menschheit arbeiten könnten, sein altes Problem“, spekulierte Mory. „Aber das werden wir jetzt nicht klären können und sollten es auch nicht versuchen.“

Suzan lächelte. „Spätestens wenn Mike mit seiner neuen FRANCIS DRAKE unterwegs ist, wird man ihm glauben.“

Mory schüttelte leicht den Kopf. „Das wäre sehr schön, Kind. Aber es wird nicht gehen, das weißt du doch. Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben.“

Suzan seufzte auf. „Ja, daran hatte ich nicht gedacht. Für mich braucht Geoffry diesen Beweis auch nicht antreten, ich glaube so an ihn!“

Das weiß ich. Deshalb sollten wir das Thema jetzt auch lassen, sondern uns auf Eure Hochzeit konzentrieren. Jedenfalls hat Mike es geschafft, zu kommen. Das ist doch schon mal was.“

Suzan lachte. „Ich hätte meinem kleinen Bruder auch nichts anderes geraten, wenn er es sich nicht für immer hätte mit mir verderben wollen. Schließlich sind du und er die Trauzeugen.“

Erfreut darüber, dass Suzans Stimmungstief anscheinend überwunden war, ging ihre Mutter auf den lockeren Ton ein.

Da könnte dann nicht einmal die Frau Mutter ihn retten“, grinste sie schelmisch.


**********


Es hatte Mory einige Mühe gekostet, die Eskorte loszuwerden, die Roi Danton bis in ihr Büro geleitet hatte. Der kommandierende Offizier berief sich auf eine 1 A-Order des Großadministrators, der zufolge der Obmann des Eugaul-Systems niemals ohne Schutz bleiben dürfe, wenn ein bisher unbekannter Besucher sie aufsuchte. Mory, die diese Anweisung ihres Mannes kannte und wusste, dass er sie ausschließlich aus Sorge um ihr Wohlergehen erlassen hatte nicht zu Kontrollzwecken, konnte den Offizier nur unter Hinweis auf ihre Regierungsgewalt als Obmann besänftigen.

Roi, der sich beim Eintritt selbst übertroffen hatte in seiner Verehrung für die „charmanteste Regierungschefin, der er je begegnet war“, umarmte Mutter und Schwester herzlich, nachdem die Soldaten abgezogen waren und sie sicher sein konnten, unbeobachtet zu sein.

Mory betrachtete ihren Sohn aufmerksam. Ihr entging nicht die geringste Kleinigkeit.

Glücklich?“, fragte sie ihn leise.

Ja, auf jeden Fall.“ Michael lachte. Seine Verspannung löste sich etwas. „Es macht Spaß, als ich selbst etwas zu bewirken und nicht als Sohn des Herrn Großadministrators. Ich habe große Ziele und ich möchte sie erreichen. Und dabei lasse ich mich nicht von Vater einschüchtern. Er wird die Freihändler mit Sicherheit immer mehr jagen, je aktiver wir werden. Das erschrickt mich nicht. Die Zeiten, als der kleine Mike Angst vor seinem Vater hatte, sind schon lange vorbei.“

Ein wenig Bitterkeit klang in seiner Stimme mit.

Mory wurde übergangslos sehr ernst. Michael verstand sie sofort und zog sie beschwichtigend an sich. „Keine Sorge, Mum. Ich werde nie gegen das Imperium arbeiten. Das ist ein friedlicher Wettstreit mit Vater. Den muss er akzeptieren, genauso wie er einsehen muss, dass er nicht immer alles diktieren kann. Suzan und ich treffen unsere eigenen Entscheidungen.“

Das weiß ich, Mike. Und ich halte es auch für richtig, sonst würde ich euch beide nicht unterstützen.“

Ja, Mum. Hoffentlich können wir irgendwann wieder gut machen, was du für Krausnase und mich tust.“

Suzan nickte zustimmend. Sie liebte ihren „kleinen“ Zwillingsbruder, der acht Minuten nach ihr auf die Welt gekommen war, genauso wie er sie. Mit Vergnügen dachte sie heute an ihre Zeiten als kleine Kinder zurück. Damals hatte Reginald Bully, Onkel Bully, Mike mühsam klarmachen müssen, dass auch eine Schwester ihre Daseinsberechtigung hatte. Für ihn war sie damals ja „nur“ seine Schwester gewesen.

Ich erwähne es nicht gerne“, rang Mory sich durch. „Aber bitte denkt bei allem, was Ihr tut, besonders du, Mike, immer an das Trauma, das Perry hat. Deshalb wird er jede deiner Handlungen auf die Goldwaage legen. Er weiß genau wie wir, dass er dir vertrauen kann, aber dieses Trauma lässt ihn nicht los.“

Michaels Gesicht verschloss sich. „Ich bin nicht Thomas Cardif, Mutter! Das solltet Ihr alle wissen, auch Vater!“, antwortete er heftig.

Alle wussten, worauf Michael anspielte. Perry Rhodans erster Sohn Thomas Cardif, den er zusammen mit seiner ersten Frau, der Arkonidin Thora gezeugt hatte, war ein Verräter am Solaren Imperium gewesen. Zuerst war er aus der Flotte desertiert, dann hatte er beinahe zwei Imperien, das Solare und das Große Imperium der Arkoniden, dessen Imperator Atlan zu der Zeit war, in den Untergang gestürzt.

Michael erinnerte sich daran, wie Atlan ihm die Wahrheit über Thomas Cardif und auch über sein eigenes Verhältnis zur ersten Frau seines Vaters, der arkonidischen Fürstin Thora, der Schwester des letzten Imperators vor dem Robotregenten anvertraut hatte. Obwohl es noch nicht einmal ein Jahr her war, kam es ihm vor, als sei es schon Jahre her. Das war damals gewesen – in seinem vorigen Leben …

Mit Gewalt schüttelte er den Gedanken ab. „Die Freihändler werden unter meiner Führung eine paramilitärische Organisation werden, die absolut treu zum Imperium steht. Ich werde den jetzigen Meinungen den Boden entziehen.“

Suzan musterte ihn aufmerksam. „Willst du nicht zumindest Atlan informieren, wer Roi Danton wirklich ist? Es könnte für dich leichter werden, wenn er dich im Hintergrund unterstützt. Und er würde Vater niemals etwas sagen. Erinnere dich an deine selbst gebastelte Flüssigkeitsrakete, als du elf Jahre alt warst.“

Das weiß ich.“ Michael dachte belustigt an seinen gefährlichen Jugendstreich. Er hatte eine Flüssigkeitsrakete gebastelt und wollte sie gerade in seinem Kinderzimmer im Bungalow am Goshun-See ausprobieren, als der Arkonide dazu kam. Er verhinderte die Zündung, erklärte dem kleinen Jungen, der zu dieser Zeit schon sehr frühreif war, in welcher Gefahr er sich befunden hatte und sagte seinem Freund Perry nichts davon.

Atlan wird nichts sagen. Aber es würde mir alles wieder zu leicht machen. Er wusste auch, dass ich von Zuhause weggehen wollte und hat Vater trotzdem nicht gewarnt. Er ist einfach großartig. Ich musste ihm ein heiliges Versprechen geben, bevor er der Mentalstabilisierung zugestimmt hat. Niemals gegen die Menschheit zu arbeiten. Er ist und bleibt der Mentor der Menschen, vielleicht oder sogar wahrscheinlich sehr viel mehr als Dad.“

Mit Schaudern dachte Michael an seine Gehirnoperation zurück. Auch gemessen an dem, was er vorher mitgemacht und durchlitten hatte, war das Erlebnis das Schrecklichste, das er in seinem bisherigen Leben mitgemacht hatte.

Lassen wir die unangenehmen Themen jetzt“, wechselte er abrupt das Thema. „Es gibt erfreulichere Dinge zu besprechen. Geoffry hat die zukünftige FRANCIS DRAKE übernommen und ich habe ihn noch einmal daran erinnert, nicht seine eigene Hochzeit zu verpassen. Bei so einem ‚zerstreuten’ Wissenschaftler ist doch alles möglich.“ Michael hatte sein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden und scherzte in seiner üblichen Art.

Was soll die nächsten drei Tage mit der KOLUMBUS geschehen?“, ging Mory sofort darauf ein.

Im Moment wird die Howalgonium-Ladung gelöscht, die ich mitgebracht habe und die Formalitäten abgewickelt. Edelmann Hims, mein 1. Offizier kümmert sich darum. Anschließend erhält die Mannschaft gruppenweise Urlaub. Darum brauche ich mich auch nicht selbst zu kümmern. So wie es aussieht, habe ich eine hervorragende Mannschaft vom Kaiser übernommen. Zusammen mit den neuen Besatzungsmitgliedern möchte ich eine Elitebesatzung daraus schmieden.“

Wo willst du die Männer und Frauen herbekommen?“

Sehr viele gute Raumfahrer sind im Moment ohne Beschäftigung, weil die Freihändler nicht genug Schiffe haben. Sie warten auf Olymp auf eine neue Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass ich genug bekommen werde, wenn es bekannt wird, dass ich Besatzungsmitglieder für das neue Flaggschiff suche. Das riecht regelrecht nach einer interessanten und abenteuerlichen Herausforderung - jedenfalls für Vollblut-Kosmonauten und Techniker.“

 

**********


Damit erkläre ich Sie für Mann und Frau. – Sie dürfen Ihre Frau jetzt küssen.“

Der Standesbeamte der Plophosischen Regierung lächelte das gerade von ihm getraute Paar freundlich an.

Dr. Geoffry Abel Waringer, der jetzt im Gegensatz zu seinem sonstigen Gebaren außerhalb seiner Wissenschaften gar nicht mehr linkisch wirkte, drückte seine Frau Suzan fest an sich und beide versanken in einem unendlich lange erscheinenden Kuss.

Mory und Michael lächelten beide vor sich hin, als sie die Eheleute beobachteten. Suzan hatte sich mit besonderer Sorgfalt zurechtgemacht. Ein elegantes elfenbeinfarbenes Kostüm brachte ihre Figur vollendet zur Geltung. Geoffry trug einen schlichten dunklen Anzug. Beide machten einen unendlich glücklichen Eindruck.

Mutter und Zwillingsbruder, von jetzt an auch Schwiegermutter und Schwager, konnten sich ihrer Rührung auch nicht erwehren. Sie waren außer dem Paar und dem Standesbeamten die einzigen Anwesenden.

Mory war in einen weißen Hosenanzug aus kostbarer Seide gekleidet, Michael trug genau wie Geoffry einen eleganten dunklen Anzug. Für diesen Anlass hatte er auf seine Roi-Danton-Kostümierung verzichtet.

Erst das vorsichtige Räuspern des Standesbeamten führte dazu, dass Suzan und Geoffry wieder aufsahen. Der Beamte lächelte nachsichtig und schob den Eheleuten die Urkunde hin. Geoffry unterschrieb schwungvoll und gab den Stift danach an seine Frau weiter. Suzan unterschrieb ganz langsam zum ersten Mal als „Suzan Betty Rhodan-Waringer“.

Danach unterzeichneten erst Mory, dann Michael als Trauzeugen die Urkunde.

Michael umarmte seine Schwester und drückte ihr einen kräftigen brüderlichen Kuss auf die Wange. „Alles Glück der Galaxis, Krausnase.“

Sie kuschelte sich kurz an ihn. „Danke, kleiner Bruder. Es ist so lieb, dass du gekommen bist.“

Er lachte. „Ich lasse doch meine große Schwester nicht allein heiraten, was denkst du von mir.“

Anschließend bot er Geoffry beide Hände. Der schlug ohne Zögern ein. „Du wirst meine Schwester glücklich machen, das weiß ich. Wenn nicht …“ Den Rest ließ er offen, aber sein Blick sprach Bände.

Du kannst dich auf mich verlassen, Schwager.“ Diese Anrede zum ersten Mal fiel Geoffry leicht. Die beiden jungen Männer verstanden sich schon seit dem ersten Kennenlernen.

Bei Mory kamen die Worte dem Wissenschaftler ein wenig schwerer über die Lippen.

Nun ist aber Schluss mit der Verlegenheit, mein lieber Schwiegersohn“, entgegnete Mory mit ihrem ganzen Charme. „Von jetzt an bin ich für dich genau wie für Suzan und Michael ‚Mum’ oder ‚Mutter’. Etwas anderes möchte ich nicht mehr hören, sonst werde ich böse.“

Geoffry druckste ein wenig herum, dann nickte er. Michael half ihm. „Du wirst es lernen, Geoffry. Ich sage auch zu dieser so jung und bezaubernd aussehenden Frau ‚Mum’. Im Laufe der Zeit wird es Gewohnheit, angenehme Gewohnheit.“

Damit nahm er seine Mutter ohne viele Umstände in den Arm und küsste sie auf die Wange.

Als er seine Mutter umarmte und Schwester und Schwager so glücklich zusammen sah, musste er wieder an seine ehemalige Lehrgangskameradin Beatrice Wood denken – und wieder überkam ihn das Wehmutsgefühl, weil er auf diese Frau hatte verzichten müssen. Er konnte sich vorstellen, dass Beatrice für ihn eine Frau fürs Leben hätte sein können.


**********


Das Jahr 2430 ging ohne weitere bemerkenswerte Ereignisse zu Ende.

Erst im Januar 2431 erfuhren Perry Rhodan, Atlan, Bully und alle anderen von der Heirat Suzans mit Geoffry auf Plophos. Mit Absicht hatten Mory und Suzan ihn erst nach Weihnachten informiert, weil sie seine Reaktion fürchteten und Wert auf ein friedliches Weihnachtsfest legten.

Entgegen aller Befürchtungen nahm er die Nachricht erstaunlich gefasst auf. Nachdem Atlan ihn vorsichtig darauf hinwies, dass er durch seinen Widerstand seiner Tochter eine glanzvolle Hochzeit, die wohl jede Frau sich wünscht, versagt hatte, gab er endlich seinen Widerstand gegen Geoffry auf und richtete Tochter und Schwiegersohn im Nachhinein ein überaus glanzvolles Hochzeitsfest in Terrania-City aus. Er sprang sogar über seinen Schatten und entschuldigte sich bei Suzan und seinem Schwiegersohn. Besonders Atlan rechnete seinem besten Freund das sehr hoch an.

Es war alles perfekt – bis auf eines: Michael fehlte, weil er hauptsächlich seinem Vater und auch Atlan und den anderen noch nicht wieder begegnen wollte. Er ließ lediglich über seine Schwester Grüße an den Vater übermitteln.

