Zukunftswelten

Über

Etwas über mich ....

Angelika Rützel
Geboren 1954 im Zeichen der Jungfrau mit Aszendent Steinbock in Kiel
Studium der Psychologie und Soziologie: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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Mein Vater hatte beim Klapperstorch einen Jungen bestellt, aber aus irgendwelchen Gründen wurde seine Bestellung falsch bearbeitet und der Storch lieferte ein Mädchen - OHNE Umtauschrecht!

So wurde ich von meinem Vater wie ein Junge erzogen - mit stillschweigender Duldung meiner Mutter, die mich nur in den typisch weiblichen Dingen unterwies.

In meiner Kindheit und Jugend las ich keine Mädchenbücher, sondern Jungen-Literatur. Und ich spielte nicht zusammen mit den Mädchen mit Puppen, sondern kletterte gemeinsam mit den Jungen auf Bäume und über Zäune, mopste die Äpel aus Nachbars Garten und schlug mir die Knie auf - und was der Dinge so mehr waren.

Davon profitiere ich noch heute, weil ich zu den Frauen gehöre, die entscheiden und zupacken können, ohne erst lange Fragen zu stellen. 

Mit 12 Jahren, als mir in den Herbstferien der Lesestoff ausgegangen war, stieß ich in einem Buchladen auf die ersten Perry Rhodan-Hefte und war sofort davon begeistert. 

So begeistert, dass ich die Serie von da an las. Es störte mich nicht, dass ich zu der Zeit eine große Ausnahme war. Mädchen und Sciencefiction - das gab es nicht! Gleichzeitig lief im Fernsehen die erste Ausstrahlung der Kult-Serie "Raumpatrouille". Damit war ich der Sciencefiction "verfallen".

Mit 15 Jahren begann ich mit dem Schreiben von kleinen Geschichten. Damals noch mit der Hand (heute unvorstellbar im Computerzeitalter!).

Später hatte ich dafür keine Zeit mehr - leider!

Erst im Jahre 2013, nach einer Wende für mich selbst in allem, nachdem ich aus einem Haufen "Trümmer" mein gesamtes Leben wieder neu organisieren musste, erinnerte ich mich wieder an das Schreiben. 

Seit Anfang 2014 teile ich meine Zeit zwischen meinem Job im Patientenservice eines großen Klinikums an der Westküste und dem Schreiben. Dabei bin ich schreibend im Fandom von Perry Rhodan unterwegs. Eigene Original-Fiction im SF-Bereich ist in Vorbereitung.

Ich gehöre dem schreibenden Team des Terranischen Club Eden (TCE) an und bin Mitglied der Perry Rhodan-Fanzentrale (PRFZ).

 

 

Alter: 61
 


Mehr über mich...

Als ich noch jung war...:
... wollte ich Raumschiffskommandantin werden.

Wenn ich mal groß bin...:
Wer "erwachsen" wird, wird gleichzeitig auch alt. Das scheint eine Art Naturgesetz zu sein.

Ich wünsche mir...:
Mehr Toleranz unter den Menschen.
Irgendwann werden wir anderen Intelligenzen aus dem Weltraum begegnen - und dann sollten wir entsprechend darauf vorbereitet sein!

Ich liebe...:
... meine Freiheit und verteidige sie mit allen Mitteln!

Man erkennt mich an...:
... meiner unkonventionellen Art

Meine 'Ehernen Prinzipien':
1. Tue, was DU willst, solange du niemand anderem schadest! -
2. Sei selbstbewusst, aber nicht arrogant oder belehrend!
3. Betrachte JEDES Leben als heilig, egal in welcher Form du es siehst!
4. Schenke JEDEM Lebewesen, das es braucht, deine Hilfe!
5. Stehe zu deinen Fehlern, aber benutze sie nicht als "Entschuldigung"!
6. Verfolge zielstrebig DEINEN Weg, aber beachte auch deine Empathie!

Was man mit mir NICHT machen sollte:
1. Mein Vertrauen missbrauchen!
2. Mich hintergehen!
3. Mir Vorschriften machen und mich dominieren wollen!
4. Mich bestehlen!
Zweite Chance danach: ausgeschlossen!



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Was schreibst Du eigentlich?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt - bevor dieser Jemand eine meiner Geschichten liest ...

Psychologische und medizinische Sciencefiction

Aha ... hmm ... und was genau ist das?

Sciencefiction mit Schwerpunkt auf den Personen, nicht auf der Technik. Die ist natürlich auch dabei, genau wie die nötige Portion Action, ohne die SF einfach keine Sciencefiction ist, aber bei mir stehen immer die Personen im Mittelpunkt. Ich möchte nachvollziehbar machen, warum sie so und nicht anders reagieren (können). Ihre Stärken und ihre Schwächen dem Leser zeigen. Getreu dem Grundsatz der Autoren: Show, don't tell.

Und dann natürlich der zweite Schwerpunkt: die Medizin. Mich faszinieren die Fortschritte, die gerade in diesen Jahren von der medizinischen Forschung gemacht werden. Zehn Jahre sind schon Lichtjahre, ein Quantensprung. - Wie sieht das dann erst in Jahrhunderten aus? - Raum für fantastische Spekulationen. - Und für Überlegungen, wo die Medizin schon heute am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist. Vieles wird sich nicht mehr weiterentwickeln lassen. Damit müssen wir Menschen uns abfinden.

Deshalb wirken einige Szenen in meinen Geschichten vielleicht archaisch. An Stellen, an denen Leser eine Lösung wie "man nehme einen Chip und programmiere ihn und halte ihn einfach gegen den Körper" erwarten - Sorry, das wird in manchen Bereichen niemals so funktionieren können. Weil die natürlichen Grenzen, die der menschliche Körper aufzeigt, nicht überschritten werden können - und auch nicht sollten!

 

Worauf ich noch Wert lege?

Auf ein modernes, selbstbestimmtes Frauenbild

Nein, ich bin absolut keine Emanze, keine Sorge! Mir sind sog. "Emanzen" sogar äußerst suspekt. 

Ich möchte meine weiblichen Hauptpersonen selbstbestimmt, selbstbewusst und gleichberechtigt an der Seite der Männer sehen! Nicht vor ihnen, nicht hinter ihnen, sondern ganz einfach an ihrer Seite auf Augenhöhe! Nicht mehr und nicht weniger!

Wobei mir Amazonen-Typen durchaus sehr sympathisch sind (vielleicht weil ich selbst eine bin ...?)

Dieses Frauenbild habe ich in der weiblichen Hauptperson meiner Michael Rhodan/Roi Danton-Romane (hier: Lockruf der Freihändler / Der Arkonide und der Freihänderkönig) umgesetzt. Beatrice Wood ist genau der Typ Frau, den ich mir in dem Sinn vorstelle.

Wobei genauso Frauen aus der PR-Serie das nötige Potential haben, sie entsprechend in Romanen umzusetzen. Gerade Frauen aus der Frühzeit der Serie, wie z.B. die Arkondin Thora sind dafür prädestiniert. 

Besonders sie ist nicht das, was die alten Autoren ihr "zubilligten". Eine Raumschiffsfkommandantin, die so "wenig" zu bieten hat? Nicht nachvollziehbar. Die teilweise reagiert wie ein verzogenes kleines Kind? Ebenfalls nicht nachvollziehbar. 

Warum reagiert sie so und nicht anders?

 

 

 

20.8.16 18:28, kommentieren

Atlan erzählt die Wahrheit über die Heilige Insel und König Artus - Teil 1

Teil 1:

 

Die Sage von König Artus und den Rittern der Tafelrunde, um die Burg Camelot - wer kennt sie nicht?

Die Sage ... oder die Sagen?

Und die Legenden um eine heilige Insel - eine Insel, die Avalon genannt wurde - und die im See hinter den Nebeln liegt. 

Die nur von den eingeweihten Priesterinnen oder den Druiden des Alten Glaubens zu erreichen ist - weil nur sie die Nebel teilen können. Alle anderen, die es versuchen, werden sie nie erreichen, sondern eher sterben.

Die Herrin vom See, die Hohepriesterin, die zusammen mit dem Merlin von Britannien um den Fortbestand des Alten Glaubens kämpfte gegen das immer weiter vordringende und übermächtig werdende Christentum.

Die Hohepriesterin, die durch Verrat starb - mit dem Schwert eines christlichen Ritters im Rücken in Camelot, obwohl der König selbst ihr freies Geleit zugesichert hatte - und der Merlin, der in den Nebeln von Avalon verschwand ...

Und das magische Schwert Excalibur, das den König Artus unverwundbar und unbesiegbar machte - welche Magie umgab es wirklich? - Artus verlor das Schwert - das war sein eigener Untergang und der Untergang seines Reiches - das Schwert versank im See der Feen.

Niemand fand bisher Avalon, der Legende nach liegt es hinter der christlichen Abtei von Glastonbury. Auch heute können nur Menschen es finden, die zu den Wissenden gehören ...

Gibt es eine Wahrheit für diese Sagen, Legenden, Gerüchte?

Atlan, der Einsame der Zeit, der selbst der Merlin von Britannien war, bricht nach Jahrtausenden sein Schweigen über eine faszinierende Epoche der terranischen Geschichte!

Seid gespannt und folgt Atlan und einigen tapferen, selbstbewussten und selbstbestimmten Frauen und Männern in die Dunklen Zeitalter der britischen Insel. 

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Bericht: Michael Rhodan

 USTRAC, Ausbildungsplanet der USO

15. Januar 2430

 Locker und entspannt saß ich auf dem Rasen, den Rücken an die Felswand gelehnt. Die Temperatur war mit 25° sehr angenehm, es wehte ein leichter Wind. Die Sonne kam immer wieder hinter den schnell durchziehenden Wolken heraus.

Ideale Bedingungen, um körperlich zu entspannen und sich geistig auf das Kommende einzustimmen. Auf Anordnung meines verehrten Lehrmeisters Atlan war ich hier. Es sollte meine letzte große Prüfung sein, bevor ich – Erfolg vorausgesetzt – den Titel eines Dagor-Meisters erhielt. Er hatte mich streng nach den alten arkonidischen Prinzipien ausgebildet. Sie beinhalteten nicht nur wie bei den USO-Spezialisten die Nahkampftechnik Dagor an sich, sondern auch die Philosophie, die dahinterstand. Meditation zur Entspannung und zur Einstimmung auf große Kämpfe gehörte genauso dazu wie Fastenübungen, um den Geist von den körperlichen Fesseln zu befreien.

Vor der letzten großen Prüfung meditierte und fastete der Schüler einen ganzen Tag und eine Nacht lang, ehe er zum Prüfungskampf antrat. Den Gegner bestimmte sein Meister. Ein Meister, der seinen Schüler besonders auszeichnen wollte, stellte sich selbst diesem bedeutsamen Kampf. Allerdings gehörte das eher zu den Ausnahmen.

Als Atlan mir sagte, dass er mein Gegner in dem Prüfungskampf sein wollte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Den Arkoniden und mich verband schon seit meiner frühesten Jugend ein besonderes Verhältnis.

Den Kampf morgen gegen Atlan würde ich verlieren, da machte ich mir überhaupt keine Illusionen. Geschwächt von 24 Stunden Nahrungs- und Flüssigkeitsentzug, zusätzlich noch eventuell aufgewühlt durch die eigenen Gedanken – einen solchen Kampf konnte ich niemals gewinnen! Zumal ich gegen Atlan ohnehin keine Chance hatte.

Allerdings ging es bei diesem rituellen Kampf auch gar nicht um Sieg oder Niederlage. Es war eine Prüfung meiner Widerstandsfähigkeit und meiner Beherrschung. Ich musste als Dagor-Meister in der Lage sein, die Bedürfnisse des Körpers total auszuschalten und einen entkräfteten und angeschlagenen Körper allein mit der Kraft des Geistes zu steuern.

Es gab zahlreiche Legenden, wie Dagoristas, eingeweihte Mitglieder des Dagor-Ordens und besonders die Meister, arkonidisch Laktrote genannt, Kämpfe gewonnen und auch die ihnen Anvertrauten gerettet hatten, obwohl sie so schwer verletzt waren, dass das eigentlich unmöglich erschien. Wahre Wunderdinge wurden darüber erzählt.

Viel davon war reine Legende. Das hatte mir Atlan in den Jahren der Ausbildung ganz klar vermittelt. Für jeden Körper gab es Grenzen des Machbaren.

Dass Atlan diese Grenzen bei mir sehr hoch ansetzte, wusste ich. Gerade deshalb schätzte ich die Ausbildung durch ihn so sehr. Ich wollte nicht geschont werden, im Gegenteil! 

Diese ausgedehnte Meditation vor dem rituellen Prüfungskampf betonte das philosophische und psychologische Element des Dagor. Hierin wurden nur diejenigen unterwiesen, die auch wirklich bereit waren, die Dagor-Prinzipien in ihr Leben zu integrieren, die nicht nur eine Kampftechnik erlernten. Ohne die begleitenden Elemente konnte niemand den Titel eines Meisters im Dagor erreichen.

Bei dieser langen Meditation mit dem zugehörigen totalen Verzicht auf Nahrung und sogar auf jegliche Flüssigkeit sollte ein Anwärter auf den Meister-Titel hauptsächlich mit sich selbst ins Reine kommen und sich selbst besiegen.

Beunruhigt bemerkte ich, dass ich mich einem Gedanken-Chaos näherte. Mit Gewalt versuchte ich alles zu sortieren, was mir im Kopf herumging.

Obwohl immer wieder Gedanken an meine Kindheit und Jugend in mir hochkamen, mochte ich jetzt nicht darüber nachdenken. Es war eine unendliche Geschichte von meiner Meinung nach zu umfangreicher Fürsorge durch meine Eltern, besonders meinem Vater und auf der anderen Seite das Gefühl, dass ich ihm nie etwas recht machen konnte. Fast nie bekam ich ein Lob von ihm, dafür von anderen, die mich protegierten, weil ich der Sohn des Großadministrators war, umso mehr. Je älter ich wurde, desto mehr begehrte ich gegen meinen Vater auf und versuchte auszubrechen. Immer wieder kam es zu Spannungen zwischen uns. Im Laufe der Jahre merkte ich deutlich, dass ich mit meinem arkonidischen Lehrmeister Atlan und meinem Patenonkel Bully besser klarkam als mit meinem eigenen Vater. Merkwürdigerweise tat das meiner Liebe zu meinem Vater keinen Abbruch. Ich liebte ihn und würde – wenn es die Situation erforderte – sofort mein Leben für ihn einsetzen. – Unser Verhältnis war also insgesamt als kompliziert zu betrachten.

Mit Gewalt verdrängte ich diese Gedanken und konzentrierte mich auf meine Pläne für die nächste Zeit. Nur noch die Prüfungen an der Raumakademie von Terrania-City. Wenn ich meine Diplome als Kosmonaut und Ingenieur für Hochenergie-Maschinenbau in der Tasche hatte, würde ich Terra, meinen Eltern und allen Freunden und Bekannten den Rücken kehren. Ich wollte ganz neu anfangen, ohne die „Protektion“ des Namens Rhodan im Hintergrund. Meine Zwillingsschwester Suzan würde mir die benötigten Finanzmittel zur Verfügung stellen und mein zukünftiger Schwager Dr. Geoffry Abel Waringer die erforderliche Technik. Mein Ziel waren die Kosmischen Freihändler, die meinem Vater und den meisten anderen Verantwortlichen des Solaren Imperiums von Anfang an suspekt gewesen waren. Niemand traute ihnen. Ich wollte in ihrer Hierarchie aufsteigen, ihr Befehlshaber werden, sie von Grund auf neu strukturieren und aus ihnen eine paramilitärische Organisation machen, die loyal zum Imperium stand. Die entsprechenden Kontakte waren bereits geknüpft. Ende Mai würde ich Terra verlassen, ohne mich zu verabschieden. Das war alles schon in meinem Kopf vorgeplant.

Daran, dass ich mein ganzes Leben und alle meine Freunde hinter mir lassen musste, mochte ich gar nicht denken. Es war aber unerlässlich, wollte ich wirklich ich selbst sein und mir und vor allen Dingen meinem Vater beweisen, dass auch ich meinen Mann stehen und Erfolg haben konnte. Das war der Preis, den ich dafür zahlen musste. Ich hatte mich schon längst damit abgefunden.

In den letzten Jahren hatte ich mich gut auf mein Ziel vorbereitet. Bei der USO hatte ich parallel zu meinem Studium in den Ferien und an den Wochenenden immer wieder Ausbildungslehrgänge absolviert. Meine militärische Ausbildung stand in nichts der von Offizieren der Flotte nach. Auf meinen Rang als Leutnant der Reserve der USO war ich sehr stolz. Und noch stolzer war ich darauf, dass ich den berüchtigten Speziallehrgang dieser Organisation erfolgreich überstanden hatte. Ein Jahr war ich zusammen mit meinen Kameraden buchstäblich durch die Hölle gegangen.

Daran anschließend hatte ich mich einer Mentalstabilisierung unterzogen, einem Gehirneingriff, zu dem nur ungefähr 10 % aller USO-Spezialisten überhaupt die Genehmigung bekamen und der dann auch nur bei ca. 1 % erfolgreich war. Die anderen Operierten verfielen unheilbar dem Wahnsinn.

Deshalb hatte ich auch schon im Vorfeld so kämpfen müssen, um von Atlan, dem Regierenden Lordadmiral der USO überhaupt die Genehmigung zu bekommen, obwohl die Ärzte und Psychiater mich als „geeignet“ beurteilt hatten. Zu viel Angst hatte Atlan gehabt, dass auch ich zu den Opfern gehören würde. Wenn ich bis dahin überhaupt noch einen Zweifel daran gehabt hätte, wie der Arkonide mich schätzte – in diesem Augenblick wären sie spätestens beseitigt gewesen.

Ich hatte auch das überstanden. Mit Schaudern dachte ich an den Eingriff und die Zeit danach zurück. Die Schrecken saßen so tief, dass ich sie immer noch nicht vergessen konnte. Ob das überhaupt jemals der Fall sein würde, konnte ich jetzt noch nicht beurteilen, zu kurz war die vergangene Zeit. Immer wieder dachte ich nur an den Erfolg. Seitdem war ich nicht mehr hypnotisch oder suggestiv zu beeinflussen, weder durch Mutanten noch auf mechanischem Weg. Auch Medikamente, die jedes Intelligenzwesen dazu brachten, alles was es wusste zu verraten, blieben bei mir wirkungslos.

Telepathen hatten bei mir keinen Erfolg mehr. Ich war für sie „tot“. Sie nahmen gar nichts mehr wahr. Für meinen kleinen, treuen Freund, den Mausbiber Gucky, tat es mir leid. Während andere seine Gedankenspionage zumindest als unangenehm empfanden, hatte sie mich nie gestört – im Unterschied zu den menschlichen Telepathen. Obwohl sie ganz klare Dienstanweisungen hatten, wann sie ihre Fähigkeiten überhaupt anwenden durften, blieb ein ungutes Gefühl. Aber so brauchte ich meine Gedanken nicht immer abzuschirmen. Schließlich wollte ich meine großen Pläne nicht vorher verraten.

Zwar war ich sicher, dass Gucky mich nie verraten hätte, wenn er in meinen Gedanken die Wahrheit gelesen hätte, aber ich wollte den Kleinen nicht in Gewissensnöte bringen. Schließlich war mein Vater sein ältester und bester Freund.

Unabhängig davon konnte ich es nicht riskieren, wenn ich bei den Freihändlern Fuß gefasst hatte, dass ich von der Flotte oder der USO oder anderen Interessengruppen mal gefasst wurde und auf hypnomechanischem Weg oder durch eine Droge verhört wurde. Damit wäre mein großes Spiel beendet gewesen.

Das Knurren meines Magens holte mich in die Realität zurück. Es ging also los. Aus zahlreichen Meditations- und Fastenübungen während meiner Dagor-Ausbildung wusste ich, dass das erst der Anfang war. Es würde sich im Laufe der nächsten Stunden noch deutlich verstärken, bis ich morgen in einem Schwertkampf gegen Atlan antreten würde, entkräftet und geschwächt.

Ich habe eine gute Kondition und einen sehr stabilen Kreislauf, sagte ich mir ganz fest. So schlimm kann es gar nicht werden. Was sind denn schon 24 Stunden Durst und Hunger. Da habe ich doch schon andere Sachen mitgemacht, versuchte ich mir Zuversicht einzureden. Im Prinzip stimmte das.

Aber ein ungutes Gefühl sagte mir, dass bei der Prüfung noch eine weitere Überraschung auf mich wartete. Atlan wusste sehr gut, was er mir zumuten konnte. Und jede Prüfung wurde individuell auf den Meister-Anwärter abgestimmt und sollte bis an dessen individuelle Grenzen gehen, wie Atlan mir noch einmal versichert hatte, als er mir mitteilte, dass er die Zeit für gekommen halte, mich in den Rang eines Laktroten zu erheben.

Es gab nicht mehr viele Meister, die das Dagor wirklich in dieser ursprünglichen Form beherrschten. Atlan war einer von ihnen. Viele der sogenannten Dagoristas, der Ritter des Dagor, waren während des großen Krieges gegen die Maahks gefallen. Das Große Imperium der Arkoniden hatte sich von diesem Verlust nie wieder erholt. Einige Wissenschaftler sahen in dem Fehlen der Dagoristas und damit ihrer Lebensphilosophie, die auch auf ihre Umwelt abfärbte, den Beginn der arkonidischen Degeneration.

Meine Gedanken wandten sich Atlan zu, meinen Lehrmeister. Seit meiner frühesten Jugend hatte er mich ausgebildet. Nicht nach terranischen Leitlinien, sondern so wie er selbst vor unendlich langer Zeit geschult worden war. Hart bis zur Unerbittlichkeit, aber niemals ungerecht oder durch Schikanen. Wie er mir erzählte, als ich alt genug war es zu verstehen, hatte er meinen Vater nur schwer von dieser Notwendigkeit mir gegenüber überzeugen können. Dieser wollte mir die Härte ersparen. Heute war ich froh darüber, dass Atlan sich durchgesetzt hatte. Mein Gefühl sagte mir, dass ich das, was ich von ihm gelernt hatte, demnächst sehr gut gebrauchen konnte.

Schon früh hatte ich gemerkt, dass ich zu Atlan eine intensivere Beziehung aufbaute als zu meinem Vater, genau wie zu meinem Patenonkel Reginald Bull, genannt Bully, dem ältesten Freund meines Vaters, der schon mit ihm zum Mond geflogen war.

Zuerst hatte ich erschreckt darauf reagiert, später dann war es für mich schon normal. Gleichzeitig merkte ich immer mehr, dass auch Atlan mir entsprechende Gefühle entgegenbrachte. Inzwischen sah ich in ihm mehr die Vaterfigur als in meinem leiblichen Vater. Der war immer eine Art Über-Vater geblieben, dem ich es nie recht machen konnte. Hoffentlich würde sich das in einigen Jahren ändern, wenn ich ihm und mir selbst bewiesen hatte, dass ich mich mit ihm messen konnte.

An diesem Punkt schreckte ich auf. War ich nicht zu überheblich? Natürlich würde ich nie mit meinem Vater gleichziehen können, dazu fehlten mir ungefähr 500 Jahre Lebenserfahrung. Aber ich wollte beweisen, dass ich die gleichen Anlagen wie er hatte und sie zu nutzen verstand!

Nein, ich war nicht zu überheblich, entschied ich für mich. Aber selbstbewusst – und das würde ich auch bleiben, egal was ich erlebte!

Ich wandte mich in meinem Gedanken wieder meinem Lehrmeister zu. Auf ihn musste ich mich morgen konzentrieren, auf ihn einstimmen, damit ich mich so gut wie möglich im Kampf präsentieren konnte. Leicht amüsiert dachte ich daran, dass er sich gedanklich vielleicht auch auf mich einstimmte. Sicherlich wäre es interessant gewesen, zu lauschen, was er über mich dachte.

Der Arkonide besaß für mich eine natürliche, unantastbare Autorität. Die Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten bis hin zu größeren Missverständnissen, die es zwischen meinem Vater und mir immer wieder gegeben hatte und sicherlich auch weiterhin geben würde, hatte es zwischen Atlan und mir niemals gegeben. Bisher hatte ich seine Anweisungen immer so hingenommen, ohne dagegen aufzubegehren. Wahrscheinlich lag es an seinem völlig anderen Wesen.

Ich war sehr stolz darauf, von Atlan ausgebildet zu werden – und auch sehr dankbar! Das war etwas ganz Besonderes, eine Auszeichnung, die nur ausgewählten Menschen zuteil wurde. Schon während seiner zehntausendjährigen Verbannung auf der Erde hatte er sich die Menschen, die er schulte, genau ausgesucht. Nur die Besten wurden von ihm gefördert. Zuerst nicht uneigennützig, denn er hatte einfach nur nach Hause gewollt, zurück nach Arkon, nachdem er ohne überlichtschnelles Raumschiff auf der Erde festsaß.

Später, als er einsehen musste, dass er unwiderruflich auf der Erde festsaß, hatte er sich die Menschen, die er schulte, noch sorgfältiger ausgesucht. Immer waren es Individuen gewesen, die ihren Zeitgenossen schon vor Atlans Schulung in vielfältiger Sicht voraus waren. Alles Wissen, das Atlan den Menschen vermittelte, diente einem Ziel: die Menschen sollten ihren eigenen Weg zu den Sternen finden und dabei niemals das vergessen, was Atlan unter dem Begriff „Menschlichkeit“ verstand.

An dieser Stelle stockten meine Gedanken. Menschlichkeit – es sollte sich merkwürdig anhören im Zusammenhang mit einem Arkoniden. Aber Atlan war in diesen zehntausend Jahren auf der Erde mehr Mensch geworden als mancher, der diesen Titel als Geburtsrecht für sich in Anspruch nahm.

Dabei hatte er nicht vergessen, wer er war und woher er kam. Seine typische arkonidische Überheblichkeit, die er aus seiner hochadligen Herkunft ableitete, hatte sich völlig gelegt, wie mein Vater mir einmal schmunzelnd erzählte. Aber er war trotzdem immer noch das geblieben, was er im großen Krieg gegen die nichthumanoiden Maahks gewesen war: der harte und kompromisslose Flottenadmiral, der im Gegensatz zu meinem Vater öfter härtere Vorgehensweisen bevorzugte. Dabei zeichnete ihn ein ganz besonderes Charisma aus, so dass niemand, der unter seinem Kommando stand, das Gefühl hatte, von ihm zu hart behandelt zu werden.

Beide, Atlan und mein Vater, hatten das, was man Führungsfähigkeit nannte. Die Frauen und Männer unter ihrem Kommando würden ihnen überfall hin folgen, auch wenn es sehr wahrscheinlich war, dass sie von einem Einsatz nicht mehr zurückkehren würden.

Nur eines unterschied meinen Vater und meinen Lehrmeister voneinander: ihre Einstellung zur Humanität. Mein Vater war so human, dass er immer wieder von Atlan Vorwürfe zu hören bekam, dass seine übertriebene Humanität schon gefährlich wurde, indem er öfter mit nötigen Maßnahmen zu lange wartete.

Atlan sah das anders. Für ihn war es wichtig, schon im Vorfeld eines möglichen Konfliktes hart durchzugreifen, um spätere Schäden zu vermeiden, die dann noch umfangreicher ausfallen konnten.

Ich kannte die endlosen Diskussionen, die beide immer wieder – auch noch nach Jahrhunderten ihrer Freundschaft – führten.

Was mich betraf, so hoffte ich, verstanden zu haben, was Atlan meinte: Im Vorfeld hart durchgreifen, um gewisse Dinge klarzustellen. Dabei aber nicht so hart und ungerecht handeln, dass man als unfair galt oder im Extremfall sogar Hassgefühle auslöste. Dann die Zügel wieder lockerer lassen.

Dieses Prinzip ließ sich sowohl auf die Führung von Mannschaften als auch auf staatsmännische Entscheidungen anwenden.

Ob ich es schaffte und die nötigen Führungsqualitäten hatte, würde ich bei den Freihändlern sehr schnell merken. Atlan und auch mein Vater hatten mir nach dem Lehrgang im letzten Jahr auf Quinto-Center versichert, dass sie mich für einen sehr guten und talentierten Anführer hielten. Gerade von meinem Vater hatte mich dieses Lob sehr gefreut. Aus seinem Mund war es umso mehr wert.

Mein Vater … würde er es schaffen, bei meiner feierlichen Ernennung zum Dagor-Meister und der Überreichung meines persönlichen Dagor-Schwertes durch meinen Meister dabei zu sein? Der rituelle Prüfungskampf würde morgen hinter verschlossenen Türen stattfinden. Mein Vater hatte nicht die Berechtigung, dabei zu sein, weil er kein Dagorista war. Aber die offizielle Aufnahme als Dagor-Meister in die Gemeinschaft würde eine feierliche Angelegenheit in Anwesenheit von speziellen geladenen Gästen am Tag danach sein.

Ich gestand mir ein, dass seine Anwesenheit für mich genauso wichtig war wie das Bestehen der Prüfung an sich. Dass ich sie bestehen würde, hoffte ich nach der jahrelangen Unterweisung durch Atlan. Mir jetzt sicher zu sein, dass ich es schaffen würde, erschien mir tatsächlich als überheblich.

An diesem Punkt stockten meine Überlegungen. Wenn Vater es nun wieder nicht schaffen würde, wie damals an meinem 15. Geburtstag, als er es mir auch versprochen hatte, genauso wie für den übernächsten Tag? Damals hatte ich aus Wut, Trotz und Enttäuschung den Reeder Imman Coledo, einen Freund unserer Familie dazu überredet, mit mir eine Extratour zu machen, die meinen Vater von einer Angst in die andere getrieben hatte. Was würde ich übermorgen machen, wenn Vater nicht kam?

Oder wenn ich die Prüfung gar nicht erst bestand? Wenn ich versagte? Würde ich meinem Vater dann überhaupt in die Augen schauen können? Und was würde er dazu sagen? Wie enttäuscht wäre er?

Ehe ich mich noch weiter in meinen Befürchtungen verlieren konnte, schreckte ich auf, als Atlan mich leicht an der Schulter berührte. Er hatte sich mir genähert, ohne dass ich es bemerkt hatte, so sehr war ich in meine Gedanken versunken gewesen.

„Es ist Zeit“, sprach er mich an. „Der Tag ist um. Komm mit.“

Damit drehte er sich um und ging mir voraus. Mehr zu sprechen, hätte dem Ritual widersprochen, da es mich übermäßig aus meiner Meditation herausgerissen hätte.

Deshalb nickte ich nur mit dem Kopf, als ich aufstand. Außer meinem knurrenden Magen und Durst fühlte ich noch keine körperlichen Beschwerden.

Wortlos folgte ich Atlan in meine Unterkunft für diese Nacht. Keine angenehme Wohnsuite, wie ich sie während aller Ausbildungslehrgänge bei der USO bewohnen konnte, sondern mehr eine Zelle, spartanisch eingerichtet, nur mit einem einfachen Bett und einem Stuhl. Nichts anderes, keine Kommunikationseinrichtungen, lediglich ein Chronometer war mir zugestanden worden.

Nachdem Atlan sich mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedet hatte, suchte ich erst einmal die Hygienezelle auf. Natürlich war sie hochmodern eingerichtet, so wie es im 25. Jahrhundert üblich war. Der Gegensatz entlockte mir ein leichtes Lächeln.

Ich schlüpfte aus der Kleidung und stellte mich erst einmal unter die Dusche. Wie man sich fühlte, hing viel mit davon ab, dass man sauber und gepflegt war. Jedenfalls hatte ich diese Erfahrung immer wieder gemacht.

Danach legte ich mich auf das einfache Lager und versetzte mich in eine leichte Trance. Auch das hatte ich von Atlan gelernt. Es brachte mir absolut nichts, die ganze Nacht zu überlegen und mich quasi „verrückt“ zu machen. Dass es mir morgen früh schlechter gehen würde, wusste ich aus Erfahrung. Dabei war gar nicht mal der Hunger das Ausschlaggebende, sondern der Durst und der Flüssigkeitsmangel.

Obwohl ich jetzt durch die Hygienezelle Wasser genug zur Verfügung hatte, dachte ich mit keinem Gedanken daran, davon Gebrauch zu machen. Es wäre für mich nicht nur ein Betrug den Prüfern und der Prüfung gegenüber gewesen, sondern hauptsächlich mir selbst. Schon früh hatte ich gelernt, was Ehre und Aufrichtigkeit bedeuteten, erst durch meine Eltern, dann besonders durch Atlan. Er hatte mir vermittelt, was es mit dem hohen Ehrenkodex der alten Arkon-Flotte auf sich hatte und ich hatte es in meine eigenen Lebensregeln integriert.

Mich hatte dieser hohe Kodex von Anfang an fasziniert, genau wie die Sternengötter der Arkoniden. Genau wie Atlan teils Arkonide, teils Mensch war – so war ich vielleicht teils Mensch, teils Arkonide. Wichtig war uns beiden die Unantastbarkeit des Lebens an sich, dabei war es nicht wichtig, was man war – wir waren denkende Intelligenzwesen, die die Verantwortung für ihre Handlungen trugen, in jeder Beziehung!

Mit diesen Gedanken sank ich in eine Art Dämmerschlaf, aus dem ich erst kurz vor dem Morgen erwachte. Ein Blick auf das Chronometer zeigte mir, dass ich noch etwas Zeit hatte, bevor einer der Prüfer mich holte.

Obwohl ich mich langsam aufrichtete, hatte ich das Gefühl, dass das Zimmer vor meinen Augen verschwamm. Der Flüssigkeitsmangel machte sich bemerkbar. Meine Kehle war ausgetrocknet, der Magen machte mit starkem Übelkeitsgefühl aufgrund des Hungers auf sich aufmerksam.

Dann also los, sagte ich mir. Das wird noch hart, jetzt kämpfen zu müssen.

Tief holte ich Luft, versuchte Schwindel und Übelkeit niederzukämpfen. Kurz überlegte ich, ob ich noch einmal unter die Dusche gehen sollte. Ich entschied mich dafür, ganz einfach, damit ich mich ein wenig besser fühlte.

Nachdem ich mich ausgiebig abgewaschen und anschließend mit viel heißem Wasser nachgespült hatte, fühlte ich mich zumindest frischer. Dann spülte ich mir den Mund aus. Bewusst spuckte ich das Wasser wieder aus, obwohl ich innerlich hart kämpfen musste. Nein, ich wollte nicht schummeln, das hier war meine Prüfung, mein Erfolg, wenn ich sie bestand.

Sorgsam legte ich die rituelle Kleidung an, eine weite Hose, darüber eine leichte Bluse und einfache, dünne Schuhe.

Als der Türmelder ertönte, war ich fertig. Erstaunt sah ich, dass Atlan selbst hier war, um mich zu holen.

Sein Gesicht war hart und angespannt. Entgegen der Regeln lächelte er mir kurz zu und fragte: „Wie geht es dir, Mike?“

„Ich bin vorbereitet“, antwortete ich.