Perry hatte in seinem Innersten sogar gehofft, dass Michael zu einem Kurzbesuch nach Terra kommen würde, egal was er nun machte und wo er sich aufhielt. Er hätte ihm keine Fragen gestellt und ihn wieder ziehen lassen. - Aber Michael tat ihm diesen Gefallen nicht, obwohl Suzan ihm seine Bitte überbrachte.

Besonders Atlan erkannte, dass Perrys Hoffnung trügerisch sein musste. Egal was sein ehemaliger Schüler machte, seine neue Stellung konnte nach der Zeit noch nicht so gefestigt sein, dass er eine Begegnung riskieren würde.

Als Suzan und Geoffry auf der Feier Zeuge wurden, wie Perry und Atlan sich mit Mory über den neuen Befehlshaber der Freihändler, diesen Roi Danton unterhielten, tauschten sie mit einem feinen Lächeln verschwörerische Blicke.

Weiterhin kam niemand aus der gesamten Führungsriege auf den richtigen Gedanken. Auch Gucky war ratlos, da sowohl Mory als auch Suzan und Geoffry über die Fähigkeit verfügten, ihre Gedanken entsprechend abzuschirmen. Außerdem war Gucky fest entschlossen, falls sie einmal ihren Gedankenschirm vernachlässigen sollten, niemand darüber zu informieren, wo Michael war. Der Mausbiber verstand seine Beweggründe genau wie Atlan sehr gut – außerdem konnte man sich auf Gucky als Freund verlassen …


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Fortsetzung: Teil 04


28.5.16 15:04, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 04

Lockruf der Freihändler – Teil 04


3

 

März 2431


Hör auf, Geoffry, es reicht!“ Michael war überwältigt und versuchte schon seit über einer halben Stunde, den Redefluss Dr. Geoffry Abel Waringers zu stoppen. Zusammen mit Suzan und dem Chefingenieur von Geoffrys Entwicklungsteam besichtigten sie die umgebaute Zentrale seines neuen Schiffes.

Der Chefingenieur, Dr.-Ing. Robert Hawkins lachte und fiel seinem Chef ins Wort. Er wusste, dass Geoffry es ihm nicht übel nahm, dazu arbeiteten sie schon zu lange freundschaftlich zusammen. Außerdem war der Redestrom seines Chefs anders nicht zu stoppen, wenn es sich in seinem Element befand.

Auf jeden Fall, Michael, haben Sie ein Schiff, das mit ruhigem Gewissen als das kampfstärkste aller Menschen bezeichnet werden kann. Die FRANCIS DRAKE schlägt im Extremfall sogar die CREST IV Ihres Vaters und die IMPERATOR III von Lordadmiral Atlan.“

Michael wurde sehr ernst, obwohl die innere Hochstimmung ihn beflügelte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben so glücklich gewesen zu sein. „Soweit wollen wir es nie kommen lassen, Robert.“

Der blickte ihn sehr ernst an. Natürlich nicht. Wir alle wissen, dass das nur eine hypothetische Möglichkeit ist.“

Glücklich, kleiner Bruder?“, warf Suzan ein.

Sehr, Krausnase. So glücklich wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Schade, dass wir es für uns behalten müssen. Vielleicht kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem wir unsere Geheimnisse offenbaren dürfen oder müssen. Es ist mein großes Ziel, Vater von der Loyalität der Freihändler zum Imperium zu überzeugen und ihn dazu zu bringen, sie anzuerkennen.“

Übernimm dich nicht, du hast dir damit ein Ziel gesetzt, das ich im Moment noch als unüberwindbar einschätze, auch nach mathelogischen Gesichtspunkten.“ Suzan spielte damit auf ihre Ausbildung als Mathelogikerin an. Sie gehörte ebenfalls nicht zu den „zarten Pflänzchen“ in der Frauenwelt, sondern konnte durchaus ihren „Mann“ stehen, entscheiden und zupacken. Eine militärische Ausbildung hatte sie auf Plophos erhalten und war seitdem Leutnant der Plophosischen Raumflotte der Reserve. Wobei sie nur die übliche Ausbildung absolviert hatte und nicht die extrem harte Kampfausbildung wie ihr Bruder.

Irgendwann werde ich es schaffen“, prophezeite Michael.

Das glaube ich dir. Kannst du dich auf deine Mannschaft verlassen?“ Suzan dachte schon an das Nächstliegende.

Michael nickte. „Absolut. Die Mannschaft, die ich vom Kaiser übernommen habe, hat sich vorbehaltlos hinter mich gestellt. Die anderen, die ich zusätzlich angeworben habe, sind hochqualifizierte Spezialisten, von denen die meisten früher bei der Flotte oder der USO waren. Sie sind auf unseren letzten Flügen mit der CHRISTOP KOLUMBUS wirklich zu einer Einheit geworden. Einige Male habe ich ihnen ganz bewusst die Möglichkeit zum ‚Verrat’ gegeben, niemand hat den Köder geschluckt. Es ist alles in Ordnung. Sie werden noch einmal extra auf mich als Kommandanten vereidigt, sobald das Schiff getauft ist. Darum habe ich den Kaiser gebeten. Ich verspreche mir davon eine gewisse Symbolwirkung.“

Suzan lachte herzlich. Ihr herbes Gesicht wurde fraulich weich. Geoffry zog sie liebevoll an sich. Beide tauschten auch in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten aus. Niemand störte sich in diesem Kreis daran, im Gegenteil, alle freuten sich über ihr Glück.

Zudem gilt es als eine Art Auszeichnung, mit Roi Danton fliegen zu dürfen, wie man hört. Mein Kompliment, Mike, du hast in dem knappen Jahr schon sehr viel erreicht.“

Ich tue mein Bestes“, wehrte Michael bescheiden ab. Er fühlte sich im Moment als ein großer Junge vor einem ganz großen Abenteuer …

Ich rekapituliere noch einmal“, meldete sich der Ingenieur zu Wort. „Mein Team und ich fliegen zusammen mit Michael und dem Schiff nach Olymp. Dort beginnen wir mit dem Ausbau des Raumhafens von Trade-City nach den Plänen des Fünf-Jahres-Planes. Wie verhalten sich die Beiräte, Michael, ist mit Schwierigkeiten zu rechnen?“

Michael zuckte die Schultern und verzog das Gesicht, als ob er in eine Zitrone gebissen habe. „Nicht mehr und nicht weniger als sonst.“

Übergangslos fiel er in seine Rolle als Stutzer zurück. „Auf, Messieurs, Wir haben Uns entschieden, dass wir Unser Schiff unverzüglich nach Olymp bringen.“ Und an den Ingenieur gewandt: „Sind Seine Männer bereit zur Abreise?“

Der ging lachend auf das Spiel ein. Mit einem tiefen Kratzfuß antwortete er: „Selbstverständlich, Majestät. Wir warten nur darauf, Euch folgen zu dürfen.“

Roi musterte ihn durch sein Lorgnon wie ein seltenes Tier, mit blasiert verzogenem Gesicht. „Hat Er den Kratzfuß vor dem Spiegel geübt? Der war nahezu perfekt. Unser wohlwollendes Lob sei Ihm gewiss.“

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern tänzelte davon. Suzan und Geoffry Arm in Arm und der Ingenieur hinter ihnen folgten, fröhlich lachend.

Zum Glück war nach der Vernichtung der Meister der Insel immer noch Frieden und sie konnten sich mit Hingabe dem friedlichen Wettstreit mit dem Solaren Imperium widmen …


**********


Hiermit taufe ich dich auf den Namen FRANCIS DRAKE!“

Kaiser Lovely Boscyk schwebte auf einer Antigravplattform in die Höhe bis zum Beginn der Kugelrundung des 850 Meter durchmessenden Raumschiffes und schleuderte die Sektflasche mit Schwung gegen die Terkonitstahlwand. Mit einem lauten Knall zerbarst sie.

Dem Aufatmen unter den angetretenen Freihändlern folgte ein unbeschreiblicher Jubel. Die Schiffstaufe war gelungen. Längst war sie nicht mehr bei allen Schiffen üblich, sondern nur noch ein besonderes Zeremoniell zu wichtigen Anlässen. Wenn sie denn durchgeführt wurde, musste sie gelingen. Eine nicht beim ersten Versuch zerbrochene Sektflasche galt wie zu historischen Seefahrerzeiten immer noch als schlechtes Omen.

Roi Danton, der sich für diesen Anlass besonders herausgeputzt hatte, atmete genauso befreit auf. Sein Schiff, die FRANCIS DRAKE!

Der Kaiser schaute nach unten. Auf einer Seite des Schiffes war die jetzt 900 Mitglieder starke Besatzung angetreten, auf der anderen Gäste und Besucher, die die Taufe des neuen Flaggschiffes der immer größer werdenden Freihändlerflotte miterleben wollten. Stolz erfüllte den alten Mann und die Gewissheit, richtig gehandelt zu haben. Ihm wurde immer klarer, dass in Michaels Kindheit und Jugend viel schief gelaufen sein musste, was ihn dazu bewogen hatte, seinem Elternhaus den Rücken zu kehren.

Lovely besaß genug Erfahrung und Menschenkenntnis, um zu wissen, dass Michael, wenn er etwas älter war und über mehr Erfahrung verfügte, mit seinen überragenden Fähigkeiten in einem friedlichen Wettstreit mit seinem Vater, dem Großadministrator nicht schlecht abschneiden würde. Er konnte sich vorstellen, dass Perry Rhodan in ernsthafte Bedrängnis kommen könnte, besonders wenn es um die kosmonautischen Fähigkeiten ging. Bisher galt der Großadministrator immer noch als bester Kosmonaut des Imperiums. Boscyk war sich sicher, dass sich das ändern konnte - und würde, wenn Michael die Freiheit erhielt, sich entsprechend zu entwickeln.

Lovely schwebte mit seiner Plattform wieder nach unten, blieb in einer Höhe von ca. drei Metern vor der angetretenen Besatzung in der Luft stehen. Stolz musterte er die disziplinierten Freihändler. Roi Danton hatte es geschafft, aus dem verwilderten Haufen eine militärisch strukturierte Elitemannschaft zu machen. Trotzdem fühlten sich alle wohl und in keiner Weise bevormundet oder in ein Schema gepresst wie bei der Flotte.

Mögest du, Roi und Sie alle, den Ruhm der Freihändler mit dem Flaggschiff FRANCIS DRAKE in die Galaxis hinaustragen!“

Wieder brandete Jubel auf. Lovely fuhr fort, nachdem es wieder still wurde: „Sie alle, Ihr Kommandant, das Schiff, sind etwas ganz Neues, Einmaliges unter den Freihändlern. Jeder von Ihnen trägt an einer großen Verantwortung für sich selbst, die Mannschaft, die Organisation der Freihändler und die gesamte Menschheit. Das hört sich jetzt vielleicht etwas unverständlich an, aber sobald Ihr Kommandant Sie instruiert hat, nachdem Sie die FRANCIS DRAKE bestiegen haben, werden Sie es verstehen. Wir verlassen uns auf Sie. Trotzdem müssen wir auf einem Extra-Eid bestehen, und zwar werde ich Sie noch einmal persönlich auf Ihren Kommandanten vereidigen.

Niemand von Ihnen wird dazu gedrängt. Sie können frei entscheiden, wer von Ihnen das nicht möchte, kann jetzt die Mannschaft verlassen. Ihre Entlohnung wird noch für ein Vierteljahr weitergezahlt, um Ihnen die Überbrückung zu erleichtern.“

Die Freihändler blickten sich ungläubig an. Das entsprach gar nicht mehr den Sitten und Gebräuchen der Organisation. Man wurde einmalig auf die Organisation vereidigt. Jedem war bewusst, dass mit der FRANCIS DRAKE und mit ihrem Kommandanten, den sie inzwischen alle respektieren und schätzen gelernt hatten, etwas völlig Neues in ihr Leben getreten war.

Sie haben von jetzt an 30 Minuten Zeit, um sich zu entscheiden“, schloss Lovely Boscyk seine Rede und schwebte mit der Plattform zum Boden. Roi trat zu ihm und beobachtete seine Mannschaft. Es bildeten sich kleine Grüppchen, die untereinander diskutierten. Er sah auch, dass diese Diskussionen innerhalb der Dienstgruppen stattfanden und nach und nach die zuständigen Edelleute sich zur Schiffsführung, also zu Edelmann Rasto Hims begaben. Der nahm die Meldungen entgegen und nickte nur bei jedem bestätigend. Keine Hektik, kein unübersichtliches Durcheinander – es hatte sich schon viel geändert.

Lächelnd beobachtete er zusammen mit dem Kaiser die Leute. Der klopfte ihm auf die Schulter. „Hervorragend, Roi.“ In der Öffentlichkeit vermied er es, auch wenn sie leise unter sich sprachen, seinen richtigen Namen zu nennen. Man konnte nie wissen, wer doch mal unbemerkt zuhörte. „Du hast sehr viel erreicht.“

Roi lächelte zufrieden.

Rasto Hims blickte auf seine altmodische Armbanduhr und ging nach exakt 30 Minuten auf Roi und Lovely zu. Er grinste zufrieden über sein ganzes breites Epsalergesicht.

Ich freue mich, Ihnen melden zu können, dass alle einverstanden sind. Wir freuen uns darauf, weiterhin unter Ihnen zu fliegen, Sir!“

Innerhalb der eigenen Reihen, solange man insbesondere nicht auf Mitglieder der Flotte oder der USO stieß, hatte sich in Rois Mannschaft ein normaler militärischer Ton etabliert. Nach draußen musste man ja seinem Ruf gerecht werden und sich entsprechend benehmen, indem man den „Kollegen der Konkurrenz“ entsprechende lockere und ungezwungene Äußerungen an den Kopf warf, sonst wäre man kein echter Freihändler gewesen. Dazu gehörte natürlich auch, immer wieder zu betonen, wie frei und ungebunden man doch war und wie „arm dran“ die Mitglieder von Flotte und USO waren.

Mit einer exakten Ehrenbezeugung nach Art der Flottenoffiziere zog er sich zurück.

Lovely warf einen Blick über die angetretene Mannschaft. Als er zu sprechen begann, nahmen alle Haltung an und es kehrte Stille ein.