Atlan schüttelte den Kopf. „Das weiß ich. Aber ich möchte gerne wissen, wie es dir gefühlsmäßig geht.“

Ausflüchte hatten keinen Sinn, da kannte ich meinen Lehrmeister gut genug. Deshalb antwortete ich offen: „Ich habe alles durchdacht, was mir wichtig war, falls es das ist, was du wissen möchtest. Körperlich ist mir schwindlig und schlecht. Aber ich fühle mich in der Lage, den Kampf zu bestehen.“

Der Arkonide nickte bestätigend. „Davon bin ich überzeugt, Mike. Du wirst es schaffen, keine Frage.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er zögernd fort: „Rechne mit allem und sei durch nichts überrascht.“

Ein feiner Stich durchzog mich. War das eine deutliche Warnung? Eine Warnung, die er mir eigentlich gar nicht geben durfte? Was erwartete mich?

Einen kleinen weiteren Hinweis gab mein Lehrmeister noch: „Dagor besteht auch aus der Beherrschung des Körpers durch den Geist, egal wie schwach der Körper ist und wie belastend die Umweltbedingungen sind.“

Damit deutete er brüsk zur Tür. Der kurze Moment der Vertrautheit war vorbei. Atlan war in allem wieder der strenge Lehrmeister.

Ich schluckte, was mir bei meiner ausgetrockneten Kehle schwerfiel und sagte mir fest: Also los. Ich habe das so gewollt, deshalb muss ich es auch schaffen. Alles andere wäre eine Blamage vor mir selbst.

Wortlos folgte ich Atlan, der entspannt neben mir herging, durch einen kurzen Gang zu einem Schott. Als wir es durchschritten, sah ich das leichte Flimmern. Also waren in dem Raum dahinter andere Umweltbedingungen hergestellt worden. Der Energieschirm trennte die Bereiche.

Obwohl ich vorbereitet war, traf es mich wie ein Schlag. In dem großen Saal herrschten bestimmt 40° oder noch ein wenig mehr bei einer mörderischen Schwüle. Bedingungen, wie man sie auf Urweltplaneten antraf, die erst dabei waren, intelligentes Leben auszubilden.

Mir blieb die Luft weg und mein Herz schlug heftig in der Brust. Der Kreislauf versuchte sich anzupassen. Das verstärkte Schwindelgefühl drohte mich von den Beinen zu reißen. Atlan beobachtete mich aufmerksam. Ihm schienen die Bedingungen nichts auszumachen. Klar, er hatte vorher gewusst, was auf uns zukam. Seine Warnung rechnete ich ihm sehr hoch an, da sie gegen das Reglement verstieß, aber ein Meister hatte immer das Recht, die Vorschriften für einen speziellen Fall abzuändern. Das war einzig seine Entscheidung.

Ich zwang mich innerlich zur Ruhe und erkannte, dass das hier die wirkliche Prüfung sein würde, nicht der Kampf mit Holzschwertern anstatt mit scharfen Dagor-Schwertern, damit wir uns nicht verletzen konnten.

Nun war mir alles ganz klar! Die Grundregel des Dagor: Beherrschung des Körpers durch den Geist! Nur wer das vermag, verdient den Titel eines Meisters!

An der Seite von Atlan durchquerte ich mit langsamen und beherrschten Schritten den großen Raum, der keinerlei Einrichtung enthielt. Auf der anderen Seite saßen wiederum hinter einer Energiebarriere die Prüfer an einem langen Tisch, dem Anschein nach zwei Terraner und drei Arkoniden, darunter eine Frau mit wunderschönem langem silberweißem Haar. So langsam gab es auch unter den Arkoniden wieder einzelne Dagoristas. Sie gehörten zu denjenigen aus Atlans Volk, die es inzwischen mehr und mehr schafften, aus dem allgemeinen Taumel der Dekadenz zu entkommen.

Alle blickten mich mit ernsten Blicken an. Als ich vor dem Tisch stand und respektvoll den Kopf neigte, erhob sich der Mittlere, ein hochgewachsener Arkonide mittleren Alters mit strengen Gesichtszügen. Er blickte mich prüfend an.

„Hertaso“, sprach er mich mit der arkonidischen Bezeichnung für „Prüfling“ an. „Du bist heute hier, um deine Prüfung zum Meister des Dagor abzulegen. Hast du dich entsprechend vorbereitet, gefastet und deine Gedanken zur Ruhe gebracht?“

„Ja, Laktrote“, antwortete ich und nickte mit dem Kopf.

„Fühlst du dich geistig und körperlich in der Lage, dich der Prüfung zu stellen?“, fragte er mit harter Stimme. Kein Fünkchen Wärme lag darin.

„Ja, Laktrote“, antworte ich laut und so deutlich ich konnte. Meine Stimme wollte mir nicht mehr gehorchen, ich konnte kaum noch schlucken, die Zunge lag wie ein riesiger ausgetrockneter Klumpen im Mund.

Er nickte ohne ein Lächeln. „Dann wirst du jetzt gegen deinen Lehrmeister, den Laktroten Atlan da Gonozal, zu einem Schwertkampf antreten. Wir wünschen dir, dass du den Kampf ehrenvoll überstehst.“

Damit neigte er den Kopf und legte die rechte Hand auf sein Herz, ehe er sich wieder setzte.

Atlan forderte mich mit einer kurzen Handbewegung auf, die weite Bluse abzulegen. Ich musste mit freiem Oberkörper kämpfen, damit die Prüfer meine körperlichen Reaktionen besser beobachten konnten. Mir brach der Schweiß aus allen Poren und lief an Brust und Rücken herunter. Ich konnte es bei den mörderischen Luftbedingungen nicht verhindern.

Später wusste ich nicht mehr, wie der Kampf überhaupt gelaufen war. Nur noch, dass ich mehr gegen meinen eigenen Körper als gegen Atlan kämpfte. Immer wieder drohten mich Schwindel und Übelkeit zu übermannen. Einige Male brach ich in die Knie, aber ich rappelte mich immer wieder hoch.

Die Luft kam mir wie glühendes Feuer vor. Auf der einen Seite musste ich atmen, auf der anderen  Seite traute ich mich fast nicht, sie zu inhalieren, da es bei jedem Atemzug brannte wie Feuer. Dazu kam die mörderische Übelkeit, die mit jeder Bewegung stärker wurde.

Atlan schien davon unbeeindruckt zu sein. Auch er schwitzte stark, seine Bluse klebte an der Haut, aber im Gegensatz zu mir schien ihn das alles nicht zu beeindrucken. Welche Beherrschung brachte dieser Arkonide auf! Natürlich half ihm sein Zellaktivator, aber auch der war kein Allheilmittel! Das also waren die Fähigkeiten der Beherrschung eines Dagoristas, der schon seit Jahrtausenden dessen Regeln für sich verinnerlicht hatte!

Wann würde ich einmal so weit sein, das auch zu können? Ich würde dazu noch Jahre brauchen, wenn ich es denn überhaupt jemals schaffen würde.

In diesem Moment kam mir Atlan wie eine Art Überwesen vor, das ich nur noch bewundern konnte.

Als ich wieder einen gequälten, keuchenden Atemzug tat, verschluckte ich mich. Schwindel erfasste mich, ließ mich wieder in die Knie brechen. Würgende Übelkeit erfasste mich. Ich fühlte schon, wie bittere Galle bis in meinen Mund stieg. Im letzten Augenblick konnte ich schlucken, die Galle rutschte wieder etwas herunter, ehe ich mich hier vor den Prüfern und vor meinem Lehrmeister übergab. Das wäre es für mich gewesen! Sich nicht zu erbrechen in so einer Situation – auch das gehörte zur absoluten Beherrschung!

Trotzdem fühlte ich den sauren Geschmack immer noch im Rachen. Das verstärkte das Brennen der quälenden Atemzüge, so dass ich es kaum noch ertragen konnte.

Wieder brach ich in die Knie. Jetzt war Atlans Gesicht ganz nahe vor mir. Er musterte mich mit hartem, erbarmungslosem Blick. Jedenfalls kam es mir so vor.

„Denke an dich, an dein Ziel“, sprach er mich eiskalt an und schlug mir auf die Schulter. „Also hoch jetzt, Schwäche gibt es nicht bei einem Dagorista.“

Das gab den Ausschlag. Ich taumelte wieder auf die Füße und hob erneut das Holzschwert. Mit der Schneide landete ich einen Schlag gegen Atlans Arm, den dieser ohne Reaktion an sich abprallen ließ.

Das war die letzte Kraftanstrengung gewesen, zu der ich in der Lage gewesen war. Mein Körper war durch die mörderischen Luftbedingungen am Ende, ausgelaugt durch den Flüssigkeitsmangel und den Mangel an Nähr- und Mineralstoffen. Wieder brach ich zusammen, diesmal blieb ich liegen. Ich konnte nicht mehr! Ich war absolut am Ende meiner Kraft und meiner Beherrschung. Am liebsten hätte ich dem Drängen meines Körpers nachgegeben, mich in den Schwindel fallen lassen und es war mir sogar egal, ob mein Magen sich jetzt doch noch umdrehte.

Das war es also, das war die Niederlage für mich und vor mir selbst. Das konnte nicht gereicht haben, es kam mir unmöglich vor.

Da spürte ich, wie sich die Luft ganz langsam abkühlte. Lindernde Kühlung umfing mich.

Sie brechen ab, weil ich keine Chance mehr habe und sie mich nicht länger quälen wollen, durchschoss mich ein Gedanke. Ich hatte versagt, vor mir selber, vor meinem Lehrmeister, vor den Prüfern – und vor meinem Vater, der das sofort erfahren würde. Bestimmt würde er nachher Atlan anrufen und sich erkundigen. Ob er sich jetzt noch die Zeit nehmen würde, nach USTRAC zu kommen? Und wollte ich das überhaupt noch?

Ehe ich ganz von meinen enttäuschten Gedanken überwältigt wurde, spürte ich kräftige Hände, die mich auf die Füße stellten. Durch einen Schleier sah ich die wunderschöne Arkonidin und Atlan. Beide lächelten mir freundlich zu und führten mich zu einer bequemen Liege, die sichtbar wurde, nachdem eine weitere Energiebarriere fiel. Sie drückten mich mit sanfter Gewalt darauf nieder.

Atlan nickte mir mit einem warmen Lächeln zu. Sein Gesicht war jetzt erleichtert und entspannt. „Herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft, Laktrote. Wir sind sehr zufrieden mit dir.“

In dem Augenblick dachte ich, ich fiele in ein tiefes, bodenloses Loch. Laktrote! Der Titel für einen Dagor-Meister! Hatte ich es doch geschafft?

Atlan fuhr etwas weniger formell fort: „Meinen Glückwunsch, Mike. Ich freue mich für dich. Lass dich versorgen, das gehört auch zum Ritual dazu.“

Ich war nur noch überrascht. Bestanden? Hatte ich es doch geschafft? Versorgen? Wieso?

Die Arkonidin sagte: „Es gehört zum Prüfungsritual, dass ein neuer Laktrote, der in unsere Gemeinschaft aufgenommen wird, nach der Beherrschungsprüfung von uns, seiner Prüfungskommission, nach den alten Riten versorgt wird. Dadurch sollst du von Anfang an das Zusammengehörigkeitsgefühl, das für uns sehr wichtig ist, spüren. Lass alles mit dir geschehen und genieße es nur.“

Damit griff sie nach einem Becher mit kühlem, klarem Wasser. Vorsichtig setzte sie ihn mir an die Lippen. Langsam trank ich in kleinen Schlucken. Die Versuchung, so viel wie möglich davon zu trinken, wurde übermächtig, obwohl ich die Folgen kannte, wenn ein Halbverdursteter plötzlich große Mengen Flüssigkeit zu sich nahm. Sie ließ das gar nicht erst zu, indem sie mir immer wieder den Becher wegzog. Ich glaubte, etwas unendlich Köstliches zu trinken, nicht simples Wasser.

Natürlich war die Flüssigkeit mit Vitaminen, Mineralstoffen und Elektrolyten angereichert. Die Dagoristas lebten zwar nach alten Traditionen, aber in der modernen Welt. Ihnen konnte man alles nachsagen, nur nicht, dass sie weltfremd waren.

Dann zogen sie mir die schweißnasse Hose und auch die Unterhose aus, so dass ich nackt vor ihnen lag. Ehe ich etwas sagen konnte, schüttelte die wunderschöne Frau verweisend den Kopf. Sie begann mich mit weichen Lappen und duftendem Wasser abzuwaschen, meine Haut von Schweiß und Schmutz zu reinigen. Dabei berührte ihr langes Haar hin und wieder meine Haut. Obwohl ich genau wie Atlan Frauen gegenüber nun wirklich nicht abgeneigt war, sprang kein Funke über. Dabei war sie wunderschön. Es war wohl ihr Einfühlungsvermögen, welches dies verhinderte, ebenso wie sie ein Schamgefühl gar nicht erst aufkommen ließ. Wir waren beide Dagoristas, Laktroten, Kameraden – nicht mehr und nicht weniger.

Jetzt erst verstand ich, was sie damit gemeint hatte: Geschehen lassen und genießen. Ich entspannte mich und legte mich ganz zurück auf der Liege, schloss sogar die Augen.

Langsam setzte sich die Erkenntnis in mir durch: Ich hatte es geschafft, diese schwierigste Dagor-Prüfung gemeistert. Ich hatte mich selbst besiegt! Den wichtigsten Sieg, den ein denkendes Individuum erringen konnte.

Als die Reinigung beendet war, kleideten sie mich an: wunderbar weiche Unterwäsche und eine weite Hose und eine Bluse, die locker über die Hose fiel. Ich fühlte mich um einiges wohler, zumal die Arkonidin mir auch wieder den Becher mit dem Wasser reichte. Lächelnd kämmte sie mein Haar gründlich durch.

Danach richteten sie mich vorsichtig auf. Das leichte Schwindelgefühl, das immer noch aufkam, konnte ich gut unterdrücken. Nach diesem Tag, der Nacht und dem anschließenden Kampf unter mörderischen Umweltbedingungen durfte ich nicht erwarten, sofort wieder fit zu sein. Das würde auch bei meiner Kondition, auf die ich einiges hielt, noch ein paar Stunden dauern. Mich wunderte schon, dass ich nicht beim Waschen vor Erschöpfung eingeschlafen war.

Der Prüfungsleiter persönlich führte mich zu dem Tisch, an dem die Kommission gesessen hatte. Die Energiebarriere war gefallen, also herrschte jetzt in allen Teilen des Raumes das gleiche Klima.

Der Tisch war inzwischen von Robotern gedeckt worden. Einfache polierte Holzbretter und Becher aus dem gleichen Material standen bereit. Daneben lagen genauso einfache Messer mit Holzgriffen. Damit sollte das Einfache, Ursprüngliche des Dagor betont werden. Prunkvolles Geschirr hätte den Prinzipien widersprochen.

Auf der großen Platte in der Mitte sah ich die Nahrungsmittel, mit denen traditionell das Fastenritual gebrochen wurde: eine Banane, knuspriges Brot und Frischkäse. Alles sah so lecker aus, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Nun spürte ich auch, dass mein Magen mit lautstarkem Knurren nach Nahrung verlangte. Bisher war dies von der Übelkeit, die nun endlich verflogen war, überlagert worden.

Atlan nahm neben mir Platz. In seinem Blick sah ich alle Gefühle, die auch mich beherrschten: Stolz und Erleichterung!

Der Leiter der Prüfungskommission schälte mit feierlichen Bewegungen die Banane und teilte sie in zwei Hälften. Eine legte er auf mein Brett, die andere auf Atlans.

„Gemäß der alten Tradition begrüßen wir dich in unserer Gemeinschaft, Laktrote. Bitte brich dein Fasten und teile diese Frucht, die in natürlicher Erde gewachsen ist, mit deinem Lehrmeister, mit dem du immer besonders verbunden sein sollst.“

„Der Meister teilt diese Frucht mit seinem ehemaligen Schüler.“ Mit diesen Worten machte Atlan eine auffordernde Geste, die Bananenhälfte zu essen.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gab wohl doch so einige Dagortraditionen, die man erst als Meister erfuhr.

Ein überaus feierliches Gefühl durchdrang mich, als ich vorsichtig von der Bananenhälfte abbiss. Merkwürdig – kein Übelkeitsgefühl, wie ich es nach dieser körperlichen Überforderung erwartet hatte – im Gegenteil: die Banane linderte die restlichen Beschwerden, als ob mein Magen auf sie „gewartet“ hätte. Stück für Stück, ganz langsam, genoss ich die Frucht. Nicht nur mein Magen beruhigte sich schlagartig, auch meine Gefühle. Ich hatte den Eindruck, auf einer Wolke zu schweben und mich einfach fallenlassen zu können, fühlte mich aufgenommen, freudig erwartet, einfach glücklich! So gut hatte ich mich schon sehr lange nicht mehr gefühlt!

Atlan verspeiste seine Hälfte genauso langsam und bedächtig.

Danach schnitt die Arkonidin das Brot in genau sieben gleich dicke Scheiben und bestrich sie mit Frischkäse. Je eine Scheibe verteilte sie auf den Brettern.

Als wir sie alle gleichzeitig verzehrten und mit diesem einfachen, gemeinsamen Mahl meine Aufnahme unter die Dagor-Meister gefeiert wurde, war ich der glücklichste Mann der Galaxis – jedenfalls hatte ich das Gefühl. Obwohl niemand ein Wort sprach, verständigten wir uns stumm – wir waren eine Gemeinschaft, wir gehörten zusammen. Wir alle gelobten damit, uns für die Würde und die Freiheit des Lebens einzusetzen, egal in welcher Form es uns begegnete. Es tat mir gut, dazuzugehören!

**********

Atlan geleitete mich nach dem feierlichen Mahl zu meinem neuen Quartier. Innerlich lächelte ich, als er die Tür öffnete. Nun erwartete mich eine normale Gastkabine, wie sie überall in USO-Stützpunkten üblich war.

Atlan schubste mich auf das Bett. „Denk nicht so viel nach, Mike. Ruh dich einfach erstmal aus und schlafe. Trink immer mal wieder was. Der Servo ist darauf programmiert, dass du hochkonzentrierte Energy-Drinks bekommst.“

Die Fürsorge meines Lehrmeisters tat mir sehr gut. Entspannt legte ich mich zurück. Immer noch trug ich die herrlich weiche und anschmiegsame Kleidung, in der ich mich so wohl fühlte.

„Genieße noch ein wenig dieses schöne Erfolgsgefühl für dich ganz allein. Du hast es verdient.“

Zögernd fragte ich ihn: „War ich gut genug beim Kampf?“

Atlan lachte. „Auf den Kampf kam es gar nicht an. Das hast du sicherlich schon bemerkt. Die Prüfung bestand darin, dass du durchhältst, dich beherrschen kannst, mit deinem Geist den total erschöpften Körper zwingst, weiterzumachen. Und das hast du sehr gut gemeistert.“

„Obwohl ich umgekippt bin? Ich dachte schon, das wäre es, ich hätte die Prüfung nicht bestanden.“

Atlan lachte. „Da hattest du die Prüfungsanforderungen schon lange erfüllt, Junge. Die Prüfer und ich waren uns allerdings schon vorher darüber einig, dass wir dich so lange weiterkämpfen lassen, wie du es durchhältst. Wir wollten sehen, was du aushalten kannst. Und ich sage dir: das war sehr gut!“

Ich konnte es nicht fassen. Das war wieder einmal typisch Atlan! Erleichtert merkte ich, wie die Anspannung mich langsam verließ. Atlan setzte sich neben mich auf die Bettkante und legte mir die Hand auf die Schulter. Ernst sah er mich an.

„Mike, das war sogar so gut, dass ich dich jetzt warnen möchte und muss. Denke immer daran, dass du nicht zu hart zu dir selbst bist und dir nicht zu viel abverlangst. Es gibt überall Grenzen. Bitte vergiss das nie.“

Im Moment konnte ich darauf nichts erwidern. Aber ich wusste, dass Atlan Recht hatte. Natürlich war ich immer wieder versucht, mich vorwärts zu treiben, wenn ich ein Ziel hatte. Ich erkannte auch mein Grundproblem dabei: der riesige Schatten meines Vaters. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass er mich erdrückte. Er brauchte noch nicht einmal etwas tun, seine Anwesenheit reichte. Ich wollte als ich selbst wahrgenommen werden, nicht als Sohn von Perry Rhodan.

Atlan schüttelte verweisend den Kopf. Anscheinend erkannte er genau, woran ich dachte. „Nicht jetzt, Mike. Dazu ist später Zeit. Genieße einfach das Erfolgsgefühl. Du hast es verdient, junger Höhlenwilder!“

Ich lachte. Dass Atlan mit einer dieser von ihm so geliebten Formulierungen ankam, zeigte, dass auch er sich über meinen Erfolg freute.

Eine Frage brannte mir noch auf der Seele. „Mein Vater? Wird er morgen wirklich da sein oder es wieder nicht schaffen wegen seiner Arbeit?“

Nun musste ich trotz der Glücksgefühle, die sich stückchenweise in mir durchsetzten, doch noch daran denken: was wäre, wenn er nicht käme? Sicherlich, ich war kein Jugendlicher von gerade 15 Jahren wie damals. So wie bei meinem Abenteuer mit Imman Coledo würde ich mit Sicherheit nicht reagieren, aber ich würde sehr enttäuscht sein, das wusste ich schon jetzt. Und wohl auch eine andere Möglichkeit finden, meinem Vater das zu vermitteln.

Atlan zuckte die Schultern. „Bis jetzt habe ich keine Nachricht, dass Perry es nicht schafft. Die CREST IV ist für heute spätabends angekündigt. Außerdem – es gibt Dinge, bei denen auch ein Großadministrator sich nicht mit einem alten Arkonidenadmiral anlegt.“

Damit drehte er sich abrupt um und verschwand.

Gemäß Atlans Rat ließ ich mir von dem Servo einen großen Becher eines Elektrolyt-Getränkes mixen, angereichert mit Vitaminen und flüssigen Nährstoffen. Langsam, vorsichtig, in kleinen Schlucken trank ich es. Der Drink schmeckte gar nicht übel.

Mit der Gewissheit, einen riesigen Erfolg errungen zu haben und einem unendlich glücklichen Gefühl schlief ich ein. Die Erschöpfung, erst durch Fasten, dann der Kampf unter mörderischen Umweltbedingungen, danach das langsame Erkennen, dass ich es geschafft hatte – alles forderte zusammen entsprechenden Tribut.

**********

Fortsetzung: Teil 2

 


19.8.16 19:13, kommentieren

Atlan erzählt die Wahrheit über die Heilige Insel und König Artus - Teil 2

Teil 2:

 

Ein heftiges Rütteln an meiner Schulter riss mich aus dem Schlaf. Entsprechend meiner Gewohnheit war ich sofort hellwach.

Atlan stand neben meinem Bett und lachte mich offen an.

„Na, wie geht’s dir, Mike?“

Kurz horchte ich in mich hinein. Außer dem knurrenden Magen und Durst fühlte ich nichts Negatives. Anscheinend hatte ich mich während der Schlafphase wieder voll erholt.

„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte ich, während ich mich aufrichtete. Immer noch trug ich die weiche, lockere Kleidung, die man mir nach der Prüfung angezogen hatte. Allerdings war sie durchgeschwitzt. Mein Unterbewusstsein hatte noch während des Schlafes gearbeitet. Aber ich fühlte keinen Schwindel mehr und auch keine Übelkeit. Etwas schwach war ich noch, aber das war auch kein Wunder. So langsam sollte ich mal wieder etwas Vernünftiges essen.

„Den ganzen Nachmittag gestern und die Nacht durch. Es ist Frühstückszeit“, lachte Atlan.

„Oh weia“, sagte ich nur.

„Dein Körper hat das gebraucht. Das ist normal nach so einer Quälerei“, antwortete mein Lehrmeister. Und nach einer kurzen Pause: „Nun raus aus dem Bett, du Langschläfer“, scherzte Atlan. „Mach dich fertig. Ich erwarte dich in meiner Privatsuite. Wir frühstücken zusammen. Danach geht es zur Zeremonie.“

„Kleidung?“, fragte ich nur kurz.

„USO-Paradeuniform ist angemessen.“ Er drehte sich um und wollte gehen.

„Mein Vater?“, rief ich ihm hinterher.

Er verzog ein wenig unwillig das Gesicht. „Die CREST IV befindet sich im Anflug auf USTRAC, natürlich viel später als geplant. Eigentlich sollte sie bereits seit ungefähr acht Stunden hier sein. Wir frühstücken jetzt in Ruhe und bis die Zeremonie beginnt, wird sie gelandet sein, falls nicht wieder was dazwischenkommt.“

Ich ahnte etwas: „Hast du nachgeholfen?“, fragte ich frei heraus.

Atlan überlegte. „Ja“, sagte er dann nur.

Also doch – ich hatte es geahnt! Mein Vater hatte wieder einmal so wichtige Staatsgeschäfte gehabt, dass er die Zeit für seine Familie, speziell für mich als seinem Sohn nicht erübrigen konnte. Dass Atlan nachgeholfen hatte und ihn wohl mehr oder weniger „gezwungen“ hatte, sein Versprechen einzulösen, störte mich in diesem speziellen Fall nicht so sehr wie sonst. Zu wichtig war es mir, dass mein Vater gerade an dieser Zeremonie teilnahm. Er selbst hatte niemals die Zeit gefunden für eine solche Dagor-Ausbildung. Natürlich beherrschte er durch Atlans Unterweisung die Nahkampftechnik an sich, aber eben nicht mehr. Gerade darum war es für mich so besonders, auch ihm gegenüber. Ich hatte bewiesen, dass ich etwas erreichen konnte, mehr als er selbst in diesem Punkt!

**********

Das Frühstück mit Atlan war eine Wohltat allerersten Ranges. Er hatte erlesene terranische Spezialitäten besorgen lassen, angefangen von echtem Schinken über Wurst und Käse sowie frischen, knusprigen Brötchen, die ich schon beim Eintreten in die Kabinensuite roch. Das alles begleitet von echtem terranischen Kaffee.

„Vorsichtig“, warnte er mich, „Dein Magen muss sich erst wieder daran gewöhnen. Genieße alles mit Bedacht!“

Oh ja! Dieser Warnung hätte es nicht bedurft. Ich wusste sehr wohl, dass ich meinem Magen heute noch nicht so viel von diesen Köstlichkeiten zumuten durfte. Schließlich wollte ich den Genuss nicht gleich danach wieder bereuen.

Trotzdem grinste ich ihn verschwörerisch an. Wir verstanden uns, sehr gut sogar! Wenn doch nur Atlan mein Vater wäre!

Umgehend rief ich mich zur Ordnung. Was waren das für Gedanken? Unabhängig davon, dass Atlan mich liebte, als ob ich wirklich sein Sohn wäre und ich umgekehrt ihn auch, er war es nun mal nicht! Und es war unrecht von mir, diese Gedanken zu hegen! Mein Vater liebte mich auch, genauso wie ich ihn – aber – wenn da nur nicht immer diese Unstimmigkeiten zwischen uns wären, diese Missverständnisse, die sich immer mehr häuften, je älter ich wurde. Als ob wir uns in bestimmten Dingen einfach nicht arrangieren könnten. Waren wir uns vielleicht sogar zu ähnlich?

Langsam und genussvoll probierte ich von den Köstlichkeiten, von jeder nur ein kleines Stück. Dazu trank ich den echten terranischen Bohnenkaffee, den ich genau wie Atlan schätzte.

Als ob er meine Gedanken erraten hatte, meinte er beiläufig: „Den Genuss von Kaffee gönne ich mir, seitdem die Barbaren ihn erfunden haben.“

„In der maurischen Kultur, wenn ich mich recht entsinne“, antwortete ich. „Du hast sie mehr geschätzt als das Abendland?“

Der Arkonide schüttelte den Kopf. „Das kann man so nicht sagen. Sicherlich habe ich sie in manchen Zeiten bevorzugt, aber das war in Jahrhunderten, in denen es im sogenannten Abendland nur Schmutz und Dreck gab. Die Menschen lebten dort in Verhältnissen, an die ich mich gar nicht gerne erinnere. Das terranische Mittelalter, das sogenannte ‚Dunkle Zeitalter’ war in vielen Dingen wirklich dunkel. So dunkel, dass ich hin und wieder meinte, der Himmel würde sich real verdunkeln.“

Das Summen des Interkoms unterbrach ihn. Der Hafenkommandant meldete sich.

„Sir, die CREST IV ist gerade gelandet. Der Großadministrator ist an Bord. Empfang nach Salutordnung?“

Atlan schüttelte den Kopf. „Keinesfalls. Der Großadministrator ist aus privaten Gründen hier. Empfangen Sie ihn respektvoll, aber leger. Machen Sie bitte keinen großen Bahnhof daraus. Es könnte sogar sein, dass er Zivilkleidung trägt, bitte wundern Sie sich nicht darüber.“

Der Major salutierte kurz vor dem Bildschirm. Mehr brauchte Atlan ihm nicht zu sagen.

„Ja, Sir.“

„Danke, Major“, verabschiedete Atlan den Hafenkommandanten.

Atlan und ich unterhielten uns über private Dinge. So wollte er wissen, ob meine Zwillingsschwester Suzan an ihrer Absicht festhalten wolle, ihren Verlobten, den auf Terra und vielen anderen Welten als Phantast geltenden Hyperphysiker Dr. Geoffry Abel Waringer, zu heiraten.

Aber hier biss Atlan bei mir auf Granit. Suzan, Geoffry und ich hatten absolutes Stillschweigen über ihre weiteren Pläne vereinbart, die zu einem großen Teil mit meinen im Zusammenhang standen.

Zum Schluss grinste Atlan mich an: „Naja, ich gebe es auf. Anscheinend gibt es gewisse Dinge, die du auch deinem Lehrmeister nicht verrätst.“

„Genau, Atlan. Nimm es mir nicht übel, aber Suzan und ich haben eine ‚Nachrichtensperre’ vereinbart.“

„Das muss ich dann wohl so akzeptieren. Genauso wie du mir deine genauen Pläne nach dem Studienabschluss nicht verrätst.“

„Das ist wohl so.“ Mehr wollte ich nicht dazu sagen. Zu leicht konnte ich mich vor Atlan doch noch verraten. Er kannte mich viel zu gut. Das würde auch später problematisch werden. Für eine Lösung dieses Problems hatte ich überhaupt noch keine Idee. Aber ein Schritt nach dem anderen, so weit war ich noch nicht.

„Mike“, Atlan blickte mich sehr ernst an. Der Blick seiner rotgoldenen Augen bohrte sich in meine. Ich konnte und wollte ihm nicht ausweichen. „Wenn du einmal meine Hilfe brauchst, egal wo du dann auch bist, wende dich an mich. Ich werde dir immer helfen, solange du nicht zum Feind der Menschheit wirst.“

Sein Gesicht war plötzlich sehr hart. Ich fühlte eine Eiseskälte in mir hochsteigen. Niemand sollte auf die Idee kommen, sich mit Atlan anzulegen, indem er gegen die Menschheit kämpfte, deren Beschützer und Mentor Atlan immer gewesen war und noch war. Es wäre sein Untergang, dessen war ich mir sicher! Und in diesem Punkt würde Atlan auch vor mir nicht haltmachen, den er selbst ausgebildet hatte.

„Niemals“, versicherte ich ihm aus vollem Herzen. Mir erschien allein die Vorstellung, gegen die Menschheit zu kämpfen, ungeheuerlich. Im Gegenteil: ich beabsichtigte, die Freihändler-Organisation als zusätzlichen Stützpfeiler des Solaren Imperiums auszubauen!

„Außerdem habe ich dir vor einiger Zeit ein heiliges Versprechen gegeben, wie du weißt! Erst danach durfte ich mir mit deinem Einverständnis im Gehirn herumschneiden lassen.“

Wieder dachte ich mit Schaudern an meine Mentalstabilisierung zurück. Atlan legte seine Hand auf meinen Arm. Wie gut kannte er mich eigentlich?

Beruhigend drückte er meinen Arm. „Das wird auch vorbeigehen, Mike. Du wirst eines Tages in der Lage sein, daran zurückzudenken, ohne immer gleich wieder die Schrecken zu erleben. Bei einigen meiner Spezialisten hat es Jahre gedauert, aber die Zeit wird kommen.“

Ich nickte aufgewühlt. „War es bei der Aktivierung deines Extrasinns genauso schlimm?“, fragte ich. Das hatte ich ihn schon lange einmal fragen wollen, aber nie hatte sich die passende Gelegenheit ergeben – bis jetzt.

„Nein. Das war etwas ganz Anderes. Sicherlich gab und gibt es den einen oder anderen Arkoniden, der danach einige Tage mit Schwindelgefühlen oder Sichtfeldeinengungen zu kämpfen hat. Aber das sind leichte Nebenwirkungen, die von selbst wieder vergehen. Die ARK SUMMIA ist etwas Schönes, ganz Besonderes – eine Mentalstabilisierung ist und bleibt ein Schreckenserlebnis.“

Damit schaute er auf sein Armbandchronometer. „Leider müssen wir unser Frühstück jetzt beenden. Mir hat es sehr gut geschmeckt, dir auch?“

„Klar“, grinste ich ihn an. „Bei der Gesellschaft und den Delikatessen …“

Er ging auf meinen Ton ein. „Also dann. Ein Roboter wird dich in den Vorraum des Festsaales bringen, dort wirst du schon erwartet. Ich darf nicht mit dir zusammen den Saal betreten. Die ganze Zeremonie wird nach festgelegtem Protokoll durchgeführt. Keine Sorge, es ist keine verborgene Prüfung mehr dabei. Du bist ein Laktrote und wirst gleich feierlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich muss auch noch dein Schwert holen.“

Er stand auf und auch ich erhob mich. Das Frühstück war wunderbar gewesen und hatte in mir den letzten Rest Schwäche vertrieben. Ich fühlte mich wie immer, fit und unternehmungslustig. Ich war entschlossen, mich über gar nichts mehr zu wundern an diesem Tag.

Diese feste Absicht erschütterte Atlan jetzt schon, indem er beiläufig meinte: „Ich finde, es ist an der Zeit, dass du und dein Vater über einige Dinge der Erdgeschichte informiert werden, die von Sagen und Legenden in ein ganz falsches Licht gerückt wurden. Um deiner Frage zuvorzukommen: ja, ich habe viel öfter die Erdgeschichte eingegriffen, als ich vorher wollte. Aber mir blieb keine andere Wahl, um Schlimmeres zu verhüten.“

„Also wird es eine Erzählung von dir geben demnächst?“

„Nicht demnächst, sondern im Anschluss an die Zeremonie. Nur du und dein Vater, niemand anders. Ich werde euch etwas über eine Legende erzählen – eine Legende, die zur Jugendzeit deines Vaters jedes Kind kannte – und über die es eine einzige Wahrheit gibt – und diese Wahrheit kenne nur ich – in einigen Stunden werdet auch ihr sie kennen.“

Ich konnte es kaum fassen. Atlan würde uns eine weitere Episode aus seinem langen Leben erzählen. Natürlich hatte ich schon viel an historischen Fakten von ihm erfahren, genau wie mein Vater, und auch vielen längeren Erzählungen gelauscht – immer wieder von Atlan fesselnd vorgetragen. Dies schien aber etwas ganz Besonderes zu werden nach seiner Ankündigung. Aber warum nur mein Vater und ich?