Ich vereidige Sie auf Ihren Kommandanten, den Fürsten Roi Danton. Sie werden ihm folgen und ihm Gehorsam leisten. Wenn Sie damit einverstanden sind, sprechen Sie mir bitte nach: ‚Ich schwöre meinem Kommandanten Roi Danton Gehorsam und Loyalität in jedem Fall bei allem, was mir heilig ist.’“

Bewusst wurde bei den Freihändlern auf eine religiöse Eidesformel verzichtet und die Formulierung allgemein gehalten, weil sie den unterschiedlichsten Religionen der Galaxis angehörten.

Laut und deutlich war als ein Chor zu hören: „Ich schwöre meinem Kommandanten Roi Danton Gehorsam und Loyalität in jedem Fall bei allem, was mir heilig ist.“

Roi warf einen Blick über die Mannschaft und hob die Hand zur Eidesformel. Dann sprach er auch mit lauter, klarer Stimme: „Ich schwöre, dass ich Ihr Vertrauen niemals missbrauchen werde und nötigenfalls mein Leben für Sie alle einsetzen werde. Mögen alle Sternengötter mir dabei helfen.“

Da er von Atlan entsprechend erzogen worden war, waren diese Eide für ihn heilig und banden ihn ebenso wie z.B. mechanische Fesseln. Er war im hohen Ehrenkodex der alten arkonidischen Flotte unterwiesen worden und befolgte ihn für sich genauso wie Atlan immer noch – nur davon wusste niemand etwas, noch nicht einmal sein Vater!

Ein erstauntes Murmeln ging durch die Reihen der Mannschaft. Damit hatte niemand gerechnet, auch der Kaiser nicht. Bewundernd blickte er seinen Stellvertreter an. Roi hatte die Mannschaft noch mal extra an sich gebunden, es war nun ein Eid auf Gegenseitigkeit! – Und er hatte eines seiner Geheimnisse gerade heraus preisgegeben: seine Religion! Er folgte dem alten Sternenglauben der Arkoniden. Nur sehr wenige Terraner bekannten sich dazu.

Roi räusperte sich, ehe das einsetzende Murmeln noch lauter wurde. „Sie werden jetzt von speziell programmierten Informationsrobotern in Ihre Quartiere und Ihre Arbeitsräume eingewiesen. Ihre persönlichen Dinge aus der CHRISTOPH KOLUMBUS bzw. von Ihrem Zuhause sind schon dort. Wenn Ihnen irgendetwas unklar ist, fragen Sie, die Roboter können Ihnen alle Fragen beantworten. Und bitte wundern Sie sich über gar nichts. Die FRANCIS DRAKE ist ein in der Galaxis einmaliges und sehr ungewöhnliches Schiff. Sie und ich haben die Ehre, damit fliegen zu dürfen. Ich kann Ihnen jetzt schon versichern, dass es uns allen Freude machen wird. –

Edelmann Hims, ich möchte Sie und alle anderen Edelleute in von jetzt an genau fünf Stunden in der großen Offiziersmesse sprechen und bitte sorgen Sie dafür, dass die komplette Mannschaft über Interkom zugeschaltet ist. Ich möchte Sie alle gerne über die Bedeutung der FRANCIS DRAKE informieren.“


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Roi Danton lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück und betonte jedes Wort deutlich:

Die FRANCIS DRAKE ist meines Wissens das stärkste Kriegsschiff, das es in der derzeit bekannten Galaxis gibt. Sobald Sie Ihre entsprechenden Hypnoschulungen erhalten haben, brauchen wir den Vergleich mit den Flaggschiffen CREST IV und IMPERATOR III nicht zu scheuen.“

Jeder der in der Messe versammelten Edelmänner starrte ihn sprachlos an. Ihnen kam diese Behauptung schlicht unmöglich vor, zumal die DRAKE im Gegensatz zu den Flaggschiffen nur einen Durchmesser von 850 Metern hatte.

Roi lächelte fein. „Sie brauchen nicht an meinem Verstand zu zweifeln. In Ihren Schulungen erfahren. Jetzt tritt das ein, worüber wir im letzten Jahr auf dem Flug zur Erde mit unseren alten CHRISTOPH KOLUMBUS sprachen. Wenn Sie ihre Manöver- und Kampfstationen eingenommen haben, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich Sie noch einmal extra vereidigen ließ.“

Niemand antwortete darauf. Roi blickte sich sehr ernst um. „Ich verlange von jedem Besatzungsmitglied absolutes Stillschweigen über alles, was an Bord dieses Schiffes vor sich geht. Das betrifft auch Freihändler anderer Schiffe sowie Ihre Familien und Freunde. Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben. Sie können sich sicherlich vorstellen, welche Hetzjagd die Solare Abwehr und die USO auf uns machen würden, sollte auch nur ein Gerücht in dieser Richtung bekannt werden.“

Das versteht sich von selbst, Sir. Wir freuen uns über Ihr Vertrauen.“

Danke, Edelmann Hims. Ihre Hypnoschulungen beginnen umgehend. Sobald das erledigt ist, starten wir zum ersten Erprobungsflug.“

Von wem die DRAKE so ausgerüstet worden ist, brauche ich Sie wohl nicht fragen, Sir.“ Es war mehr eine rhetorische Frage, denn Edelmann Hims wusste genau, wie weit er gehen konnte, da zwischen den beiden Männern inzwischen ein sehr gutes und vertrautes Verhältnis herrschte. Umso erstaunter war er über Rois Antwort.

Nein, brauchen Sie nicht. Aber ich verrate Ihnen trotzdem so viel, dass ich das Glück habe, einen sehr begabten Wissenschaftler in der Familie zu haben.“

Damit stand er auf, nickte den Edelmännern noch einmal zu und verließ die Messe.

Tusin Randta stieß die Luft aus. „Wer hätte das gedacht, wir mit einem solchen Schiff. Ich freue mich schon drauf, damit zu loszufliegen.“

Das Freihändlerleben ist frei und abenteuerlich“, lachte ein anderer Edelmann. „Langweilig wird es mit Roi garantiert nicht.“

Ob Roi uns irgendwann einmal verraten wird, wer er wirklich ist?“, überlegte Hims laut.

Das wird er uns mit Sicherheit nicht sagen“, stellte Randta fest. „Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns auf Roi verlassen können. Wir sollten ihn nicht drängen. Wenn er sein Geheimnis lüften will, wird er es machen. Jede Frage vorher wird ihn verärgern und das würde doch die gesamte Stimmung trüben. Seht ihr das genauso, Kameraden?“

Alle nickten bestätigend.

Auf jeden Fall habe ich bisher noch keinen so hervorragenden Kosmonauten erlebt wie ihn“, ergänzte Hims. Und dass er das sagte, hatte entsprechendes Gewicht, denn auch er zählte zu den herausragenden Vertretern dieser Fachrichtung. „Und auch noch nie so einen kaltblütigen Kämpfer.“ – Auch das hatten sie bisher schon auf ihren Flügen und den Kampfsimulationen an Bord feststellen können.

Er kommt von der Flotte oder der USO“, beharrte Hims.

Alle nickten. Damit war für sie alles gesagt. Sie vertrauten Roi – mehr war für sie nicht nötig.


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Innerhalb des nächsten Jahres wurden Roi Danton und die FRANCIS DRAKE immer bekannter. Er feilte seine Rolle als verweichlichter Stutzer immer weiter aus, so dass sie schon zu seiner zweiten Natur wurde. Er wurde zu einer so bekannten Persönlichkeit in der Galaxis, dass jeder Raumfahrer, egal ob militärisch oder zivil, einer eventuellen Begegnung mit ihm neugierig entgegenfieberte.

Nur seiner Besatzung gegenüber zeigte er seine wahre Persönlichkeit. Nach außen spielten sie zusammen mit ihm ihr großes Spiel und wurden immer perfekter. Roi Danton galt als verweichlicht und zu keinen Gewaltaktionen fähig. Und die FRANCIS DRAKE war „natürlich“ ein harmloses Handelsschiff! Das Vertrauen, das er ihnen entgegenbrachte, schweißte alle zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Es war Rois Prinzip, den Leuten, die unter seinem Befehl standen, offen zu sagen, was sie von ihm zu halten hatten.

Obwohl bekannt war, dass Rois Flaggschiffmannschaft vollzählig war, quittierten immer mehr Angehörige von Flotte und USO ihren Dienst, um zu den Freihändlern zu gehen. Außerdem warben die Freihändler viele hochqualifizierte Absolventen der solaren Raumakademien für sich. Dabei achteten sie sorgfältig darauf, niemanden anzusprechen, der bereits einen Vertrag mit der Flotte oder USO abgeschlossen hatte.

Da immer noch Frieden war, wirkte sich das noch nicht zu einem bedrohlichen Personalmangel aus. Trotzdem sahen Abwehr und USO sowie besonders Perry Rhodan und Atlan die Entwicklung mit Sorge.

Mehrere Versuche von Abwehr oder USO, Roi Danton gefangenzunehmen und ihn zur Aufdeckung seiner wahren Identität zu zwingen, scheiterten kläglich. Es schien, als ob der Freihändlerbefehlshaber mit einem untrüglichen Gespür jede Falle erkannte und ihr aus dem Weg ging. Das wiederum trug noch mehr zu seinem schon legendären Ruf bei.

Natürlich konnte Perry Rhodan nicht ahnen, dass letztendlich er selbst ihn warnte, da er natürlich seiner Frau von den geplanten Einsätzen erzählte.

Mit Sorge sahen die Verantwortlichen des Solaren Imperiums die anwachsende Freihändlerflotte. Ihnen war bekannt, dass die Schiffe auf der Coledo-Werft gebaut wurden. Mehrfache Überprüfungen der Abwehr ergaben, dass Coledo sich hundertprozentig an die Vorschriften hielt. Er gehörte nun, nachdem Perry Rhodan den Schock über das Fortgehen seines Sohnes überwunden hatte, wieder zum gern gesehenen Bekanntenkreis des Großadministrators und seiner Frau.

Der Abwehr fiel lediglich auf, dass alle Schiffe mit kriegsschiffsmäßigen Ortungs- und Funkanlagen ausgerüstet wurden. Warum konnte Imman Coledo ihnen nicht sagen, es war der Wunsch seines Auftraggebers. Dies war nach den Gesetzen des Imperiums nicht verboten, also ließ man den Reeder unbehelligt.


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4

Sommer 2432


Major Beatrice Wood freute sich auf Quinto-Center. Sie und ihre Mannschaft befanden sich mit dem 500 Meter durchmessenden USO-Schlachtkreuzer HATSCHEPSUT nach einem gefährlichen Einsatz, der ihnen alles abverlangt hatte, auf dem Rückflug. Lordadmiral Atlan hatte sie bereits über Hyperfunk für ihre Leistungen belobigt und ihnen einen zehntägigen Urlaub versprochen. Entsprechend waren die Gedanken der Besatzung mit der Vorplanung für diese Zeit beschäftigt. Viele wollten ihre Familien besuchen, während der Schlachtkreuzer zur Überholung in der Werft von Quinto-Center lag.

Beatrice Wood hatte den Schlachtkreuzer zusammen mit der neu zusammengestellten Mannschaft nach Abschluss des einjährigen Lehrganges übernommen, der ihr und ihren damaligen Kameraden alles abverlangt, sie sogar in Lebensgefahr gebracht hatte.

Als Kommandantin war sie beliebt und respektiert. Niemand fand etwas dabei, unter einer Frau zu fliegen. Hin und wieder dachte sie lächelnd daran, dass das in der Solaren Flotte schwieriger gewesen wäre, weil man dort bezüglich der Gleichberechtigung von Frauen noch sehr rückständig war.

Beatrice Wood, von ihren Freunden privat Bea genannt, war der Typ Frau, den man als „Kameradin, mit der man Pferde stehlen kann“ bezeichnete. Etwas füllig und kräftig gebaut, entsprach sie nicht dem weitaus gängigen Schönheitsideal der schlanken, wohlproportionierten Frau. Auch ihr Wesen war mehr robust, strahlte aber Wärme und Zuverlässigkeit aus.

Sie war Raumschiffskommandantin mit Leib und Seele. Ihre Beurteilungen waren die allerbesten, Atlan schätze sie sehr. Nie könnte sie sich etwas anderes für ihr Leben vorstellen – mit einer Ausnahme: ihr ehemaliger Lehrgangskamerad Michael Rhodan. Wenn sie die Gelegenheit haben würde, unter ihm zu fliegen, würde sie sogar auf ihr Kommando verzichten. Beim letzten Ausbildungsflug ihres gemeinsamen Lehrgangs vor drei Jahren hatte er in einer Notsituation das Kommando über ihr Schiff übernommen – und hatte sie aus einer gefährlichen Situation nach Hause gebracht.

Nach dem Lehrgang hatten sie sich trennen müssen, jeder war seinen eigenen Weg gegangen. Obwohl Bea sich schon lange dazu entschlossen hatte, sich niemals wieder an einen Mann zu binden, hätte sie sich doch vorstellen können, mit Michael auch privat zusammen zu sein. Umgekehrt hatte sie den Eindruck, dass auch Michael nicht abgeneigt gewesen war, aber er es sich genau wie sie versagt hatte.

Obwohl sie ihm nie die Gründe ihrer Entscheidung verraten hatte, war ihr klar, warum er sich Zurückhaltung auferlegt hatte. Er wollte keine Frau an sein ungewisses Schicksal binden, das ihn nach seinem Weggang von seiner Heimat erwartete. Niemand wusste, wo er jetzt war und was er machte.

Oder fast niemand, rief sich Beatrice ins Gedächtnis, wenn sie – was recht häufig vorkam – an ihn denken musste. Sie ging davon aus, dass seine Mutter und seine Schwester wussten, wo er war. Die beiden würden ihn nie verraten, egal an wen ...


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Da niemand mit einem außergewöhnlichen Ereignis auf dem Rückflug rechnete, wurden alle von den grellen Lärmpfeifen aufgeschreckt, als die HATSCHEPSUT nach der vorletzten Linearetappe aus dem Zwischenraum kam – direkt neben einem Raumgefecht!

Wieder einmal bewies eine terranische Besatzung ihren hohen Ausbildungsstand.

In Sekundenbruchteilen stand der grüne HÜ-Schirm um die HATSCHEPSUT und die Ortung stellte fest, was sich genau im Raum vor ihnen abspielte.

Ein Schiff verging gerade in einem grellen Atomblitz, mit der gespenstischen Lautlosigkeit von Raumgefechten im luftleeren Raum. Ein anderer Kugelraumer nahm drei flüchtende Korvetten rücksichtslos unter Feuer. Zwei explodierten ebenfalls, bei der dritten konnte der Schutzschirm die auftreffenden Energien abweisen.

Schuss vor den Bug bei dem großen Schiff“, ordnete Bea an. „Sind die denn wahnsinnig? Wer sitzt in dem Schiff? Raumpiraten?“

Nach den Gesetzen des Solaren Imperiums war die HATSCHEPSUT sogar dazu verpflichtet einzugreifen. Innerhalb des Hoheitsgebietes des Solaren Imperiums galten dessen Gesetze für alle Raumschiffe, egal welchem Volk oder welcher Organisation sie gehörten.

Das sind Freihändler“, meldete der Chef der Ortungszentrale.

Es ist mir egal, wer das ist“, antwortete Beatrice wütend. „Die werden sich vor den Gerichten des Imperiums verantworten müssen. Funkzentrale – rufen sie das Schiff an, verlangen Sie Identifizierung, sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen und sie sollen sich bereithalten, ein Prisenkommando an Bord zu nehmen. So geht das nicht!“

Beatrice und ihre Offiziere wussten nicht, dass es unter den Freihändlern üblich war, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Fürsten auch einmal in einem Kampf auf Leben und Tod auszutragen. Es gab aber auch bei ihnen Regeln und Gesetze der Ehre. Dazu gehörte unter anderem auch, dass Schiffe nicht rücksichtslos zusammengeschossen wurden, schon gar nicht, dass flüchtende Beiboote überhaupt beschossen wurden. Seitdem Roi Danton der Befehlshaber war, wurde darauf besonders geachtet. Genauso verlangte Roi, dass solche Kämpfe grundsätzlich außerhalb des Hoheitsgebietes des Solaren Imperiums stattfanden. Er wollte auf keinen Fall riskieren, dass Freihändler der Gerichtsbarkeit des Imperiums überstellt werden mussten.

Der Schuss vor den Bug bei dem großen Kugelraumer bewirkte, dass dieser mit einem Gewaltmanöver im Linearraum verschwand und damit nicht mehr zu verfolgen war für den USO-Kreuzer.

Beatrice kam nicht mehr dazu, den Fluch, der ihr auf den Lippen lag, auszusprechen. Der Chef der Ortungszentrale meldete sich wieder: „Weiteres Schiff kommt aus dem Linearraum, Sir. Kugelzelle, 850 Meter Durchmesser. Das muss die FRANCIS DRAKE sein, das Flaggschiff der Freihändler. Ich weiß sonst von keinem Raumer mit 850 Metern Durchmesser.“

Dann werden wir diesem Danton die Hölle heiß machen. Wenn er nicht für Ordnung in seinem eigenen Verein sorgen kann, müssen wir das wohl für ihn machen.“ Ihre Wut wurde immer größer. Sie, mit ihrer überaus sozialen und menschlichen Einstellung, ging kompromisslos und mit aller Härte gegen das, was sie eben gesehen hatten, vor.

Ehe der Ortungschef antworten konnte, meldete sich die Funkzentrale und bestätigte damit die Vermutung des Ortungschefs.

Auf dem großen Zentralebildschirm erschien der Text des Anrufs in deutlich lesbaren Lettern. Die Offiziere blickten sich nur fassungslos an.

Freihandelsflaggschiff FRANCIS DRAKE, Kommandant Fürst Roi Danton, an unbekannten Schlachtkreuzer. Wir gehen davon aus, dass es sich bei Ihnen um eine Solare oder USO-Einheit handelt. Wir bedanken uns untertänigst für Ihre Hilfe und erlauben Ihnen, sich zu entfernen. Wir selbst werden uns um alles Weitere kümmern. Gez. Roi Danton.

Roi Danton“, stöhnte Beatrice auf. „Nur er kann derartig unverschämt sein. Natürlich weiß er, dass hier die Gesetze des Imperiums gelten. Und er möchte natürlich verhindern, dass wir eingreifen. Kennt jemand von Ihnen diesen Danton bereits persönlich?“

Alle Offiziere der Zentralebesatzung schüttelten den Kopf. Gehört hatte jeder von ihnen schon sehr viel von Danton, aber ihm persönlich begegnet war noch niemand von ihnen.

Also gut“, Beatrice lächelte hintergründig. „Dann werden wir alle zusammen jetzt das Vergnügen haben, ihn kennen zu lernen. Ich bin wirklich sehr gespannt auf ihn. Funkzentrale: stellen Sie eine Verbindung zur FRANCIS DRAKE her. Ich möchte Roi Danton sprechen, und zwar persönlich. Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Das wäre ja noch schöner.“

Die Offiziere grinsten sich an. Sie kannten ihre Kommandantin und freuten sich auf das Gespräch zwischen ihr und Danton. Schon viele Männer waren der Meinung gewesen, mit ihr leichtes Spiel zu haben, weil sie eine Frau war. Alle hatte sie bisher eines Besseren belehrt.

Beatrice blickte sich um. „Was gibt es hier zu grinsen, meine Herren?“

Niemand antwortete. „Also nichts“, stellte sie nüchtern fest.


**********


Der Schlachtkreuzer hat sich identifiziert. USO-Schiff HATSCHEPSUT, Kommandantin Major Beatrice Wood. Sie wünscht Sie unbedingt persönlich zu sprechen, Sir.“

Rasto Hims blickte in das plötzlich verkniffene Gesicht seines Kommandanten.

Beatrice Wood“, murmelte Roi Danton überlegend vor sich hin. „Da werden wir sehr gut sein müssen, Leute. Sie ist ein harter Brocken, mit ihr ist nicht zu spaßen. Natürlich weiß sie genau so gut wie wir, dass wir Fürst Antikon dem Imperium auszuliefern haben. Das müssen wir ihr ausreden, sonst stehen demnächst die Solare Abwehr und die USO vor der Haustür.“

Tun sie das nicht ohnehin schon, Sir?“, grinste Hims.

Natürlich. Aber jetzt haben sie eine gesetzliche Handhabe. Ich werde nicht zulassen, dass ein Freihändler vor ein Solares Gericht gestellt wird, solange es dies nicht selbst wünscht. Was nicht ausschließt, dass sich Fürst Antikon vor mir wird verantworten müssen für diesen Akt der Raumpiraterie. So wie es hier aussieht, wird sich Fürst Carlson wohl nicht mehr verantworten können. Die Sternengötter seien seiner Seele und der seiner Leute gnädig. – Was ist mit der ausgeschleusten Korvette? Sie ist mit Sicherheit beschädigt.“

Treibt mit Unterlicht im Raum. Entweder sind die L-Raum-Konverter zerstört oder sie wartet ab, nachdem wir hier sind.“

Schicken Sie ein Bergungsschiff und übernehmen Sie die Mannschaft. Dann sprengen Sie das Schiff. Ich möchte nicht riskieren, einen eventuell versteckt schwelenden Atombrand an Bord zu nehmen. Sicher ist sicher.“

Wird erledigt, Sir. Ich schicke Edelmann Randta raus.“

Sehr gut. – Und nun geben Sie mir eine Verbindung zur HATSCHEPSUT. Bringen wir es hinter uns.“

Übergangslos setzte Roi sein blasiertes Gesicht auf. Innerlich musste er seine Unruhe mit Gewalt niederkämpfen. Beatrice Wood, Bea, seine Lehrgangskameradin und Freundin. Würde sie, die so tief in die Menschen hineinschauen konnte, ihn auch nicht erkennen? Er hoffte es, weil ansonsten die Komplikationen schon absehbar waren. Sie hatte also recht gehabt mit ihrer Ahnung, als sie sich damals voneinander verabschiedet hatten: sie würden sich wieder sehen, hatte sie fest behauptet! Damals hatte er es nicht glauben können.

Sie hat sich überhaupt nicht verändert, dachte Roi, als der große Bildschirm aufleuchtete und Beatrice für alle sichtbar wurde, wie sie in ihrer schwarzen USO-Kombination mit den Rangabzeichen eines Majors und Schlachtkreuzer-Kommandanten in ihrer Zentrale vor der Bilderfassung stand.

Dass sie ihn im gleichen Augenblick sah, erkannte er an ihrem Blick, der eindeutige Überraschung signalisierte.

Hat sie mich erkannt?, wirbelten Rois Gedanken durcheinander. Das kann sie nicht, so leicht kann es nicht sein. Bisher hat mich niemand erkannt. Es muss an meinem Aufzug liegen, dass sie so erstaunt ist. Denn sie wusste doch aus meinem Anruf, dass sie jetzt mit Roi Danton spricht. Ruhig bleiben …

Ah, Mr. Danton. Ich freue mich, Sie endlich einmal persönlich kennen zu lernen. Ich bin Major Beatrice Wood. Aber das werden Sie sich sicherlich gedacht haben. Ich danke Ihnen für Ihre Absicht, die Angelegenheit zu regeln, aber Sie wissen genauso wie ich, dass es sich hier um einen eindeutigen Akt der Raumpiraterie im Hoheitsgebiet des Solaren Imperiums handelt. Deshalb kann ich Ihrem Ansinnen nicht nachgeben, sondern muss auf einer Auslieferung des Kommandanten des geflüchteten Schiffes bestehen.“

Roi neigte verbindlich den Kopf. „Das ist mir bewusst, Madame – oder Mademoiselle? Wie darf ich Sie anreden?“

Innerlich schlug sein Herz bis in den Hals. Ich bin ein Narr, sagte er sich. Warum ist das so wichtig? Bea und ich wussten schon damals, dass wir kein Leben zusammen führen können.

Beas Lächeln war undurchdringlich. „Ich schlage vor: ganz einfach Major Wood. Aber um Ihre Frage zu beantworten, obwohl es Sie eigentlich nichts angeht: Mademoiselle wäre richtig, Mr. Danton.“

Roi wurde immer unruhiger. Er durfte sich jetzt keine Blöße geben.

Mr. Danton! Pfui, wie ordinär.“ Er legte seine ganze Blasiertheit in die Antwort. Hinter ihm grinsten die Edelmänner seiner Zentralebesatzung. „Majestät halten Wir für angemessen von Unseren Untertanen.“

Bea schüttelte verweisend den Kopf. „Mir ist nichts davon bekannt, dass die Leibeigenschaft im Gebiet des Solaren Imperiums wieder eingeführt worden wäre. Außerdem halte ich Sie nicht für so dumm, das innerhalb der Freihändler zu versuchen. Dann hätten Sie sicherlich sehr schnell einen klassischen Sturm auf die Bastille.“

Roi wusste natürlich, dass auch Bea sehr gute Geschichtskenntnisse hatte. Sie reichten nicht an seine heran, aber sie hatte immerhin einiges aufzubieten.

Ihr Gesichtsausdruck warnte Roi. Er fühlte sich immer unbehaglicher. Er musste herausfinden, was sie ahnte – oder sogar wusste, schon für seinen eigenen Seelenfrieden.

Also, Fürst Danton. Ich bestehe auf einer Auslieferung des Kommandanten des geflüchteten Schiffes. Sicherlich ist es Ihnen bekannt, um welches Schiff es sich handelt.“

Selbstverständlich, Major Wood. Genau deshalb befinde ich mich in diesem Raumsektor. Sie können mir glauben, dass ich dieses Gefecht, das auch gegen unseren Ehrenkodex verstößt, verhindern wollte. Leider bin ich zu spät gekommen. Es tut mir unendlich leid, besonders für die Besatzung des vernichteten Schiffes. Bitte glauben Sie mir das.“

Beatrice nickte sehr ernst und blickte ihn durchdringend an.

Davon brauchen Sie mich nicht überzeugen, Fürst. Das glaube ich Ihnen auch so. Man rühmt USO-Angehörigen nach, sie hätten eine gewisse Menschenkenntnis. Besonders soll das für Frauen gelten, sagt man jedenfalls.“

Oh, es freut mich, dass Sie so positiv von mir denken, Major Wood. Aber Sie sehen ja selbst, dass ich Ihnen niemand mehr ausliefern kann. Das Schiff ist geflohen. Und durch den Linearraum lassen sich Schiffe nun mal nicht verfolgen – leider …“

Er betupfte angelegentlich seine Lippen mit einem Spitzentaschentüchlein, das er aus seinem linken Rockärmel zog und hüstelte leicht.

Ja, leider“, gab Bea ehrlich zu. 

Roi hatte sich inzwischen entschlossen, den Angriff nach vorn zu wagen. Wenn Bea ihn erkannt hatte, musste er sich ihres Stillschweigens versichern. Er wusste, dass er sie damit in eine riesengroße Gewissensnot bringen würde. Sie hatte ihren Eid auf das Solare Imperium und die USO geschworen. Dass sie ihren Offizieren ihre Entdeckung mitteilen würde, glaubte er nicht. Im Fall des Erkennens rang sie wahrscheinlich schon mit sich selbst. Aber sie würde Atlan informieren müssen – und genau das wollte er nicht. Im Extremfall musste er Verbindung mit Atlan aufnehmen und ihn um Verschwiegenheit seinem Vater gegenüber bitten - gerade das, war er nicht wollte.

Das alles konnte er aber nur überdenken und entscheiden, wenn er Klarheit hatte.

Major Wood, ich schlage Ihnen vor, uns auf der FRANCIS DRAKE zu besuchen. Meine Edelleute und ich würden uns freuen, wenn Sie uns Gesellschaft bei einem Essen leisten würden. Dabei könnten wir uns über dieses Problem ausführlich unterhalten.“

Beatrice überlegte einen Moment, dann sagte sie: „Einverstanden, Fürst Danton. Wann erwarten Sie mich?“

Sobald die Bergung der Korvette abgeschlossen ist und ich weiß, was hier genau geschehen ist. Ich nehme an, das wird auch Sie interessieren.“

Mit Sicherheit.“

Roi kam nicht mehr dazu, zu antworten. Rasto Hims machte ihm eine unmissverständliche Geste.

Einen Augenblick, Major. Mein erster Offizier wünscht mich zu sprechen.“

Hims beugte sich Roi hinab und flüsterte ihm zu: „Die Bergung bereitet Schwierigkeiten, Sir. In der Korvette ist ein Atombrand ausgebrochen. Die Konverter. In der Zentrale sind noch Überlebende eingeschlossen. Edelmann Randta braucht Unterstützung.“

Roi nickte nur und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

Ich bin untröstlich, Major. Leider ist die Bergung der Korvette schwieriger als angenommen und erfordert meine persönliche Anwesenheit. Wir werden uns wieder bei Ihnen melden, wenn Sie die Güte haben, hier abzuwarten.“

Beatrice reagierte, so wie sie es gewohnt war, sachlich, ruhig, konsequent.