Gerade wollte ich zu einer entsprechenden Frage ansetzen, als er mich mit sanfter Gewalt aus der Kabine schob. Vor der Tür erwartete mich einer der im Solaren Imperium und bei der USO überall üblichen Informationsroboter.

„Ich bringe Sie zum Vorraum des großen Festsaals, Sir“, schnarrte die Maschine mit angenehm modulierter Stimme.

**********

In dem kleinen, gemütlich eingerichteten Vorraum, der auch der Vorbereitung bei diversen Anlässen diente, wartete die nächste Überraschung auf mich.

Mein Vater!

Lächelnd stand er aus einer gemütlichen Sitzecke auf, als ich den Raum betrat. So wie Atlan vermutet hatte, trug er Zivilkleidung, nicht die sonst übliche Uniform. Perry Rhodan in einem eleganten, dunklen Anzug war auch für mich als Sohn ein ungewöhnlicher Anblick, so sehr war ich entweder an seine übliche lindgrüne Flottenuniform oder, seltener, saloppe Jeans mit T-Shirt oder Pullover und Turnschuhe gewöhnt.

„Hallo, Mike“, begrüßte er mich. „Ich bin heute als Vater hier, wie du siehst, nicht als Flottenchef oder Staatsmann.“

„Das sehe ich. Danke, dass du kommen konntest, Dad“, begrüßte ich ihn ebenfalls. Dann lagen wir uns in den Armen, ohne dass ich es wollte. Es ergab sich einfach so.

„Wie geht es dir?“, fragte er.

„Gut“, antwortete ich nur. Er nickte und schien nach Worten zu suchen. Wieder merkte ich, wie wenig wir im Grunde voneinander wussten.

Mit keinem Wort fragte er nach der Prüfung oder meinen Empfindungen. Er schien zu spüren, dass ich nicht nur nichts sagen durfte, sondern es auch nicht von mir aus wollte. Das rechnete ich ihm hoch an.

„Mein Sohn als Meister des arkonidischen Dagor“, er schüttelte leicht verwundert den Kopf. „Wer hätte das gedacht.“

„Niemand“, antwortete ich leichthin. „Aber lag es nicht auf der Hand, nachdem ich auch die terranischen Kampfsportarten beherrsche?“

„Irgendwie ja“, meinte er nur. „Ich hätte es mir denken können, dass du nicht nur wie ich die Nahkampftechnik lernen wolltest, sondern auch die Philosophie, die dahinter steht. – Und – bringt sie dir persönlich etwas?“

Forschend sah er mich an.

„Ja“, antwortete ich frei heraus. „Es sind Regeln und Prinzipien, hinter denen ich voll und ganz stehe.“

„Genau wie Atlan“, fuhr er fort. „Was hältst du von der Theorie einiger terranischer Wissenschaftler, dass die Arkoniden niemals so sehr in die Dekadenz abgerutscht wären, wenn die Elite der Dagoristas nicht im Methankrieg vor 10.000 Jahren gefallen wäre?“

Ich lächelte vorsichtig. Genau daran hatte ich doch noch vor zwei Tagen gedacht, als ich an einen Baum gelehnt auf der Oberfläche von USTRAC meditiert hatte.

„Sehr viel, Dad. Diesen Verlust hat das Große Imperium nie mehr aufholen können. Die Werte und der Einfluss des Dagor fehlten.“

Ehe mein Vater antworten konnte, kam eine automatische Durchsage aus dem Lautsprecher: „Die Zeremonie beginnt gleich. Die Ehrengäste werden gebeten, den Festsaal aufzusuchen und ihre Plätze einzunehmen. Leutnant Rhodan, bitte halten Sie sich bereit. Ihre Ehreneskorte wird Sie gleich abholen.“

„Na dann“, lächelte mein Vater und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Ich atmete tief durch und wappnete mich für das Kommende. Einmal hatte ich bisher die Ehre gehabt, an der Seite von Atlan der Aufnahme eines neuen Laktroten unter die Dagoristas und der Überreichung seines Schwertes anwesend zu sein. Ich erinnerte mich daran, dass es schon als Zuschauer ein erhebendes Gefühl war.

Jeder hatte es dem damaligen neuen Laktroten angesehen, wie er mit seinen Gefühlen kämpfte.

**********

Obwohl ich mich innerlich gewappnet hatte, fiel es mir schwer, meine Beherrschung zu wahren. Zu viel stürmte auf mich ein.

Der Gang durch den Raum, flankiert von zwei hochrangigen Offizieren, war schon eine ganz besondere Sache. An der Stirnseite des Raumes erwartete mich die fünfköpfige Prüfungskommission. Alle trugen sie jetzt USO-Uniformen mit hohen Rangabzeichen, wie ich es erwartet hatte. Ich wusste seit meinen Kindertagen, dass in der USO nicht nur Menschen und menschliche Kolonisten Dienst taten, sondern auch nichtmenschliche Intelligenzen. Für Atlan zählten nur Können und Charaktereigenschaften. Ihm war es egal, wo seine hochqualifizierten Soldaten und Spezialisten herkamen.

Die Arkonidin, die mich nach der Prüfung zusammen mit Atlan versorgt hatte, trug die Abzeichen einer Ärztin neben den Rangabzeichen eines Oberstleutnants. Sie lächelte mich freundlich an. Ihr Blick hatte etwas Mütterliches. Jetzt fiel es mir schwer, mir vorzustellen, wie hart, eiskalt und beherrscht sie mich vor der Prüfung gemustert hatte.

Kurz ließ ich meinen Blick über den Raum schweifen, ehe ich mich wieder auf die Gruppe um Atlan konzentrierte, die mich erwartete. Mein Vater stand im Kreise hochrangiger USO-Offiziere. Er im eleganten dunklen Anzug wirkte auf mich immer noch merkwürdig, besonders jetzt im Kreis der Offiziere. Von denen schien niemand darin etwas Ungewöhnliches zu sehen, obwohl sie ihn bisher wohl kaum mal so gesehen hatten. Immer wenn er auftrat, egal ob als Flottenchef oder als Staatsmann vor dem Parlament – immer trug er seine Flottenuniform mit seinen Rangabzeichen.

Vor der Gruppe der Dagor-Meister blieb ich stehen, legte die rechte Hand offen auf mein Herz und neigte respektvoll den Kopf, die Begrüßung nach alter arkonidischer Tradition.

Atlan stand einen Schritt vor den Übrigen. Er erwiderte meinen Gruß mit der gleichen Geste. Einen Moment musterte er mich ernst, dann sagte er mit lauter Stimme:

„Michael Rhodan, bist du bereit, dein zukünftiges Leben gemäß den alten, traditionellen Dagor-Regeln zu leben und jedem Leben, egal in welcher Form es dir begegnet, respektvoll und wertschätzend zu begegnen?“

„Ja, Laktrote“, antwortete ich ebenso laut und deutlich. Mein Herz schlug hart in der Brust. Ich fühlte die Schläge bis in den Hals. Die Erregung erfasste meinen gesamten Körper, ohne dass ich es verhindern konnte.

Nun lächelte Atlan. Ich legte meine Hände zusammen und er umfasste sie mit seinen. Fest schauten wir uns in die Augen. In seinen rotgoldenen Augen stand ganz deutlich ein anerkennender und stolzer Ausdruck.

Er drückte meine Hände zusammen, ich spürte die Wärme seiner Haut, als er die alt-überlieferten Worte sprach: „Ich nehme dich nach der bestandenen Prüfung in die Reihen der Dagoristas auf und verleihe dir den Titel eines Laktroten. Du hast bewiesen, dass du sowohl kämpfen als auch dich selbst beherrschen und die Bedürfnisse des Körpers dem Geist unterordnen kannst. – Du wirst deinen Weg machen, Michael!“

Das war es also! Jetzt war ich ein Dagorista, mehr noch: ein Laktrote, ein Meister! Meine Anspannung löste sich in einem befreiten Lächeln. Ich hatte es geschafft, auch dieses Ziel hatte ich erreicht! Stolz stieg in mir hoch. Ich spürte, wie sich mein Gesicht rötete. Sicherlich sahen das auch die Meister und die Ehrengäste. Gerade wollte ich die Augen senken, nach unten schauen, um meine Erregung zu verbergen, da sah ich noch, wie Atlan ganz leicht den Kopf schüttelte.

„Du darfst in diesem Augenblick deinen Gefühlen Raum geben. Dieser Stolz ist berechtigt. Unterdrücke ihn nicht, das erwartet niemand von dir, Mike“, flüsterte Atlan mir zu, so dass niemand außer uns beiden es hören konnte.

Ein kurzer Blick von ihm ging zu meinem Vater hinüber. Ich folgte ihm. Vater lächelte mir zu, auch in seinem Blick Anerkennung, Stolz und … Freude! Er verbarg seine Gefühle ebenfalls nicht.

Warum, zum Teufel, kann er mir das dann nicht sagen?, durchzuckte mich ein kurzer, unwilliger Gedanke. Sofort rief ich mich zur Ordnung. Immerhin konnte ich schon mal froh sein, dass er es überhaupt geschafft hatte, zu diesem für mich so wichtigen Tag zu kommen, wenn auch wieder mal mit Verspätung. Vor mir selbst gab ich zu, wie sehr ich mich darüber freute.

Die arkonidische Ärztin trat einen Schritt vor und hielt Atlan etwas hin, das noch mit einem wunderschönen Samttuch verdeckt war. Mein Lehrmeister hob das Tuch und gab es weiter an den hinter ihm stehenden Dagorista.

Dann hielt er mir ein Schwert hin – aber was für ein Schwert! Reich verziert, offensichtlich aus Arkonstahl, mit arkonidischen Schriftzeichen am Griff. Ich blickte es genauer an und sah die Zeichen für Ehre, Ehrlichkeit, Freiheit, Mut, Tapferkeit, Beherrschung. Das größte Symbol drückte den Respekt für alles Leben aus – die Prinzipien des Dagor. Dem Stil nach schien es in das irdische Mittelalter zu gehören, aber ich ging davon aus, dass so einige technische Raffinessen eingebaut waren.

Im Stil des irdischen Mittelalters? Meine Gedanken überschlugen sich. Sicher, die Dagoristas trugen Schwerter, die im Stil eher als historisch anzusehen waren, natürlich mit den in unserem Zeitalter üblichen technischen „Spielereien“. Aber gerade irdisches Mittelalter? Durch Atlans Unterricht war ich über die terranische „Frühgeschichte“ sehr gut informiert. Seit dem kosmischen Zeitalter, das mit dem Mondflug meines Vaters begonnen hatte, bezeichneten Historiker die Zeit davor gerne in ihrer Gesamtheit als „Terranische Frühgeschichte“ und die bis dahin übliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit als Unterepochen.

 Aus Atlans Gesichtsausdruck las ich heraus, dass noch eine gewaltige Überraschung auf mich zukommen würde. Er ließ mich auch nicht länger warten.

„Meine Damen und Herren“, sprach er die gesamte Versammlung an. „Sie werden gleich etwas hören, das den Meisten von Ihnen nicht viel sagen wird. Aber für diejenigen, die sich ein wenig in der terranischen Frühgeschichte auskennen, wird der Schleier über einem ganz bestimmten Mythos des irdischen Mittelalters ein ganz kleines Stück angehoben.“

Das Lächeln verschwand aus Atlans Gesicht, als er weiter sprach: „Sie können sich dann Ihre eigenen Gedanken über eine gewisse Sage machen, Fragen werde ich nicht beantworten.“

Das Gesicht meines Vaters wurde zur ausdruckslosen Maske, die ich sehr gut kannte. Immer, wenn er sehr angespannt und aufmerksam war, reagierte er so. Er und ich wussten, dass Atlan keinen Wert darauf legte, gewisse Sagen und Legenden der irdischen Geschichte aufzuklären, noch nicht einmal seinem besten Freund gegenüber. Wir vermuteten, dass Atlan viel mehr in die Abläufe der Geschichte eingegriffen hatte, als wir bisher wussten – und gerade das hatte er mir gerade vorhin selbst bestätigt! Ich persönlich war der Meinung, dass er zu manchen Zeiten hatte eingreifen müssen, weil sonst ganze Völker keine Chance auf ein Überleben gehabt hätten, vielleicht sogar die ganze Erde nicht.

Atlan reichte mir das Schwert. In meinem Hals stieg ein dicker Kloß auf, als ich es berührte. Arkonstahl – wie vermutet!

Atlans Blick hielt meinen fest. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm fest in die Augen sehen.

„Michael“, hörte ich seine Stimme ganz nahe, ganz deutlich und sehr ernst. Es schwang eine gewisse Härte darin mit. „Dieses Schwert ist fast zweitausend Jahre alt. Die Maschinen meiner Kuppel fertigten es. Es war von Anfang an ein Schwert der Magie für die Menschen und es ranken sich bis heute zahlreiche Legenden darum. Zweimal schenkte ich es einem irdischen König. Beide Male kam es nach dessen Tod zu mir zurück. Seitdem ist es bei mir geblieben und im Dunkel der terranischen Frühgeschichte verschwunden.“

Vorsichtig strich ich über das Schwert.

Langsam und deutlich betont fuhr Atlan fort: „Ich gebe es dir jetzt, weil ich sicher bin, dass du die Botschaft dieses Schwertes verstehst und sie immer befolgst, egal was mit dir geschieht.“

Er machte eine Pause und blickte mich auffordernd an. Ich wusste, was er erwartete.

„Das verspreche ich dir bei allen Sternengöttern“, schwor ich den Eid, der mich für alle Zeiten nach dem alten Ehrenkodex band. Das leichte Zittern meiner Stimme konnte ich nicht verhindern. Ich hatte einen bestimmten Verdacht über das Schwert – aber nein, das konnte nicht sein, denn Atlan erwähnte zwei Könige, nicht einen, nach dessen Tod dieses Schwert im See der Feen versank, jedenfalls in der Legende, die ich kannte.

„Möge dieses Schwert dir nur Glück bringen und auf ewig bei dir bleiben“, bestätigte er.

Damit wandte er sich von mir ab und auch allen anderen zu. „Dieses Schwert trägt in der terranischen Geschichte den Namen Excalibur!“

Ein riesiges Loch tat sich in mir auf. Excalibur! Also doch! Meine Gedanken wirbelten. Dass Atlan damals der Merlin von Britannien war, wusste ich, das hatte er mir vor gar nicht langer Zeit verraten. Aber mehr nicht! Noch nicht einmal, ob König Artus damals wirklich gelebt hatte und die Tafelrunde Wahrheit oder Legende war.

Auf jeden Fall wurde mir in diesem Augenblick erst wirklich klar, wie sehr Atlan mich schätzte, dass er mir dieses Schwert überreichte. Ich schwor mir, ihn nie zu enttäuschen! An mehr konnte ich in diesem Augenblick gar nicht denken.

Vorsichtig blickte ich zu meinem Vater. Der schien ebenfalls fassungslos zu sein. Es war, wenn ich mich recht erinnerte, das erste Mal in meinem Leben, dass ich ihn so sah. Seine ausdruckslose Maske war einem offenen Erstaunen gewichen.

Von den anderen Anwesenden schien niemand die ganze Tragweite von Atlans Erklärung nachvollziehen zu können. Es war heute auch eher selten, dass jemand so gute Kenntnisse dieser terranischen Zeit hatte. Für die meisten begann die Geschichte der Menschheit erst richtig mit dem Mondflug meines Vaters. Alles andere davor war für sie eher unbedeutend. Sogar in den terranischen Schulen wurden diese Jahrtausende im Unterricht nur gestreift. Da blieb keine Zeit für ungeklärte Sagen und Legenden …

Atlan lächelte jetzt wieder freundlich und flüsterte mir zu: „Noch heute werde ich deinem Vater und dir die Wahrheit über die Legende von König Artus und der Tafelrunde erzählen.“

Mein Erstaunen wuchs noch mehr. Ich konnte kaum noch einen geordneten Gedanken fassen.

„Hole einmal tief Luft und beruhige dich“, flüsterte Atlan. „So etwas sollte dich doch nicht von den Füßen holen, Laktrote.“ Er schüttelte leicht verweisend den Kopf. In seinen Augen tauchte ein leicht ironischer Ausdruck auf.

**********

 

Bericht: Perry Rhodan

 

Dabei hatte ich nun geglaubt, als „Sofortumschalter“ mit dieser Situation genau wie mit sehr vielen anderen sofort zurechtzukommen!

Weit gefehlt! Ich war fassungslos und konnte dies nicht mehr unterdrücken. Das war nun also meine so sprichwörtliche Selbstbeherrschung, die meine Freunde immer wieder lobten – und worunter ich selbst manchmal litt, weil es mir nicht die Möglichkeit gab, einmal aus mir selbst herauszukommen. Immer, wenn ich es versuchte, scheiterte es an diesem oder jenem. Manchmal machte mich das innerlich richtig wütend, aber ich konnte nicht aus meiner Haut heraus, so gern ich es auch wollte.

Gerade jetzt wäre ich so gerne zu meinem Sohn hingegangen, hätte ihn, allem Protokoll zum Trotz, einfach in den Arm genommen und ihm versichert, wie stolz ich auf ihn war und dieses Gefühl, was es bedeutete, von Atlan das sagenhafte Schwert Excalibur geschenkt zu bekommen, gemeinsam genossen.

Ich schaffte es wieder nicht! Irgendetwas hielt mich davon ab, sowohl in mir selbst als auch vermeinte ich eine gewisse Distanz und Ablehnung in der Körperhaltung von Mike wahrzunehmen. Dabei sah ich genau, wie er ebenfalls mit seiner Fassung kämpfte. Schwankte er nicht sogar ein wenig?

Um mich abzulenken, wandte ich meine Aufmerksamkeit dem sagenhaften Schwert zu. Blitzschnell sortierte ich in meinen Gedanken, was ich über Excalibur wusste und was ich von Atlans Wirken in dieser Epoche meines Heimatplaneten wusste.

Mit der Sage vom ruhmreichen Königs Artus oder Arthur war ich genau wie Gleichaltrige in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgewachsen. Wer von uns hatte nicht fasziniert die Abenteuer des heldenhaften Königs, der Britannien geeint und befriedet hatte, verfolgt. Da gab es die beliebten Hefte mit den Comiczeichnungen genauso wie die ersten Filme dazu. Wir hielten die Sage vom König Artus, seiner Tafelrunde und Camelot damals für Tatsache, zumal es nur diese eine Version davon für uns gab. Eine andere wurde uns – auch im Schulunterricht – nicht vermittelt.

Erst viel später, als ich schon Risikopilot war, erfuhr ich, dass es noch weitere Fassungen der Artus-Sage gab und dass sich die Historiker noch nicht einmal darüber einig waren, zu welcher Zeit genau Artus gelebt hatte und ob überhaupt oder ob er nur eine legendäre Gestalt war.

Immer aber spielte dieses sagenhafte Schwert eine Rolle: Excalibur, das Schwert, das König Arthur zu seinem Ruhm verhalf, ihn nach der Sage unverwundbar machte, bis er es verlor, es im „See der Feen“ verschwand und Artus starb, seine Tafelrunde sich auflöste und Camelot zerstört wurde.

Über Jahrhunderte war dieses Schwert im Dunkel der Geschichte verschwunden, bis dann der ebenfalls legendäre englische König Richard Löwenherz behauptete, sein Schwert wäre Excalibur. Obwohl diese Aussage nach alten Dokumenten von Historikern eindeutig belegt werden konnte, hielten viele es für politische Propaganda von Richard Löwenherz, da niemand sich vorstellen konnte, wie das Schwert denn in seinen Besitz gelangt sein mochte.

Heute und hier, wo Atlan gerade eben dieses legendäre Schwert präsentierte, indem er es meinem Sohn als sein persönliches Dagor-Schwert schenkte, bekamen diese alten Legenden für mich plötzlich einen ganz anderen Stellenwert.

Meine Gedanken verloren sich in Spekulationen. Ich rief mich zur Ordnung. Es mochten sich faszinierende Möglichkeiten ergeben, aber bis jetzt konnte ich nur sicher sein, dass es Excalibur wirklich gab und dass Atlan dieses Schwert vor meinem Sohn zwei irdischen Königen geschenkt hatte.

Natürlich wusste ich, dass Atlan zur fraglichen Zeit der Tafelrunde als Merlin in Britannien gewirkt hatte. Genau erinnerte ich mich noch daran, wie er gelächelt hatte, als er mich korrigierte, er wäre nicht Merlin aus der Artus-Sage, sondern der Merlin von Britannien gewesen, nicht ein alter Weiser eines Königs, sondern der Führer der Druiden, der sich mit all seiner Kraft für die Einigung der zahlreichen britischen Stämme eingesetzt hatte. Bis heute hatte Atlan sich nicht dazu geäußert, ob Artus wirklich gelebt hat.

Insofern – wenn Atlan das Schwert tatsächlich Artus geschenkt hatte, dann konnte die Sache mit Richard Löwenherz der Wahrheit entsprechen. Dann war es nicht im „See der Feen“ versunken, sondern Atlan hatte es wieder an sich genommen.

Als ich sah, wie Atlan plötzlich zusammenzuckte, obwohl dafür kein offensichtlicher Grund vorlag, brach ich meine Überlegungen abrupt ab.

Sofort war mir klar, dass sein fotografisches Gedächtnis angesprochen hatte. Anscheinend war die Erinnerung an seine damaligen Erlebnisse so übermächtig, dass sie ihn zu überwältigen begann. Ich kannte das bei Atlan schon seit Jahrhunderten. Erlebnisse, die entweder eine direkte Verbindung zu gegenwärtigen Ereignissen aufwiesen oder Erlebnisse, die ihn damals sehr stark psychisch beansprucht hatten, lösten bei ihm einen Erinnerungsschub aus, dem er sich nicht entziehen konnte. Nach einer gewissen Zeit, in der er sich noch wehren konnte, übernahm sein aktivierter Extrasinn die Steuerung über seinen Geist und seinen Körper. Er musste sich dann regelrecht die Erlebnisse von der Seele reden, um danach wieder klar denken und handeln zu können.

Jemand, der Atlan nicht so gut kannte wie Mike oder ich oder andere gute Freunde, erkannte die ersten Anzeichen gar nicht, sondern wurde erst aufmerksam, wenn Atlan dem Erzählzwang nicht mehr widerstehen konnte.

Da hier außer dem Schwert kein Schlüsselreiz vorhanden war, mussten seine Erlebnisse damals ihn stark bewegt haben.

Ein Blick auf Mike zeigte mir, dass er die ersten Anzeichen genau wie ich erkannt hatte. Sein Körper spannte sich kaum merklich an.

Also gut, dachte ich, dann müssen mein Sohn und ich zusammen Atlan hier herausbringen. Einmal brauchte Atlan keine Zuschauer, wenn er unter dem Zwang seines Extrasinns berichtete, eben weil er dabei völlig handlungsunfähig war, so sehr, dass er sich im Falle eines Angriffs nicht einmal selbst verteidigen konnte. Andere mussten in diesen Stunden für ihn einstehen. Zum anderen konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass mein bester Freund keinen Wert darauf legte, die Wahrheit über die Sage von Camelot und der Tafelrunde einem größeren Kreis von Zuhörern mitzuteilen. Wenn er bis jetzt geschwiegen hatte, auch seinen engsten Freunden gegenüber, hatte er dafür sehr gute Gründe gehabt.

Ein schneller Rundblick überzeugte mich davon, dass niemand von den Gästen bisher Atlans Probleme bemerkt hatte. Damit traf ich die Entscheidung, meine übliche Zeitnot bewusst als Grund anzuführen, die Feier abzubrechen. Eigentlich war noch ein Galadiner vorgesehen, mit dem Mikes Ernennung zum Dagor-Meister gefeiert werden sollte. Aber diese Zeit würde Atlan nie schaffen, ohne dem Erzählzwang zu unterliegen. Mir tat es leid für Mike, der damit wieder einmal auf etwas verzichten musste, worauf er sich sicherlich schon freute. Aber vielleicht würde eine Erzählung von Atlan aus seiner Verbannungszeit auf der Erde ihn mehr als reichlich für jedes Galadiner entschädigen. Er war genau wie ich immer wieder fasziniert von den Einblicken in die wahre Geschichte unseres Heimatplaneten, die Atlan uns vermittelte.

Freundlich lächelnd nickte ich den hohen USO-Offizieren zu, in deren Kreis ich stand. Mit schnellen Schritten ging ich auf Atlan und meinen Sohn zu. Ein kurzer Blick auf Mike bestätigte mir, dass er genau erfasst hatte, worum es jetzt ging. Stolz stieg in mir auf. Er reagierte so, wie ich es mir immer von ihm erhoffte.

Ich wandte mich an ihn und nickte Atlan kurz zu. Das Gesicht meines Freundes wirkte angespannt, die Augen leicht verschleiert. Also schien der Extrasinn diesmal schnell und mit voller Gewalt zuzupacken, ein weiteres Indiz dafür, dass ihn die damaligen Ereignisse emotional sehr mitgenommen hatten.

„Darf ich der Erste sein, der dir zu deinem Erfolg, der Aufnahme unter die Dagoristas und deiner Ernennung zum Dagor-Meister gratuliert, Mike?“

Ich bot Michael die Hand und er schlug sofort ein. „Danke, Dad“, antwortete er nur mit rauer Stimme. Er stand noch voll unter dem Bann der Situation. In seinen Augen leuchteten Stolz und unverhüllte Freude auf – Stolz auf seine Leistung und Freude über dieses Lob. Sofort dachte ich wieder an die wiederholten Hinweise von Atlan, wie sehr sich mein Sohn gerade über Lob von mir freuen würde. Lob von anderen war ihm nicht so wichtig, für ihn zählte vor allem die Anerkennung durch mich, seinen Vater! Ich schalt mich selbst einen Narren, dass ich es nicht schaffte, über meinen Schatten zu springen! Nicht nur, dass ich Michael so viel versagte, auch mir selbst! Wie schön wäre es, zusammen mit meinem Sohn, auf den ich im Innersten so stolz war, diese Gefühle teilen zu können.

Einen Moment war ich versucht, mit meinen schwachen telepathischen Gaben nach Mike zu greifen. Nicht, um ihn zu „auszuhorchen“, sondern einfach nur, weil ich eben diese Gefühle mit ihm teilen wollte. Im letzten Augenblick konnte ich mich zurückhalten. Nicht nur, dass ich an seiner Mentalstabilisierung gescheitert wäre, er hätte gerade durch die Mentalstabilisierung meinen Versuch als leichtes Ziehen im Kopf bemerkt. Damit hätte ich mir jedes Vertrauen seitens meines Sohnes selbst zunichtegemacht.

Zu Atlan flüsterte ich: „Mike und ich bringen dich hier heraus, alter Freund.“

Der Arkonide lächelte matt. „Schön, wenn man sich so auf Freunde verlassen kann. Diesmal spricht der fotografische Gedächtnisteil sehr schnell an.“

„Dann waren damals deine Erlebnisse sehr aufwühlend“, ergänzte Mike genauso leise. Der Junge wusste, worauf es jetzt ankam. Das bewies er auch mit seiner Frage an mich: „Auf die CREST IV?“

„Das ist wohl das Beste, da sind wir ungestört“, antwortete ich ihm.

Ich drehte mich um und wandte mich sowohl an die Gruppe der Dagor-Meister als auch an die anderen Versammelten.

„Meine Damen und Herren, ich möchte Sie bitten, meinem Sohn nun auch Ihre Glückwünsche auszusprechen. Leider erlaubt es meine Zeit nicht mehr, an dem geplanten Galadiner teilzunehmen. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Mein Besuch hier an sich hat schon meinen Terminplan durcheinandergebracht. Aber ich wollte unbedingt dabei sein und meinem Sohn zu diesem für ihn so wichtigen Erfolg persönlich gratulieren. Nun werde ich an Bord der CREST IV erwartet. Es tut mir sehr leid, besonders für dich, Mike.“

Der winkte nur ab und ging voll auf das Spiel ein. „Ich freue mich, dass du überhaupt kommen konntest, Dad. Ich nehme an, du fliegst von hier aus wieder zur Erde. Bist du einverstanden, dass ich mitkomme? So weit ich weiß, wirst du auch dort erwartet?“, wandte er sich direkt an Atlan.

„Ja, das würde passen“, meinte dieser. Ich merkte genau, wie sehr er sich anstrengen musste, sich nichts anmerken zu lassen. Sein Gesicht wurde merklich blasser. Die arkonidische Ärztin musterte ihn eindringlich.

„Dann fliegen wir doch alle zusammen“, schlug Mike vor.

Der Junge kann denken und organisieren, dachte ich stolz.

Die Ärztin, die als Arkonidin aus einem Adelsgeschlecht ebenfalls die ARK SUMMIA, die Gehirnaktivierung erhalten hatte, fragte Atlan direkt: „Ihr fotografisches Gedächtnis, Sir?“

„Ja, Doc. Ich ziehe mich mit Perry und Mike auf die CREST IV zurück. Da haben wir Ruhe.“

„Gut. Brauchen Sie ein Beruhigungsmittel?“

„Ich glaube nicht. Wenn wir hier schnell herauskommen, wird es ohne gehen.“

Sie nickte nur und nahm Mike kurz in den Arm. „Herzlichen Glückwunsch, Michael. Sie werden Ihren Weg machen, da bin ich mir ganz sicher. Übrigens: Sie haben Ihre Prüfung wirklich gut bestanden, das kann ich Ihnen versichern. Unser verehrter Atlan hat Sie bis zum Äußersten getrieben. Sie können wirklich sehr viel ertragen und sich hervorragend beherrschen. Nutzen Sie diese Gaben klug!“

Mike starrte die Arkonidin verblüfft an.

„Ja“, fiel Atlan ein. „Du kannst wirklich sehr zufrieden sein. Ich habe dir Excalibur nicht ohne Grund gegeben.“

Bei diesen Worten zuckte er zusammen und sein Gesicht verlor noch mehr Farbe. Es wurde Zeit.

Nacheinander kamen die anderen näher und gratulierten Michael der Reihe nach. Aufmerksam beobachte ich meinen Sohn und wurde immer stolzer auf ihn. Seine Freude war ihm anzusehen, auch seine Erleichterung, das Ziel, das er sich selbst gesetzt hatte, erreicht zu haben. Aber er wirkte in keiner Weise überheblich – im Gegenteil! Jeder, der ihn unvoreingenommen jetzt sah, freute sich mit ihm!

Die Offiziere machten es kurz. Mein Hinweis auf meinen direkt bevorstehenden Abflug wirkte wunschgemäß.

Zum Abschluss wünschte Atlan den Damen und Herren noch einmal guten Appetit beim Diner und entschuldigte uns. Ich hatte den Eindruck, als ob außer der Ärztin, die selbst sehr gut wusste, wie dieser fotografische Gedächtnisteil sich auswirken konnte, niemand Atlans Problem bemerkt hatte, zum Glück!

Atlan und Michael verzichteten darauf, ihre persönlichen Sachen von Dienstrobotern holen und zur CREST IV bringen zu lassen. Atlan hatte ohnehin seine feste Kabine auf dem Chefdeck meines Flaggschiffs und Michael würde dort auch das finden, was er benötigte.

Ein robotgesteuerter Gleiter brachte uns zum Raumhafen. Atlan war in sich gekehrt. Anscheinend waren seine Gedanken teilweise hier bei uns und teilweise schon in der Vergangenheit. Über mein Armbandtelekom rief ich meinen Flaggschiffkommandanten, den Epsaler Oberst Merlin Akran an.

„Bitte keinen großen Bahnhof, Oberst. Ich komme mit Atlan und meinem Sohn an Bord. Wir kommen gar nicht erst in die Zentrale, sondern gehen gleich in meine Kabine. Bitte starten Sie so bald wie möglich nach Terra, wenn wir an Bord sind.“

„Ja, Sir“, kam nur zurück. Keine Rückfragen, auf Oberst Akran sowie auf die gesamte Mannschaft des Flaggschiffs konnte ich mich jederzeit verlassen. Es waren Elitesoldaten. Michaels Gesicht wurde nachdenklich. Was mochte er jetzt gerade denken? Er schien aufmerksam zu beobachten.

Das Schleusenwachkommando stand unter der Leitung eines Majors. Er stellte ebenfalls keine Fragen und begrüßte Atlan und mich respektvoll unserem hohen Rang entsprechend.

Michael dagegen salutierte gemäß militärischem Reglement vor dem Major als ranghöherem Offizier. „Guten Tag, Sir.“

Der erwiderte freundlich den Gruß.

Als wir im zentralen Antigravlift nach oben schwebten, meinte Atlan nur anzüglich: „Nicht so hetzen, Barbar. Ich schlage vor, wir ziehen uns erst alle um. So viel Zeit habe ich noch, bevor dieser verdammte Extrasinn mich komplett beherrscht. In Paradeuniform und feinem Anzug ist es recht unbequem. Das müssen wir uns nicht antun.“

Oberst Akran hatte schnell gehandelt. Vor meiner Kabine wartete der Quartiermeister des Schiffes, der Michael eine der Gastkabinen für bevorzugte Gäste auf dem Chefdeck anwies.

Während er darin verschwand, um sich schnell umzuziehen, begleitete ich Atlan in dessen Kabine. Der Bedienungsroboter half ihm, die Paradeuniform abzulegen und sich stattdessen eine normale schwarze USO-Bordkombination anzuziehen. Atlan war auch hier voll eingerichtet. Es hatte sich als sinnvoll erwiesen, weil er öfter für längere Zeit hier weilte.

Nachdem wir uns mit Michael wieder in meiner Kabine trafen, schob ich Atlan mit sanfter Gewalt auf mein Bett und entledigte mich nebenan endlich dieses schrecklichen Anzuges. Er war für mich mehr als ungewohnt. Kein Wunder, dass Michael mich so erstaunt angesehen hatte vor der Feier. In meiner gewohnten Bordkombination fühlte ich mich wohler.

„Medoroboter?“, fragte ich meinen Freund nur kurz.

Der schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Es geht so.“

Michael drückte ihm ein Glas mit einer hellroten Flüssigkeit in die Hand. „Fruchtsaft mit Energy-Drink gemixt“, lächelte er.

Kompliment, dachte ich bei mir. Der Junge denkt wirklich an alles.

Er ließ sich zwanglos in einem gemütlichen Sessel nieder. Auf seinen Knien lag das sagenhafte Schwert Excalibur. Er trug genau wie Atlan die normale Bordkombination der USO. Die Schiffe von Flotte und USO führten in ihrem Ausrüstungsbestand auch Kleidung der jeweils anderen Organisation mit sich – terranische Gründlichkeit, über die viele andere Völker der Galaxis immer noch lachten – bis sie dann selbst in bestimmten Situationen bemerkten, wie wichtig diese Gründlichkeit war!

„Was möchtest du, Dad?“

„Einen Kaffee“, antwortete ich. Mike lächelte, ließ von dem Servoroboter für mich einen großen Becher servieren und entschied sich selbst für den gleichen Energy-Drink wie Atlan. Anscheinend war er entweder emotionell stark aufgewühlt oder spürte immer noch die Nachwirkungen der Anstrengungen seiner Prüfung. Wenn ich die Ärztin richtig verstanden hatte, war es dabei extrem hart zur Sache gegangen.

Er strich vorsichtig über die Schneide des herrlichen Schwertes. Excalibur – wer hätte gedacht, dass wir einst dieses sagenhafte Schwert wirklich sehen und anfassen würden?

„Darf ich es einmal genauer betrachten?“, fragte ich.

Wortlos reichte er es mir. Prüfend wog ich es in der Hand. Es war leicht, viel leichter, als es nach dem optischen Eindruck hätte sein müssen. Natürlich, es musste der damals üblichen Norm entsprechen – ein wenig anders und auffällig, ja – aber immer noch im Rahmen.

„Die Schneide kann auf Desintegratorwirkung geschaltet werden“, meldete Atlan sich. „Und es enthält sowohl Schutzschirmprojektor als auch Lähmstrahler.“ Seine Stimme klang ein wenig kräftiger. Anscheinend tat ihm das Gebräu gut, das Mike ihm gemixt hatte.

„Wenn ich jetzt vermute, dass König Artus wirklich gelebt hat und du ihn gekannt, ihm dieses Schwert geschenkt hast, dann haben wir darin wohl den Grund für seine Unverwundbarkeit und Unbesiegbarkeit, die in den Legenden immer wieder beschrieben wird“, stellte Michael fest.

„Tüchtig, junger Höhlenwilder“, meinte Atlan anerkennend. „Dann habe ich es ja doch geschafft, dir ein wenig Denken beizubringen.“

Michael grinste nur zur Antwort. Es versetzte mir einerseits einen Stich, wie gut die beiden sich verstanden, auf der anderen Seite freute ich mich auch darüber. Zum Glück hatten Atlan und ich uns gleich zu Beginn, als Michael noch ein Kind war und wir bemerkten, dass er in Atlan einen zweiten Vater sah, gründlich darüber ausgesprochen. Ich mochte nicht an die Komplikationen denken, die sonst sicher aufgetreten wären.

**********

Atlan stopfte sich mein Kopfkissen in den Rücken und lehnte sich bequem zurück. Es war deutlich zu sehen, wie er dem Zwang seines fotografischen Gedächtnisses nachgab.

„Bitte schalte die Bandaufzeichnung ein“, meinte er zu mir. Wortlos folgte ich seinem Wunsch und machte es mir genau wie Mike in einem Sessel bequem. Wir wussten, dass eine lange Erzählung auf uns zukommen würde. Wenn Atlan einmal begann, konnte er nicht mehr unterbrechen. Er erzählte immer weiter, bis er am Ende war, sich von diesem Teil seiner Erinnerungen befreit hatte.

„Ihr werdet jetzt gleich die Wahrheit über eine Legende erfahren, die inzwischen in zahlreichen Versionen erzählt wird. Terranische Historiker genauso wie Schriftsteller rätseln nach wie vor darüber, wie es damals wirklich war. Bisher habe ich alle Anfragen, hier Aufklärung zu leisten, abgelehnt. Das wisst Ihr. Noch nicht einmal euch habe ich bisher erzählt, wie es zu dieser Zeit war in Britannien. Über dieses sogenannte „Dunkle Zeitalter“ existieren kaum Aufzeichnungen. Die Römer hatten gerade das Land verlassen und die wilden britannischen Stämme kannten keine Schriftaufzeichnungen. Gerade das macht es den Wissenschaftlern so schwer, hier irgendetwas, egal was zu enträtseln.

Bis vor einigen Tagen habe ich es für richtig gehalten, auch Euch die Wahrheit über die Legende von König Artus zu verschweigen. Es war einer jener Zeitpunkte, an denen ich mehr in die Geschichte der Erde eingegriffen habe, als ich es selbst wollte. Ich kann Euch versichern, dass ich an vielen dieser ‚Rätsel der Geschichte’ beteiligt oder sogar für sie verantwortlich bin.“

Er holte tief Luft und nahm einen Schluck Saft. Anscheinend überlegte er, wie er fortfahren sollte. Ich half ihm aus der Verlegenheit.

„Und du denkst, viele Menschen könnten dieses Wissen nicht verkraften, dass ein gestrandeter Arkoniden-Admiral ihren Planeten geschützt und verteidigt hat, dass die Menschheit es letztendlich ihm zu verdanken hat, den Weg zu den Sternen gefunden zu haben.“

Er zuckte die Schultern. Michael brachte es auf den Punkt, klar und präzise: „Und du selbst wolltest dich an diese Dinge nicht erinnern, weil es Erlebnisse waren, die dich bis heute noch belasten. – Entschuldigung, ich wollte dir nicht auf die Füße treten“, ergänzte er noch.

Atlans Gesicht war ausdruckslos, während er Michael musterte. Der erwiderte seinen Blick offen. „Du trittst mir nicht auf die Füße, junger Höhlenwilder. Du nennst nur Tatsachen, offen und ehrlich. Das schätze ich sehr, wie du weißt.“

Als er nicht gleich fortfuhr, wurde ich sehr aufmerksam. Ich kannte Atlan sehr gut und hatte das bestimmte Gefühl, dass diesmal etwas anders war als bei seinen sonstigen Berichten. Meine Spannung stieg.

„Nun hatte ich mich schon vor einigen Wochen dazu entschieden, wenn du deine Prüfung zum Dagor-Meister abgelegt hast, dir Excalibur zu schenken. Ich denke, du bist genau der Richtige für dieses Schwert. Du verstehst seine Botschaft und wirst sie auch immer beherzigen.“

„Ja. Ich kann die arkonidischen Schriftzeichen sehr gut entziffern und ihren Sinn deuten. Keine Sorge, Lehrmeister. Diese Zeichen symbolisieren genau das, was ich zusammengefasst unter dem Begriff ‚Leben’ verstehe.“

Michaels Gesicht wurde hart, so hart wie ich ihn bisher nur einmal gesehen hatte, nach diesem wahnsinnigen Lehrgang, der ihn und seine Kameraden beinahe das Leben gekostet hätte.

„Genau wie dir habe ich versucht, zwei Königen diese Botschaft zu vermitteln. Ihr vermutet sicherlich richtig, dass diese Könige Artus und Richard Löwenherz waren. Zweimal kam das Schwert zu mir zurück nach dem Tod der Könige. Beide starben unter tragischen Umständen, einer war mein Schüler, der andere mein Freund. Danach habe ich Excalibur behalten, weil ich vor dir nie wieder eine Frau oder einen Mann in der irdischen Geschichte fand, die dieses Schwert verdient hätten.“

Michaels Gesicht wurde rot, glühte regelrecht. „Danke noch mal für das Vertrauen, Lehrmeister“, brachte er nur stockend hervor. Atlan winkte ab.

„Darüber brauchen wir nicht noch einmal zu sprechen. Nun wollte ich aber trotzdem, obwohl ich dir Excalibur zugedacht hatte, nicht über meine Erlebnisse damals sprechen – aus genau den Gründen, die du eben selbst erwähnt hast. Allerdings bin ich der Meinung, dass du, als Besitzer dieses Schwertes, dem viele Menschen in vielen Jahrhunderten magische Eigenschaften zuschrieben, die ganze Wahrheit darüber wissen solltest. – Es ist besser, wenn ihr beide gewisse Dinge richtig versteht.“

 

**********

„Wie ich schon sagte“, fuhr Atlan fort und lehnte sich bequem zurück. „Es gab Zeiten, da musste ich viel mehr in die irdische Geschichte eingreifen, als Ihr bisher wisst. Ich hatte damals sehr gute Gründe dafür, das könnt Ihr mir glauben.“

„Das kann ich mir gut vorstellen“, meinte Michael „Ich vermute, dass unsere Vorfahren wieder einmal dabei waren, sich gegenseitig umzubringen und je mehr sie sich entwickelten, das immer katastrophalere Folgen für ganze Völker hätte haben können, bis sie irgendwann einmal dabei waren, den ganzen Planeten zu vernichten.“

„Genau“, nickte Atlan. „Nur, soweit waren sie noch lange nicht im 6. Jahrhundert nach der Zeitenwende. Und auch ich hatte nicht immer Erfolg mit dem, was ich plante.“

Bitter verzog er das Gesicht. Die Erinnerung übermannte ihn schon wieder. „Auf diesem Planeten namens Erde oder Terra habe ich sehr viel Freude erlebt, viele Freunde gefunden, aber auch sehr viel Leid gesehen und selbst erlebt. Eine dieser Episoden erlebte ich um den Wechsel des fünften zum sechsten Jahrhundert in Britannien.

Eigentlich mochte ich Britannien nicht, weil ich die Römer und ihr Imperium regelrecht hasste. Dort hatte ich das größte Leid während meiner langen Verbannung auf der Erde gesehen und erlebt, sowie an mir selbst erfahren müssen, zu welchen Gemeinheiten und Grausamkeiten die Barbaren fähig waren. Zudem waren die Stämme, die von allen Seiten versuchten, nach Britannien einzudringen, im Gegensatz zu den Einheimischen und den Völkern, die auf dem europäischen Festland lebten, erschreckend primitiv.

Aber es gab in Britannien ganz besondere Menschen, späte Nachkommen von Flüchtlingen von Atlantis. Nach der großen Katastrophe waren die meisten Atlanter, im Gegensatz zu allen anderen Völkern auf der Erde wahrhaft intelligent, zusammen mit ihrem Kontinent im Meer versunken. Aber einige wenige hatten die Flucht geschafft und an anderen Orten der Erde neu angefangen, als Keimzelle für erste Hochkulturen. Unter anderem war die ägyptische Kultur, die ich immer geliebt hatte, auf einem solchen Fundament aus Atlantis entstanden.

Mein treuer Roboter Rico hatte damals nicht alle Flüchtlinge mit seinen Sonden verfolgen können. Einige hatten die Flucht auch nicht überlebt. Aber diejenigen, die wir orten konnten und die es schafften, neu anzufangen, beobachteten wir auch weiterhin.

Eine kleine Gruppe dieser Flüchtlinge hatte es bis nach Britannien geschafft. Dort hatte sich aus ihren Nachkommen eine interessante Kultur und ein Glauben entwickelt, die auch die römische Besatzungszeit überlebte. Ihre Führer waren Druiden und Priesterinnen. Sie sorgten dafür, dass ein klein wenig von Atlantis erhalten blieb. Ihr Glaube veränderte sich über die Jahrtausende kaum, schon fast ein Wunder. Es war, als ob sie immer noch auf Atlantis wären.

Nur deshalb entschloss ich mich zum Eingreifen in Britannien.“

Atlan machte eine kleine Pause. Ich stand schon jetzt im Bann seiner Stimme, bereitete mich auf das Kommende vor: eine packende, lebendige Schilderung aus der Vergangenheit meines Heimatplaneten, die sonst niemand außer meinem Sohn und mir erfahren würde, noch nicht einmal meine anderen Freunde.

„Ja – ich war damals der Merlin von Britannien! Nicht Merlin aus der Artus-Sage, den jedes terranische Kind damals bis zum Ende des 20. Jahrhunderts kannte, sondern der Merlin von Britannien! Im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten, dass ich mich in späteren Zeiten als Nachkomme eines Mannes ausgab, der schon einmal an dem betreffenden Ort war, entschied ich mich hier dazu, bewusst die Legende von dem unsterblichen Zeitenherrscher aufzubauen.“

„Oh! Du musst dafür sehr gewichtige Gründe gehabt haben“, meinte Michael ernst.

Atlan nickte. „Ja. Sonst wäre ich nie von meinen Prinzipien abgegangen. Ich werde euch jetzt die Wahrheit über König Artus, seine Tafelrunde und die Einigung der britannischen Stämme erzählen. Sie sieht ganz anders aus als alle Versionen der Sage, die ihr kennt.

Als die Römer Anfang des 5. Jahrhunderts nach der Zeitenwende abzogen, begann für Britannien das ‚Dunkle Zeitalter’. Auch später wurde es von den Historikern so genannt, weil es kaum Dokumente aus dieser Zeit gab, die tatsächlichen Ereignisse im Dunkel der Geschichte verborgen blieben. Auch ich weiß nicht alles, was damals auf diesem Kontinent geschah. Trotzdem weiß ich genug und habe selbst genug davon miterlebt, um das alles bis heute als eine der Mythen der irdischen Frühgeschichte ruhen zu lassen. – Ich hielt es für besser.“

Atlan entführte Michael und mich allein mit seiner Stimme in eine andere Zeit. Ich glaubte teilweise, direkt neben ihm zu reiten und zu kämpfen, erlebte mit, was er damals dachte und fühlte, freute mich mit ihm und litt mit ihm …

**********

 

 

Über Stunden lauschten wir gebannt der Erzählung meines arkonidischen Freundes, die gleichzeitig auf dem Speicherkristall aufgezeichnet wurde.

Nachdem Atlan geendet hatte, nahm Michael den Speicherkristall an sich, um ihn sicher zu verwahren.

 

 

Eines Tages wird dieser Speicherkristall wieder auftauchen – und dann werden auch wir die Wahrheit über König Artus, sein Schwert Excalibur und die Priesterinnen der Heiligen Insel erfahren – und wir werden Jahrhunderte später Atlan an der Seite von Richard Löwenherz begleiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

19.8.16 19:18, kommentieren

Unter Mordverdacht - der Wert echter Freundschaft

Februar 2428
Regierungs-Tower, Terrania-City,
Büro des Großadministrators

„Mordverdacht?“, wiederholte Perry Rhodan fassungslos. „Mit Verlaub, Herr Oberstaatsanwalt, sind Sie betrunken?“

Norman Rider, Oberstaatsanwalt von Terrania-City, ein schon ergrauter, seriös wirkender Herr, der fast lebensgroß hinter seinem Schreibtisch auf dem Bildschirm zu sehen war, schüttelte den Kopf.

„Ich wünschte, ich wäre es, Sir. Dann bräuchte ich mich nämlich nicht mit diesem Fall zu befassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Sir, ich bin ebenfalls Vater, deshalb ... Darf ich Ihnen versichern, dass ich persönlich nicht glaube, dass Ihr Sohn einen Mord begangen haben soll – aber die Indizien sind im Moment erdrückend.“

Perry hatte das Gefühl, in ein unendlich tiefes Loch zu fallen. Michael, sein Sohn, unter Mordverdacht verhaftet.

Das kann doch nicht sein, das ist unmöglich, hämmerten seine Gedanken.

Rider fuhr fort: „So sehr mir mein Gefühl auch sagt, dass hier etwas nicht stimmt, so muss ich mich trotzdem an meine Vorschriften halten, Sir.“

„Das erwarte ich auch von Ihnen, Mr. Rider. Alles andere lehne ich ab. Behandeln Sie meinen Sohn genauso wie jeden anderen Verdächtigen. Haben Sie schon Anklage erhoben?“

„Nein, Sir. Dazu bleiben mir noch ...“, er blickte auf seine Uhr, „genau vier Stunden und 15 Minuten. Länger kann ich Ihren Sohn und die anderen Verhafteten nicht in Gewahrsam behalten, sondern muss sie entweder freilassen oder Anklage erheben.“

„Ich weiß“, sagte Perry tonlos. Er, der sonst als Sofortumschalter gerühmt wurde, war wie betäubt, sah die ganze Welt wie durch dicke Watte.

„Ich komme persönlich zu Ihnen, Mr. Rider. Sie können mir dort berichten.“

Der Staatsanwalt nickte zögernd.

„Was ist noch?“

„Sir, leider hat die Presse davon Wind bekommen. Im Moment können sowohl die Polizei als auch ich uns nicht erklären, wieso, aber vor einigen Minuten erhielten wir eine Interviewanfrage vom größten terranischen Nachrichtensender. Deshalb muss ich Ihnen empfehlen, nicht persönlich zu intervenieren. Die Tatsache an sich ist schon schlimm genug, aber wenn Sie zugunsten Ihres Sohnes eingreifen, was ich voll verstehen könnte ...“

Perry unterbrach ihn brüsk. „Da Sie selbst auch Vater sind, natürlich.“

Er merkte sofort, dass er dem Mann unrecht tat. Der Staatsanwalt tat nur seine Pflicht – und sogar noch mehr. Er warnte ihn aus ehrlicher Überzeugung. Natürlich würden seine politischen Gegner die Sache ausschlachten – und sie würden Kenntnis davon erlangen, wenn schon die Presse etwas gewittert hatte!

„Wozu hast du deine Freunde?“, piepste es hinter ihm. Er fuhr bei dem Luftzug herum. Der Mausbiber Gucky war direkt hinter ihm per Teleportation aufgetaucht.

Er winkte Norman Rider auf dem Bildschirm zu. „Ich bringe den Chef zu dir, Norman. Du bist in Ordnung, Perry meinte es nicht so. Aber wir haben keine Minute zu verschenken.“

Rider atmete sichtbar auf. „Bis gleich, Sir.“ Er unterbrach die Verbindung.

Gucky schüttelte sinnend den Kopf. „Der Staatsanwalt ist okay. Er glaubt an eine getürkte Geschichte, gerade weil die Beweise gegen Mike so erdrückend sind – und weil er dein Sohn ist. Der Sohn des Großadministrators ein Mörder – das passt absolut nicht in seine Vorstellungswelt.“

„In meine auch nicht“, konterte Perry. „Offensichtlich braucht Mike jetzt dringend Hilfe. Aber ob er sie annehmen wird?“

Traurig dachte er an die zahlreichen Auseinandersetzungen und Missverständnisse mit seinem Sohn. Schon lange hatte er erkannt, dass er in der Vaterrolle große Defizite hatte. Wahrscheinlich wollte er das, was er selbst in seiner Jugend entbehrt hatte, seinen Kindern nun überreichlich geben – und besonders Michael, der seinen eigenen Weg gehen wollte, engte er damit ein, ohne es zu wollen. Im Gegenteil war er sehr stolz auf seinen Sohn, der sich zu einem jungen Mann mit einer Weltanschauung entwickelt hatte, die der seinen fast identisch war. Nur die Methoden, mit denen man sie erreichen konnte oder sollte – da ging Michael mehr den harten Weg seines Freundes Atlan.

Guckys Antwort riss ihn aus den Gedanken. „Er wird sie annehmen müssen. Es bleibt ihm gar keine andere Wahl. Genau wie du die Hilfe deiner Freunde annehmen wirst, ohne darüber zu diskutieren. Das ist eine Sache für den Dicken, den Arkonidenhäuptling und für mich – du wirst dich völlig raushalten.“

Bei diesen Worten hatte er schon seine Hand gepackt und die Umgebung verschwamm vor Perrys Augen.

Übergangslos, als er wieder etwas sehen konnte, standen sie im Dienstzimmer des Oberstaatsanwaltes.

Da er sie per Teleportation erwartet hatte, erschrak er nicht, sondern atmete erleichtert auf.

„Ich hole die beiden. Keine Sorge, ich höre mit“, sagte Gucky nur und verschwand schon wieder.

Perry wusste, dass sein kleiner Freund ihn telepathisch überwachte und sich so informierte.

Rider deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Perry setzte sich wie erschlagen.

Also sitze ich auch einmal als „Bittsteller“ vor dem Schreibtisch eines zuständigen Beamten.

Dankbar nahm er das Glas Wasser, dass ihm der Servoroboter auf Riders Wink reichte.

Das Schott öffnete sich und einer der üblichen Sekretärroboter kam herein.

„Sir, der Reporter der Solar News bittet dringend um eine Stellungnahme von Ihnen. Der Sender möchte gerne live berichten.“

„Schicke den windigen Herren weg“, explodierte Rider. „Er bekommt kein Interview, weder live oder sonstwie. Am besten verschwindet er mitsamt seinem Übertragungsteam und lässt uns in Ruhe unsere Arbeit machen. Und wenn wir tausendmal Michael Rhodan festnehmen mussten, auch die Familie des Großadministrators hat ein Recht auf ihre Privatsphäre. Du kannst ihm mitteilen, dass bisher noch keine Anklage erhoben worden ist, weil dafür kein Grund vorliegt.“

Der Roboter verschwand und Perry sagte ganz leise: „Danke, Mr. Rider. Ich weiß, wie weit Sie sich mit dieser Mitteilung aus dem Fenster lehnen.“

Der Staatsanwalt überlegte einen Moment, dann lächelte er. „Eine Redensart aus Ihrer Jugend, Sir?“

Perry nickte, dann verhärtete sich sein Gesicht. Die Muskeln in seinem Körper verkrampften sich, ganz deutlich spürte er es. „Bitte berichten Sie.“

Norman Rider machte es kurz. „Gestern Nacht um 0.11 Uhr Terrania-Standard, wurde die Polizei wegen einer Schlägerei in die „Sunlight-Bar“ gerufen. Möbel zertrümmert, einige Verletzte, ein Toter – der Inhaber der Bar. Einige Zeugen sagten aus, es wäre plötzlich losgegangen, einige Männer hätten sich gestritten und dann ging die Schlägerei auch schon los. Wer den Inhaber erstochen hat, können sie nicht sagen. Es war alles zu unübersichtlich. Ihr Sohn wurde mit dem Messer in der Hand und dem Blut des Opfers an seiner Kleidung gefunden, in völlig orientierungslosem Zustand. Andere Zeugen sagen aus, dass Mr. Rhodan den Streit begann und die Anderen mit hineingezogen wurden.

Außer Ihrem Sohn haben wir alle Zeugen schon in den Verhör-Detektor gesteckt. Einwandfreies Ergebnis, passt genau zu ihren Aussagen.

Ihr Sohn selbst versicherte, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Er wäre mit einem Mädchen, mit dem er auch einige Nächte vorher verbracht habe, in die Bar gegangen, um noch etwas zu trinken. Dann setzt seine Erinnerung plötzlich aus.

Das Mädchen ist übrigens eine der Belastungszeuginnen. Sie behauptet, ihn erst in der Bar kennengelernt zu haben.“

Perry stieß die Luft heftig aus. „Und warum haben Sie Michael noch nicht in den Detektor gesteckt? Soweit ich weiß, ist das Verfahren völlig schmerz- und risikolos.“

Der Staatsanwalt verzog säuerlich das Gesicht. „Ja, sofern der Betroffene nicht eine Menge an Drogen im Blut hat. Ihr Sohn war derart vollgepumpt mit allem möglichen Dreckzeug, dass er wirklich einen Blackout hat. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind eindeutig. Wenn man einen Menschen mit diesem Giftzeugs im Leib in den Detektor steckt, könnte es für ihn ... nun ... etwas unangenehm werden.“

„Dann wird er das eben in Kauf nehmen müssen“, erklang die kalte Stimme von Atlan neben ihnen. „Schließlich ist er kein kleiner Junge mehr, sondern USO-Offizier und mein Hertaso. – Und ich schätze es überhaupt nicht, mich für meine Schüler schämen zu müssen.“ Zusammen mit Reginald Bull, Perry Rhodans ältestem Freund und Gucky erschien er gerade aus der Leuchterscheinung der Teleportation.

Perry fühlte Erleichterung in sich aufsteigen. Atlan! Sein Freund – und der Lehrmeister seines Sohnes! Der Hinweis auf den „Hertaso“ war eindeutig. Gemäß der alten arkonidischen Tradition des Dagor stand der Meister für seinen Schüler ein von dem Moment an, wo er ihn als Schüler angenommen hatte. Der Arkonide liebte Michael wie einen eigenen Sohn, das wusste er – und trotzdem tolerierte er es – eben weil er ihm nicht der Vater sein konnte, der er so gerne wäre.

Verdammt, wenn Michael mich doch verstehen könnte!

Perry wollte aufstehen, aber Bully drückte ihn mit festem Griff in seinen Sessel zurück.

„Du bleibst hier sitzen, Alter. Wir sind von Gucky informiert. Schön, wenn man einen neugierigen Telepathen als Freund hat.“

Sein Grinsen verunglückte zu einer Grimasse.

„Genau“, fuhr Atlan ungerührt fort. „Bitte überlasse uns die Sache. Ich weiß, was du am liebsten tun würdest – und ich würde es an deiner Stelle genauso tun. Aber das hier ist eine Sache für deine Freunde. Wir wollen ja nicht, dass unsere politischen Gegner behaupten, du hättest zugunsten deines Sohnes deine Vollmachten missbraucht, oder? Hast du schon einmal daran gedacht, dass in einem halben Jahr die Wahlen zum Großadministrator anstehen?“

Der Staatsanwalt wurde leichenblass. „Sehen Sie einen Zusammenhang, Sir?“

„Und ob“, knurrte Atlan böse.

Perry fühlte sich, als ob er keine Luft mehr holen könnte. Plötzlich musste er wieder an seine Jugendzeit denken – zum zweiten Mal in kurzer Zeit!

Daran, dass auch er selbst als junger Mann das Ziel von ungerechtfertigten Verdächtigungen und sogar von feindlichen Agenten gewesen war.

Soll Mike das Gleiche durchmachen wie ich?, fragte er sich verzweifelt.

Atlan blickte genau wie der Staatsanwalt kurz vorher auf seine Uhr, die ein Teil seines Multifunktionsarmbandes war.

„Gucky?“, fragte er nur.

„Mike weiß tatsächlich nicht, was los war. Er sitzt in seiner Zelle und ist am Boden zerstört. Dass er einen Menschen umgebracht haben soll, ist für ihn der Tiefschlag!

„Aber Sir“, protestierte Rider. „Sie wissen doch ...“

„Ich weiß, Herr Oberstaatsanwalt“, Atlan verzog das Gesicht, „dass Mutantenverhöre nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zulässig sind auf offiziellen Antrag. Dazu müssen vorher alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sein. - Keine Sorge, wir bieten denjenigen, die hinter dieser Schweinerei stecken, keine Handhabe. Wir gehen streng nach Vorschrift vor. Außerdem fällt das nicht mehr in Ihre Verantwortung. - Michael Rhodan ist USO-Leutnant der Reserve. Als solcher studiert er an der Universität von Terrania-City. Ich habe mir erlaubt, ihn mit Wirkung von gestern 8.00 Uhr als meinen persönlichen Adjutanten wieder in den aktiven Dienst zu reaktivieren. Damit untersteht er direkt meiner Befehlsgewalt und die USO macht hiermit von ihrem Recht Gebrauch, sich zuständigkeitshalber in die laufenden Ermittlungen einzuschalten.“

Dem Oberstaatsanwalt war seine Erleichterung deutlich anzusehen

„Ihre Anweisungen, Sir?“

„Ist dieser Reporter noch da?“

„Wahrscheinlich“, vermutete Rider und rief seinen Sekretärroboter herein. Der bestätigte ihm, dass der Reporter sich nicht hatte abwimmeln lassen.

„Sage ihm, er möge sich noch ein wenig gedulden“, wies Atlan den Roboter an. „Er wird in kurzer Zeit sein Interview bekommen – und zwar mit mir.“

Der Roboter drehte sich kommentarlos um und Perry dachte daran, wie viel angenehmer in einer solchen Situation eine „altbackene“ menschliche Chefsekretärin doch war. Er wunderte sich selbst über diese kurze Abschweifung.

Du WILLST dich den Tatsachen nicht stellen! Du nimmst jede Gelegenheit wahr, um auszuweichen!

„Gut“, meinte Atlan emotionslos. „Ich werde euch jetzt einmal zeigen, wie ein alter Arkonidenadmiral die Sache löst. Denn dass Michael unschuldig ist und man versucht, ihn in etwas zu verwickeln, das letztendlich dazu dienen soll, den Herrn Großadministrator zu Fall zu bringen, dürfte klar sein. Oder ist einer der Herren anderer Meinung?“

Er wartete die Antwort gar nicht, sondern fuhr fort. „Also schön. Das hatte ich auch nicht anders erwartet. - Herr Oberstaatsanwalt, fordern Sie einen Medoroboter an und stecken Sie Michael Rhodan in den Detektor – und zwar schnell, wenn ich bitten darf. Ich denke, Terraner sind so aktiv, also bewegen Sie sich gefälligst.“

Perry war nur noch übel und schwindlig. Er begehrte nicht gegen Atlans Aktivität auf. Im Gegenteil – er war froh, dass sein arkonidischer Freund die Initiative ergriffen hatte.

Wie von ganz weit her hörte er die Worte des Arkoniden.

„Es tut mir leid, Perry, aber es muss sein.“

Perry antwortete fast automatisch. „Ich weiß. Aber ich komme mit.“

„Alter“, mischte Bully sich ein. „Lass es sein.“

Perry schüttelte den Kopf. Er wollte bei seinem Sohn sein, es mit ihm teilen. So eng verbunden wie jetzt hatte er sich mit seinem Sohn ganz selten gefühlt.

 

*

 

In dem kargen Verhörraum saß Michael Reginald Rhodan schon auf dem Spezialstuhl, war aber noch nicht festgeschnallt. An seiner Seite standen zwei Polizisten, denen die ganze Angelegenheit offensichtlich sehr unangenehm war. Sie wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten, traten von einem Bein auf das andere, ihre Hände fummelten unruhig an ihren Uniformen herum.

Als ihr oberster Vorgesetzter zusammen mit Perry Rhodan, Altan, Reginald Bull und Gucky den Raum betrat, nahmen sie sofort Haltung an.

„Lordadmiral Atlan hat sich in die Ermittlungen eingeschaltet, da Mr. Rhodan wieder in den aktiven Dienst übernommen wurde. Von daher ist er mir in diesem Fall übergeordnet“, erklärte Rider.

„Danke“, sagte Atlan nur und wandte sich direkt an Michael.

Perry musterte seinen Sohn mitleidig. Der junge Mann, gerade 22 Jahre alt, schlank, genauso hochgewachsen wie er, halblanges rotblondes Haar, das ihm im Moment wirr und schweißverklebt ins Gesicht hing, mit leichenblassem Gesicht, unendlich tiefen nachtblauen Augen, in denen der Vater nur abgrundtiefes Nichtverstehen und Verzweiflung las – und die Hände vor dem Oberkörper gefesselt mit deutlich sichtbaren Energiebändern.

„Dad“, brachte er mühsam hervor. „Ich habe damit nichts zu tun. Bitte ...“

Atlan unterbrach ihn mit einer brüsken Handbewegung.

„Leutnant Rhodan, wieso haben Sie sich nicht nach ihrem Reaktivierungsbefehl direkt in Imperium-Alpha gemeldet? Sie wissen, dass das eine Disziplinarstrafe nach sich ziehen wird?“

Michael schaltete sofort, obwohl er sich hundeelend fühlen müsste! Perry sah es mit Stolz.

Er scheint genau wie ich ein Sofortumschalter zu sein.

Er stand auf und nahm Haltung an. Durch die gefesselten Hände konnte er nicht salutieren.

„Ja, Sir. Dessen bin ich mir bewusst. Ich werde mich der von Ihnen angeordneten Strafe unterziehen.“

Atlan nickte. Ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Das kommt später, Leutnant Rhodan. - Jetzt geht es um die letzte Nacht. Bitte schildern Sie kurz die Geschehnisse aus Ihrer Sicht.“

Kurz und knapp berichtete Michael. Es war wirklich nicht viel.

„Auf Bitten von Miss Jane Augstin habe ich mit ihr zusammen die Bar besucht. In der Bar war ich noch nie zuvor gewesen, aber ich sah trotzdem keinen Grund, ihr den Wunsch abzuschlagen.“

 „Wie lange kennen Sie Miss Augstin schon?“, fragte Atlan nach.

„Seit knapp zwei Wochen, Sir. Miss Augstin und ich haben schon einige Abende und Nächte zusammen verbracht.“

„Und gestern wollte sie zum ersten Mal genau in diese Bar?“, hakte Atlan nach.

„Ja.“ Michael hob unsicher die Schultern. „Den Grund dafür hat sie mir nicht gesagt. Wir haben in einer Nische gesessen, uns unterhalten und etwas getrunken, wollten danach wieder zu mir in meine Wohnung – und den Rest der Nacht wieder zusammen verbringen. Danach ...“

„Was tranken Sie?“, fragte Atlan.

„Fruchtsaft.“

„Keinen Alkohol?“

„Nein, Sir. Ich trinke keinen Alkohol.“

„Das weiß ich.“ Atlan lächelte leicht. Perry sah den warmen Ausdruck seiner rotgoldenen Augen.

Michael holte tief Luft und fuhr sichtlich mitgenommen fort: „Danach weiß ich gar nichts mehr. Es ist alles weg, ich kann mich an nichts erinnern. Das Letzte war das Gespräch mit Miss Augstin, dann bin ich weggetreten. Als ich wieder aufwachte, war ich schon auf der Polizeiwache mit gefesselten Händen. Man hielt mir vor, ich hätte einen Menschen getötet!“

Er verstummte, presste die Lippen fest aufeinander. Perry bemerkte, wie er sich zusammenriss. Schon seit einigen Jahren zeigte Michael seine Empfindungen kaum noch, er verbarg sie hinter einer Art persönlichem Schutzschirm. Kaum jemand kam an ihn heran, wenn er es nicht wollte. Und er als Vater ...

Er mochte den Gedanken nicht weiterdenken!

„Danke für Ihre Aussage,  Mr. Rhodan.“ Atlan verhielt sich streng förmlich. Genau nach Vorschrift, wie er es angekündigt hatte.

Michael sah seinen Vater an. Seine Augen schienen regelrecht zu flehen.

„Vater“, sagte er ganz leise. „Bitte glaube mir. Ich weiß wirklich nicht, was los ist.“

„Dafür haben wir eine ganz bestimmte Vermutung.“ Atlans Stimme war schon wieder eiskalt. Er sagte kein Wort zu viel, dass später ein gerissener Anwalt als „Verfahrensfehler“ hinstellen konnte, aber wiederum genug, dass jeder seiner Freunde ihn auch so verstand.

Der Oberstaatsanwalt hielt sich zurück. Nachdem er die Befehlsgewalt offiziell an Atlan übergeben hatte, war es nur noch seine Pflicht, als Zeuge bei der Vernehmung anwesend zu sein.

„Leutnant Rhodan“, Atlans rotgoldene Augen brannten, „ich muss Sie darüber informieren, dass die Zeugen entweder nichts gesehen haben oder Sie belasten. Außerdem wurde Blut des Opfers an Ihrer Kleidung gefunden und in Ihrem Blut eine Droge, die nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen ist.“

„Und Miss Augstin?“, fragte Michael stockend.

„Miss Augstin ist die Hauptbelastungszeugin gegen Sie. Sie sagt aus, dass Sie die Droge selbst mitbrachten und das Pulver in Ihrem Fruchtsaft auflösten. Sie hätte sie davon abbringen wollen, aber keinen Erfolg gehabt. Es kam zum Streit mit dem Wirt und Sie haben ihn mit dem Messer, das Sie bei sich hatten, ein beidseitig geschliffenes Stilett, erstochen. - Wollen Sie Ihre Aussage nicht doch noch einmal korrigieren?“

Atlan führte ein perfektes Schauspiel auf und Michael spielte ebenso hervorragend mit.

Perry bewunderte beide, besonders seinen Sohn, der seinem Empfinden nach kurz vor einer Ohnmacht war.

„Oberstaatsanwalt Rider, bitte informieren Sie Leutnant Rhodan über die erforderlichen Maßnahmen und seine Rechte.“

Atlan stellte sich an Perrys Seite. „Du solltest rausgehen“, raunte er ihm zu.

„Nein.“ Perry hatte sich schon längst die Zunge blutig gebissen im Mund. Er schmeckte den Stahlgeschmack seines Blutes schon kaum mehr.