Lassen Sie die geschwollene Ausdrucksweise, Fürst. Dazu ist jetzt keine Zeit. Brauchen Sie Bergungshilfe von uns? Ich kann einen Flotten-Tender anfordern.“

Das ist vorerst nicht erforderlich. Bitte halten Sie sich zurück, ich möchte Sie und Ihre Besatzung nicht auch noch gefährden. Aber danke für Ihr Angebot. Ich weiß es zu schätzen.“

Damit schaltete er ab und wandte sich Hims zu.

Bergungs-Spezial-Kommando voll ausgerüstet in den Transmitterraum. Sie sollen einen Schutzanzug für mich mitbringen. Rufen Sie unser Beiboot an, Transmitter klarmachen. Ich führe das Kommando selbst an.“

Aber, Sir“, wandte Hims ein. „Das ist ein lebensgefährliches Unternehmen.“

Rois Lächeln wurde zur Maske. „Darf ich Sie an unseren gegenseitigen Eid auf Olymp erinnern, Edelmann Hims? Sie übernehmen das Kommando, bis ich wieder an Bord bin.“

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und sprang in den zentralen Antigravschacht.


**********


Beatrice Wood musste ihre ganze Willenskraft aufbieten, um sich vor ihren Offizieren nicht zu verraten – denn sie hatte schon beim ersten Blick auf den Funkbildschirm erkannt, wer sich hinter der Maske des Roi Danton verbarg.

Michael Rhodan – ihr Lehrgangsfreund, der Mann, der trotz aller Bemühungen nicht aus ihrem Gedächtnis verschwand.

Sie fragte sich, warum alle nicht auf die richtige Idee kamen? Oder hatte sie wirklich Fähigkeiten, die besonders waren? Sie und Michael hatten es schon vermutet während ihres gemeinsamen Lehrgangs. Aber eine Mutantin konnte sie nicht sein, das wäre bei den zahlreichen Tests der USO aufgefallen.

Unabhängig davon fragte sie sich, wieso die Verantwortlichen des Imperiums so blind waren, besonders Atlan. Sie hätten doch nur zwei Enden „zusammenbinden“ müssen: das Ende der Spur von Michael, der spurlos von Terra verschwand und kurz danach das Auftauchen von Roi Danton bei den Freihändlern. Zwei junge Männer, die auch noch die gleiche Ausbildung vorweisen konnten, als Kosmonaut und als Hochenergie-Techniker. Obwohl diese Ausbildungskombination sehr häufig war, gab es doch noch genug andere Hinweise.

Wahrscheinlich konnten alle nicht über die Mauer springen, in einem verweichlichten Dandy den Sohn des Großadministrators zu sehen, der wahrlich den total gegensätzlichen eigenen Charakter hatte.

Sie hatte die nachtblauen Augen auf dem Bildschirm gesehen und alles gewusst. Allerdings musste sie auch vor sich zugeben, dass sie diese Augen in einem ganz anderen Moment gesehen hatte, in einem Moment der Panik und des Entsetzens, den sie in ihrem ganzen Leben wohl nie vergessen würde. Wahrscheinlich hatte noch nicht einmal Michaels Vater seinen Sohn in einer solchen Situation gesehen. Atlan – das konnte sie nicht einschätzen.

Nun stand sie vor einem Gewissenskonflikt. Normalerweise hätte sie ihre Offiziere über ihre Erkenntnis ins Vertrauen gezogen, aber sie musste es nicht. Wozu sie allerdings gemäß ihrem Eid auf das Solare Imperium und die USO verpflichtet war: Atlan wahrheitsgemäß zu informieren. Auf der anderen Seite verstand sie Michael so gut. Sie wusste damals nach dem Lehrgang, dass er von zu Hause weggehen wollte im Anschluss an seine Ausbildung. Er hatte es ihr anvertraut, aber nicht, was er genau vorhatte.

Dazu kam noch ihre Angst um Michael. Sie kannte ihn und wusste genau, dass er sich mit der Bergung in ein lebensgefährliches Abenteuer stürzen würde. Aber er konnte nicht anders, es war seine Art; eine Art, die mit dazu beitrug, dass seine Leute für ihn durchs Feuer gingen.

Mit Flüchen versuchte sie ihr seelisches Gleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Ihr Erster Offizier fasste es zum Glück falsch auf: „Nervös, Sir? Wegen der Einladung? Kompliment, so dicht ist von uns allen wohl noch niemand an diesen Freihändler herangekommen. Ich beneide Sie. Es wird sicherlich interessant werden und uns neue Erkenntnisse über ihn bringen. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie wir mit diesem Bericht auf Quinto-Center empfangen werden.“

Beatrice hatte sich wieder gefangen. „Und Sie möchten mich natürlich als Adjutant begleiten, oder täusche ich mich?“

Sehr gerne, Sir.“

Sie oder der Zweite. Einverstanden. Machen Sie das unter sich aus. Mir egal. Einer von Ihnen beiden muss hier das Kommando übernehmen.“

Der Erste Offizier schien in eine Zitrone gebissen zu haben, während der Zweite nur feixte.

Bitte unterrichten Sie über die Relaiskette Quinto-Center, was hier geschehen ist. Bitten Sie Lordadmiral Atlan um Anweisungen bzgl. der Freihändler.“


Fortsetzung: Teil 05


28.5.16 15:13, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 05

Lockruf der Freihändler – Teil 05

An USO-Schiff HATSCHEPSUT, Major Wood. Danke für Ihre Meldung. Nehmen Sie die Einladung des Freihändlerfürsten an, versuchen Sie so viel wie möglich über ihn herauszufinden. Sobald die Besatzung des Rettungsbootes geborgen ist, lassen Sie die Freihändler abfliegen. Wir haben keine rechtliche Handhabe, die FRANCIS DRAKE festzuhalten oder zu kontrollieren, weil sie nicht an dem Kampf beteiligt war. Um das geflohene Schiff werden sich unsere Spezialisten kümmern. Ich erwarte Sie nach Ihrer Ankunft umgehend zur Berichterstattung bei mir. Gez. Lordadmiral Atlan, Befehlshaber USO.

Also warten wir ab, wie die Bergung verläuft“, meinte Beatrice. „Wer von den Herren begleitet mich denn nun?“

Der I.O., Sir“, antwortete der Zweite Offizier traurig, während der Erste über das ganze Gesicht grinste.


**********


Nur mühsam kamen die Männer des Spezialkommandos mit Roi Danton an der Spitze in ihren schweren Schutzanzügen vorwärts. Jeder Schritt kostete Anstrengung. Nur gesunde und kräftige Männer konnten die Belastung dieser unhandlichen Anzüge länger aushalten. Deshalb bestand die Einheit ausschließlich aus Männern. Frauen waren körperlich nicht in der Lage, hier mithalten zu können.

Roi, obwohl er sehr gut trainiert war, merkte die außergewöhnliche Anstrengung auch langsam.

Bis auf einen hatten sie alle Männer, die sich in die Zentrale des brennenden Beibootes gerettet hatten, auf ihre eigene Korvette überführt. Dem Anschein nach hatten sie nur leichte Verletzungen davongetragen.

Roi fluchte, aber er war nicht bereit, den letzten Mann, dem Vernehmen nach einen Ertruser, seinem Schicksal zu überlassen, so lange es noch einen Rettungsschimmer gab. Der Anführer der Strahlenschutzgruppe versuchte mehrmals, ihn davon zu überzeugen, zumindest die Aktion nicht weiter selbst zu leiten, sondern sich zurückzuziehen. Er biss bei Roi auf Granit, also gab er es schließlich auf.

Da vorne“, hörte Roi eine Stimme in seinem Helmempfänger. „Hinter der Konsole liegt er. Anscheinend bewusstlos oder … Jedenfalls rührt er sich nicht.“

Kommen Sie an ihn heran?“, fragte Roi.

Ich glaube schon. Aber so wie es aussieht, ist er eingeklemmt. Da brauche ich Hilfe.“

In diesem Moment kam eine Stichflamme aus der Konsole, hinter der der Ertruser eingeklemmt war.

Roi und die anderen Männer blickten sich bedeutungsvoll an.

Ich brauche drei Freiwillige“, sagte Roi mit heiserer Stimme. „Die versuchen zusammen mit mir den Mann herauszuholen. Die anderen sichern das Schott. Sie ziehen sich sofort auf unser Boot zurück, sobald die Situation hier unhaltbar wird, egal ob wir noch drin sind oder nicht. Ist das ganz klar verstanden worden, meine Herren?“

Es war verstanden worden. Niemand sprach einen Einwand aus, obwohl jeder ihn hatte. Alle Männer meldeten sich freiwillig. Roi suchte sich die besten aus und winkte ihnen zu.

Als Erster ging er mit vorsichtigen Schritten auf die Konsole zu, die inzwischen zu glühen begann. Trotz Schutzanzug spürte er die Hitze. Die Aggregate des Anzugs waren bei diesen Hitzegraden am Ende. Lange würden sie nicht mehr durchhalten. Beim Ausfall der Thermostate mussten sie zwangsläufig aufgeben. Deshalb drängte Roi zur Eile.

Er bekam eine Hand des bewusstlosen Ertrusers zu fassen. Dessen Schutzanzug war zu großen Teilen verbrannt, darunter kam die angesengte Haut zum Vorschein. Roi schluckte die bei dem Anblick aufsteigende Übelkeit herunter. Er fragte sich, ob der Mann überhaupt noch lebte oder ob sie hier alle ihr Leben zur Bergung eines Toten riskierten.

Da sah er, dass sich der Brustkorb des Verletzten ganz leicht hob und senkte.

Erleichtert winkte er seinen Leuten. Zusammen hoben sie die Teile der Konsole an, die auf dem Mann lagen und zogen ihn vorsichtig heraus. Roi stöhnte leise auf. Er war wirklich nicht sonderlich empfindlich, aber das hatte er in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht gesehen. Wütend schluckte er den aufsteigenden Mageninhalt wieder herunter und machte sich mit einem groben Fluch Luft.

Der Führer des Bergungskommandos, ein alter und erfahrener Freihändler, fasste ihn am Arm und zog ihn zur Seite.

Ruhig durch die Nase einatmen und durch den Mund wieder ausatmen.“ Er legte seinen geschlossenen Helm direkt an den von Roi und sprach nicht über die Funkverbindung, damit niemand sie hören konnte. Durch seine Erfahrung wusste er, dass Roi sein Zustand peinlich sein musste.

Als ich so etwas zum ersten Mal ansehen musste, habe ich mir neben dem Verletzten die Seele aus dem Leib gekotzt, wie jeder andere auch. Das ist ganz normal. Wir sind eben Menschen.“

Roi befolgte den Rat und merkte, dass er die Übelkeit beherrschen konnte. Die Selbstverständlichkeit des Mannes tat ihm gut.

Der alte Mann lächelte. „Sie halten sich wirklich tapfer, Kommandant. Ich habe vor Ihnen noch keinen Mann gesehen, der bei so etwas beim ersten Mal nicht seinen Magen umgekrempelt hätte. Meine allergrößte Hochachtung!“

Roi hatte sich wieder gefasst und bedankte sich bei dem alten Freihändler mit einem kräftigen Händedruck. Er nickte den anderen zu. Gemeinsam zogen sie den riesigen Ertruser mit einer gewaltigen Kraftanstrengung, die durch die schweren Schutzanzüge noch verstärkt wurde Richtung Schott, wo die anderen warteten. Als diese sich nähern wollten, hielt ein scharfer Befehl Rois sie zurück. Er wollte nicht noch mehr Menschenleben riskieren.

Gerade als er das dachte, durchschlug eine Flamme seinen Anzug. Glühend und stechend durchzog ihn der Schmerz im rechten Bein und an der Hüfte. Gellend schrie er auf. Die Männer zuckten vor Schreck zusammen. Er biss die Zähne zusammen und zog weiter an dem Verletzten, obwohl der Schmerz ihm die Besinnung zu rauben drohte.

Zusammen schafften sie es, den Verletzten aus der zerstörten Zentrale zu ziehen. Am Ausgangsschott nahmen die anderen sie in Empfang, trugen den Ertruser weiter und der Kommandoführer stützte Roi.

Können Sie noch laufen, Sir?“

Es geht“, presste Roi zwischen den Zähnen hervor. „Unkraut vergeht nicht“, versuchte er zu scherzen. Es gelang ihm nicht so recht. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Er wusste nicht, wie lange er sie noch ertragen konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren.

Der weitere Weg zu ihrer Korvette, die über einen druckfesten Verbindungsschlauch mit dem Rettungsschiff verbunden war, gelang ohne neue Zwischenfälle. Niemand sprach ein Wort. Das war unter den eingespielten Männern auch nicht nötig.

Roi hielt noch bis zur Zentrale ihrer Korvette durch, wo ihn Edelmann Randta überglücklich empfing. Dort brach er vor Schmerzen mit einem leisen Aufschrei bewusstlos zusammen und wurde genau wie der gerettete Ertruser sofort von einem Medoroboter übernommen.


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Anruf von der FRANCIS DRAKE, Sir.“

Beatrice Wood wurde von der Meldung ihres Funkoffiziers aufgeschreckt.

Edelmann Hims, der Erste Offizier möchte Sie sprechen.“

Ein eiskalter Schlag durchzuckte Beatrice. Wieso nicht Roi Danton selbst? Was war passiert? Auf dem Bildschirm, der von der Ortungszentrale belichtet wurde, hatte sie gesehen, wie die Korvette der FRANCIS DRAKE wieder eingeschleust worden war und anschließend das Rettungsboot in einem grellen Atomblitz explodierte. Ob von selbst oder durch die Freihändler gesprengt, konnte die Ortung nicht feststellen.

Stellen Sie durch.“

Edelmann Hims wirkte ungewöhnlich ernst, als er sich meldete.