Mike braucht mich. Ich MUSS bei ihm bleiben!, hämmerte es in seinen Gedanken. Wenn nicht jetzt, wann dann? Vielleicht gibt meine Nähe ihm Kraft!

Er fühlte sich so fürchterlich ausgebrannt, was so froh, dass seine Freunde ihm jede Entscheidung abnahmen. So sehr es ihn auch sonst ärgerte, wenn er zum Zuschauer degradiert war, jetzt in dieser Minute war er überglücklich darüber!

Bullys Hand umspannte seinen Arm wie einen Schraubstock.

„Verdammt, warum bist du so stur? Damit hilfst du Mike nicht!“

Gucky hielt sich, für ihn völlig ungewohnt, ruhig. Er schien mit seinen telepathischen Sinnen zu lauschen. Traurig schüttelte er den Kopf. Leise flüsterte er: „Da ist nichts zu machen. Wie ich schon sagte. Auch wenn ich tiefer gehe, es ist nur ein wirres Durcheinander. Keine einzige vernünftige Erinnerung. Das Zeug hat anscheinend auch die Erinnerungen total weggeblasen.“

„Deshalb ist die Droge auch illegal. Bei mehrfachem Gebrauch wird das Erinnerungszentrum eines Menschen dauerhaft geschädigt. Und der Bengel soll tatsächlich so blöd sein, das zu nehmen?“ Bully beherrschte sich nur mühsam und flüsterte. Trotzdem warfen die beiden Polizisten, die im Moment ebenfalls nur Statisten waren, ihnen einen unsicheren Blick zu.

„Also, ich glaube das nicht.“

„Ich auch nicht, Dicker“, antwortete Perry müde.

„Leutnant Rhodan“, der Staatsanwalt begann mit der vorgeschriebenen Belehrung, „da die Beweislage gegen Sie eindeutig ist, muss die Staatsanwaltschaft gemeinsam mit Ihrem Dienstherrn, der USO, Mordanklage gegen Sie erheben nach Ablauf einer Frist von jetzt noch ...“, er sah auf seine Uhr, „knapp drei Stunden. Sie haben aber die Möglichkeit, einem hypnosuggestiven Verhör zuzustimmen. Sollte sich dabei eindeutig Ihre Unschuld erweisen, sind Sie wieder ein freier Mann.

Ich muss Sie aber darauf hinweisen, dass dieses Verhör durch Ihren Drogenkonsum zwar nicht lebensgefährlich, aber äußerst unangenehm werden kann. Sie haben mit Nebenwirkungen wie starken Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen bis hin zum Kreislaufzusammenbruch zu rechnen. Ein Medoroboter wird Sie während des Verhörs überwachen.“

Als wäre dies das Stichwort gewesen, glitt das Schott auf und ein kegelförmiger Medoroboter glitt herein.

Michael war plötzlich betont gleichmütig. Er hob nur die Schultern und meine ein wenig abfällig: „Fangen Sie schon an. Bringen wir es hinter uns.“

Perry wusste, dass sein Sohn Angst hatte. Das betont laxe Verhalten war seine Methode, diese Angst zu bezwingen.

Genau wie ich damals bei meinen ersten Flügen meine Methoden hatte. Auch ich hatte solche Angst ...

Unwillig schüttelte er sich. Wieso denke ich, seitdem ich diese Horrornachricht erhalten habe, immer wieder an diese Zeit VOR meinen Mondflug?

Einer der Polizisten löste die Energiefesseln. Michael setzte sich bequem in dem großen Kontursessel zurück und ließ sich die Haube überstülpen, die entfernt einer Hypnoschulungshaube ähnelte.

Ein Blick aus seinen nachtblauen Augen traf Perry. Er las darin immer noch Verzweiflung, Unverständnis, Hilflosigkeit – und eben die Angst!

Schnell schloss Michael die Augen, als er sah, dass sein Vater ihn so genau betrachtete.

Er will es mir nicht zeigen! Aber das ist doch Quatsch! Ich bin sein Vater!

Die Polizisten fesselten ihn mit mehreren Energiebändern an den Sessel. Zum Schluss konnte er sich überhaupt nicht mehr bewegen.

„Bringen wir es hinter uns“, ordnete Atlan völlig emotionslos an.

Der Überwachungsbildschirm des Detektors flammte auf. Solange das Verhör nicht begann, zeigte er nur wirre Linien an. Sobald er aktiviert war, würden auf jede gestellte Frage die Erinnerungen des Verhörten wie ein Film zu sehen sein.

„Anordnung eines hypnosuggestiven Detektorverhörs durch Lordadmiral Atlan“, diktierte der Oberstaatsanwalt in die Aufnahmepositronik. „Einwilligung des Verdächtigen, USO-Leutnant Michael Rhodan, liegt vor. Zeugen neben dem Lordadmiral: Polizeisergeant Heester, Polizeisergeant Newton, Oberstaatsanwalt Rider, Groß ...“

Weiter kam er nicht. Bully verständigte sich mit einem kurzen Blick mit dem Mausbiber und ergänzte: „Sowie Sonderoffizier Guck vom Geheimen Mutantenkorps des Solaren Imperiums, sonst keiner.“

Er zog Perry mit harten Griff mit sich zum Schott hinaus.

Perry wollte sich wehren, brachte aber nicht die nötige Kraft auf. Als ob er total gelähmt war und sein Körper ihm nicht mehr gehorchte. Der Vater in ihm hatte den Befehl über seinen Körper übernommen. Von dem harten Flottenbefehlshaber war nichts mehr übrig.

„Du musst dir das nicht antun und Mike fällt es leichter, wenn du es nicht siehst“, erklärte sein ältester Freund sehr ruhig.

Bully zog ihn zu einer Sitzecke am Ende des Flurs.

Hier warten wohl die Leute, die bei einem Verhör nicht dabei sein dürfen oder wollen.

„Oder hättest du es toll gefunden, wenn dein Vater dich gesehen hätte, wie du vor Schmerzen jammerst oder deinen Magen auskehrst?“

„Natürlich nicht.“ Perry verstand den Sohn ja so gut, aber ...

„Wenn meine Eltern denn mal da waren. Meistens bin ich ja nur bei anderen Menschen aufgewachsen, bevor ich zu Onkel Karl kam.“ Bitterkeit stieg in ihm auf, als er an seine schwere Jugend dachte.

Bully blickte ihn mit einem undefinierbaren Blick aus seinen wasserblauen Augen an: „Vielleicht ist es jetzt an der Zeit ... denke darüber nach ... so eine günstige Gelegenheit hattest du noch nie – und sie kommt auch wahrscheinlich nie wieder ...“

Perry wusste sofort, was der Freund meinte. „Du meinst, Mike zu erklären, warum ich so hohe Moralansprüche habe und warum ich so autoritär bin?“

Bully grinste. Sein Gesicht war puterrot, ein sicheres Zeichen seiner Aufregung.

„Autoritär würde ich dazu noch nicht einmal sagen, sondern eher befehlsgewohnt. - Ja, das meine ich. Du solltest deinem Sohn endlich gewisse Dinge aus der Zeit vor unserem Mondflug erzählen. Es wird allerhöchste Zeit.“

Perry überlegte und das half ihm, sich ein wenig abzulenken von dem, was sein Sohn gerade hinter diesem Schott durchmachte.

„Du hast recht“, entschied Perry sich. „Bringen wir das hier hinter uns und dann werden wir uns mit Mike zusammensetzen.“

Allein der Gedanke an diese Aussicht, seinem Sohn endlich das erklären zu können, was er bisher gar nicht verstehen konnte, gab ihm wieder innerliche Kraft.

Warum habe ich damit eigentlich so lange gewartet? Brauchte ich erst diesen Schock, um mich meinem eigenen Sohn zu „öffnen“? Hoffentlich kann er mich verstehen!

 

*

 

Als Perry zusammen mit Gucky wieder in den Verhörraum zurückkehrte, wurde Michael gerade von dem Medoroboter behandelt. Allein der Anblick versetzte Perry einen scharfen Stich in der Brust. Sein Sohn sah noch schlechter aus als vorhin. Wenn überhaupt möglich, war sein Gesicht noch blasser und kantiger, die Augen wirken wie erloschen, besaßen keinen Glanz mehr.

„Nun, mein Junge“, quetschte Perry mühsam zwischen den Zähnen hervor, „wie ich sehe, hast du es hinter dir. War es sehr schlimm?“

Michael winkte müde ab. „Reden wir nicht darüber, Dad. Leider hat uns das nicht viel weitergebracht. Ich hatte es geahnt. Und nun?“

„Doch“, meldete sich Atlan zu Wort. Auch sein Gesicht war blass und hart. In seinen Arkonidenaugen lag der Schimmer von mitgefühltem Leid. Also musste es doch recht schlimm gewesen sein.

„Da das hypnosuggestive Verhör nicht auswertbar ist, habe ich nun das Recht, beim Solaren Imperium ein Mutantenverhör zu beantragen. - Was ich hiermit tue ... Herr Staatsmarschall?“

Immer noch drückte Atlan sich offiziell aus, da die positronische Aufzeichnung mitlief.

„Das Mutantenverhör ist per sofort genehmigt“, antwortete Bully ebenso formell. „Welche Mutanten brauchen Sie, Lordadmiral Atlan?“

„Einen Telepathen und abhängig von dem telepathischen Verhör eventuell noch Sonderoffiziere mit ergänzenden Fähigkeiten.“

„Genehmigt. Sonderoffizier Guck erhält hiermit den Auftrag zu einem telepathischen Verhör aller Festgenommenen. Da Sonderoffizier Guck hier anwesend ist, ordne ich an, dass das Verhör von Michael Rhodan sofort stattfindet.“

Perry war wieder zum Statisten verurteilt.

Verdammte Bürokratie, dachte er wütend. Wir führen  hier ein Theater mit vorgeschriebenen Dialogen auf, damit uns kein Windeladvokat die ganze Sache kippt.

„Bleib ruhig sitzen“, ordnete Gucky an, als Michael aufstehen wollte. Sein Nagezahn war nicht zu sehen.

Einen Moment versank er in Konzentration, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts. Ich kann in den Gedanken von Michael Rhodan absolut nichts Verwertbares herauslesen. Der Drogennebel verdeckt alles.“

„Danke, Sonderoffizier Guck“, sagte Atlan. „Bitte führen Sie noch die entsprechenden Verhöre der anderen Festgenommenen durch.“

Gucky nickte und winkte dem Oberstaatsanwalt zu.

„Wir teleportieren“, sagte er kurz und verschwand mit ihm und Atlan, der als derzeitiger Ermittlungsleiter auch dabei zu sein hatte.

Perry musterte seinen Sohn. Der richtete sich endgültig auf.

„Sie müssen noch ein paar Stunden mit starken Kopfschmerzen und Unwohlsein rechnen“, meldete der Medorobot. „Ich habe Ihnen alle erforderlichen Medikamente verabreicht und empfehle eine mehrstündige Schlafperiode zur Erholung.“

„Witzbold“, unkte Michael. „Als ob mich ein paar Kopfschmerzen umhauen.“

„Na, na“, bremste Perry ihn.

Er ist genau wie ich damals – und wohl auch heute noch. Nicht unterkriegen lassen, immer so tun, als ob gar nichts wäre.

Der junge Mann wollte etwas sagen, aber Perry schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung in Gegenwart der immer noch anwesenden Polizisten das Wort ab.

Michael nickte. Er hatte seinen Vater sofort verstanden und sagte nichts mehr. Seinem Gesicht sah Perry an, dass er angestrengt nachdachte, ihm einige ihn belastende Gedanken durch den Kopf gingen.

Ja, ich WERDE ihm alles erzählen! Es wird allerhöchste Zeit. Ich muss zumindest VERSUCHEN, es ihm zu erklären!

Er suchte Bullys Blick und nickte ihm zu. Der grinste erleichtert.

Michael sah ihren kurzen Austausch. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Perry schüttelte leicht den Kopf und lächelte seinen Sohn an. Er versuchte, alle Wärme, die er im Moment empfand, mit in diesen Blick zu legen. Anscheinend gelang es ihm, denn in Michaels trübe, nachtblaue Augen kam wieder etwas Glanz.

 

*

 

Atlan und Gucky wuchsen über sich hinaus. Immer mit der Uhr im Nacken, sondierte Gucky nur Jane Augstin und einen weiteren Festgenommenen, der schon heftig gegen die Untersuchungshaft protestierte, weil er der Meinung war, man hätte den Mörder, nämlich Michael Rhodan, doch ebenfalls im Gewahrsam.

Der Oberstaatsanwalt hatte schon vorher sehr genau recherchiert und wusste von daher, dass außer Miss Augstin alle Festgenommenen polizeilich bekannte Straftäter waren, gegen die nur im Moment nichts vorlag. Die Vorwürfe prallten an ihm ab. Seine Arbeit brachte das mit sich und er war im Laufe seiner vielen Amtsjahre dagegen abgehärtet.

Nach dem telepathischen Verhör des zweiten angeblichen Zeugen stellte Gucky einfach fest: „Wir verschwenden unsere Zeit, wenn ich mir die Anderen auch noch vornehme. Beide haben einen starken Hypnoblock, der ihnen eine falsche Erinnerung gibt. Das ist genau das, was ihr beim Detektorverhör gesehen habt.

Wir brauchen André Noir hier, so schnell wie möglich. Er muss den Block lösen. Viel Zeit haben wir nicht mehr.“

„Dann hole ihn“, ordnete Atlan an und der Ilt verschwand ohne ein weiteres Wort.

André Noir war der Hypno des Mutantenkorps. Wenn überhaupt, konnte nur er hier noch einen Erfolg haben.

Inzwischen hatten sie nur noch knapp über eine Stunde Zeit, nicht viel, um einen Hpynoblock zu lösen.

Gucky tauchte mit André Noir wieder auf.

„Gucky hat mich bereits informiert. Wen soll ich nehmen? Zwei Blöcke zu lösen, schaffe ich in der kurzen Zeit nicht. Bei wem ist damit zu rechnen, dass er mehr weiß?“

„Die Frau“, entschied Staatsanwalt Norman Rider sofort.

„Okay, wir brauchen absolute Ruhe“, piepste Gucky erregt. „Ihr verschwindet alle, auch der Arkonidenhäuptling.“

„Selbstverständlich“, grinste Atlan. Er kannte den Mausbiber lange genug, um sich nicht mehr an seiner Ausdrucksweise zu stören.

Jane Augstin wurde in einen Verhörraum gebracht und mit dem Mausbiber und dem Hypnomutanten allein gelassen.

Oberstaatsanwalt Rider lud Atlan, Perry Rhodan und Reginald Bull in sein Büro zu einem Kaffee ein. Michael wurde vorerst wieder in seine Arrestzelle zurückgebracht.

 

*

 

Wie von Oberstaatsanwalt Rider vermutet, war Jane Augsten „die Trumpfkarte“. André Noir schaffte es knapp zehn Minuten vor dem Ablauf der Frist zur Anklage, ihren Hypnoblock, der mit mechanischen Geräten angelegt worden war, zu lösen. Das anschließende telepathische Verhör durch Gucky brachte die volle Wahrheit ans Tageslicht.

Es war tatsächlich eine politische Attacke gegen Perry Rhodan und seine Wiederwahl als Großadministrator. Man hatte über seinen Sohn versucht, ihn zu treffen. Die Drahtzieher hatten gehofft, er würde seine Sondervollmachten dazu missbrauchen, die Anklage gegen seinen Sohn ohne weitere Ermittlungen abzubiegen oder „nur“ den vorgeschriebenen Ablauf zu seinen Gunsten zu ändern.

Der Inhaber der Bar war nicht von Michael, sondern von demjenigen Festgenommenen getötet worden, der am lautesten gegen seine Untersuchungshaft protestiert hatte.

Norman Rider erhob sofort Anklage, zwei Minuten vor Ablauf der Frist. Es wurde alles ordnungsgemäß protokolliert und Michael Rhodan wieder aus der Untersuchungshaft entlassen.

Michael sah seinen Vater nachdenklich an. „Danke, Dad“, meinte er zögernd und hielt ihm die Hand hin.

Perry Rhodan schlug ein, spürte den festen Druck, schüttelte trotzdem den Kopf. „Nein, mein Sohn. Danke nicht mir, sondern unseren drei Freunden. Wären sie nicht gewesen …“

Er ließ den Rest des Satzes offen und bedankte sich mit festem Händedruck bei den drei Freunden.

Freundschaft ist etwas unschätzbar Wertvolles!

Das Gefühl in ihm wärmte seinen ganzen Körper, rötete sein Gesicht.

„Zum Glück sind wir Freunde“, stellte Atlan ruhig fest und musterte Michael intensiv. „Es tut mir leid, junger Höhlenwilder. Ich konnte dir das Verhör nicht ersparen.“

Michael schüttelte den Kopf. „Es braucht dir nicht leid zu tun. Wer weiß, was ich später noch alles mitmachen muss, wenn ich genau wie ihr in vorderster Front für die Menschheit kämpfe.“

Perry spürte den Stolz auf die selbstverständliche Feststellung des Sohnes.

„Wir sollten uns in Ruhe zusammensetzen. Ich habe dir so einiges zu erzählen in dem Zusammenhang, aus meiner eigenen Jugendzeit. Da gab es so eine Geschichte mit einem Schulglobus.“

Michaels Augen nahmen einen forschenden Ausdruck an.

„Gerne, Dad“, sagte er ganz einfach.

 

*

 

Wie meistens – es kam nicht zu dem geplanten Gespräch. Eine dringende Angelegenheit ließ dem Großadministrator des Solaren Imperiums wieder einmal nicht die Zeit, Vater zu sein …

 

 

 

 

 

 

19.8.16 14:09, kommentieren

Die Erben von Atlantis - der Anfang ...

1

Eine kleine gelbe Sonne in einem abgelegenen Randarm einer Spiralgalaxis. Nur der dritte Planet hat intelligentes Leben hervorgebracht. Die Bewohner nennen sich einfach Menschen, ihren Planeten „die Erde“ – ein wunderschöner blauer Planet mit ausgedehnten Meeren, Flüssen und Landflächen.

Mit dem Jahr 1961 ihrer Zeitrechnung begann für sie ein neues Zeitalter. Der erste Mensch flog in einer winzigen Kapsel in den Weltraum, das Tor zu den Sternen war erstmals aufgestoßen!

Niemand ahnte, dass sie dieses Tor nicht erstmals aufstießen, sondern in den Weltraum zurückkehrten!

Die Menschen hatten ihr komplettes Wissen verloren!

*

Zehntausende Jahre vorher war der blaue Planet das Zentrum eines riesigen Sternenreiches, bekannt in der gesamten Galaxis.

Auf dem größten Kontinent, den die Bewohner genau wie ihren Planeten Lemur nannten, war das Nervenzentrum des Lemurischen Reiches.

Die Lemuren trieben Handel mit zahlreichen anderen Intelligenzen, ihre überlichtschnellen Raumschiffe durcheilten die Galaxis und stießen in andere Sterneninseln vor.

Obwohl grundsätzlich friedlich eingestellt, ließen sich Auseinandersetzungen und Kriege mit anderen Völkern nicht vermeiden. Zu unterschiedlich waren die Ansprüche und Wertvorstellungen.

Die Lemuren überstanden alle Kämpfe dank ihrer überlegenen Technik.

Unter ihrer Führung schmiedeten die galaktischen Völker eine Allianz, nachdem eine extrem kriegerische und gefühllose Echsenrasse, die Mariden, in die Milchstraße eindrang.

Niemand wusste, woher die Mariden kamen. Die größte Gefahr ging von ihrer Fruchtbarkeitsrate und ihrer mentalen Einstellung aus.

Eine weibliche Maride konnte pro Gelege bis zu vierzig Eier ablegen. 50-60% des Geleges war befruchtet. Die Jungen schlüpften nach einer Brutzeit von ungefähr dreißig Lemur-Tagen.

Die Religion und die Mentalität der Mariden verhinderte Geburtenkontrollen und Schutzmaßnahmen für die Planeten. War ein Planet „abgefressen“ und die Bodenschätze ausgebeutet, zogen die Bewohner weiter und eroberten sich neuen Lebensraum.

Bereits die Jungen wuchsen mit Krieg auf und wurden entsprechend ausgebildet.

Die Planeten, die sie ausgeplündert zurückließen, brauchten Jahrhunderte, um sich wieder zu erholen.

In einem nach Lemur-Zeitrechnung jahrzehntelangen Krieg gelang es der Allianz, die Mariden aus der Galaxis zu vertreiben – für einen sehr hohen Preis.

Viele Planeten wurden vernichtet, ihre Bewohner mussten fliehen. Diejenigen, die abgeschnitten zurückblieben, fielen zurück in die Primitivität und vergaßen ihr technischen Wissen und ihre sozialen Strukturen.

Im System der Sonne Lemur schlugen die Mariden unerbittlich zu, nachdem sie erkannt hatten, dass die Lemuren die technischen Führer des Widerstandes waren.

Der Hauptkontinent wurde vernichtet und versank in den Fluten der Meere. Sämtliche Kolonien und militärische Basen auf den anderen Planeten und Monden des Systems wurden zerstört, die Bewohner getötet.

Regierung und Flottenführung evakuierten so viele Lemuren wie möglich, zum Schluss reichten die Schiffe nicht mehr aus.

Die Zurückgebliebenen konnten das technische Wissen ihrer Vorfahren nicht über die Generationen retten, sondern fielen zurück auf die Entwicklungsstufe von Urmenschen.

Niemand erinnerte sich noch an das mächtige Sternenreich. Nur die Erinnerung an einen Kontinent der mächtigen Götter erhielt sich in ihrem Sagenschatz, mitsamt dem Namen: Lemur!

*

Die geretteten Lemuren flohen in die Nachbargalaxis Andromeda und siedelten auf geeigneten Sauerstoffplaneten. Mit den Völkern von Andromeda pflegten sie umfangreiche Handelsbeziehungen.

Sie vergaßen nichts von ihrer überragenden Technik und Wissenschaft und genauso wenig ihre Geschichte. Die Aufzeichnungen wurden als eine Art Heiligtum gehütet.

Die ersten Regierungen wollten weitere Verluste verhindern und verboten deshalb Expeditionen in die Milchstraße. Das wurde von Generation zu Generation als „festes Gesetz der Ahnen“ fortgeschrieben.

Fast vierzigtausend Lemur-Jahre, eine unvorstellbar lange Zeitspanne für lebende Intelligenzen und nur ein Lidschlag im Zeitlauf des Kosmos, fasste eine moderne Regierung den Entschluss, das Verbot aufzuheben.

Eine Forschungsexpedition startete zur alten Heimat.

Die Völker der alten Heimatgalaxis hatten sich inzwischen wieder von den Kriegsfolgen erholt. Sie trieben Handel miteinander und bekriegten sich, wie es schon zu uralten Zeiten war.

Aber niemand kannte den dritten Planeten der Sonne Lemur und ihre Bewohner.

Unter größter Vorsicht flog die Expedition die alte Heimat an. Sie fanden einen Planeten, dessen Bewohner erschreckend primitiv waren.

Der Expeditionsleiter ließ auf einem kleinen Kontinent, einer Landbrücke zwischen zwei großen Kontinenten, einen gut ausgerüsteten militärischen Stützpunkt zurück und ging auf Heimatkurs, um der Regierung Bericht zu erstatten.

Die Wissenschaftler rieten davon ab, direkten Kontakt zu den Nachkommen aufzunehmen. Sie sahen ein zu großes Risiko in dem dadurch ausgelösten Kulturschock.

Nach langen Beratungen wurde beschlossen, den Stützpunkt in der alten Heimat auszubauen und von dort aus die Entwicklung der neuen Lemuren vorsichtig zu fördern und zu lenken.

Der Kontinent bekam den Namen Atlantis.

Über Jahrhunderte schulten Wissenschaftler und Techniker die primitiven Menschen, gaben Impulse, versuchten Kriege zu verhindern.

Auf Anraten von Psychologen und Soziologen wurden persönliche Beziehungen verboten.

So gingen die Bewohner von Atlantis genau wie lange vorher die von Lemur als „mächtige Götter“ in den Sagenschatz der verschiedenen Völker ein. Niemand kannte die Götter, aber sie waren allgegenwärtig.

*

Keiner hatte mit einer Rückkehr der Mariden gerechnet!

Auch sie hatten ihre Geschichte nicht vergessen. Und sie kamen zurück, um gezielte Rache zu nehmen an den Lemuren! Ihr erster Angriff galt dem Lemur-System. Rücksichtslos wüteten sie zwischen den Planeten, obwohl sie erkannten, dass lediglich auf dem dritten Planeten primitive Intelligenzen lebten.

Der Stützpunkt auf Atlantis war hervorragend ausgerüstet. Trotzdem hatte er den weit überlegenen Streitkräften des Feindes nichts entgegenzusetzen.  

Hilfe aus Andromeda kam viel zu spät.

Der Kommandeur des Stützpunktes hatte nur eine Möglichkeit, eine Ansiedlung der Mariden auf dem Planeten zu verhindern. Er sprengte den Stützpunkt und den kompletten Kontinent.

Atlantis versank genau wie Lemur im Meer. Die Sprengung löste schwere Sturmfluten und Überschwemmungen auf dem gesamten Planeten aus.

Fast jedes Volk hat in seinen Sagen und Legenden Berichte über eine große Sintflut zu dieser Zeit.

Ein Teil der überlebenden Wissenschaftler, Techniker und Soldaten traf eine folgenschwere Entscheidung. Sie kehrten nicht nach Andromeda zurück, sondern siedelten auf dem einzigen Planeten eines Doppelsternsystems in 4,5 Lichtjahren Entfernung. Der Planet umkreiste seine Sonnen in etwa der gleichen Zeit wie der alte. Auch die Rotation war nahezu gleich.

Sie wollten bei zukünftigen Angriffen der Mariden mit ihrer gesamten Macht schnell eingreifen können.

Dank ihrer überlegenen Technik verbargen sie den Planeten von Anfang an hinter einem Schutzschirm, der zwar die Strahlen der Sonnen durchließ, aber ihn unsichtbar und auch nicht erkennbar für überlichtschnelle Ortungsgeräte machte.

In Andromeda wurde ihre Entscheidung nicht gebilligt, sie galten fortan als Abtrünnige.

Die „Abtrünnigen“ gründeten eine neue Zivilisation und nannten sich in Erinnerung an ihre Entscheidung Atlanter, ihren Planeten und die Sonnen Atlantis 1 und Atlantis 2.

Sie pflegten zwar Kontakte mit anderen Intelligenzen der Milchstraße, aber ihre Heimat blieb unbekannt. Die neu erlassenen Gesetze waren überaus streng. Jeder Verrat der galaktischen Position von Atlantis wurde mit dem Tod bestraft. Es war das einzige Delikt, für das die Todesstrafe vorgesehen war. 

Sie bauten eine neue Regierung auf, eine Mischung zwischen Adelsherrschaft, Fachministern und freien Wahlen. Das passive Wahlrecht konnten nur Atlanter erhalten, die aus einer adeligen Familie stammten und zusätzlich eine hochwertige wissenschaftliche oder technische Ausbildung nachweisen konnten.

Die Mitglieder des Atlantischen Rates, der Regierung, und das Regierungsoberhaupt, der Erste Rat, wurden in direkter Wahl vom Volk frei gewählt.

Die Mariden zogen weiter durch die Milchstraße. Es war der 2. Galaktische Krieg.

Einem Wissenschaftler der Mariden gelang der Entscheidungsschlag gegen die Unterdrücker.

Er veränderte die Strahlung von Sonnen so, dass die Eier der weiblichen Mariden unbefruchtet blieben. Sie legten leere Eihüllen ab.

Sonderkommandos manipulierten unter Einsatz ihres Lebens jede Sonne, auf deren Planeten die Mariden sich niederließen.

Nach einigen Jahren zogen die Mariden sich wieder zurück. Aber die Atlanter rechneten mit ihrer Rückkehr – und damit, dass deren Wissenschaftler eine Abwehr gegen das veränderte Strahlenspektrum entwickelten.

Die Atlanter gingen davon aus, dass die veränderte Strahlung nur auf die Gene der Mariden wirkten und manipulierten die Strahlung ihrer Sonne ebenfalls.

Die Atlanter veränderten sich entgegen der Prognosen genauso wie die Mariden. Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit sanken mit jeder Generation. Die Natur schaffte den Ausgleich, indem sie die Lebenswartung der Atlanter entsprechend verlängerte. Auch ihr Aussehen änderte sich.

Die Anpassung geschah sehr schnell. Von Generation zu Generation verlängerte sich die Lebenserwartung. Bereits die vierte Generation der Atlanter hatte eine Lebenserwartung von rund eintausend Jahren. Sie stieg mit jeder Generation.

Die verschiedenen Haut- und Haarfarben gab es nicht mehr. Die Haut der Atlanter war samtbraun, die Haare dick und tiefschwarz, der Körperbau in der Regel hochgewachsen und kräftig, ohne kompakt zu wirken.

Forschungen ergaben, dass genetisch gleiche Intelligenzen sich nur einige Wochen auf Atlantis aufhalten brauchten, um die Langlebigkeit zu erreichen.

Für die Wissenschaftler und die Regierung waren diese noch mehr Gründe, den Planeten geheimzuhalten.

***

2

Die Atlanter handelten schnell und konsequent, wie es ihre Art war.

Gleichzeitig mit der Besiedlung von Atlantis sorgen sie für die sichere Überwachung des alten Systems.

Das System verfügt über zwei Asteroidengürtel, einen zwischen dem vierten und fünften Planeten, der andere umkreist die Sonne jenseits der Bahn des achten Planeten.

In beiden Gürteln suchten sie sich geeignete Himmelskörper und bauten sie zu kosmischen Festungen aus. Entsprechende Schutzmaßnahmen verhinderten eine Entdeckung.

Im äußeren Asteroidengürtel wurde eine Flotte stationiert, die so schnell verstärkt wurde, wie die Verhältnisse auf Atlantis dies zuließen.

Sie erhielt den Namen „Wachflotte Alt-Atlantis“ und stand unter dem Kommando eines erfahrenen Admirals.

Nach langen Debatten in der Regierung wurde ein Drei-Stufen-Plan zum Wiederaufbau von Alt-Atlantis verabschiedet.

Die erste Stufe bestand weiterhin im Beobachten und Eingreifen nur im Notfall, auf den man nun bestens vorbereitet war. Kontakte zur Bevölkerung von Alt-Atlantis sollte es wie vorher nur vorsichtig und in Form einzelner Impulse geben.

Die zweite Stufe sollte beginnen, sobald aus eigener Kraft der Weg zu den Sternen beschritten wurde. In dieser Stufe würden die Atlanter persönlich eingreifen und den Fortschritt mit neuen Entwicklungen forcieren. Das bedeutete, dass sie unerkannt unter den Alt-Atlantern leben mussten.

Als dritte Stufe war der direkte Kontakt vorgesehen. Dafür war eine mehrheitliche Regierungsentscheidung erforderlich.

 

*

 

Mit dem Jahr 1961 irdischer Zeitrechnung begannen die ersten Menschen auf der Erde sich Terraner zu nennen und ihren Planeten Terra, die Sonne Sol und das System Solares System. Es waren Menschen, die sich sicher waren, dass sie nicht die einzigen intelligenten Lebewesen im Weltraum waren.

Für die Atlanter war die erste Erdumrundung in einer zerbrechlichen Kapsel der Anlass, die Stufe zwei ihres Langzeitplanes einzuleiten und die Bezeichnungen und die Zeitrechnung des Planeten Terra in ihren Wortschatz aufzunehmen.

Von nun an waren in jedem Team, das sich mit der Weltraumfahrt beschäftigte, Atlanter, die dank ihrer überlegenen Möglichkeiten unerkannt blieben.

Sie bekleideten die Posten von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern. Sogar einige Astronauten waren Atlanter.

 

***

 

3

 

2821 n.Chr. irdischer Zeitrechnung

 

Ramun musste sich erst wieder daran gewöhnen, mit seinem Namen angesprochen und mit den Ehrenbezeugungen seiner Heimat begrüßt zu werden.

Über Jahre war er daran gewöhnt, unter Terranern zu leben, als General Jonas Schneidereit der Leiter der Abteilung Raumaufklärung von Terra zu sein.

Das war vorbei. Er hoffte nur, dass er sein schnelles Verschwinden gut genug getarnt hatte. Die Terraner waren keine „Kinder“ mehr. Dazu hatten sie von ihm und seinen Vorgängern in den letzten achthundert Jahren zu viel gelernt.

Der Befehl von Admiralin Thetis von Zunten, der derzeitigen Kommandeurin der Wachflotte Alt-Atlantis hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht zur Erde zurückkehren würde. Er hatte sein dauerhaftes Verschwinden so schnell wie möglich zu inszenieren und sich anschließend unverzüglich auf ihrer Sternenfestung PLUTO zur weiteren Verwendung zu melden.

Ramun war besorgt. Er kannte die Admiralin nicht nur von seinen regelmäßigen persönlichen Berichten, sondern auch ihren Ruf.

Für Atlantis-Verhältnisse war sie noch sehr jung, gerade knapp über zweihundert Jahre alt, aber sie hatte ihr gesamtes Leben in der Flotte verbracht und die entsprechenden Erfahrungen gesammelt. Sie galt als mutig, risikobereit und eiskalt. Ihre Logik hatte ihr geholfen, eine Karriere zu machen, die auch in der aufgeschlossenen atlantischen Welt für eine Frau erstaunlich war, sogar wenn sie aus einer sehr einflussreichen adeligen Familie stammte.

Ihre Untergebenen liebten und fürchten sie zugleich. Sie ging an vorderster Front mit höchstem persönlichen Einsatz mit ihren Leuten durchs Feuer und achtete auf eine strenge, aber faire Befehlsstruktur.

Dazu gehörte sie zu den Verfechtern der Idee, sich den Terranern gegenüber zu offenbaren. Sie und andere rechneten jederzeit mit einer Rückkehr des alten Feindes.

Ihre Verbundenheit mit den Terranern drückte sie unter anderem dadurch aus, dass sie ihre Sternenfestung nach einem Zwergplaneten des Solaren Systems benannt hatte. Schon ihre Eltern hatten zu dieser Gruppe gehört und ihr den Namen einer altgriechischen Nymphe gegeben.

Ramun kannte Thetis gut genug, um zu wissen, dass die Admiralin sehr gewichtige Gründe für ihre Entscheidung haben musste.

Sie erwartete ihn zusammen mit hochrangigen Offizieren und Wissenschaftlern in einem kleinen Besprechungsraum, der durch einen Energieschirm von der übrigen Zentrale abgetrennt war.

Ramun neigte zur Begrüßung respektvoll den Kopf und legte die offene, rechte Handfläche auf sein Herz.

Thetis erwiderte die Geste lächelnd. Ramun sah sofort, dass ihr Lächeln angespannt wirkte.

Sie trug die Uniform der Atlantischen Flotte, die hellgraue Kombination betonte ihre Figur, und darüber die schwarze Uniformjacke mit den Rangabzeichen auf den Schultern. Ihre langen, dunklen Haare hatte sie zweckmäßig hochgesteckt. Er wusste, dass sie ungebändigt in einer lockeren Flut bis zu ihren Hüften reichten.

„Ich freue mich, dich so schnell hier zu sehen, Ramun. Hoffentlich hast du deinen Rückzug gut genug tarnen können.“

Ramun hob die Schultern. „General John Schneidereit hat einen Herzanfall erlitten. Für eine Wiederbelebung war es zu spät.“

Er grinste matt. „Manchmal kommt sogar die Medizin des 29. Jahrhunderts zu spät. Und da gemäß der Gesetze, die wir selbst forciert haben, eine Bestattung im Konverter innerhalb von drei Stunden nach dem eindeutig festgestellten Tod vorgeschrieben ist, hat General Schneidereit bzw. sein Robot-Double schon seine letzte Ruhe bekommen.“

Sie nickte ernst. „Seuchen oder große Friedhöfe kann sich bei der Bevölkerungsdichte der Erde niemand leisten. Die Erinnerung an einen Verstorbenen sollte ohnehin im Herzen sein.“

Mit einer Handbewegung deutete sie auf die Frauen und Männer, die sich zur Begrüßung ebenfalls kurz von ihren Plätzen an einem großen, runden Tisch erhoben hatten.

„Ich habe die komplette Flottenführung und den Wissenschaftlichen Stab sofort zur Besprechung geladen. Damit sparen wir Zeit. Bitte setzt euch.“

Sie wies Ramun einen Platz direkt an ihrer rechten Seite an.

„Die Anwesenden sind schon unterrichtet“, erklärte sie und wandte ihren Blick direkt auf ihn. „Der Grund, dass ich dich komplett von Terra zurückgerufen habe, ist, dass ich dich hier brauche, als direkten Verbindungsoffizier zu unseren Leuten, die auf der Erde bleiben.“

Ihr Gesicht wurde hart, verlor alles Weiche, Frauliche. Die tiefen grünen Augen strahlten die Kälte von klirrendem Eis aus.

„Die Mariden sind zurück.“

Ramun stöhnte laut auf. Kein Wunder, dass sie ihn vollständig von der Erde abgerufen hatte!

Sie fuhr fort, ohne ihm eine Gelegenheit zur Äußerung zu geben.

„Bisher sind es nur einzelne Schiffe, die unsere Erkundungsschiffe gesichtet haben. Sie scheinen etwas zu suchen und bewegen sich sehr vorsichtig durch die Galaxis.“

„Terra“, sagte ein hoher Offizier.

Thetis winkte ab. „Wir gehen davon aus, dass sie die Koordinaten nicht vergessen haben. Wenn sie dorthin wollten, würde sie das System direkt anfliegen.“

„Vielleicht ist ihnen die Terranische Föderation zu stark“, wandte ein anderer ein.

Thetis lächelte abfällig. „Wenn ihr Geheimdienst etwas taugt, wissen sie bereits, dass das Terranische Reich im Moment eine leichte Beute für sie ist.“

Ramun nickte bestätigend. „Die Terranische Föderation steht vor einem erneuten Krieg. Trotz aller Bemühungen scheint sich die Geschichte der Terraner immer zu wiederholen. Zwei Weltkriege mit Millionen von Toten vor dem Beginn der Weltraumfahrt, die mehr oder weniger zwangsweise Schaffung einer Weltregierung, ein Krieg zwischen der Mutterwelt und ihren Kolonien – und sie haben immer noch nichts daraus gelernt.“

Seine Stimme klang bitter und enttäuscht. Das war ein Punkt, bei dem er immer Bitterkeit empfinden würde – weil er nicht verstand, warum man aufhörte miteinander zu reden – und damit das Unheil seinen Lauf nahm.

Thetis machte eine Geste, die alle einbezog, die am Tisch saßen.

„Ich gehe davon aus, dass ihr unsere Geschichte kennt. Trotzdem bitte ich Ramun, uns noch einmal eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse auf Terra, die von uns teilweise stark vorangetrieben wurden, zu geben, damit sie allen gewärtig sind.“

Ramun erhob sich zu seinem kurzen Vortrag.

„Mit dem Jahr 1961, als der erste Mensch ins All flog, begann für uns die Stufe Zwei des Langzeitplans.

Wissenschaftler und Techniker griffen direkt ein. Bis heute ahnen die Terraner nichts davon, dass z.B. der erste Mensch, der den Mond betrat, ein Atlanter war.

Die politische Situation auf Terra erschwerte unsere Einflussnahme. Nach dem 2. Weltkrieg folgte ein sogenannter Kalter Krieg. Die Nationen der Erde belauerten sich gegenseitig, es wurde mit Atomwaffen gedroht, eine Machtdemonstration folgte auf die nächste. Die Situation glich einem antiken Pulverfass, das jederzeit hochgehen konnte.

Wir konnten die Menschen zum Abrüsten bewegen, langsam entspannte sich die Lage. In dieser Zeit trieben wir die Weltraumforschung voran.

Anfang des 21. Jahrhunderts eskalierte die Situation trotzdem. In vielen Ländern war Krieg, die Menschen flohen aus ihrer Heimat, nicht Hunderte, sondern Zehntausende. Die Flüchtlinge kamen in Länder mit völlig unterschiedlichen ethnischen und sozialen Strukturen. Die Kriminalität nahm immer mehr zu, die Regierungen wurden immer machtloser.

In den Vereinigten Staaten von Amerika, dem damals mächtigsten Land des Planeten, wurde ein Präsident gewählt, der mit der Verantwortung für weltumspannende Atomwaffen überfordert war.

2020 griffen wir ein. In allen wichtigen Ländern der Erde putschten gleichzeitig die Militärs. Innerhalb von zwei Tagen bildeten sie gemeinsam eine Weltregierung.“

Er lächelte versonnen. Die Zuhörer bewegten sich kaum, um kein Wort seines packenden Berichtes zu versäumen.

„Natürlich waren sämtliche Putschisten und die späteren Mitglieder der ersten Weltregierung Atlanter.

Die Historiker von Terra rätseln heute noch darüber, wieso zur gleichen Zeit in verschiedenen Ländern geputscht wurde und man sich danach so schnell auf eine Weltregierung einigte.“

Er lachte zynisch. „Natürlich haben wir dafür gesorgt, dass keine Zusammenhänge ermittelt werden konnten.

Mit der Übernahme der Regierung und der Lösung der irdischen Probleme beschleunigten wir die Raumfahrt.

Schnell wurden die Planeten des Systems erreicht und Kolonien gegründet. Damit und mit bestimmten Maßnahmen zur Geburtenkontrolle bekamen wir endlich die Überbevölkerung der Erde in den Griff.

Beim Aufbau der Raumflotte entschieden wir uns gegen Großraumschiffe und setzten auf Schnelligkeit und Beweglichkeit, damit die Entwicklung schneller voranging.

Die Raumschiffe Terras sind schnelle Raumkreuzer, diskusförmig, hundert Meter Durchmesser und vierzig Meter hoch.

Voll automatisiert, überlichtschnell gemäß unserem untersten Standard. Wir haben ein sehr altes Verfahren zur Serienreife entwickelt.“

„Sonst hättet ihr gegen die Gesetze verstoßen.“

Ramun ging nicht auf die Zwischenbemerkung ein, Thetis warf der Sprecherin einen verweisenden Blick zu.

„Bemannt mit jeweils acht militärischen Besatzungsmitgliedern und zwei wissenschaftlichen. Dreifach gestaffelte Schutzschirme, Offensiv- und Defensivbewaffnung ausreichend, um es mit einem kleinen Aufklärer der Mariden aufnehmen zu können.

Wir zogen uns stückchenweise aus der Weltregierung zurück. Heute wird sie alle zehn Jahre von den Bürgern des Terranischen Reiches direkt demokratisch gewählt.

Die Terranische Föderation beherrscht einen Bereich von rund hundert Lichtjahren um Terra herum.

Andere Intelligenzen haben sie bisher nicht gefunden. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie wirklich sehr weit abgelegenen vom galaktischen Geschehen sind, das sich nach wie vor hauptsächlich um das galaktische Zentrum herum konzentriert.

Wir können nur hoffen, dass diese Völker immer noch davon ausgehen, mit der Vernichtung des atlantischen Kontinents wäre es auf Terra insgesamt mit intelligentem Leben vorbei.“

„Was auch so wäre, wenn wir nicht aktiv eingegriffen hätten. Dann würden die Terraner immer noch in primitiven Raumkapseln zwischen Erde und Mond pendeln. In diesem Stadium sind sie für niemanden interessant genug, dass sich eine Expedition hierher lohnen würde.“

Thetis nickte Ramun zu, fortzufahren.

„Vor einigen Jahren erhoben sich die ersten Kolonien gegen ihre Mutterwelt. Es kam trotz aller Bemühungen um Frieden zu einem planetaren Krieg, den die Mutterwelt gewann. Die Bewohner der aufständischen Kolonien wurden zur Erde zurückgebracht und dafür andere zu den Kolonien, um keine neue Überbevölkerung auf der Erde auszulösen. Man schloss Frieden – erst einmal.

Der Frieden ist brüchig. Die Regierung und die militärische Führung rechnen jeden Tag mit einem offenen Aufstand einiger Kolonien. Man kann aber auch die dortigen Kolonisten nicht zur Erde zurück verbringen, weil man damit den Eindruck von Willkürakten erwecken würde.“

Er sah sich unter den Anwesenden um und schloss: „Deshalb ist die Terranische Föderation eine leichte Beute für die Mariden.“

Thetis ließ das Gesagte kurz wirken, dann erhob sie sich. Ramun hatte sich schon wieder auf seinen Platz gesetzt.

„Danke, Ramun“, sagte sie klar und fest. „Für mich ist eine Situation eingetreten, um dem Rat von Atlantis die sofortige Einleitung von Stufe drei zu empfehlen. Denn ich habe eine ganz bestimmte Vermutung, was die Mariden in der Milchstraße suchen und warum sie so darauf bedacht sind, sich nicht zu zeigen – noch nicht!“

Immer stärker spürte Ramun, dass sie etwas vorhatte und ihm dabei eine ganz besondere Rolle zugedacht.

Thetis fuhr mit emotionsloser Stimme fort: „Die Wissenschaftler der Mariden sind nicht dumm. Sie flohen damals aus der Galaxis, weil ihre Frauen nur noch unbefruchtete, leere Eier legten.

Einige unserer Wissenschaftler befürchten, dass die Nebenwirkung der zeugungs- und empfängnishemmenden Strahlung nicht nur bei uns, sondern auch bei ihnen eintritt. Wahrscheinlich sind die letzten Mariden, die aus den manipulierten Sonnensystemen geflohen sind, schon deutlich langlebiger gewesen.

Ich gehe davon aus, dass die Mariden genau wie wir an der Verwirklichung eines Langzeitplanes arbeiten.

Ihrer dürfte lauten: Erbeutung der Technik des Sonnenmanipulators.“

Erschrecktes Schweigen machte sich in der Runde breit.

Wenn Thetis und diese Wissenschaftler recht hatten …

Ramun mochte nicht daran denken, aber er zwang sich dazu. Er konnte und durfte den Tatsachen nicht ausweichen. Obwohl er mit 514 Jahren deutlich älter als Thetis war, erkannte er die Logik ihrer Vermutung an.

Thetis fuhr schon fort. Sie stand hoch aufgerichtet vor den Besprechungsteilnehmern. Ihre stolze Haltung verriet ihre Herkunft aus einer hoch gebildeten und einflussreichen Adelsfamilie und ihre eigene Führungskompetenz. Sie war die Admiralin und sie duldete keinen Widerspruch.

„Das heißt, wir werden nach Atlantis zurückkehren, sobald Admiral Jingon mit seiner Sternenfestung hier ist, um uns abzulösen. Ich habe bereits beim Rat um meine vorzeitige Ablösung gebeten, um die Situation direkt auf Atlantis zu erörtern. Dem wurde stattgegeben und Admiral Jingon wird innerhalb der nächsten zehn Tage hier eintreffen.“

Ihr Lächeln nahm eine bestimmte Form an, die Ramun sehr gut kannte. So lächelte sie immer, wenn man sich lieber nicht mit ihr anlegen sollte. 

„Vorher möchte ich hier noch etwas erledigen, um dem Rat nicht widerlegbare Argumente zu liefern. Dazu habe ich auch schon einen Plan.“

Thetis brauchte nur zehn Minuten, um ihren Plan konkret zu erläutern.

Danach herrschte einige Sekunden betretenes Schweigen.

Die Admiralin lächelte nicht mehr. „Geht nicht, gibt es nicht. Der Plan ist schwer durchführbar, aber wir werden es schaffen.“

Die Offizierin, die sich schon bei Ransums Vortrag negativ geäußert hatte, sagte kalt: „Damit verstößt du gegen die alten Gesetze. Du weißt, welche Strafe darauf steht.“

Thetis hielt ihrem Blick stand. „Die Todesstrafe“, gab sie ruhig zu. „Aber ich denke, dass der Rat mir in Anbetracht der Situation zustimmen wird. Auf jeden Fall trage ich die Verantwortung. Ihr könnt euch jederzeit auf meine Befehle berufen. Niemand wird euch belangen.“

Die Sprecherin holte tief Luft, dann senkte sie den Kopf und sagte nur: „Natürlich, Edle Dame.“

Ramun wusste nun ganz genau, warum Thetis ihn von der Erde geholt hatte in dieser überaus kritischen Situation. Sie brauchte ihn hier dringender.

„Hat noch jemand Einwände?“, fragte Thetis kalt in die Runde

Niemand meldete sich mehr zu Wort.

Ramun wusste, dass die Offizierin zu einer Gruppe gehörte, die im Atlantischen Rat völlig andere Ansichten wie die Regierungspartei vertrat. Hoffentlich kam es nicht noch zu weiteren Schwierigkeiten. Innere Zwistigkeiten waren das Letzte, was sie im Augenblick brauchten.

Thetis wandte sich an ihn und riss ihn aus seinen Gedanken.

„Nun brauchen wir nur noch einen unerschrockenen Raumoffizier der Terraner. Hast du einen Vorschlag?“

Ramun brauchte nicht zu überlegen.

„Oberst Patrick Ford. Der holt mit uns den Teufel aus der Hölle, wenn es sein muss – um mit einer terranischen Redewendung zu sprechen.“

Thetis lachte hell auf. „Mit dem Vorschlag hatte ich gerechnet. Er ist auch meine erste Wahl. Ich habe seinen Lebenslauf sehr genau studiert. Wird er den Schock überstehen – ich meine psychisch – außerirdischen Intelligenzen nicht nur zu begegnen, sondern auch einer von ihnen zu werden?“

Ramun blieb sehr ruhig. „Er wird es müssen. Es bleibt ihm nichts Anderes übrig, wenn er und sein Volk gegen die Mariden bestehen wollen.“

„Hoffen wir es. Das ist deine Aufgabe, Ramun. Du hast nicht viel Zeit, um einen bekannten Kriegshelden verschwinden zu lassen. Ein Herzanfall wäre bei ihm wohl sehr unglaubwürdig.“

Ramun lachte. „So gesund wie der ist, wohl kaum.“

Thetis nickte allen noch einmal zu, dann beendete sie die Sitzung.

„Na, der wird sich freuen, seinen Ausbilder und Vorgesetzten wieder zu sehen“, meinte Ramun im Rausgehen zu Thetis.

Sie lächelte so unergründlich, dass Ramun trotz seines viel höheren Lebensalters plötzlich sehr unruhig wurde.

 

*

 

20.6.16 21:22, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 01

Lockruf der Freihändler

Eine Raumschiffskommandantin
findet Heimat und Schicksal.

 

Hauptpersonen:

Michael Rhodan/Roi Danton: Der Sohn des Großadministrators lässt sich auf dem Weg zu seinem Ziel nicht aufhalten.

Major Beatrice Wood: Die USO-Kommandantin und Freundin von Roi muss eine schwere Entscheidung treffen.

Lordadmiral Atlan: Der Arkonide wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Oro Masut: Der ertrusische Edelmann wird Leibdiener und Leibwächter eines Fürsten.

Rasto Hims und Tusin Randta: Der Stellvertretende Kommandant und der 3. Offizier der FRANCIS DRAKE gehen für ihren Kommandanten durchs Feuer.

Captain Newton und Captain Masters: Der 1. und der 2. Offizier des USO-Schlachtkreuzers HATSCHEPSUT vertrauen ihrer Kommandantin

Spezialist Hagen, Winsow und Hart: Die USO-Spezialisten lernen, dass gerade „einfache“ Aufträge sehr schwierig sein können.

Suzan Betty Rhodan: Ihr Traum erfüllt sich.

Mory Rhodan-Abro: Die Frau von Perry Rhodan versteht ihre Kinder besser als ihr Mann.

Dr. Geoffry Abel Waringer: Der geniale Wissenschaftler ist in seinem Element.

Kaiser Lovely Boscyk: Er möchte sich zur Ruhe setzen.

Imman Coledo: Der Reeder macht das Geschäft seines Lebens.

Perry Rhodan: Als Vater hat er immer noch große Defizite.

Allan D. Mercant: Der Abwehrchef ist ratlos.

 

 

Teil 1

 

In der Enzyklopädie Terrania finden sich für die Jahre 2430 bis 2435 zahlreiche Berichte über die Kosmischen Freihändler. In diesen Jahren erlebte die Händlerorganisation, die nur aus Terranern bzw. von Terranern abstammenden Menschen bestand, ihren größten Aufschwung.

Ursprünglich war die Organisation von Lovely Boscyk gegründet worden, der sich in der Hierarchie der Freihändler als „Kaiser“ bezeichnete. Die Kapitäne der Handelsschiffe wurden „Fürsten“ genannt, die Offiziere „Edelleute“, die einfachen Besatzungsmitglieder „Bauern“.

Im Jahre 2415 kam es im Urbtriden-Sektor zu einer Raumschlacht zwischen den Freihändlern und den von den Arkoniden abstammenden Galaktischen Händlern, den Springern. Obwohl die Solare Flotte nicht eingriff, endete die Schlacht mit einer schweren Niederlage für die Springer. Dabei stellte sich heraus, dass die Raumschiffsbesatzungen der Freihandelsschiffe größtenteils aus hochqualifizierten Fachleuten bestanden, die den Vergleich mit ihren Kollegen bei der Solaren Flotte und der USO nicht zu fürchten brauchten.

Kaiser Boscyk interessierten die Gründe nicht, warum viele Freihändler ihre Fähigkeiten lieber in seinen Dienst als in den von Flotte oder USO stellten, solange sie sich an die Regeln seiner Organisation hielten.

Im Solaren Imperium galten sie als „suspekt“, weil sie sich bei vielen Geschäften gerade eben an der Grenze der Legalität bewegten. Es war ihnen aber nie konkret etwas nachzuweisen. Immer wieder schlüpften die „charmanten Gauner“ mit einem Lächeln durch die Maschen des Gesetzes.

Da Freihändler grundsätzlich Individualisten waren, ließen sie sich nur schwer führen. Ein Mensch, den alle als Befehlshaber akzeptierten, musste zwangsläufig über herausragende Führungsqualitäten verfügen.

Anfang 2430 wollte Kaiser Boscyk diese schwere Aufgabe in die Hände eines anderen legen und suchte einen geeigneten Partner.

Im gleichen Jahr stieß ein junger Mann zu den Freihändlern, der für Boscyk genau der Richtige war.

Der junge Mann, der sich offiziell Roi Danton nannte, gewann auf Anhieb das Vertrauen des Freihändlerbefehlshabers. Obwohl Roi seine komplette Umwelt mit schockierendem und unverschämten Benehmen verunsicherte, erkannten Boscyk und viele andere sofort, dass der unbekannte junge Mann nicht nur ein außergewöhnlich fähiger Kosmonaut und Hochenergie-Techniker war, sondern auch ein mitreißender Führer und ein geschickter Psychologe.

Nur sehr wenige wussten, wer Roi Danton wirklich war und woher er stammte. Lovely Boscyk gehörte zu diesen Wenigen. Niemand in der Führungsspitze des Solaren Imperiums kam auf die richtige Idee, obwohl es nur eines einzigen Gedankensprunges dazu bedurft hätte – man hätte einfach das Ende der Spur eines verschollenen jungen Mannes mit dem Anfang der Spur des jungen Roi Danton verknüpfen müssen!

Später schrieb man das dem Ehrgeiz und auch dem Trotz eines jungen Mannes zu, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität war und sich aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters lösen wollte …



Mai 2430

Lieber Vater,

wenn du diese Zeilen liest, dann bin ich schon viele Parsek von Terra fort und werde es auch für einige Zeit bleiben. Glaube mir, es schmerzt mich, auf diese unpersönliche und distanzierte Art und Weise von dir, meiner Familie und meinen Freunden Abschied zu nehmen. Aber ich habe Gründe dafür, Gründe, die du vielleicht verstehst, wenn ich sie dir erkläre. Bevor ich sie aufzähle, muss ich jedoch gestehen, dass ich Angst hatte, dir entgegenzutreten und dir meine Absichten zu erklären. Deshalb hauptsächlich entschloss ich mich, diesen Brief an dich zu schreiben. Ich zweifle keineswegs an der Notwendigkeit meines Vorhabens, ich traue mir auch zu, dir meine Gründe in einem Gespräch von Mann zu Mann plausibel darzulegen. Wenn ich dennoch davon Abstand nahm, dann deshalb, weil ich mich vor deinen Gegenargumenten fürchtete und mir vor deiner Überredungskunst bange war. Da mein Entschluss, deiner Obhut ein für allemal zu entsagen, schon seit geraumer Zeit feststeht, wollte ich das Risiko vermeiden, doch noch umgestimmt zu werden. Sicherlich verstehst du das, Dad.

Bestimmt verstehst du auch, warum ich von Zuhause fortgehe und irgendwo in der Galaxis untertauche. Ich muss mich endlich behaupten, ich muss lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Du wirst nun sagen, dass es mir nie an persönlicher Freiheit gefehlt hatte, dass du und Ma mir nie Autoritätspersonen wart, sondern treusorgende Eltern – und zwar im positiven Sinne. Dennoch fühlte ich mich eingeengt und konnte meine Persönlichkeit nicht entfalten. Das lag keineswegs an dir und Ma, sondern an dem Umstand, dass ich eben der Sohn des Großadministrators war. Vielleicht wäre alles gut gegangen, wenn man Vergleiche mit dem Großadministrator und mir als deinem Sohn gezogen hätte. Wenn man an mir kritisiert hätte und so eine Art Widerstand entstanden wäre. Aber ich wurde nicht angefeuert, mein Ehrgeiz wurde nie angestachelt. Ganz im Gegenteil, mein Ehrgeiz wurde eher unterdrückt, indem man mich mit Lob überhäufte, selbst wenn Kritik statthaft gewesen wäre. Auf mir lastete immer der Fluch, der Sohn des berühmtesten Mannes der Milchstraße zu sein. Bisher habe ich mich damit ganz gut abgefunden, glaube ich, aber jetzt kommt die Zeit, da ich mich entscheiden muss. Ich stehe an einem Scheideweg, entweder entschließe ich mich, einen gesicherten Posten innerhalb des Solaren Imperiums anzunehmen und in deinem Schatten zu stehen, oder aber, meinen eigenen Weg zu gehen und zu versuchen, es aus eigener Kraft zu etwas zu bringen. Ich habe den zweiten Weg gewählt.

Dieser Weg wird beschwerlich sein, ich werde viele Hürden nehmen müssen – und vielleicht kann ich sie nicht bewältigen. Das ist mir alles klar, denn ich habe lange über alles nachgedacht und ständig mit mir gerungen. Ich tat dies schon von dem Zeitpunkt an, da ich selbständig zu denken lernte. Schon damals wusste ich, dass ich etwas Entscheidendes tun musste, wenn ich nicht verkümmern wollte. Du siehst also, ein Entschluss, meinem früheren Leben den Rücken zu kehren, kommt nicht von ungefähr. Er ist nicht spontan in mir entstanden, sondern reiflich überlegt. Ich werde mich in die Anonymität zurückziehen und unter einem anderen Namen meinen Weg nach oben zu machen versuchen. Wenn ich nur einen Teil deiner Fähigkeiten geerbt habe, dann brauche ich mir um meine Zukunft keine Sorgen zu machen. Und das solltest du auch nicht tun.

Abschließend bitte ich dich, meine Handlungsweise zu verstehen. Ich weiß noch nicht genau, wie es weitergehen soll und was ich tun werde, aber eines ist sicher – ich werde dem Namen Rhodan keine Schande machen. Das verspreche ich.

Herzliche Grüße

Mike



1

Terrania-City,

Büro des Großadministrators,

Regelmäßige Führungsbesprechung

15. Oktober 2430, 10.00 Uhr


Ich vermute, es gibt schlechte Nachrichten.“

Perry Rhodan blickte sich im Kreis seiner Getreuen um, die sich um den großen Besprechungstisch in seinem Büro versammelt hatten. Die ernsten Gesichter rundherum verrieten ihm schon genug. Sein Gesicht war nach außen hin beherrscht, aber jeder der ihn kannte, merkte wie es in ihm brodelte – und diese Getreuen kannten ihn sehr genau, schon seit Jahrhunderten!

Reginald Bull, der Staatsmarschall des Solaren Imperiums, sein Stellvertreter, genannt Bully – mit hochroten Gesicht, die roten Haare standen in Form einer Bürste von seinem Kopf ab, ein sicheres Zeichen seiner Erregung; Solarmarschall Allan D. Mercant, der Chef der Solaren Abwehr – ein kleiner, unscheinbarer Mann mit schütterem Haarkranz, dessen Gesicht nichts von seinen Gefühlen verriet; Solarmarschall Homer G. Adams, der Finanzminister des Solaren Imperiums, klein, schmächtig, ein Finanzexperte, wie er seit Jahrhunderten nicht noch einmal geboren worden war mit ebenso ausdruckslosem Gesicht – sowie der Arkonide Atlan, Regierender Lordadmiral der USO, eines galaxisumspannenden Geheimdienstes, von dem sogar Solarmarschall Mercant zugab, im Vergleich schlechter abzuschneiden – er schaute Perry abwägend an, ohne sich zu äußern.

Keine Spur von Michael?“ fragte der weiter.

Kopfschütteln von allen Anwesenden antwortete ihm.

Mercant räusperte sich. „Ich beginne von vorne, Sir, damit wir alle noch einmal einen Gesamtüberblick bekommen. Die Spur Ihres Sohnes verliert sich im Prinzip schon hier auf dem Raumhafen. Michael ist am 19. Mai abends mit seiner eigenen Space-Jet vom Raumhafen Terrania-City gestartet. Er hat sich vorschriftsmäßig bei der Raumhafenkontrolle abgemeldet und als Ziel seines Fluges Ferrol im Wega-System angegeben. Nur ist er dort niemals angekommen. Es ist lediglich bekannt, dass er direkt nach Überfliegen der Terra-Luna-Sicherheitszone in den Linearraum ging und die Jet nirgends wieder auftauchte.“

Perry winkte ab. „Eine solche Jet kann doch nicht einfach verschwinden. Es ist das modernste Modell aus der aktuellen Flottenfertigung. Die fällt auf, wenn sie irgendwo landet.“

Er hatte seinem Sohn Michael diese Space-Jet persönlich geschenkt zu seinem mit hervorragenden Noten bestandenen Abschluss als Kosmonaut und Ingenieur für Hochenergie-Maschinenbau.

Wenn sie irgendwo auf einem Raumhafen aufgetaucht wäre, Sir, ja.“ Mercant hob hilflos die Hände. „Wir müssen davon ausgehen, dass Michael sich im freien Raum mit einem größeren Schiff getroffen hat und dieses die Jet aufgenommen.“

Er schaute resignierend in die Runde. „Ich gebe es sehr ungern zu, aber ich bin mit meinen Möglichkeiten am Ende. Was die Vermutung nahelegt, dass Michael sein ‚Verschwinden‘ von langer Hand geplant hatte.“

Es hörte sich endgültig an. Jeder erkannte, dass Allan D. Mercant nur auf Drängen des Großadministrators überhaupt eine Suche nach Michael Rhodan eingeleitet hatte, dass seine eigene Meinung wahrscheinlich etwas anders aussah.

Wir hätten dann wohl nur noch die Möglichkeit einer galaxisweiten Fahnung“, flüsterte Perry. „Das werde ich meinem Sohn niemals antun, öffentlich gesucht zu werden wie ein Verbrecher.“

Oh, schau an“, meldete Atlan sich zu Wort. „Das erste vernünftige Wort, das ich in dieser Angelegenheit höre.“

Perry warf ihm einen bitterbösen Blick zu.

Als nächster ergriff Reginald Bull das Wort.

Alle entsprechenden Suchmeldungen in der Presse blieben ebenfalls erfolglos. Einige vage Hinweise haben sich als nicht zutreffend erwiesen. Da waren wohl einige auf die ausgesetzte Belohnung aus.“

Über Monate nach seinem Verschwinden hatte Perry Rhodan versucht, den Sohn über Suchmeldungen in allen Medien zu finden. Das Bild von Michael war immer wieder in den Nachrichtensendungen aufgetaucht.

Die Bankgeschäfte von Michael aus den letzten Wochen und Monaten vor seinem Verschwinden haben auch keine Spur ergeben“, ergänzte Homer G. Adams.

Perrys Gesichtsausdruck wurden immer trauriger. Wenn ein Finanzexperte wie Adams sagte, er hätte keine Spuren finden können, dann musste er davon ausgehen, dass es auch keine gab.

Jeder wusste, wie Perry unter dem Verlust seines Sohnes litt. Er war der Meinung, dass Michael jede Freiheit gehabt hatte und auch weiterhin hätte haben können. Nur schwer konnte er verstehen, dass er selbst und sein Name es waren, was Michael immer bedrückte, seit frühester Kindheit kämpfte er gegen die Macht des Namens „Rhodan“, wie er sich selbst ausdrückte. Dabei wollte er nur er selbst sein, sich beweisen, dass er auch ohne den Vorteil dieses berühmten Namens etwas erreichen konnte.

Dann ist es an der Zeit, dass ich meine Karten auf den Tisch lege“, sagte Atlan leise und eindringlich. Alle Blicke wendeten sich ihm zu. Jeder wusste, dass Atlan eine Suche nach Michael durch Agenten seiner USO schlichtweg abgelehnt hatte.

Zuerst einmal möchte ich betonen, dass ich selbstverständlich auch nicht weiß, wo Michael ist, wie er sich jetzt nennt und was er macht.“

Perry unterbrach den Freund nicht. Er lauschte nur.

Allerdings habe ich mehr als alle hier Anwesenden geahnt.“ – Gespannte Aufmerksamkeit in allen Gesichtern, aber niemand sagte ein Wort.

Michael musste sich für die Mentalstabilisierung meine Genehmigung einholen – ohne sie wird niemand operiert. Er hat mir bei dem Gespräch ganz offen gesagt, dass er die Absicht habe, nach dem Ende seines Studiums von zu Hause wegzugehen und zu versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen. Natürlich habe ich versucht, ihn umzustimmen und ihn daran erinnert, dass innerhalb des Imperiums große Aufgaben auf ihn warten – aber er hatte seine Entscheidung schon getroffen und war nicht davon abzubringen.“

Man hätte in dem Raum eine Stecknadel fallen hören können, so still war es plötzlich. Niemand traute sich, Perry anzublicken, der den Arkoniden mit großen Augen musterte.

Du hast“, brachte er mühsam hervor, „gewusst, dass Mike sich absetzen will – und mir nichts davon gesagt?“ Anscheinend konnte er nicht glauben, was er gerade hörte.

Ja und?“, konterte Atlan. Was hättest du machen wollen, wenn ich es dir gesagt hätte? Du hättest ihn nicht aufhalten können. Außerdem wusste ich nur, dass er gehen wollte, aber nicht wann. Hättest du ihn einsperren wollen, Freund?“

Natürlich nicht. Aber ich hätte gerne noch einmal mit ihm geredet, versucht, ihn davon abzubringen.“

Genau das hat auch Michael befürchtet. Deshalb ist er einfach so gegangen und hat dir nur den Brief hinterlassen. Er hat darin doch geschrieben, dass er sich davor fürchtete, dass du ihn mit deiner Überredungskunst von seinen Plänen abbringen könntest.

Was wäre aus Mike geworden, wenn dir das gelungen wäre? Mit Sicherheit wäre er unglücklich geworden. Und möchtest du einen unglücklichen Sohn?“

Perry schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Aber er hätte doch zumindest noch einmal mit mir reden können.“

Genau das wollte er nicht, kleiner Barbar. Kannst du nicht mehr lesen? Wir alle verstehen dich und deine Gefühle. Aber wir sollten auch Michael verstehen. Ich habe ihm klar zu verstehen gegeben, dass ich seine Entscheidung nicht gut heiße, aber dass ich sie akzeptiere. Genauso sollten wir alle es halten. Und deshalb habe ich eine Beteiligung der USO an der Suchaktion abgelehnt.“

Der Arkonide blickte in die Runde. Die anderen Männer nickten bestätigend. Sogar der sonst so temperamentvolle Bully sparte sich den Kommentar.

Michael musste mir ein Versprechen geben“, fuhr Atlan fort. „Er musste mir bei allem, was ihm heilig ist schwören, niemals gegen die Menschheit zu arbeiten. Dieser Schwur reicht mir aus, auch heute noch.“

Atlan verschränkte die Hände vor der Brust und deutete damit an, dass er nichts weiter zu sagen hatte.

Mercant ergriff noch einmal das Wort. „Bitte, Sir, lassen Sie es ebenfalls dabei bewenden. Ich habe ein gutes Gefühl. Michael wird seinen Weg machen und wenn er wieder auftaucht, können Sie mit Sicherheit stolz auf ihn sein. Wir alle kennen den Jungen seit frühester Kindheit und wissen, wozu er fähig ist.“

Perry überlegte einen Moment, dann sagte er mit leiser Stimme: „Jedenfalls dürfte jetzt klar sein, warum er den Ausbildungslehrgang bei der USO vor zwei Jahren unbedingt machen wollte und auf der Mentalstabilisierung bestanden hat. Das gehörte alles zu seinen Vorbereitungen. Wann mag er sich zu diesem Schritt entschieden haben?“

Vermutlich schon vor einigen Jahren“, gab Atlan zu. „Wenn ich es jetzt überdenke, gab es genug Anzeichen, aber niemand von uns hat sie zur Kenntnis genommen. Das ist unser Fehler, wir haben deinen Sohn ganz gewaltig unterschätzt – sogar ich, obwohl ich sehr viel mit ihm zu tun hatte.“

Niemand sagte mehr etwas dazu. Eine Weile breitete sich Stille aus. Bis Perry Rhodan sich räusperte und meinte: „Also wenden wir uns dem aktuellen Tagesgeschäft zu.“ Jeder merkte, wie schwer ihm das fiel.

Allan D. Mercant sortierte einige Folien, die er vor sich liegen hatte.

Da wäre das Thema der Freihändler“, begann er.

Perry verzog missbilligend das Gesicht. Die Freihändler waren ihm schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Er, der immer nur das Wohl für „seine“ Menschheit im Auge hatte, befürchtete, dass die Freihändler vielleicht eines Tages zu einer Gefahr für diese Menschheit werden könnten, weil sie sich nicht in das Imperium eingliedern ließen. Mit Sorge sah er die Qualifikation ihrer Raumfahrer. Deshalb ließ er sie von der Abwehr „vorsichtig“ überwachen.