Major Wood, ich darf Ihnen mitteilen, dass die Bergung erfolgreich war. Deshalb haben wir die Korvette umgehend gesprengt, ehe sie zu einer Gefahr für unsere Schiffe werden konnte. Sicherlich haben Sie das auf Ihren Bildschirmen bereits gesehen.“

Natürlich, Edelmann Hims. Aber deshalb rufen Sie mich sicherlich nicht extra an, oder?“

Nein, Major, natürlich nicht.“ Er räusperte sich vernehmlich. „Mein Kommandant kann leider die Einladung zum Essen im Moment nicht aufrechterhalten, da er auf dem Einsatz verletzt wurde. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.“

Bea holte tief Luft. Sie hatte es befürchtet. Michael hatte natürlich wieder einmal Kopf und Kragen riskiert!

Wie geht es Ihrem Kommandanten? Brauchen Sie ärztliche Hilfe? Ich kann meinen Chefarzt zu Ihnen schicken oder Mr. Danton in unsere Bordklinik übernehmen.“

Das ist nicht nötig, Major. Wir haben eine hervorragend ausgestattete Bordklinik, die sich durchaus mit Ihren Einrichtungen messen kann und einen genauso hervorragenden Chefarzt. Roi Danton ist hier in den besten Händen. Das versichere ich Ihnen bei meiner Ehre.“

Hims konnte seine Besorgnis nicht verstecken, obwohl er sich sichtlich darum bemühte. Beatrice musterte ihn überlegend. Roi schien schwerer verletzt zu sein.

Mr. Hims, ich möchte von Ihnen die komplette Wahrheit wissen. Wie schwer ist Roi Danton verletzt?“

Rasto Hims schien mit sich zu kämpfen. Dann rang er sich durch. „Schwer, aber nicht lebensgefährlich. Er hat Verbrennungen dritten und zweiten Grades.“

Beatrice entschied sich sofort. Niemand konnte einen Verdacht schöpfen, wenn sie sich persönlich vom Zustand des Freihändlerfürsten überzeugte und dazu ihren Chefarzt mitnahm. Es war ein Akt der Humanität. Sie musste sich einfach wissen, wie es Roi wirklich ging, es würde ihr sonst keine Ruhe lassen.

Edelmann Hims, ich bitte dringend darum, dass Sie unsere Hilfe annehmen. Ich möchte mit meinem Chefarzt und meinem Ersten Offizier als Adjutanten an Bord Ihres Schiffes kommen und mich davon überzeugen, dass Sie auch wirklich in der Lage sind, Roi Danton entsprechend zu versorgen. Brandverletzungen sind an Bord eines Schiffes nicht unbedingt ausreichend zu behandeln, noch nicht einmal in der Bordklinik eines Ultraschlachtschiffes. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Wenn mein Chefarzt den Eindruck gewinnen sollte, dass Ihr Kommandant in einer planetaren Spezialklinik besser aufgehoben ist, dann sperren Sie sich bitte nicht dagegen, in seinem Interesse! Wir haben nicht die Absicht, Ihr Schiff zu kontrollieren. Ich verspreche Ihnen bei meiner Ehre als Raumoffizier, dass wir keinen derartigen Versuch unternehmen werden.“

Hims sah anscheinend ein, dass er gegen die selbstbewusste Kommandantin nicht ankam. Deshalb nickte er nur. „Kommen Sie über den Transmitter an Bord oder mit einer Space-Jet?“

Über den Transmitter. Wir senden Ihnen die Empfangsdaten und sehen uns gleich, Edelmann Hims.“

Beatrice nickte ihrem Ersten Offizier zu. „Die Paradeuniform können Sie im Schrank lassen. Benachrichtigen Sie den Chefarzt, wir treffen uns gleich im Transmitterraum.“


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Später glaubte Roi zuerst, einen Fiebertraum gehabt zu haben, als er das erste Mal in der Bordklinik der FRANCIS DRAKE aufwachte und glaubte, seine alte Freundin Beatrice neben sich zu sehen. Trotz der starken Schmerzmittel verschwamm alles noch in einem glühenden Meer von wahnsinnigen Schmerzen, die ihn fast um den Verstand brachten.

Sobald er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, erzählte Rasto Hims ihm, was geschehen war und dass Beatrice kein Fiebertraum, sondern Realität gewesen war.

Major Beatrice Wood war zusammen mit ihrem Chefarzt und ihrem Ersten Offizier auf die DRAKE gekommen. Der Chefarzt der HATSCHEPSUT stellte fest, dass die Bordklinik des Freihändlerschiffes ihresgleichen suchte. Sie konnte durchaus mit gleichartigen Einrichtungen der Flotte und der USO mithalten. Der Chefarzt, ein Plophoser namens Dr. Ereget Hamory, war für den Chefarzt der HATSCHEPSUT kein Unbekannter. Er hatte sich einen hervorragenden Namen als Arzt und Wissenschaftler gemacht, bevor er spurlos von Plophos verschwand. Es bestand keinerlei Zweifel, dass Roi Danton bei ihm in den besten Händen war.

Dahingehend beruhigt, verließen Major Wood und ihre Begleitung die FRANCIS DRAKE wieder. Sie hatte ihr Versprechen gehalten und nicht versucht, sich umzusehen oder etwas zu kontrollieren. Edelmann Hims ließ alle Räume, die sie betreten hatte, nach versteckten Robotspionen kontrollieren, fand aber nichts. Bea stieg dadurch in seiner Achtung ein riesiges Stück. Insgesamt gefiel ihm die selbstbewusste Kommandantin sehr gut.

Die DRAKE flog auf direktem Wege nach Olymp, der Freihandelswelt. Rasto Hims informierte den Kaiser und den Sicherheitschef über die Vorkommnisse. Fürst Antikon wurde sofort inhaftiert. Die Gerichtsverhandlung würde unter Vorsitz von Roi Danton stattfinden, sobald dieser wieder genesen war. Mit Spannung wurden dabei die Aussagen der geretteten Besatzungsmitglieder erwartet. Sie waren medizinisch versorgt worden und hielten sich unter dem Schutz des Sicherheitsdienstes in einem Hotel des Raumhafens von Trade-City auf. Der Sicherheitschef ging kein Risiko ein.

Einigen der Beiräte gefiel dies nicht. Es war bekannt, dass Fürst Antikon zu ihren Gefolgsleuten gehörte.

Roi Danton und der gerettete Ertruser blieben in der Bordklinik der FRANCIS DRAKE unter der Obhut von Dr. Hamory.

Roi befand sich langsam auf dem Weg der Genesung nach entsprechenden Hauttransplantationen aus nachgezüchtetem körpereigenem Gewebe. Der Ertruser, dessen Name Oro Masut war, lag immer noch in einem Regenerierungstank. Dr. Hamory wagte inzwischen die vorsichtige Prognose, dass er außer Lebensgefahr wäre, aber für sein Leben entstellt mit Brandnarben an Kopf und Oberkörper, weil diese auch mit Transplantationen nicht mehr reparabel wären.


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Rasto Hims saß am Bett von Roi und beendete seinen Bericht.

Er konnte seine Anerkennung und seinen Respekt für Beatrice Wood nicht verleugnen.

Ich hatte den Eindruck, dass die Kommandantin sich sogar Sorgen um Sie machte, Sir. Kannten Sie sie so gut, bevor Sie zu uns kamen?“

Roi überlegte einen Moment, wie viel er seinem Vertreter, der schon mehr ein Freund geworden war, anvertrauen konnte.

Ja, ich kannte sie damals sehr gut. Sie ist eine prächtige Frau, das können Sie mir glauben.“

Hims nickte. „Das glaube ich Ihnen sofort. – Kommen Sie von der USO oder von der Flotte?“

Roi zog sein blasiertes Gesicht. „Wie kommt Er auf diese Idee, Hims?“

Der Epsaler lachte. „Ich kann denken, Sir. Eine solche Ausbildung wie Sie, sowohl kosmonautisch wie auch als Kämpfer, bekommt man nicht irgendwo an der Ecke. Ich vermute, dass Sie aus den Reihen der USO kommen, da Sie Major Wood persönlich kennen.“

Roi zuckte die Schultern. „Spekuliere Er ruhig weiter. Er wird ohnehin keine Antwort erhalten.“

Dabei liegt er gar nicht einmal falsch, dachte er sarkastisch. Denn seine militärische Ausbildung hatte er tatsächlich bei der USO erhalten - und war immer noch Reserveoffizier der USO.


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Ich verlasse mich darauf, Sir, dass Sie die von mir verordnete Bettruhe einhalten.“ Dr. Hamory erhob sich von der Bettkante und nickte Roi lächelnd zu. „Nur noch zwei Tage, dann können Sie wieder aufstehen. Aber ich möchte gerne sicher sein, dass die Brandwunden auch wirklich folgenfrei verheilen. Solche Verletzungen gehören leider auch im 25. Jahrhundert noch zu den schweren.“

Ich weiß, ich weiß …“ Roi verzog säuerlich das Gesicht. „Sie meinen es nur gut. Okay, ich halte mich daran, so lange Sie mir hier die Kommunikation nicht ‚aus medizinischen Gründen’ kappen, Doc!“

Dr. Hamory lachte und ging zum Schott. Als er es öffnete, stand Beirat Anthony Henks vor ihm.

Oh, Dr. Hamory, störe ich? Sind Sie gerade in der Visite? Dann komme ich später wieder. Oder spricht etwas dagegen, ich meine aus medizinischen Gründen, dass Fürst Danton Besuch empfängt?“

Nein, Fürst. Aber bitte regen Sie den Fürsten nicht auf. Er braucht noch viel Ruhe. Es sei denn, Fürst Danton möchte Sie nicht sehen.“

Dr. Hamory konnte sich den abweisenden Gesichtsausdruck nicht ganz verkneifen. Genau wie Roi wusste er genau, dass Henks der Anführer der Beiräte-Gruppe war, die jede Möglichkeit nutzten, Roi in seinen Plänen zu boykottieren, weil sie ihren Einfluss, ihre Macht und ihre Möglichkeiten zu krummen Geschäften durch ihn schwinden sahen.

Roi winkte ab. Henks wollte mit Sicherheit keinen Höflichkeitsbesuch abstatten, und je eher er wusste, was er wollte, desto besser für ihn. Außerdem fühlte er sich geistig schon wieder voll handlungsfähig. Er durfte sich eben nur noch nicht so viel bewegen, damit die neu transplantierte Haut auch wirklich narbenfrei mit der alten zusammenwuchs.

Henks zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Wie geht es Ihnen, Fürst Danton?“

Roi hatte zwar keine Lust, Höflichkeitsbezeugungen auszutauschen, da ihm der Mann in jeder Beziehung unsympathisch war, sowohl von seinem ungepflegten Äußeren her als auch von seiner Art. Sich wie die Vorfahren zu kleiden, hieß seiner Meinung nach noch lange nicht, grundlegende Hygienemaßnahmen zu unterlassen. Solche Menschen stießen ihn, der sehr auf Körperpflege achtete, grundsätzlich ab. Trotzdem wollte er ihn nicht verärgern und ging erstmal auf das Spiel ein.

Schon viel besser, Fürst Henks.“ Er schenkte ihm ein höfliches, nichts sagendes Lächeln.

Das freut mich sehr. Da können wir Sie sicherlich bald wieder in unserer Runde begrüßen.“

Davon gehe ich aus.“

Henks räusperte sich. Er musste nun langsam zur Sache kommen. „Dass Sie Anweisung erteilt haben, Fürst Antikon und seine Edelmänner zu inhaftieren, halten meine Kollegen und ich für richtig, aber warum darf niemand zu ihnen? Und warum haben Sie die Geretteten ebenfalls isolieren lassen, in Schutzhaft in den besten Zimmern des Raumhafenhotels auf Ihre Kosten? Das verstehe ich nicht.“

Roi seufzte. „Fürst Henks, darf ich Ihnen in Erinnerung rufen, dass diese Männer unter dem Verdacht der Raumpiraterie stehen? Ich möchte auf der einen Seite verhindern, dass alle Beteiligten, egal von welcher Seite, vor der Verhandlung unter meinem Vorsitz eine Aussage machen. Zum anderen haben die Geretteten die Hölle hinter sich und ich möchte gerne, dass sie ein wenig zur Ruhe kommen. Wir konnten sie nur unter größten Mühen aus der brennenden Korvette retten.“

Henks neigte verbindlich den Kopf. „Selbstverständlich, sonst würden Sie jetzt nicht hier liegen. Das ist auch ein Punkt, den meine Kollegen und ich nicht verstehen und auch nicht akzeptieren können. Wieso kämpfen Sie an vorderster Front, riskieren Ihr Leben? Sie sind doch im Hintergrund als Befehlshaber viel erforderlicher.“

Roi seufzte gelangweilt. „Mein Lieber, darüber werde ich mit Ihnen nicht diskutieren, weil wir in dieser Frage niemals zu einer gleichen Meinung kommen können. – Haben Sie mir irgendwelche Vorschläge zu machen?“

Henks sah auf seine Fingerspitzen herunter. Er wusste natürlich, dass Roi laut Anordnung des Kaisers der Befehlshaber der Freihändler war und er und seine Kollegen vom Beirat seine Entscheidungen nur mit einem Mehrheitsbeschluss kippen konnten. Und ungefähr die Hälfte der Beiräte war auf Rois Seite. Bei jeder schwerwiegenden Entscheidung kam es zu einem Tauziehen. Beide Parteien wussten, dass sie sich irgendwann einigen mussten, wenn sie die Freihändler nicht zersplittern wollten. Henks und seine Freunde wussten auch, dass Roi die besseren Pläne hatte, die Freihändler wirklich zur soliden Wirtschaftsmacht zu etablieren – aber das würde ihren Einfluss und vor allen Dingen ihre Gewinne schmälern. Deshalb bekämpften sie ihn, aus reinem Eigennutz und Egoismus.

Die Schutzhaft können Sie natürlich jetzt nicht aufheben lassen, das sehe ich ein. Das würde nur unnötige Unruhe hervorrufen.“

Danke für Ihr Verständnis.“ Roi konnte sich ein zynisches Lächeln nicht verkneifen.

Werden Sie Fürst Antikon und seine Edelmänner an das Imperium ausliefern, Fürst Danton?“

Rois Gesicht wurde hart, seine nachtblauen Augen schienen zu Eis zu erstarren. „Nein“, antwortete er mit eiskalter Stimme. Henks konnte sich eines kalten Schauers dabei nicht erwehren. „Niemals. Es sei denn, er wünscht es selber, so wie es die Statuten der Freihändler aussagen. Allerdings werde ich nach der Gerichtsverhandlung dem Solaren Imperium in geeigneter Weise nachweisen, dass wir sie entsprechend der Gesetze des Imperiums und unserer Charta abgeurteilt haben. Ich brauche Ihnen wohl nicht in Erinnerung zu rufen, dass Raumpiraterie auch bei den Freihändlern nicht geduldet wird.“

Henks seufzte, versuchte sich einen gelangweilten Ausdruck zu geben. „Wenn es denn Raumpiraterie war.“

Roi nickte ernst. „Das werden wir im Laufe der Verhandlung feststellen.“

Eben.“ Henks schob nachdenklich seine rechte Hand in die Tasche seiner total verdreckten Uniformjacke, die der Zeit des französischen Kaisers Napoleon I. nachempfunden war, jedenfalls so, wie sein Träger sie sich vorstellte.

Sicherlich haben Sie die entsprechenden Möglichkeiten für eine solche Nachricht.“

Natürlich. Warum fragen Sie?“

Henks tat so, als überlege er. Roi war klar, dass dieser Mann ein Schauspiel abzog, sein Vorhaben war noch nicht so erfüllt, wie er sich das vorstellte.

Meine Kollegen und ich würden uns sehr freuen, wenn Sie Ihre Kontaktpersonen im Solaren Imperium offen legen würden und auch Ihre anscheinend unerschöpflichen Geldquellen. – Sagen wir es einmal so: er würde das Vertrauen zwischen uns stärken – und es würde endgültig den Verdacht widerlegen, dass Sie ein Agent der Solaren Abwehr oder der USO sein könnten.“

Roi winkte nur müde ab. „Fürst Henks, bitte ersparen Sie mir und auch Ihnen selbst diese Diskussion, die wir schon einige Male geführt haben. Sie führt zu nichts, weil meine Antwort die gleiche bleibt: NEIN! Wie Sie wissen, vertraut der Kaiser mir und hat mich offiziell zu seinem Stellvertreter ernannt und Sie haben damals zugestimmt. Also versuchen Sie bitte nicht immer wieder, das zu untergraben.“

Henks nickte bedächtig, sagte aber nur: „Schade.“

Gleichzeitig spürte Roi in seinem Kopf ein leichtes Ziehen, die bekannte Beeinflussung durch einen Psychostrahler.

Also das hat er vor, dachte er belustigt und gleichzeitig erfreut. Nun zum ersten Mal würde seine Mentalstabilisierung sich voll zu seinem Vorteil auswirken. Es kam nur darauf ein, dass er Henks gut genug den Beeinflussten vorspielen konnte. Als Roi Danton reicht meine Schauspielkunst wohl. Mal sehen, ob auch hier.

Er gab seinem Gesicht einen abwesenden, leeren Ausdruck.

Sie werden das tun, was ich Ihnen befehle“, sagte Henks mit bestimmtem Tonfall.

Ja“, bestätigte Roi dumpf und teilnahmslos.

Henks schien zufrieden und zog den silbernen Stab des Psychostrahlers ganz aus der Tasche, richtete ihn voll auf Roi.

Sie werden bei der Gerichtsverhandlung Fürst Antikon und seine Edelmänner freisprechen, das Raumgefecht als eine Verkettung von unglücklichen Umständen und Missverständnissen erkennen und akzeptieren, egal wie die Aussagen lauten. Bestätigen Sie!“

Ja, das werde ich tun.“ Roi blickte teilnahmslos an Henks vorbei zur Wand. Der schien sehr zufrieden zu sein.

Nach der Verhandlung werden Sie alle Beiräte zu einer Sitzung bitten“, fuhr er fort. „Dann werden Sie uns freiwillig mitteilen, wer Sie wirklich sind und wer Ihre Kontaktleute im Imperium und bei der USO sind sowie Ihre Geldquellen.“

Ja, das werde ich tun.“

Raffiniert, dachte Roi bei sich. Wenn er mich jetzt fragen würde, dann müsste er es vor seinen Kollegen beweisen. So hören es alle.

Sobald ich Sie verlasse, werden Sie die automatische Aufzeichnung aus diesem Zimmer mit Ihren Überrangcodes löschen lassen und meinen Besuch vergessen.“

Ja.“ Mehr konnte er unter dem Einfluss des Psychostrahlers nicht antworten, eine ausführlichere Antwort wäre aufgefallen. Mit Sicherheit wusste Henks genau, wie Menschen reagierten, die vom dem Strahler beeinflusst waren. In jedem Krankenzimmer war eine Überwachungsanlage installiert, zur Sicherheit für die Patienten, um bei einer Notsituation die entsprechenden Entscheidungen schnell und präzise treffen zu können. Die automatischen Aufzeichnungen wurden nach Ablauf von 24 Stunden automatisch gelöscht oder wenn ein Berechtigter der großen Bordpositronik andere Anweisungen erteilte.

Henks schaltete den Psychostrahler ab und steckte ihn wieder in die Tasche. Verbindlich lächelnd wandte er sich Roi zu.

Es tut mir leid, dass ich so lange aufgehalten habe, Fürst Danton. Wir sehen uns dann bei der Verhandlung gegen Fürst Antikon, nehme ich an?“

Natürlich, danke für Ihren Besuch.“

Roi tat, als ob er sich an nichts erinnere und nickte nur mit dem Kopf, während Henks aufstand und das Krankenzimmer verließ.

Hätte Henks Roi gesehen, nachdem das Schott zuglitt, wäre er nicht so zufrieden aus der FRANCIS DRAKE hinausgegangen.

Dieser ausgemachte Ganove“, murmelte Roi vor sich hin, während er die Verbindung zur großen Bordpositronik herstellte und sich mit seinen Überrangcodes identifizierte.

Er wies die Positronik an, die Aufzeichnungen der letzten Stunde nicht sofort zu löschen, sondern sie vorher auf seinen eigenen Terminal in seiner privaten Kabinenflucht zu überspielen und dort zu speichern.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er daran dachte, wie er die Beiräte auf dieser Sitzung verblüffen würde. So langsam reichte es ihm. Er hatte keine Lust mehr, seine Kräfte im Kampf gegen Sturköpfe und Egoisten zu verschleißen. Er hatte wirklich Wichtigeres zu tun.


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Quinto-Center


Beatrice Wood hatte ihren Bericht beendet und blickte Lordadmiral Atlan fragend an. Würde er die eine bestimmte Frage stellen, vor der sie sich fürchtete – würde er fragen, ob Roi Danton identisch mit Michael Rhodan sein könnte? Wenn überhaupt, wäre er der Erste, der überhaupt auf diese Idee kommen könnte. Und würde er merken, dass sie innerlich in einem schweren Gewissenszwiespalt steckte? Der mehr als zehntausend Jahre alte Arkonide war ein ausgezeichneter Menschenkenner.

Sie haben richtig gehandelt, Major Wood“, sagte Atlan nach einem Augenblick des Nachdenkens. „Sie hatten keine rechtliche Handhabe, die FRANCIS DRAKE festzuhalten. Etwas möchte ich allerdings gerne noch von Ihnen wissen. Wieso haben Sie sich mit Ihrem Chefarzt selbst an Bord der DRAKE begeben, um sich nach dem Befinden von Fürst Danton zu erkundigen?“

Beas Herz schlug bis zum Hals. Jetzt wurde es gefährlich. Ihr Vorgehen stand völlig außerhalb der normalen Routine.

Aus zwei Gründen, Sir. Einmal aus humanitären Gründen, weil Brandverletzungen, die er sich meiner Meinung nach zugezogen haben musste, in der Bordklinik eines Handelsschiffes normalerweise nicht fachgerecht versorgt werden können. In diesem Falle hätte ich dafür gesorgt, dass er auf die HATSCHEPSUT gebracht wird und in eine Spezialklinik. Zum anderen machte er mich neugierig. Ich wollte ihn nach dem Funkgespräch gerne näher kennen lernen.“

Atlan lächelte fein. „Also hat er sie auch beeindruckt wie schon so viele andere. Er soll ein Charisma haben, dem sich viele kaum entziehen können. Welchen Eindruck hatten Sie persönlich von ihm?“

Ich kann nur von dem Funkgespräch ausgehen. Denn in der Bordklinik der DRAKE war er nicht ansprechbar.“

Und?“

Ein irgendwie verrückter Spinner, der aber meiner Meinung nach loyal denkt und zum Imperium steht mit gewissen beachtenswerten Führungsqualitäten.“

Hmm, die Berichte der Spezialisten gehen sogar noch weiter. Demnach soll dieser Danton nicht nur beachtenswerte, sondern sogar ganz herausragende Führungsqualitäten haben, sehr erstaunlich für einen so jungen Mann. Wie alt schätzen Sie ihn?“

Bea wiegte leicht den Kopf. „Schwer zu schätzen in der Maskerade. Irgendwo zwischen zwanzig und dreißig.“

Dr. Ereget Hamory, der Chefarzt“, wechselte Atlan das Thema. „Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?“

Rein persönlich einen sehr guten. Er wirkte auf mich zuverlässig und sympathisch. Ein Arzt, dem auch ich selbst mich anvertrauen würde. Mein Chefarzt sagte, er würde ihn kennen. Ich hatte beim Treffen den Eindruck, als ob er ihm mit einem gewissen Respekt begegnete, rein fachlich gesehen. Das verwunderte mich ein wenig.“

Dazu hat er auch allen Grund. Hat er ihnen erzählt, wer Dr. Hamory ist?“

Nur soviel, dass er ein bekannter plophosischer Wissenschaftler war, bevor er spurlos verschwand. Liegt etwas gegen ihn vor?“

Atlan lachte sarkastisch auf. „Gegen ihn? Im Gegenteil. Er ist einer der wirklich begnadeten Wissenschaftler, die dem Imperium verloren gegangen sind. Dass er jetzt allerdings bei den Freihändlern wieder aufgetaucht ist, macht mich besorgt. Wenn noch mehr solche Menschen dorthin gehen, wird sich das Imperium demnächst warm anzuziehen haben.“

Er sah einen Moment auf seine Fingernägel nieder. „Nun gut, dieses Problem werden wir jetzt und hier nicht lösen können. Auf jeden Fall werde ich vorerst abwarten, ob wir eine Nachricht von den Freihändlern bekommen, wie Danton diesen Fall der Raumpiraterie gelöst hat. Daran können wir auch sehen, wie weit seine Position bereits gefestigt ist. Das ist für uns sehr wichtig zu wissen.“ Bea nickte bestätigend. „Sicher, Sir. Ich persönlich schätze ihn so ein, dass er durchgreifen wird.“

Atlan lächelte fein. „Das sagt mir mein Gefühl auch. Wir werden Roi Danton jedenfalls nicht aus den Augen lassen. Vielleicht brauche ich Sie noch einmal für einen Einsatz in der Beziehung. Vorerst genießen Sie die Werftliegezeit und erholen Sie sich, Beatrice.“

Bea erhob sich und blickte offen in Atlans rotgoldene Augen, in denen die Weisheit eines Wesens schimmerte, die einmalig war.

Atlan streckte ihr die Hand hin und Bea schlug ein. „Noch etwas, falls Sie Roi Danton wieder einmal begegnen sollten, passen Sie auf, dass er Sie mit seinem Charisma nicht zu sehr beeindruckt. Ich möchte Sie nicht auch noch an die Freihändler verlieren.“

Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Arkoniden.

Bea beherrschte sich mit aller Willenskraft. „Nein, Sir.“

Vor der Tür von Atlans Büro atmete sie tief durch.

Oh, Mike“, murmelte sie leise vor sich hin. „Das ist ein echtes Dilemma. Wie mag das weitergehen?“

Zum Glück schien Atlan überhaupt nicht daran zu denken, wer hinter der Maske des Roi Danton stecken könnte. Sie musste vor sich selbst zugeben, dass allein der Gedanke auch schon eine fast unüberwindliche Gedankenmauer darstellte, denn auch sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, wenn sie Roi nicht persönlich gesehen hätte …


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5

Boscyks Stern, Olymp, Trade-City


Sie fühlen sich wirklich stark genug, um Ihre Aussage vor dem Gericht zu machen, Edelmann Masut?“

Roi blickte sinnend auf den riesenhaften Ertruser, der ihm gegenüber am Kartentisch in der Zentrale der FRANCIS DRAKE saß. Eine energetische Wand ließ weder Sichtkontakt noch akustische Signale zu. Außer ihnen war niemand anwesend. Die Zentralebesatzung ging ihren üblichen Pflichten nach.

So wie Dr. Hamory es prophezeit hatte, waren die schweren Brandverletzungen nicht ohne Folgen abgeheilt. Schwere Brandwunden verunstalteten das Gesicht des riesenhaften Mannes. Roi kannte die medizinischen Berichte. Der Oberkörper Masuts sah genauso verunstaltet aus. Medizinisch war alles Mögliche getan worden, die Wunden hatten sich infektionsfrei vernarbt – wie der Mann psychisch damit klarkommen würde, das würde erst die nähere Zukunft zeigen.

Natürlich kannte Roi seinen Bericht von den Vorfällen schon. Er hatte seine eigene Vermutung nur bestätigt. Es handelte sich ganz eindeutig um einen Akt der Raumpiraterie, die ihn vor doppelte Probleme stellte. Zum einen musste er sich gegen seine Gegner unter den Beiräten durchsetzen, zum anderen musste er dem Solaren Imperium gegenüber eindeutig nachweisen, dass er hart durchgegriffen hatte. Das machte ihn noch wütender auf Fürst Antikon. Hätte der sich nicht einen anderen Raumsektor aussuchen können, außerhalb des Hoheitsgebietes des Solaren Imperiums?

Ein massierter Einsatz der Solaren Abwehr und der USO konnte nicht nur den Freihändlern an sich erheblich schaden, sondern auch ihn in Bedrängnis bringen.

Masut blickte ihn mit wachen, intelligenten Augen an. Der Ertruser gefiel Roi immer mehr.

Selbstverständlich, Fürst Danton. Ich bin wiederhergestellt. Sicherlich kennen Sie auch schon den medizinischen Befund. Ich habe Dr. Hamory Ihnen und dem Gericht gegenüber von seiner Schweigepflicht entbunden.“

Roi nickte. „Das Vertrauen ehrt mich, Edelmann. Also werden wir zusammen versuchen, Fürst Antikon das Handwerk zu legen.“

Masut überlegte, öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder.