Lordadmiral Atlan sah das zwar nicht ganz so hart – er hatte im Prinzip nichts gegen eine vom Imperium unabhängige Händlerorganisation. Trotzdem war er vorsichtig und hatte genau wie die Abwehr zahlreiche USO-Spezialisten im Einsatz. Die Aktivitäten zwischen Abwehr und USO verliefen genau koordiniert. Sie hatten ihre Agenten auch in großen Firmen, die mit den Freihändlern sympathisierten, wie z.B. in der Großwerft des Reeders Imman Coledo. Der gehörte sogar zum privaten Bekanntenkreis der Familie Rhodan. Da er sich als Hobbypsychologe betätigte und ein sehr gutes Einfühlungsvermögen für Menschen besaß, hatte er bei so einigen Alleingängen von Michael Rhodan während dessen Jugendzeit positiv auf ihn einwirken können. Dafür war insbesondere Perry ihm sehr dankbar.

Obwohl er die Freihändler belieferte, bekam er auch Aufträge der Solaren Flotte. Coledo war dafür bekannt, dass er absolut loyal zum Solaren Imperium stand und Diskretion jedem Kunden gegenüber für ihn selbstverständlich war.

Berichten Sie bitte, Allan“, forderte Perry seinen Abwehrchef auf.

Imman Coledo hat im Moment große Sorgen mit einem Auftrag der Freihändler.“

Der Abwehrchef schien die Gedanken des Großadministrators geahnt zu haben.

In der Runde herrschte ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Freihändler waren in den letzten Monaten – eigentlich seit dem Sommer des Jahres – immer wieder ein Thema in ihren regelmäßigen Besprechungen.

Zum Glück weiß Coledo nichts davon, dass wir einige Agenten bei ihm haben.“ Mercant tauschte ein verschwörerisches Grinsen mit Atlan aus, der nur anzüglich lächelte. „Unter anderem sind sein Chefingenieur und seine persönliche Sekretärin Agenten von mir. Hin und wieder braucht auch ein Mann wie Mr. Coledo einen Menschen zum Reden. Er schätzt seine Sekretärin und vertraut ihr uneingeschränkt. - Jedenfalls hat er im Moment einen Großauftrag von den Freihändlern, 500 Schiffe der 200- und 500-Meter-Klasse, alles Standardanfertigungen.“

Niemand unterbrach den Abwehrchef bei seinem Bericht.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Umfang des Auftrages. Das würde mit den uns bekannten Zahlen die Flotte der Freihändler auf einen Schlag auf ca. 1.500 Schiffe erhöhen. Zahlungsschwierigkeiten sind nicht zu erwarten, die Schiffe sind schon zur Hälfte bezahlt worden. Die normalen Konditionen von Coledo für private Handelsgesellschaften: die Hälfte bei Auftragserteilung, die andere Hälfte bei Übernahme der Schiffe. Das Geschäft ist wie üblich über die bekannten Konten der Freihändler abgewickelt worden.“

An dieser Stelle hakte Homer G. Adams ein, mit einem Gesicht, als ob er auf eine Zitrone gebissen habe. „Leider muss ich diesmal einen Misserfolg gestehen, Sir.“ Er schluckte hart, weil ihn das persönlich in seiner Ehre traf. „Ein Teil der Gelder stammt aus den bekannten Rücklagen der Freihändler und aus den an die Organisation abgeführten Gewinnprozenten der Kapitäne. Der restliche Teil stammt anscheinend aus großzügigen Sponsorengeldern unbekannter Herkunft. Es ist nicht zurückzuverfolgen. Hier waren absolute Profis am Werk. Das lässt aus meiner Sicht nur den Schluss zu, dass die Freihändler Unterstützung von einflussreicher Seite erhalten haben. – Es tut mir sehr leid, Sir.“

Bullys Gesicht wurde noch roter, Perry riss die Augen weit auf und Atlans rotgoldene Arkonidenaugen begannen zu tränen, bei ihm ein Zeichen hochgradiger Erregung.

Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, Homer“, beruhigte Perry den Finanzchef. „Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken befassen, dass es inzwischen einflussreiche Menschen gibt, die die Freihändler unterstützen – oder sogar andere Völker.“

Atlan schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Wenn die Freihändler mit anderen Völkern sympathisieren würden, wären diese auch an Bord ihrer Schiffe vertreten. Dort gibt es aber nur Terraner und terranische Kolonisten. Das konnten wir inzwischen eindeutig feststellen.“

Mercant fuhr ungerührt fort: „Ablieferungstermin für die Schiffe ist im Februar nächsten Jahres – bis auf eines. Das bereitet Coledo so große Sorgen, er soll es nämlich schon in drei Wochen fertig haben – eine Sonderanfertigung. Kugelzelle von 850 Metern Durchmesser mit einigen zusätzlichen Beibooten, alles im erlaubten Rahmen. Die Konstruktionspläne wurden mit der Auftragserteilung geliefert. Nach Ansicht des Chefingenieurs sind das exakt ausgearbeitete Pläne, wie sie von unseren Ingenieuren nicht besser entwickelt werden könnten.

Mit der Auftragserteilung wurde Coledo von Kaiser Boscyk davon unterrichtet, dass zukünftig nicht mehr er selbst sein Ansprechpartner bei den Freihändlern wäre, sondern sein neuer Stellvertreter, ein gewisser Fürst Roi Danton. Er selbst würde sich in Zukunft mehr repräsentativen Aufgaben zuwenden, was immer das auch heißen mag.

Für Fürst Danton persönlich ist auch das Schiff mit der 850-Meter-Zelle. Er holt es mit einer kleinen Überführungsmannschaft ab. Coledo hat den Termin unbedingt zu halten, weil Danton das Schiff braucht. Erforderliche Überstunden würden von Danton mit den tariflichen Zuschlägen vergütet.

Der Reeder kennt diesen neuen Fürsten bisher auch nicht. Daher war er natürlich neugierig und hat Boscyk nach ihm ausgefragt. Demnach soll Roi Danton Mitte zwanzig sein, nach Meinung von Boscyk außergewöhnlich talentiert. Sonst hätte er ihn nicht zu seinem Stellvertreter gemacht, obwohl er erst seit ein paar Monaten bei den Freihändlern ist. Zusätzlich hat er Coledo noch gewarnt. Der soll sich nicht schockieren lassen von Danton, weil dieser Fürst ein geradezu unmögliches und sogar unverschämtes Benehmen an den Tag legen soll.“

Mercant beendete seinen Vortrag und blickte sich in dem kleinen Kreis um. Atlan ergriff zuerst das Wort. Ihm, der die Geschichte Terras kannte wie kein zweiter, war sofort etwas aufgefallen.

Dieser Fürst Danton scheint eine ganz besondere Beziehung zur terranischen Frühgeschichte zu haben.“

Perry lächelte. Er hatte eine Idee, worauf sein Freund hinaus wollte.

Sein Vorname“, fuhr Atlan fort“, „heißt aus dem Französischen übersetzt nichts anderes als ‚König’ und sein Name Danton ist der Name eines französischen Revolutionärs, der später selbst ein Opfer der eigenen Revolution wurde. Man sagte damals: ‚Die Revolution frisst ihre Kinder.’ Ich habe es dank meiner technischen Möglichkeiten in diesen Jahren geschafft, viele Adlige vor dem Terror zu retten und außer Landes zu bringen.“ Er lächelte versonnen vor sich hin.

Könnte es sein, dass Danton von Anfang an vorhatte, in die Führungsspitze der Freihändler einzudringen?“, fragte Bully. „Wenn man sich gleich mit dem Namen ‚König’ einführt, liegt das doch nahe.“

Mercant nickte. „Ich halte es durchaus für möglich. Bisher wissen wir über Fürst Danton allerdings gar nichts, wir haben noch nicht einmal einen Ansatzpunkt. Deshalb schlage ich vor, dass wir den Besuch von Danton bei Coledo abwarten. Danach wissen wir mehr, um die nötigen Entscheidungen treffen zu können.“

Wir werden uns auf jeden Fall noch näher mit Danton zu befassen haben“, ergänzte Atlan. „Allem Anschein nach ist er aus dem Nichts aufgetaucht mit ein paar beachtlichen Trümpfen im Ärmel. Ich vermute, dass die so plötzlich aus dem Nichts aufgetauchten Sponsorengelder mit ihm zu tun haben. Die Freihändler werden augenblicklich von einflussreichen Leuten unterstützt, und ich wüsste gerne von wem.“

Dazu gab es nichts mehr zu ergänzen und kurze Zeit später lief die gewaltige Maschinerie von Abwehr und USO an und verschlang beachtliche Kosten. Das alles wäre unnötig gewesen, wenn nur einer der führenden Männer auf eine einzige Idee gekommen wäre …


**********


Zur gleichen Zeit:

Der Zentralplanet der Freihändler war von seinem Entdecker Lovely Boscyk Olymp genannt worden und umlief als zweiter Planet die blass rote Zwergsonne Boscyks Stern. Die Entfernung zur Erde betrug 6.300 Lichtjahre.

Trade-City war die einzige Stadt, die die Freihändler auf dem Planeten errichtet hatten. Ansonsten war der Planet in seinem Urzustand mit ausgedehnter Dschungelvegetation belassen worden.

In einem kleinen Büro im Verwaltungsgebäude des Raumhafens saßen sich zwei Männer gegenüber und schauten aus dem Fenster zu, wie gerade ein 500-Meter-Raumer der Freihändlerflotte landete.

Da sind sie“, meinte der ältere der beiden, ein ca. 50-jähriger Mann. „Meine CHRISTOPH KOLUMBUS. Das war ihr letzter Flug in meinem Auftrag. Ein schönes Schiff mit einer zuverlässigen Mannschaft.“

Kaiser Lovely Boscyk, der Gründer und Befehlshaber der Freihändler war ein großer, kräftiger Mann mit ausdrucksvollem Gesicht. Gekleidet war er nach der Tradition der Freihändler in ein historisches Kostüm. Er sah aus, als ob er der wilden Seefahrerepoche der englischen Königin Elizabeth I. entsprungen war. „Es reicht jetzt für mich. Ich habe den Raum genug durchstreift auf der Jagd nach Geschäften. Nun möchte ich mich nur noch den repräsentativen Aufgaben widmen und ansonsten meinen Liebhabereien leben. Seitdem meine Frau Doora nicht mehr lebt, macht mir das Händlerleben nicht mehr die Freude wie früher. Es wird Zeit, dass du die Zügel übernimmst, Mike.“

Sein Gegenüber, ein junger Mann mit schulterlangem schwarzem Lockenhaar, nickte. Er heute nicht sein Kostüm, das ihn innerhalb von ein paar Monaten als Roi Danton bekannt und auch berüchtigt gemacht hatte.

Unter seiner einfachen dunkelblauen Kombination zeichnete sich eine durchtrainierte Muskulatur ab, die Körperhaltung war straff und kontrolliert. Sein Gesicht wirkte offen und ehrlich und war auf männliche Art und Weise hübsch, am auffälligsten waren die ausdrucksvollen nachtblauen Augen.

Pass auf dich auf, Lovely. Er hat noch niemandem gut getan, sich völlig zurückzuziehen und nichts mehr zu tun. Ich möchte nicht erleben, dass du krank wirst.“

Boscyk lächelte. „Danke, deine Sorge tut mir gut, aber sei sicher, ich weiß, was ich tue. Mein Leben wird nicht leer sein, es gibt genug repräsentative Aufgaben für mich. Ich möchte lediglich die Verantwortung auf die Schultern eines Jüngeren legen. Und mit dir habe ich den Richtigen dafür gefunden.“

Jetzt lächelte auch der junge Mann. „Danke für dein Vertrauen und dafür, dass du immer versucht hast, mir den Vater zu ersetzen, ohne dich aufzudrängen.“

Boscyk musterte sein Gegenüber mit warmen Blicken. Er schätzte den jungen Mann und er war ihm lieb geworden wie ein eigener Sohn, den er nicht hatte.

Ich habe nur versucht, mich in deinen Vater hineinzuversetzen, wie er sich fühlen muss, weil ihm der einzige Sohn davongelaufen ist.“

Das versuche ich auch – aber ich darf meine Ziele nicht aus den Augen verlieren, sonst hätte ich gleich zu Hause bleiben können.“

Bei diesen Worten verhärtete sich das Gesicht des Mannes.

Ja“, Boscyck seufzte. „Willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen und zumindest den Beiräten gegenüber deine wahre Identität offenbaren? Du hättest es dann sehr viel leichter.“

Nein“, kam es eiskalt zurück. Die Beiräte waren von Anfang an ein Problem für ihn gewesen. Sie hatten bisher unter der Regie von Kaiser Boscyk die Freihändler geführt – bis er im Mai „aus dem Nichts“ aufgetaucht war und dem Kaiser einen Fünfjahres-Plan zur Reorganisation der Freihändler vorgelegt hatte, der diese nach dem Solaren Imperium zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Galaxis machen sollte. Boscyk hatte ihn sofort angenommen hatte, weil er keine Fragen offen ließ. Die Beiräte sahen mit diesem Plan ihren Einfluss schwinden und misstrauten dem jungen Mann, von dem niemand wusste, wer er wirklich war.

Sicherlich könnte ich es dann leichter haben, aber dann würde ich schon zu Anfang gleich gegen meine Prinzipien verstoßen, es allein ohne die Zauberwirkung des Namens Rhodan zu schaffen. Außerdem möchte ich nicht das geringste Risiko eingehen. Nicht, dass ich glaube, die Beiräte würden mich bewusst verraten, aber wie leicht kommt es zu Versprechern oder ähnlichem. Je weniger davon wissen, dass ich der Sohn Perry Rhodans bin, desto besser.“

Boscyk nickte versonnen. „Mir hast du dich gleich anvertraut …“

Michael Rhodan lachte ihn offen an. „Vertrauen gegen Vertrauen. Du hast mir auch gleich vertraut und den Plan angenommen.“

Ein leicht wehmütiges Gefühl beschlich ihn. Freifahrerromantik - charmante Gauner – ein freies, abenteuerliches Leben – die ersten Illusionen aus seiner Jugend hatte er schon begraben müssen. Die Führung der Freihändler, die Beiräte – das waren knallharte Wirtschaftsbosse, die teilweise skrupellos handelten. Genau das wollte Michael ändern. Geschäfte unter der Prämisse „Glasperlen für Howalgonium“ würde es bei ihm nicht mehr geben. Er würde darauf achten, dass auch auf Primitivplaneten die Einwohner nicht mehr von den Freihändlern übervorteilt und mit Würde und Respekt behandelt wurden.

Du willst mir also tatsächlich deine Mannschaft und dein Schiff anvertrauen?“

Boscyk zuckte nur die Schultern. „Befehlen kann ich es ihnen natürlich nicht. Aber sie müssten sich sonst entweder zur Ruhe setzen oder mit anderen Fürsten fliegen. Ich werde ihnen vorschlagen, zukünftig mit dir zu fliegen und denke, dass alle annehmen werden, schon weil sie dann zusammenbleiben können. Du bist für sie der Garant für Gewinne und Abenteuer – genau das, was sie wollen. Mit den 300 Besatzungsmitgliedern hast du den Kern für eine hervorragende Mannschaft. Den Rest wirst du dir selbst besorgen müssen. Wie wirst du jetzt weiter vorgehen?“

Zuerst einmal wie vorgesehen zusammen mit dir das Gespräch mit den Edelmännern deiner Mannschaft führen. Dann werden wir ja sehen, wie viele mir folgen.“

Alle.“

Warten wir es ab.“ Michael war Realist und wollte nicht vorgreifen. „Wenn mir alle oder der größte Teil folgen, werde ich in drei Wochen mit der CHRISTOPH KOLUMBUS zur Erde fliegen, um bei Imman Coledo mein neues Schiff abzuholen.“

Wenn er es fertig hat.“

Er hat. Ich kenne Mr. Coledo persönlich. Er wird rund um die Uhr arbeiten lassen. Ich brauche das Schiff zum Termin, weil auch ich einen Termin einhalten muss. Im freien Raum wird das Schiff von einer Werftbesatzung übernommen und die KOLUMBUS und die Mannschaft kehren nach Olymp zurück. Das neue Schiff wird auf einem bestimmten Planeten mit Transformkanonen, HÜ-Schirmen und anderen netten Dingen nachgerüstet.

Ich fliege von dort nach Plophos und komme nach der Hochzeit meiner Schwester hierher.

Das neue Schiff wird Anfang des nächsten Jahres fertig aufgerüstet sein. Solange soll die KOLUMBUS das Flaggschiff der Freihändlerflotte sein.“

Boscyk wusste, dass Michael auch vor ihm gewisse Geheimnisse für sich behielt. Deshalb fragte er nicht näher nach den Transformkanonen und den Umständen der Nachrüstung.

Riskierst du nicht, dabei auf deinen Vater oder Atlan zu treffen?“

Nein.“ Michaels Stimme war die Bitterkeit deutlich anzuhören. „Mein Vater verweigert weiterhin die Einwilligung zur Ehe meiner Schwester mit Dr. Geoffry Abel Waringer. Er mag ihn nicht und hält ihn für einen Phantasten. In meinen Augen ist er ein hyperphysikalisches Genie.“

Der dein Schiff nachrüstet“, kombinierte Boscyk. Michael schaute angelegentlich zur Decke und ging nicht auf die Bemerkung ein. Boscyk grinste. Schließlich konnte er denken und die Kombination lag nahe.

Das Risiko muss ich eingehen“, fuhr Michael fort, als ob er den Einwurf nicht gehört hätte. Auf jeden Fall werde ich Plophos nicht als Michael Rhodan anfliegen sondern als Freihändler Roi Danton. Da Vater die Einwilligung verweigert, heiratet sie in aller Stille. Nur Mutter weiß davon, sie wird es Vater mit Sicherheit nicht verraten.“

Eine schwere Situation für deine Mutter. So weit ich weiß, liebt sie deinen Vater abgöttisch und muss nun einen Drahtseilakt zwischen ihm und ihren Kindern vollbringen.“

Seine Schuld“, wehrte Michael ungewöhnlich hart ab. „Ohne seine verdammte Sturheit wäre alles sehr viel einfacher. Er ist es, der Mutter weh tut, nicht wir.“

Boscyk stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wenn du mich brauchst, bin ich immer für dich da Mike. Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du einen Rat brauchst.“

Das weiß ich zu schätzen, Lovely.“

Er straffte sich und stand auf. „Aber nun lass uns nicht wehmütig werden, wir haben anderes zu tun“, schüttelte er den Anflug der Traurigkeit ab. „Wann werden wir an Bord der KOLUMBUS erwartet?“

Sobald wir wollen. Ich habe den Stellvertretenden Kommandanten Rasto Hims wissen lassen, dass die Mannschaft an Bord bleiben und die Edelmänner sich gleich nach der Landung in der Zentrale einfinden sollen, weil ich sie mit meinem Stellvertreter aufsuchen werde. Bisher wissen sie noch nichts davon, dass das der letzte Flug der KOLUMBUS für mich war.“

Dann sollten wir es nicht länger hinausschieben.

Boscyk musterte Michael eingehend. Er befürwortete seine Entscheidung, den Männern beim ersten Kennenlernen nicht im Kostüm des Stutzers Roi Danton gegenüberzutreten, sondern so wie er war. Die Männer mussten eine Chance haben, ihn richtig einzuschätzen. Umso leichter würden sie später mitziehen, wenn er im Kostüm und mit seinem unmöglichen Benehmen, auf dem der Großteil seiner Tarnung beruhte, offiziell anderen gegenüber auftrat.

Hast du schon einen Namen für dein neues Schiff?“

Ja, FRANCIS DRAKE, nach dem Piraten einer großartigen terranischen Königin des vorkosmischen Zeitalters.“

 

**********

Michael Rhodan alias Roi Danton war genauso fasziniert wie schockiert, als er an der Seite von Kaiser Boscyk die CHRISTOPH KOLUMBUS betrat. Fasziniert war er von der Herzlichkeit, mit der die Freihändler ihren Kaiser begrüßten. Es war sofort zu merken, dass sie alle gerne für ihn flogen. Schockiert war er dagegen über die Disziplinlosigkeit, die überall herrschte.

Dass die Freihändler es mit der Disziplin nicht so streng nahmen wie es in der Flotte und der USO üblich war, wusste er schon länger. Das hatte ihn in früheren Jahren so sehr fasziniert. Inzwischen war er älter, hatte eine sehr gute und sehr harte militärische Ausbildung durchlaufen und sah gewisse Dinge anders als ein romantischer und abenteuerlustiger Jugendlicher. Abenteuerlustig, draufgängerisch und mit sehr großem persönlichem Mut ausgestattet war er immer noch. Er beabsichtigte nicht, die strenge Disziplin der Flotte auf den Schiffen der Freihändler einzuführen. Aber es gab auch für ihn Grenzen, auf deren Einhaltung er bestehen musste, wenn er Erfolg haben wollte. Dazu gehörte, dass gefährliche Nachlässigkeiten wie das Herumstehen von aktivierten Arbeitsrobotern im Weg genauso unterblieben wie ein Herumlungern auf den Gängen des Schiffes, dafür gab es die vorgesehenen Freizeitbereiche.

Was habe ich erwartet?, fragte er sich selbst. Die Freihändler sind ein undisziplinierter Haufen. Sie sind nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl zu führen. Also dann …

In der Zentrale wurden sie von den Edelmännern des Schiffes erwartet. Einer sah wilder aus als der andere, und niemand schien es für erforderlich zu halten, bei ihrem Eintritt aufzustehen. Roi dachte amüsiert daran, wie wohl manche Kommandanten der Flotte auf ein derartiges Benehmen reagieren würden.

Er sah sich kurz in der Zentrale um. Sie hatte die auf Handelsschiffen übliche Aufteilung und die entsprechenden Instrumente. Das würde sich in Zukunft ändern. Die neuen Schiffe, die auf der Coledo-Werft gebaut wurden, bekamen kriegsschiffsmäßige Ortungs- und Funkanlagen, allerdings keine Transformkanonen und HÜ-Projektoren. Die sah sein Plan nur für sein eigenes Schiff vor. Er war kein Verräter am Solaren Imperium, wollte ebenso die Freihändler nicht gefährden. Transformkanonen und HÜ-Schirme waren für alle Raumschiffe außerhalb von Flotte und USO streng verboten. Ein Kapitän, der damit angetroffen wurde, riskierte eine mehrjährige Haftstrafe. Das Solare Imperium verstand keinen Spaß, wenn Privatleute mit seinen mächtigsten Waffen durchs All flogen.

Der Stellvertretende Kommandant der KOLUMBUS, ein umweltangepasster Epsaler, nur 1,60 Meter hoch, aber ebenso breit gebaut, grinste seinen Kommandanten und Kaiser breit an und bot mit einer einladenden Geste Plätze für ihn und Roi an.

Während Hims dem Kaiser Bericht erstattete über ihren Flug, blickte Roi sich unauffällig um. Niemandem fielen seine prüfenden Blicke auf. Alle waren mit Boscyk beschäftigt. Blitzschnell hatte Roi sich seine Taktik für das kommende Gespräch zurechtgelegt. Ihm fiel sofort auf, dass der Bericht von Hims sachlich fundiert und ohne Ausschweifungen vorgetragen wurde. Der Mann schien seine Sache zu verstehen.

Den angebotenen Kaffee nahm Roi gerne an, den dazu gereichten Rum lehnte er mit einem Stirnrunzeln ab. Erstens machte er sich nicht viel aus Alkohol, zweitens war Alkohol im Dienst für ihn nicht tolerabel.

Nachdem Hims seinen Bericht beendet hatte, tauschte Boscyk einen kurzen Blick mit Roi.

Danke für den Bericht, Edelmann Hims. Ich habe eine wichtige Neuigkeit für Sie. Wie Sie bereits wissen, trage ich mich schon länger mit dem Gedanken, mich ins Privatleben zurückzuziehen, sobald ich einen geeigneten Nachfolger gefunden habe. Diesen Nachfolger sehen Sie hier neben mir, Roi Danton.“

Die Edelmänner, die bisher auf ihren Sitzen lümmelten, setzten sich gerade hin. Sie kannten Roi Danton bereits vom Sehen. Näheres wussten sie aber nicht über ihn - nur, dass seine Herkunft im Dunkeln lag und er es geschafft hatte, das schon sprichwörtliche Misstrauen ihres Kaisers auf Anhieb auszuräumen. Bisher hatten sie allerdings nichts mit ihm zu tun gehabt. Das schien nun vorbei zu sein.

Boscyk entging die Reaktion seiner Männer nicht.

Für Sie heißt das, dass die CHRISTOPH KOLUMBUS an Roi Danton übergeht, mit allen Rechten und Pflichten. Ob Sie unter Fürst Danton weiterfliegen, sich bei anderen Fürsten verdingen oder zur Ruhe setzen, bleibt Ihnen überlassen. Auf jeden Fall danke ich Ihnen für die schönen Jahre, die wir zusammen im Weltraum verbracht haben.“

Seiner Eröffnung folgte totale Stille. Niemand sagte etwas, dann stand Hims auf, ging zu Boscyk und gab ihm schweigend die Hand. Roi meinte, in seinen Augenwinkeln den Anflug von Tränen zu erkennen.

Einer nach dem anderen folgte dem Stellvertretenden Kommandanten. Kein Wort fiel dabei, aber Roi spürte die sondierenden Blicke der Männer wie Nadelstiche. Von ihrem ungehörigen Benehmen ließ er sich nicht täuschen. Sein Urteil stand fest. Er hatte es hier mit Fachmännern ersten Ranges zu tun, die bisher auf den Kaiser eingeschworen waren. Wenn er sie für sich gewinnen konnte, hatte er den Stamm einer Elitemannschaft. Misslang ihm das, würden sie ihm das Leben höllisch schwer machen. Er musste gleich von Anfang an für Tatsachen sorgen und diejenigen aussortieren, die nicht hundertprozentig zu ihm standen.

Boscyk war die Rührung ebenso anzumerken wie seinen Männern. Roi störte sie nicht, sondern beobachtete nur interessiert. Ihm entging keine Kleinigkeit.

Als alle wieder saßen, begann Roi. Er stand auf, damit ihn alle besser sehen konnten. Dabei bemerkte er, dass besonders Rasto Hims ihn abschätzend musterte. Der Stellvertretende Kommandant schien seine Stellung nicht nur dem Namen nach zu haben, die anderen Männer hielten sich zurück und überließen ihm den Vortritt.

Sie haben den Kaiser gehört. Dem schließe ich mich an. Sie alle und jeder Bauer sollen frei entscheiden, ob Sie mit mir fliegen wollen oder nicht. Da ich von Kaiser Boscyk vernommen habe, dass Sie eine aufeinander eingespielte Mannschaft sind, würde ich Sie gerne alle unter meinem Kommando sehen – aber es ist Ihre eigene Entscheidung.“

Er machte eine wohlüberlegte Pause und wartete die Reaktion der Edelmänner ab.

Was bieten Sie uns, Kommandant, und vor allen Dingen, was erwarten Sie von uns?“ Rasto Hims brachte die wichtigen Fragen direkt auf den Punkt. Sein Blick hielt dem der nachtblauen Augen Rois stand. Der hatte bewusst darauf verzichtet, seine auffälligen Augen durch farbige Kontaktlinsen zu verstecken, sondern nur seine von Natur aus rotblonden Haare schwarz gefärbt und sie bis auf die Schultern wachsen lassen. Er war sich bewusst, dass seine Augen ihn verraten konnten, aber nur an diejenigen, die ihn sehr genau kannten und ihm nahe gekommen waren. Und diese Gefahr bestand bei den Freihändlern nicht. Er wollte den direkten Augenkontakt zu seinem Gegenüber, nicht getrübt durch farbige Linsen.

Wenn er, wie er hoffte, den ersten Kontakt zu seinem Vater, Atlan oder anderen führenden Männern des Solaren Imperiums noch ein paar Jahre hinauszögern konnte, hatte seine Position sich bis dahin gefestigt und er hatte sich seinen eigenen Ruf aufgebaut. Dadurch würde die Gefahr eines Querdenkens von Roi Danton auf Michael Rhodan automatisch abnehmen.

Das ist schnell gesagt: abwechslungsreiche Reisen, abenteuerliches Freihändlerleben und gute Gewinnbeteiligungen. Dazu einen Kommandanten, der immer hinter ihnen steht. Genauso erwarte ich, dass Sie hinter mir stehen, egal ob wir auf Handelsreisen gehen oder in einen Kampfeinsatz fliegen.

Dazu werftneues Kriegsschiff, das die stärksten Schiffe der Solaren Flotte in den Schatten stellen wird.“

Die Männer merkten auf. Besonders Hims und ein Edelmann namens Tusin Randta, der Roi als 3. Kosmonautischer Offizier vorgestellt worden war, musterten ihn sehr aufmerksam. Roi Verdacht verstärkte sich immer mehr, dass zumindest diese beiden Männer bei der Flotte oder der USO waren, bevor sie sich den Freihändlern anschlossen.

Das hört sich gut an“, antwortete Hims vorsichtig. „Und Ihre Bedingungen?“

Rois Gesicht wurde hart, seine Augen glitzerten. Jedem Anwesenden war klar, dass er auf seinen Forderungen bestehen würde.

Disziplin. Nachlässigkeiten oder Alkohol während der Dienstzeiten, wozu auch Restalkohol zählt, dulde ich nicht. Ich verlange absolute Loyalität Ihrem Kommandanten, also mir gegenüber, egal in welcher Situation.“

Es wurde in der Zentrale so still, dass man eine Stecknadel hätten fallen hören können. Lovely Boscyk äußerte sich auch nicht, er beobachtete nur, genauso wie Roi.

Hims brach als Erster die Stille. „Flottendisziplin?“, fragte er gedehnt.

Roi überlegte blitzschnell. Ihm kam eine Idee und er entschloss sich, sie sofort zu testen.

Eine vernünftige Disziplin, wie ich sie für erforderlich halte. Ein Kriegsschiff, so wie es im Moment gebaut wird, lässt sich nicht ohne klare militärische Befehlsstrukturen beherrschen. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass ich überhaupt nichts von überzogenen Disziplinforderungen halte, die von gewissen Offizieren der Flotte verlangt werden und den Untergebenen absolut keinen Raum für eigene Initiative mehr erlauben. Dadurch sind schon genug Schiffe verloren gegangen mit die Besatzungen zu Tode gekommen. Ich erwarte von Ihnen sogar, dass Sie mitdenken!“

Hims und Randta schauten sich vielsagend an. Dann meinte der 3. Offizier langsam: „Edelmann Hims und ich sind unter dieser Sorte Offiziere bei der Solaren Flotte geflogen und haben genau deshalb den Dienst quittiert und sind Freihändler geworden. Wir möchten nicht wieder unter einem derartigen Kommandanten fliegen.“

Roi nickte vorsichtig. Seine Vermutung war also richtig. Deshalb auch die auffälligen Nachlässigkeiten, die er beim Weg in die Zentrale gesehen hatte. Es war ein bekanntes psychologisches Phänomen, dass Menschen, die unter überzogenen Disziplinarforderungen gelitten hatten und sich daraus befreit, erst einmal zum absoluten Gegenteil tendierten, d.h. ihrem persönlichen Schlendrian nachgingen.

Überlegen Sie sich Ihre Entscheidung gut. Wer mit mir fliegt, entscheidet sich für eine zukünftig eindeutig para-militärische Organisation, aber auch für das Abenteuer und für gute Gewinne.“

Er tauschte einen Blick mit Boscyk, der ihm zunickte, sich erhob, zur Rundrufanlage ging und sich in einer ergreifenden Rundsendung von seiner Mannschaft verabschiedete. Gleichzeitig stellte er Roi als neuen Kommandanten der CHRISTOPH KOLUMBUS vor.

Anschließend tauschte Roi den Platz mit ihm, stellte sich selbst vor und gab der Mannschaft fünf Tage Zeit, sich untereinander zu besprechen und sich zu entscheiden. Innerhalb dieser Frist bot er ihnen einen kurzen Probeflug „zum gegenseitigen Kennenlernen“ an. Wer ihn mitmachen wollte, sollte sich in zwei Tagen morgens um 9.00 Uhr Ortszeit auf seiner Manöverstation einfinden. Alle anderen hätten das Schiff in dieser Zeit zu verlassen. Er wollte keinen untätigen Zuschauer an Bord.

Ich erwarte, dass jeder der mitfliegen möchte, voll dienstfähig ist.“

Jeder wusste, was er damit meinte.

Roi beendete er die Verbindung, nickte den Edelmännern noch einmal zu und verließ die Zentrale. Kaiser Boscyk blieb noch zurück. Roi respektierte es, dass er sich zum Abschied allein mit seinen Edelmännern unterhalten wollte.

 

Fortsetzung: Teil 2


27.5.16 22:53, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 02

Lockruf der Freihändler - Teil 02


Der Testflug war für Roi Danton ein Erfolg auf ganzer Linie. Die Besatzung nahm vollständig daran teil, alle wollten den neuen Kommandanten kennen lernen.

Sie starteten, machten einige Linearetappen, Flugmanöver und Kampfübungen. Roi flog die CHRISTOPH KOLUMBUS entweder allein manuell oder zusammen mit dem Stellvertretenden Kommandanten Rasto Hims, weil er diesen besonders testen wollte. Sein erster Eindruck bestätigte sich. Rasto Hims war auch daran gemessen, dass Epsaler kosmonautische Naturtalente waren, herausragend.

Roi stellte fest, dass sämtliche Mannschaftsmitglieder der KOLUMBUS hervorragende Raumfahrer waren und reibungslos aufeinander eingespielt. Die Mannschaft gefiel ihm und er hoffte, dass sie sich komplett für ihn entschieden.

Er verstand jetzt immer besser, wieso sein Vater so schlecht auf die Freihändler zu sprechen war. Diese Spezialisten konnte auch die Flotte sehr gut gebrauchen – und so lange es die Freihändler gab, fehlten sie dort. Wenn seine weiteren Pläne Erfolg hatten, dann würden Flotte und USO zukünftig noch mehr ausgebildete Spezialisten fehlen.

Allein das sah er als eine Art friedlichen Konkurrenzkampf mit seinem Vater, den er auf jeden Fall für sich entscheiden wollte. Dabei würde er auf keinen Fall Raumfahrer abwerben, sondern nur für eine Verpflichtung bei den Freihändlern werben wie jede andere private Handelsgesellschaft.

Die bewundernden Blicke der Edelmänner in der Zentrale versuchte er zu ignorieren. Besonders Hims blickte ihn öfter anerkennend und überlegend an, als ob er etwas sagen wollte.

Als die KOLUMBUS wieder auf dem Raumhafen von Trade-City gelandet war und die Maschinen ausliefen, erhoben sich die Edelmänner in der Hauptzentrale und allen über Rundruf zugeschalteten Nebenzentralen und klatschten laut Beifall.

Roi freute sich zwar, weil er sicher sein konnte, dass dies keine Bevorzugung war, denn hier wusste niemand, wer er wirklich war, aber trotzdem berührte es ihn peinlich.