Was möchten Sie sagen, Edelmann? Bitte reden Sie offen. Das schätze ich sehr.“

Das weiß ich, Fürst. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Und – ich würde gerne in Ihre Dienste treten.“

Roi musterte ihn sinnend. Ihm kam eine Idee, die etwas für sich hatte. Der Mann schien stark zu sein, loyal, hatte ein offenes Wesen. Roi war sich sicher, dass er ihm vertrauen konnte. Er brauchte einen ständigen Begleiter, so sehr er sich auch bisher dagegen gewehrt hatte. Er konnte auf sich selbst aufpassen, das war keine Frage, aber allein die Anwesenheit eines Begleiters würde vielleicht viele schon verunsichern.

Warum, Edelmann? Haben Sie gute Gründe?“

Ja. Zum einen bin ich Ihnen zum Dank verpflichtet. Ohne Sie würde ich nicht mehr leben. Sie haben Ihr eigenes Leben riskiert und dabei auch Verletzungen davon getragen. Ich werde mein ganzes Leben in Ihrer Schuld stehen.“

Roi winkte ab. „Lassen Sie das bitte, Edelmann. Es ist meine Pflicht als Kommandant, mich für alle einzusetzen. Ich betrachte es als eine Frage der Ehre. Hätte ich es nicht getan, wäre ich ehrlos.“

Masut nickte. „Genau das ist der zweite Punkt, Fürst. Wir alle wissen, welche hohen Moral- und Ehrbegriffe Sie haben. Genau deshalb fliegt Ihre Mannschaft so gerne mit Ihnen und würde für Sie den Teufel aus der Hölle holen. Ich würde es als Ehre betrachten, wenn Sie mich nehmen und ich mit Ihnen fliegen darf. Außerdem bin ich ungebunden, unser Schiff existiert nicht mehr, meine Kameraden und mein Fürst sind fast alle umgekommen. Eine Familie habe ich ebenfalls nicht. Meine Familie sind die Freihändler.“

Tränen stiegen in die Augen des Ertrusers. Roi legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. Dabei musste er sich ein wenig strecken, weil Masuts Arm ein wenig über seinem war.

Ich kann Ihre Gefühle sehr gut verstehen, Edelmann. Sie brauchen sich Ihrer Tränen nicht zu schämen. Sie sind nur menschlich.“

Oro Masut konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Tränen liefen über seine riesigen, von Narben verunstalteten Wangen. „Bin ich denn noch ein Mensch?“, schluchzte er.

Roi erkannte sofort die Situation. Er stand auf, stellte sich vor Masut und rüttelte an dem für ihn riesigen Mann. Gegen den „Felsklotz“ reichten seine Kräfte eindeutig nicht aus, zumal er seine Arme nach oben reckten musste wegen der Größe von 2,50 Metern.

Edelmann Masut, wir alle sind Menschen, egal ob wir vielleicht etwas zu klein geraten sind wie die Siganesen oder etwas zu groß wie Sie als Ertruser.“

Mit Absicht ging er mit keinem Wort auf die Verunstaltungen des Mannes ein.

Nach einer Weile ebbte der Tränenstrom ab und Masut blickte in die Augen Rois, die ihn offen musterten, ohne ein Spur von Abscheu. „Das meinte ich nicht, Fürst. Bin ich denn kein Scheusal für Sie?“

Ach, Sie meinten diese paar Narben?“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die ehren einen Mann, es sind Kampfnarben. Betrachten Sie es so und nicht anders.“ Er hatte sich in diesem Augenblick zu einem Schritt entschieden, der rein emotional geleitet war. Er ging damit ein großes Risiko ein, aber er vertraute dem Ertruser. Bisher hatte er sich noch nie in seiner Einschätzung anderer Menschen getäuscht. Außerdem – das war ein Faktor, den er nicht vernachlässigen konnte – war der Mann ihm gegenüber zu Dank verpflichtet, und würde ihn schon deshalb nicht verraten.

Und was noch dazu kam – er brauchte nicht nur einen Begleiter, sondern auch einen Vertrauten, einen, der außerhalb der Hierarchie des Schiffes und der Organisation stand, der frei und unabhängig war. Immer mehr merkte er es, wie viel zwischendurch ein vertrauensvolles Gespräch brachte. Erst jetzt verstand er viel aus den Erzählungen von Atlan, dass er immer wieder eine Gefährtin des „Barbarenplaneten Larsaf III“ mit in seine Tiefseekuppel genommen hatte und sie geschult, sie an seinen Horizont herangeführt. Sein Roboter Rico war zwar im Laufe der Jahrtausende sein „Freund“ geworden, aber auch er hatte einen vertrauten Menschen gebraucht, es ging auf Dauer nicht anders. Oro Masut erschien ihm als Wink des Schicksals.

Können Sie kämpfen, Edelmann Masut? Ich meine, Nahkampf und ähnliche Dinge?“

Masut hob den Kopf. „Ja. Ich gelte als stärkster Mann von Ertrus und habe dort die Meistertitel in allen Kampfsportdisziplinen.“

Roi lachte. „Das freut mich. Mir sagt man auch nach, ich wäre darin recht gut. Jedenfalls, als ich noch auf Terra lebte.“

Masut merkte auf. „Sie sind Terraner?“

Ja, aber nur zur Hälfte. Ich habe einen plophosischen Elternteil.“

Das war noch nichts, was den Ertruser aufmerken lassen musste. Das traf auch auf andere Menschen zu, zwar nicht übermäßig viele, da die Gene der Plophoser durch die Strahlung der Sonne Eugaul verändert waren, so dass Beziehungen zwischen ihnen und reinblütigen Terranern nur wenige Nachkommen hervorbrachten. Insofern war die Zwillingsgeburt von Mory Rhodan-Abro damals schon fast eine medizinische Sensation gewesen.

Roi zog plötzlich sein blasiertes Gesicht und musterte sein Gegenüber durch sein edelsteinverziertes Lorgnon, das er an einer Kette um den Hals trug. „Wie sieht es mit Seinen Fähigkeiten als Diener aus, Edelmann? Weiß Er, wie Er sich einem Hochwohlgeborenen gegenüber zu verhalten und wie er Uns zu dienen hat?“

Masut blieb der Mund offen stehen. Dann begriff er und grinste über das ganze Gesicht. Er versuchte sich zu verbeugen, verlor das Gleichgewicht und fiel lang hin.

Roi schüttelte betrübt den Kopf. „Das wird Er aber noch üben müssen. Ich fürchte, Wir werden ihn auch noch ausführlich unterweisen müssen, wie Er uns zu dienen hat. – Nun ja, Wir werden Uns dieser Mühe unterziehen. Wir meinen, es lohnt sich, Ihn zu schulen.“

Jetzt erst begriff Masut endgültig. Ein Leuchten der Freude ging über das verunstaltete Gesicht.

Roi lachte ungezwungen und fröhlich, gewann damit endgültig die uneingeschränkte Sympathie des Ertrusers.

Ich nehme Sie in meine Dienste, Edelmann Masut.“ Er legte seine Maske wieder ab. „Nicht als Offizier des Schiffes, sondern als meinen persönlichen Diener, Leibwächter und Vertrauten. Ich erwarte von Ihnen absolutes Schweigen und Loyalität. Das sollte klar sein.“

Masut wurde sehr ernst. „Absolut, Fürst. Sie können sich auf mich verlassen. Ich stehe mit meinem Leben für Sie ein.“

Roi wusste, dass Edelmann Masut in diesem Augenblick einen heiligen Eid ablegte, sowohl vor ihm als auch vor sich selbst. Er nickte bestätigend.

Das weiß ich.“ Roi machte eine wohl durchdachte Pause, ehe er weitersprach. „Also beginnt Ihr Dienst jetzt in diesem Augenblick, Oro.“

Ja, Fürst.“

So habe ich nun wieder einen ertrusischen Leibwächter, genau wie in meiner Kindheit und Jugend zusammen mit meiner Zwillingsschwester.“ Roi wählte seine Worte mit Bedacht. Die Reaktion kam so, wie er sie erwartet hatte. Oro blickte ihn gespannt an und wartete auf die Fortführung.

Roi dachte wehmütig an diese lange zurückliegende Zeit. Einige Jahre war Atlans Begleiter Melbar Kasom der Leibwächter von ihm und seiner Schwester gewesen. Vielleicht holte er sich mit seiner Entscheidung auch ein Stück seiner Kindheit wieder zurück.

Kennen Sie vielleicht den Ertruser Melbar Kasom? Er war in meiner Kindheit und Jugend einige Jahre der Leibwächter von meiner Schwester und mir.“

Oro fuhr hoch, als ob eine Bombe neben ihm eingeschlagen hätte. Roi grinste innerlich. Er hatte sich in dem Mann nicht getäuscht, der konnte denken.

Natürlich nicht persönlich. Aber jeder Ertruser weiß, wer der berühmte USO-Spezialist ist, der ständige Begleiter von Lordadmiral Atlan.“

Über sein Gesicht huschte das Erkennen.

Aber das würde heißen, wenn Sie eine Zwillingsschwester haben und Melbar Kasom Ihr Leibwächter war … nein, das kann nicht sein!“

Warum nicht? So unmöglich?“

Ich wage es gar nicht auszusprechen. … Das bedeutet, dass Sie der verschwundene Sohn des Großadministrators sein müssen.“

Roi zuckte nur mit den Schultern. „Genau. So schlimm, mit Michael Rhodan zu fliegen?“

Oro blieb der Mund offen stehen. „Im Gegenteil. Ich weiß das Vertrauen zu schätzen, dass Sie in diesem Augenblick entgegenbringen. Ich werde es niemals enttäuschen!“

Das weiß ich. Das sagt mir schon meine Menschenkenntnis. Außer Ihnen wissen es bei den Freihändlern nur der Kaiser und noch zwei Fürsten, die mich von früher kennen. Und das soll auch so bleiben. Ich bin nicht zu den Freihändlern gegangen, um wieder aufgrund meiner Herkunft bevorzugt zu werden.“

Oro nickte ernst. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das mit ein Grund war, weshalb Sie zu den Freihändlern gegangen sind. Ihr Vater hat sie längere Zeit in der ganzen Galaxis suchen lassen. Immer wieder war Ihr Bild in sämtlichen Nachrichtensendungen zu sehen.“

Roi seufzte. „Ich weiß. Leider. Aber inzwischen hat er aufgegeben. Zum Glück. Das gibt mir mehr Handlungsspielraum. Erkennt man mich denn noch anhand der Suchmeldungen?“

Oro musterte in ab- und einschätzend. „Nein, so direkt nicht. Aber ich würde an Ihrer Stelle vorsichtig sein, alten Bekannten und Freunden zu begegnen. Besonders Ihrem Vater, Ihrer Mutter und Schwester oder Lordadmiral Atlan bzw. Staatsmarschall Bull. Ganz besonders würde ich an Ihrer Stelle dem Mausbiber Gucky aus dem Weg gehen.“

Roi lachte leise. „Meine Mutter und meine Schwester sind informiert und versorgen mich mit gewissen Informationen. Und Gucky – dagegen bin ich präpariert. Ich bin nämlich mentalstabilisiert. Die größte Gefahr sehe ich in Atlan. – Aber über das alles reden wir später noch, wir werden noch genug Zeit für Gespräche haben. Jetzt müssen wir uns dem Naheliegenden widmen – leider. Mir wäre wohler, wenn wir dieses Problem nicht lösen müssten. Aber ich werde keinen Akt der Raumpiraterie dulden!“

Oro konnte sich eines Fröstelns nicht erwehren bei den eiskalt hervorgebrachten Worten. Schon jetzt erkannte er, dass Roi ein sehr fairer, aber auch konsequenter und harter Befehlshaber war.

Werden Sie Fürst Antikon dem Solaren Imperium ausliefern?“

Bis jetzt habe ich es nicht vor. Egal was er getan hat, er hat Anspruch auf eine faire Gerichtsverhandlung bei der Organisation, zu der er gehört. Das ist eine Frage der Loyalität für mich.“

Roi hob die energetische Sperre auf und rief Rasto Hims herbei.

Edelmann Hims, ich habe Mr. Masut in meine Dienste genommen, und zwar als meinen persönlichen Diener und Leibwächter.“

Hims grinste über sein ganzes breites Epsalergesicht. Er bot Oro die Hand. „Auf gute Zusammenarbeit, Kamerad.“ Oro nahm sie vorsichtig und erwiderte den Händedruck. Obwohl auch Epsaler zu den starken, umweltangepassten Menschen gehörten, mussten Ertruser auch bei ihnen vorsichtig mit ihren Körperkräften sein.

Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten darf, Sir. Das war schon länger überfällig. Sie brauchen einen persönlichen Begleiter bei dem Gesindel von Beiräten, mit denen Sie sich herumschlagen müssen.“

Roi fiel vorübergehend in seine Rolle: „Edelmann Hims, ich echauffiere mich! Diese raue Sprache in Unserer Gegenwart! Das bekommt Unserem Wohlbefinden nicht. Wir spüren eine Ohnmacht nahen!“

Gekonnt verdrehte er die Augen und tat so, als ob er von seinem Stuhl sinken würde. Oro war sofort heran und fing ihn auf, wedelte ihm mit der Hand Luft zu.

Roi stand wieder auf, konnte sich vor Lachen nicht halten. Alle anderen fielen ein.

Das war schon sehr gut, Oro. Ich sehe, Sie verstehen, worauf es ankommt. Hims, ich würde an Ihrer Stelle vorsichtig mit solchen Äußeren außerhalb der DRAKE sein, Sie wissen warum!“

Natürlich, Sir. Außerhalb des Schiffes verhalten wir alle uns vorbildlich.“

Das weiß ich, keine Sorge. Bitte weisen Sie Mr. Masut ein, wie hier bei uns das Reglement ist, nach innen und nach außen. Sorgen Sie dafür, dass er eine Kabine direkt neben meiner Zimmerflucht bekommt usw., Sie wissen schon.“

Selbstverständlich, Sir.“

Gut. Dann werden wir uns jetzt also mit Fürst Antikon zu befassen haben. Bitte lassen Sie vor der Verhandlung nichts davon verlauten, dass Oro Masut nun zu uns gehört. Es könnte einige Leute auf merkwürdige Ideen bringen.“

Hims nickte nur, Oro antwortete: „Selbstverständlich, Sir.“

Roi war zufrieden. Oro schien sehr schnell zu begreifen, wie es hier lief, umso besser.

Fortsetzung: Teil 06

28.5.16 15:41, kommentieren

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