Ich muss wohl noch eine Menge lernen, dachte er sarkastisch bei sich, unter anderem auch ehrlich gemeinte Anerkennung genießen zu können.

Seitdem ich den Weltraum kenne, habe ich noch nie so einen Piloten erlebt wie Sie, Kommandant“, brachte Hims es auf den Punkt. „Ich glaube, Sie könnten es auch gut mit dem Großadministrator persönlich aufnehmen.“

Ein Stich durchfuhr Roi. War er wirklich so gut? Vielleicht … er erinnerte sich kurz an einen Flug mit Atlans IMPERATOR, als er seinen Vater bei einer Manöverübung etwas in Bedrängnis gebracht hatte.

Danke, Edelmann Hims“, antwortete er lächelnd. „Sie sind ebenfalls ein sehr guter Kosmonaut. Ich glaube, wir werden sehr gut harmonieren, falls Sie sich dazu entschließen, weiterhin mit mir zu fliegen.“

Hims tauschte kurze Blicke mit den anderen Edelmännern.

Kommandant, wir würden uns gerne in der großen Mannschaftsmesse mit den übrigen Mitgliedern der Besatzung besprechen und entscheiden. Ich glaube aber schon zu wissen, wie die Entscheidung ausfällt.“

Damit lächelte er Roi offen an. Der gab das Lächeln zurück. Er hatte ein gutes Gefühl.

Natürlich, Edelmann Hims. Sie finden mich in meinem Privatquartier.“

Damit stand Roi auf und verließ grüßend die Zentrale, um sich in die Kabinenflucht zu begeben, die er sich ausgesucht hatte. Er hatte darauf verzichtet, das alte Quartier von Lovely Boscyk zu bewohnen. Das erschien ihm respektlos.


**********


Eine Stunde später meldete sich Rasto Hims über Interkom bei ihm mit der Nachricht, dass die Mannschaft eine einstimmige Entscheidung getroffen habe. Roi überlegte einen Moment, ob er ihn zu sich bitten sollte, entschied sich dann aber doch dafür, die Zentrale aufzusuchen.

Sämtliche Edelmänner warteten am großen Kartentisch. Der Platz an der Kopfseite des Tisches war für ihn frei. Roi nahm die stumme Einladung ohne Zögern an und setzte sich.

Hims räusperte sich und begann: „Kommandant, die Mannschaft hat einstimmig entschieden, dass wir mit Ihnen fliegen möchten. Bei dem kurzen Probeflug haben wir gemerkt, dass wir zueinander passen, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind Ihre Leute und Sie können sich auf uns verlassen. Mehr haben wir dazu nicht zu sagen.“

Roi nickte ernst. Grenzenlose Erleichterung und auch ein wenig Stolz machten sich in ihm breit. Er hatte es geschafft, ein schon eingespieltes und miteinander verschworenes Team für sich zu gewinnen! Hart schluckte er, um seine aufkommende Rührung zu unterdrücken.

Ich danke Ihnen und werde alles tun, um mich Ihres Vertrauens würdig zu erweisen. In Zukunft wird gegenseitige Offenheit der wichtigste Stützpfeiler unserer Arbeit werden – und eine Disziplin, die ebenfalls davon getragen wird. Dass ist eine sehr schwere Aufgabe. Trotzdem ich bin sicher, dass wir alle zusammen das meistern werden. Das Flaggschiff der zukünftig sehr viel größeren Freihändlerflotte wird in absehbarer Zeit in der Galaxis einen Ruf haben, der mit Respekt genannt wird. Sie haben die Ehre, die Ersten dieser Mannschaft zu sein!“

Tusin Randta meldete sich zu Wort. „Wollen Sie die Mannschaft vergrößern, Kommandant?“

Roi fixierte ihn aufmerksam. „Ja, ich werde die Mannschaft aufstocken.“

Er warf einen Blick in die Runde. „Sie alle werden bald genaue Instruktionen erhalten. Die Mannschaft erhält Urlaub bis einschließlich 4. November. Am 5. November starten wir zur Erde. Ich erwarte, dass die KOLUMBUS um 8.00 Uhr morgens startbereit ist, jeder uneingeschränkt diensttauglich auf seiner Manöverstation. Ich hoffe, dass ich das zukünftig nicht mehr wiederholen muss.“

Jeder Edelmann wusste, was damit gemeint war, es bedurfte keiner Worte mehr. Alkohol war ab jetzt nur noch in der Freizeit erlaubt. Roi würde Zuwiderhandlungen hart und kompromisslos ahnden.

Gut. Bitte legen Sie einen direkten Anflugkurs auf das Sol-System fest. Sobald wir unterwegs sind, werde ich Sie über weitere Einzelheiten informieren. Danke.“

Nachdem er die Zentrale verlassen hatte, holte Hims tief Luft. „Zur Erde … Ich glaube, mit Roi wird es garantiert nicht langweilig werden. Mich würde es ungemein interessieren, wer er wirklich ist. Denn der Name ist wohl kaum echt, oder?“

Die Männer lachten. „Mit Sicherheit nicht“, meinte Randta. „Ich könnte mir vorstellen, dass auch er ein Opfer der Flotte ist. Oder habt Ihr eine Idee, wo er sonst diese Ausbildung bekommen hat? Ich jedenfalls habe noch nie einen solchen Kosmonauten erlebt, und dazu noch so jung. Der ist nicht älter als maximal Mitte Zwanzig. Aber dieses Geheimnis wird er uns nie anvertrauen. Im Gegenteil, mir sagt mein Gefühl, dass das eine Sache ist, nach der man ihn lieber nicht fragen sollte.“


**********


Olymp, Raumhafen Trade-City

5. November 2430


Roi Danton lächelte versonnen vor sich hin und überprüfte noch einmal sein Aussehen in dem spiegelnden Schott der Hauptzentrale der CHRISTOPH KOLUMBUS, bevor er den Öffnungsmechanismus betätigte. Dieser Auftritt sollte die Generalprobe vor seiner Mannschaft werden.

Er trug die Kleidung eines französischen Adligen von Terra des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ein leuchtend-roter Frack, darunter eine pastell-rose-farbene Weste, ein Spitzenhemd mit reichem Rüschenbesatz, weiße Kniehosen aus Samt, dazu ebenfalls weiße Seidenstrümpfe und edelsteinbesetzte Schnallenschuhe. Sein schulterlanges schwarzes Haar war unter einer weiß gepuderten Perücke verborgen, auf dem Kopf trug er einen schwarzen Dreispitz mit Pelzbesatz.

An seinem Gürtel hingen ein Degen und zwei doppelläufige Perkussionspistolen. Um den Hals trug er eine edelsteinbesetzte Kette mit einem Lorgnon. Diese Requisiten machten nur einen primitiven Eindruck. In ihnen eingebaut war eine Mikroausrüstung aus siganesischer Fertigung, um die ihn jeder Agent von SolAb oder USO beneidet hätte.

Darin verhielt er sich entsprechend der Tradition der Freihändler. Die meisten kleideten sich gerne entsprechend der historischen Vergangenheit der Erde. Bei ihm würde zukünftig das Benehmen dazu kommen. Ein unverschämtes, auffälliges Benehmen, von dem er schon so einigen eine Kostprobe gegönnt hatte. Das musste er auch, denn es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich ganz in die Rolle eines verweichlichten Stutzers hineinzuleben, das absolute Gegenteil seiner wahren Persönlichkeit. Das gehörte zusammen mit der Kleidung zu seiner Tarnung – zu leicht war er sonst als Michael Rhodan zu erkennen. Je auffälliger seine Tarnung, desto unauffälliger wurde sie. Er hoffte, dass niemand, vor allen Dingen sein Vater und Atlan nicht, auf die Idee kommen würden, dass er sich hinter einer Maske verbarg. Besonders die irgendwann unvermeidliche Begegnung mit Atlan wollte er so lange wie möglich hinauszögern. Er befürchtete, dass es ihn nicht lange täuschen konnte.

Die Männer sprangen von ihren Sitzen auf, als er leichtfüßig in die Zentrale hinein tänzelte wie ein Balletttänzer.

Mon Dieu“, stieß er weinerlich aus, „begrüßt man so einen König?“

Die Gesichter der Edelmänner der Zentralebesatzung waren schlichtweg fassungslos. Rasto Hims erlangte zuerst seine Fassung wieder. Anscheinend fragte er sich, ob diese Figur wirklich sein Kommandant war oder irgendjemand anderer – aber wer? Die KOLUMBUS war gemäß der Anweisung von Roi Danton startbereit und es wurde niemand erwartet. Außerdem waren seit der Befehlsübernahme von Danton alle Zugänge zum Schiff von Wachtposten besetzt, es konnte also niemand hereingekommen sein, der dazu keine Berechtigung besaß.

Hims ging auf Danton zu und verbeugte sich tief. Dabei unterdrückte er nur mit Mühe sein Grinsen. Er hatte sofort erfasst, worauf es seinem Kommandanten ankam.

Wir begrüßen Sie ganz herzlich, Majestät. Ihr Platz steht bereit.“ Damit deutete er auf den Sitz des 1. Piloten.

Roi musterte ihn durch sein Lorgnon wie ein seltenes Tier. „Brav, mein Bester“, äußerte er dann. mit näselnder Stimme.„Will Er dem Pöbel mit gutem Beispiel vorangehen?“

Er zog ein Spitzentaschentuch aus seinem Hemdärmel und betupfte sich damit sein gepudertes Gesicht. „Bringe Er mich schnell zu meinem Sitz, ich fühle eine Umnachtung nahen. Oh, warum muss ich denn immer so leiden? Der Weg hierher hat mich überanstrengt. Ich werde mir eine Sänfte bauen lassen, damit ich mich nicht mehr so verausgaben muss.“

Weiter kam er nicht. Die „charmanten Gauner“ konnten sich nicht mehr beherrschen. Ein dröhnendes Gelächter brandete durch die Zentrale und kam aus den Lautsprechern der Rundrufanlage. Da volle Startbereitschaft bestand, waren alle Stationen über die Rundrufanlage mit der Zentrale verbunden. Die komplette Mannschaft hatte so Rois Auftritt mitverfolgen können.

Roi gab seine Rolle auf und stimmte in das Lachen ein. Er tauschte einen kräftigen Händedruck mit Hims und winkte den anderen Männern zu.

Startklar?“, fragte er nur. Ein Nicken kam von allen Stationen zurück.

Also dann“, ergänzte Roi. „Fliegen wir los. Auf zur Erde. Nach der ersten Linearetappe erwarte ich alle Edelmänner zu einer Besprechung am Kartentisch, auch die technischen und wissenschaftlichen Offiziere. Edelmann Hims, melden Sie uns bei der Hafenkontrolle ab.“

Als Hims die Raumhafenkontrolle anrief, meldete sich Kaiser Boscyk persönlich. Er wollte Roi sprechen.

Viel Glück, Roi“, sagte er nur. Er war sehr ernst. „Ich drücke alle Daumen, dass du deine Pläne verwirklichen kannst.“

Danke, Lovely“, antwortete Roi genauso ernst. „Alle gemeinsam werden wir es schaffen.“

Die Edelmänner tauschten vielsagende Blicke. Das war neu. Es war durchaus nicht üblich, dass die Fürsten ihre Edelmänner über alle ihre Geschäfte informierten. Und nach dem, was der Kaiser gerade gesagt hatte, schien Roi sehr viel vorzuhaben. Es fing schon damit an, dass sie jetzt die Erde anflogen. Sie waren gespannt, wie weit ihr Kommandant sie einweihen würde …


**********


Roi musterte seine Edelmänner aufmerksam, während er einen Schluck Kaffee aus seinem Becher trank. Einer sah abenteuerlicher aus als der andere. Jeder war so gekleidet, wie er es aus den Geschichtsbüchern kannte bzw. wie er sich selbst die von ihm bevorzugte Epoche vorstellte.

Ich hatte bei unserem letzten Gespräch bereits angedeutet, dass gegenseitige Offenheit und gegenseitiges Vertrauen für mich die Grundbedingungen einer funktionierenden Zusammenarbeit sind“, begann Roi die Besprechung. „Das heißt, ich sage meinen Leuten, was sie von mir zu erwarten haben und erwarte die gleiche Offenheit von Ihnen.“

Niemand sagte etwas, alle nickten nur zustimmend.

Viele von uns treten hier unter einem angenommenen Namen auf. Das trifft genauso auf mich zu, was Sie sich sicherlich schon gedacht haben. Wir Freihändler halten es damit so wie vor Jahrhunderten auf Terra die französische Fremdenlegion, wenn Ihnen das etwas sagt. In ihr hatte jeder eine Chance, egal wer er vorher war oder was er getan hatte. Wer in die Legion eintrat, begann ein neues Leben. Genauso ist es hier. Ich habe mich aus sehr persönlichen Gründen den Freihändlern angeschlossen.

Unabhängig davon habe ich sehr gute Beziehungen zum Solaren Imperium. Das sollte Sie nicht verwundern, sondern Sie sollten es einfach akzeptieren ohne Fragen zu stellen. Mein Ziel ist es, die Freihändler zur zweitmächtigsten Wirtschaftsorganisation direkt nach dem Solaren Imperium zu machen. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass ich vielleicht für das Imperium arbeite. Allerdings bitte ich Sie, zukünftig zu beachten, dass das Solare Imperium nicht unser Feind ist, obwohl viele innerhalb des Imperiums das leider so sehen. Es wird unter anderem unsere gemeinsame Aufgabe sein, dieses Negativ-Image abzubauen.“

Danton machte eine Pause, um den Edelmännern Zeit zu geben, das Gesagte zu verarbeiten. Dass es in ihren Gehirnen arbeitete, war nicht zu übersehen.

Das, was Sie eben miterlebt haben, als ich die Zentrale betrat, wird von nun an unser gemeinsames Auftreten nach außen sein. Es gehört mit zu dem großen Spiel. Ich brauche diese Extremität, um meine Tarnung aufrecht zu erhalten. Zu viele Menschen im Solaren Imperium könnten mich sonst erkennen. Sehen Sie es auch als eine Art Spaß an, ein wenig verrückt zu spielen.“

Er lachte offen. Die Männer fielen ein.

Der Roi Danton, den Sie jetzt hier sehen, das soll der Roi sein, den nur Sie und bestimmte andere Personen kennen. Alle anderen sollen den verweichlichten Stutzer sehen. Natürlich müssen wir das alles noch ein wenig üben, aber wir fangen ja erst an. Unseren ersten Auftritt werden wir auf Terra haben. Dort werden wir erwartet, und zwar auf der Werft von Imman Coledo.“

Roi war ein sehr geschickter Psychologe. Er kombinierte sein angeborenes Naturtalent mit dem, was er von seinem Lehrmeister Atlan vermittelt bekommen hatte. Dadurch, dass er nur seiner Mannschaft gegenüber sein wahres Ich zu zeigen gedachte, vermittelte er ihnen gleichzeitig das Gefühl, ihnen zu vertrauen.

Imman Coledo?“ Tusin Randta staunte. „Der ist doch der größte Reeder des Solaren Imperiums und gehört zum persönlichen Bekanntenkreis des Großadministrators. Und der baut Schiffe für die Freihändler?“

Roi lächelte fein. „Es sieht wohl so aus. Sie brauchen sich aber keine Sorgen zu machen. Ich kenne Mr. Coledo persönlich. Er ist loyal jedem Geschäftspartner gegenüber, egal ob er zum Imperium gehört oder nicht. Natürlich wird man ihn mit Aufträgen für die Flotte nicht gerade überhäufen, wenn bekannt wird, dass er für uns arbeitet. Aber er wird den Verlust verschmerzen können, denn ich beabsichtige, unsere Flotte innerhalb der nächsten fünf Jahre auf insgesamt 7.500 Schiffe aufzurüsten.“

Die Edelmänner wurden immer fassungsloser. Roi registrierte es mit Genugtuung. Dass Imman Coledo selbst zu den Freihändlern gehörte, behielt er für sich, das gehörte mit zu seinen Geheimnissen. Außerdem fieberte er der Begegnung schon entgegen. Würde seine Maske halten? Imman Coledo kannte ihn von frühester Jugend an, hatte ihn aufwachsen sehen.

Roi fuhr fort, jetzt kam seine bedeutungsvollste Nachricht. „Wir werden die CHRISTOPH KOLUMBUS nicht mehr lange fliegen, wie sie bereits wissen. Sie ist ein schönes, zuverlässiges Schiff, aber genügt meinen Ansprüchen nicht. Wir fliegen zur Erde, weil wir dort bei der Coledo-Werft unser neues Schiff abholen, das zukünftige Flaggschiff der Freihändler-Flotte, ein Kugelraumer mit 850 Metern Durchmesser. Es wird ein Kriegsschiff, das schlagkräftiger sein wird als die stärksten Schiffe der Flotte, sogar als die CREST IV. Ich beabsichtige nicht, mit einem einfachen Handelsschiff durchs All zu fliegen, weil ich damit rechne, dass wir uns zukünftig wohl öfter unserer Haut wehren müssen. Eine Wirtschaftsmacht, die immer stärker wird, ruft ihre Widersacher automatisch auf den Plan, womit ich jetzt nicht das Solare Imperium meine, sondern außerirdische Intelligenzen. Und dann möchte ich, dass wir uns wehren können. Mit so vielen ehemaligen Flotten- und USO-Angehörigen in der Mannschaft sollte uns das nicht schwer fallen.“

Hims grinste offen. Sie verstanden sich. „Kein Problem, Kommandant, Sie werden mit uns zufrieden sein.“

Und genau deshalb brauchen wir Disziplin. Mit einem ungefährlichen Handelsraumer kann man so durchs All fliegen, aber nicht mit einer Kampfmaschine, wie wir sie bekommen werden.“

Das liegt auf der Hand“, bestätigte Randta. Roi wurde den Verdacht nicht los, das nicht nur einige, sondern alle Edelmänner von der Flotte oder der USO kamen. Sie waren eine Elitemannschaft, die er noch weiter zusammenschweißen wollte. Der Name des Freihändler-Flaggschiffs sollte überall mit Respekt genannt werden, auch das war ihm ein Anliegen.

Wir werden das Schiff von der Coledo-Werft zu einem Treffpunkt im freien Raum überführen. Dort wird es von der Werftbesatzung eines bestimmten Geheimplaneten übernommen und mit einigen kleinen technischen Spielereien aufgerüstet. Erstens möchte ich Mr. Coledo nicht in Gewissensnöte bringen, zweitens hat auch er nicht die Möglichkeiten, die auf diesem Planeten zur Verfügung stehen. Wir werden nämlich unter anderem Transformkanonen, einen HÜ-Schirm und ein Ortungsgerät erhalten, das auch eine Verfolgung durch den Linearraum ermöglicht.“

Wenn jetzt eine Bombe auf der oberen Polkuppel der KOLUMBUS eingeschlagen hätte, wäre die Reaktion sicherlich nicht anders ausgefallen. Die Edelmänner sprangen auf, sahen sich in die entsetzten und blass gewordenen Gesichter. Transformkanonen, HÜ-Schirme und einen Linerarorter? Die Geschütze und Schirme waren schon sensationell, aber ein Linearraumorter? Darüber verfügte noch nicht einmal das Imperium! Den fähigsten Wissenschaftlern war es bisher nicht gelungen, ein solches Gerät zu konstruieren.

Echauffieren Sie sich doch nicht so, meine Herren.“ Roi lächelte fein. „Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken. Aber auch außerhalb des Imperiums gibt es fähige Wissenschaftler – und ich habe den Vorteil, solche Menschen zu kennen. Das ist das ganze Geheimnis.“

Die Äußerung trug nicht dazu bei, die Unruhe einzudämmen, im Gegenteil. Roi wartete einige Minuten, bis endlich wieder Ruhe einkehrte.

Sie alle wissen, dass es bei Strafe strengstens verboten ist, Transformkanonen und HÜ-Schirme zu besitzen. Wir werden also auf jedem Flug mit einem Bein im Gefängnis stehen.“

Nach den Gesetzen des Solaren Imperiums, nicht nach unseren“, knurrte Hims.

Roi musterte ihn eindringlich. „Sie sagen es, Edelmann Hims. Nicht nach unseren Gesetzen. Allerdings gelten im Hoheitsbereich des Imperiums auch deren Gesetze, das haben wir zu akzeptieren. Das heißt, Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben. Wir haben dafür zu sorgen, dass das Geheimnis bei uns bleibt. Im Extremfall, falls unser Schiff von Feinden aufgebracht wird, sind diese Dinge zu vernichten, ehe sie in fremde Hände gelangen. Genauso wie es auf den Flottenschiffen üblich ist. Sie werden dafür einen genauen Plan erhalten, sobald das Schiff fertig ist. Ich verlasse mich auf Sie. Es ist für mich persönlich eine Frage der Ehre, das Geheimnis niemals auszuliefern, sondern eher mein Leben zu opfern.“

Sein Gesicht wurde plötzlich sehr hart. Diese Forderung würde er im extremsten Fall mit äußerster Härte durchsetzen, ohne persönliche Rücksichten.

Sie können sich auf uns verlassen“, sagte Hims einfach und erhob sich dabei. Die anderen taten es ihm nach. Roi erhob sich ebenfalls. Ein warmes Gefühl überkam ihn, mit solchen Männern fliegen zu dürfen.

Bitte setzen Sie sich wieder. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch etwas anderes besprechen. Für ein derartiges Kriegsschiff wird unsere Besatzung von 300 Mann nicht ausreichen. Deshalb müssen wir sie aufstocken, wie ich es Ihnen bereits angedeutet habe. 900 Besatzungsmitglieder halte ich für optimal. Das wird eine unserer Aufgaben in den kommenden Monaten sein. Sobald wir nach Olymp zurückgekehrt sind, beginnen Sie alle bitte mit der Suche nach geeigneten Fachleuten. Ich möchte ausschließlich entsprechend qualifizierte Spezialisten an Bord nehmen. Unser Flaggschiff soll in jeder Beziehung einzigartig sein. Hören Sie sich um in Trade-City, ich werde auch eine entsprechende Werbemaßnahme starten. Aber bitte werben Sie bei anderen Fürsten niemanden ab. Das würde unnötig böses Blut innerhalb unserer Reihen schüren.“

Nachdem die Männer sich angeschaut hatten, hatte Rasto Hims noch eine Frage.

Kommandant, werden Sie auch Frauen an Bord nehmen?“

Haben Sie einen besonderen Grund für diese Frage, Edelmann Hims?“

Ja, ich finde es nicht gut, dass die Solare Flotte teilweise bewusst auf hervorragende Spezialistinnen verzichtet, nur weil es Frauen sind. Ich sehe da keinen Unterschied.“

Roi durchzuckte ein feiner Stich. Bea – seine Freundin Bea aus einer sehr harten Zeit, warum kam ausgerechnet jetzt wieder die Erinnerung an sie? Beatrice Wood, inzwischen Major bei der USO, Kommandantin des modernen Schlachtkreuzers HATSCHEPSUT, ihr verdankte er so viel, besonders sein Leben! Zusammen hatten sie bei der USO ein Jahr lang an einem Lehrgang teilgenommen, der nichts anderes als eine Hölle für alle gewesen war – und das alles nur, weil der Leiter des Lehrgangs persönliche Rachegelüste nicht nur an ihm als dem Sohn des Großadministrators, sondern auch an allen seinen Kameraden ausgelebt hatte, bis sie ihn gemeinsam besiegen konnten. Beatrice und er hatten sich mehr als gemocht – aber es gab für sie beide keine Zukunft. Sie selbst lehnte jede über eine gute Freundschaft hinausgehende Beziehung zu einem Mann ab, aus Gründen, die er bis heute noch nicht kannte – und er hatte sich seit der damaligen Zeit eine feste Partnerin versagt, weil in dem Leben, das er jetzt führte, kein Platz dafür war. Ob er Bea überhaupt jemals wieder sehen würde?

Ich stimme Ihnen zu, Edelmann Hims. Ja, wir nehmen auch weibliche Besatzungsmitglieder an Bord, wenn sie die entsprechende Qualifikation aufweisen. Ich wiederhole es noch einmal: keine Dilettanten!“

Dann sehen Sie das anders als in der Flotte. Dort gibt es kaum Frauen, und wenn, haben sie es unsagbar schwer. Die USO soll da wohl schon weiter sein, wie man hört.“

Wieder musste Roi an Beatrice denken. „Ja, das ist man dort. Den Grund kann ich Ihnen genau sagen: Lordadmiral Atlan hat im Laufe seines sehr langen Lebens immer wieder mit Frauen an seiner Seite gekämpft, mit Frauen, die gekämpft haben wie Männer. Aber der Großadministrator, dessen Werk die Solare Flotte ist, denkt da leider anders. Anscheinend ist er in dieser Beziehung wirklich im 20. Jahrhundert stecken geblieben. Damals war es so gut wie unmöglich, dass Frauen zum Militär gingen.“

In diesem Punkt hatte er mit seinem Vater nie zu einer Übereinstimmung gelangen können.

Wir werden also die Erde anfliegen“, erläuterte er ohne weiteren Kommentar seine Absichten, da er auch die Erinnerung an Bea verdrängen wollte, „unser neues Schiff übernehmen und es der Werftbesatzung übergeben. Es wird Anfang des neuen Jahres fertig nachgerüstet sein. Wir fliegen vom Treffpunkt aus mit der KOLUMBUS nach Plophos. Dort erwarten mich private Geschäfte. Sie haben währenddessen Gelegenheit, sich dort umzusehen und werden einige Tage Urlaub erhalten bis auf die Wachbesatzung. Wir kehren noch vor Weihnachten wieder nach Olymp zurück. Die KOLUMBUS wird außer Dienst gestellt, sobald wir unser neues Schiff haben. – Das sind meine Planungen für die nächsten Wochen und Monate. Noch weitere Fragen?“

Alle schüttelten den Kopf.

Gut so. Wir werden die Zeit bis zum Eintreffen auf der Erde nutzen, um noch ein wenig unser Auftreten zu üben. Sehen Sie es als einen Spaß an, den wir uns erlauben. Dann geht alles leichter.“


**********


2


Imman Coledo hatte Sorgen. Obwohl er es sich nicht gern eingestand, er war nervös – nervös wie vor seinem ersten Geschäftsabschluss. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Seit Jahren war er der größte und erfolgreichste Reeder des Solaren Imperiums, zählte zu den Milliardären und galt als zwar sehr harter Geschäftsmann, aber seine Loyalität zum Solaren Imperium stand außerhalb jeder Frage. Deshalb gehörte er auch zu den gern gesehenen Gästen im privaten Haus des Großadministrators und seiner Familie. Allerdings hatte dies während der letzten Monate etwas nachgelassen. Perry Rhodan und seine Frau Mory Rhodan-Abro hatten sich privat im Gegensatz zu früher mehr zurückgezogen, seitdem ihr einziger Sohn Michael von zu Hause „davongelaufen“ war.

Coledo verstand Michael sehr gut, hütete sich aber, Perry Rhodan gegenüber seine Meinung zu äußern. Er gestand sich sogar ein, dass er an Stelle des jungen Mannes nicht anders gehandelt hätte. Wenn der junge Mann zu sich selbst finden wollte, sich selbst beweisen und nicht im Schatten des Vaters stehen, dann hatte er gehen müssen! Coledo, dessen Steckenpferd die Psychologie war und der einen gewissen Ruf als Hobbypsychologe hatte, sah sogar noch ein Stückchen weiter. Als einer der ganz wenigen hatte er erkannt, dass Michael seinen Vater zwar liebte und für ihn durchs Feuer gehen würde, aber ihn auf der anderen Seite immer mehr als eine Art „Übervater“ wahrnahm. Das hatte in seiner Jugendzeit zu diversen gefährlichen Alleingängen geführt. Dabei hatte sich immer wieder gezeigt, dass Michael über sehr großen persönlichen Mut verfügte, der bis zum Draufgängertum ging.

Eines seiner haarsträubenden Abenteuer hatte er selbst dem Heranwachsenden im Alter von 15 Jahren ermöglicht. Dabei hatte Michael ungewollt erfahren, dass Imman Coledo auch zu den Freihändlern gehörte und bei ihnen den Rang eines Edelmannes bekleidete. Michael, der ihn zu dem gefährlichen Abenteuer überredet hatte, weil er seinen Vater treffen wollte, der ihn an seinem 15. Geburtstag regelrecht versetzt hatte, erwies sich ihm gegenüber als fair. Perry Rhodan und die Führungsspitze des Imperiums wussten bis heute nicht, dass der Reeder Freihändler war.

Genauso fair hatte sich der Mausbiber Gucky verhalten, der in den Gedanken von Michael wie in einem offenen Buch las. Gucky war einer der besten Freunde des Jungen. Alles, was dieser bei seinen diversen Abenteuern erlebte und nicht selbst erzählte, behielt auch er für sich.

Bei besagtem Flug bekam Michael den ersten Kontakt mit den Freihändlern und stellte dabei fest, dass sie bei weitem nicht so schlecht waren wie ihr Ruf. Seitdem sympathisierte Michael mit der Händlerorganisation.

Coledo würde sich nicht wundern, wenn er dem Sohn des Großadministrators eines Tages bei den Freihändlern wieder begegnen würde. Wenn ja, würde er sich ihm gegenüber genauso fair zeigen und ihn nicht verraten.

Imman Coledo seufzte und betrachte mit Wohlgefallen den festlich gedeckten Tisch, den seine Sekretärin vorbereitet hatte. Er ließ sich guten Kunden gegenüber nicht lumpen, außerdem war auch für ihn ein Geschäft über 500 neue Raumschiffe nicht alltäglich. Wenn dazu die Aussicht bestand, mit diesem Kunden weitere gute Geschäfte machen zu können, aber er den neuen Vertreter dieses Großkunden noch nicht persönlich kannte, dann war das auch für einen erfahrenen Geschäftsmann wie ihn ein Grund, nervös zu werden. Seine heutige Stimmung war eindeutig mit dem Namen Roi Danton zu erklären.

Auf dem Tisch waren die erlesensten Delikatessen liebevoll angerichtet, die der Planet Terra zu bieten hatte, angefangen von echtem Räucherlachs über geräucherten Schinken bis hin zu Roastbeef, natürlich auch echt und nicht synthetisch hergestellt. Alles lag auf silbernen Schalen, die auf gestoßenem Eis standen.

Mrs. Lawrence betrat den Raum und blickte ihren Chef fragend an. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Mr. Coledo?“ Sie war schon etwas älter und gehörte zu den wenigen anscheinend aus vorigen Jahrhunderten „übrig gebliebenen“ Vorzimmerperlen, die immer seltener wurden. Angeblich sollten die Zellaktivatorträger der Regierung genau wie er diese Damen den sonst üblichen Robotern vorziehen.

Coledo, ein kleiner etwas dicklicher Mann lächelte ihr freundlich zu. „Wie immer, Mrs. Lawrence. Wenn ich Sie nicht hätte.“

Mrs. Lawrence lächelte ihm verschwörerisch zu. „Sind Sie auf diesen Fürsten Danton auch so gespannt?“ Sie konnte sich diesen vertraulichen Ton nach den langen Jahren ihrer Zusammenarbeit leisten. Coledo vertraute ihr uneingeschränkt und hatte ihr schon so manches Geheimnis persönlicher oder geschäftlicher Art anvertraut.

Der Reeder nickte. „Kaiser Boscyk hat mir mitgeteilt, dass er sich zurückzieht und nur noch repräsentative Aufgaben wahrnehmen möchte. Alle Geschäfte für die Freihändler wären zukünftig über diesen Fürsten Danton abzuwickeln, er ist der alleinige Ansprechpartner. Eine Rückfrage beim Kaiser wäre in keiner Angelegenheit nötig.“

Das hört sich für mich nach einer klaren Aussage an. Damit sollten wir doch wissen, woran wir sind.“

Coledo hob hilflos die Schultern. „Dass Kaiser Boscyk sich demnächst aus dem aktiven Geschäft zurückziehen will, wusste ich schon lange, auch dass er seit einiger Zeit einen geeigneten Nachfolger suchte, dem er vertrauen kann. Das beunruhigt mich nicht, weil es nur seinen Ankündigungen entspricht. Was mich beunruhigt, ist die Person dieses Roi Danton. So wie der Kaiser mitteilte, sollten wir alle uns nicht durch sein teilweise regelrecht unverschämtes Benehmen täuschen lassen. Das wäre nun mal seine Art. Was ich davon halten soll, weiß ich wirklich nicht.“

Mrs. Lawrence nickte sinnend vor sich hin. „Hat der Kaiser etwas gesagt, wo er Danton herhat?“

Das ist es ja gerade, was mich so stutzig macht. Ich kenne Kaiser Boscyk als sehr vorsichtigen Mann mit einer hervorragenden Menschenkenntnis. Danton soll im Frühsommer zu den Freihändlern gestoßen sein. Niemand weiß, wo er herkommt, außer dem Kaiser. Dem gegenüber hat er sofort mit offenen Karten gespielt. Bekannt ist nur, dass er ein hervorragender Kosmonaut sein soll, jemand der zwischen den Sternen zu Hause ist – und zusätzlich noch Hochenergietechniker. Zusammen die ideale Kombination für einen Raumschiffskommandanten.“

Einen Moment schwiegen beide. Dann meinte die Sekretärin: „Ich schlage vor, wir schauen uns diesen Wunderknaben einfach mal an, dann wissen wir mehr. Oder lässt er sich von jemanden vertreten?“

Nein, das hätte ich auch nicht zugelassen. Obwohl bei uns auch heute noch der Kunde König ist, ziehe ich es vor, meine Geschäftspartner persönlich zu kennen. Ist die CHRISTOPH KOLUMBUS übrigens schon gelandet?“

Ja, gerade eben, Mr. Danton müsste gleich hier sein, falls er nicht aufgehalten worden ist. Das glaube ich aber nicht, ich habe unser Empfangsteam entsprechend instruiert. Wie mir Dantons 1. Offizier mitteilte, war es recht schwierig, auf der Erde zu landen, weil unsere Bürokraten die Freihändler nicht so gerne mögen.“

Coledo grinste schief. Er kannte die kleinlichen Schikanen, denen Freihändlerschiffe auf Solaren Planeten ausgesetzt waren, weil sie sich dem Imperium nicht eingliedern ließen und auf ihrer Unabhängigkeit bestanden.

Als ob hiermit ein Stichwort gefallen war, erklang von nebenan aus dem Büro der Chefsekretärin Lärm. Mrs. Lawrence verzog unwillig das Gesicht, für diese „trockene“ Dame eine ihrer seltenen Gefühlsregungen. Lärm oder Unregelmäßigkeiten in ihrem Herrschaftsbereich duldete sie nicht. Sogar ihr Chef selbst unterwarf sich dort einer gewissen Zurückhaltung.

Ohne ein Wort ließ sie ihn stehen, um nebenan nach dem Rechten zu sehen. Coledo folgte ein paar Schritte hinter ihr. Auch ihn hatte der Lärm neugierig gemacht. Kunden, die in seinen abgeschirmten Bereich vordringen konnten, benahmen sich in der Regel nicht so auffällig. Und seinen eigenen Angestellten wollte er das nicht geraten haben. Also musste schon ein gewichtiger Grund vorliegen.

Mrs. Lawrence kam gerade zurecht, als ein massig gebauter Epsaler, der mehr nach einem Piraten des terranischen Mittelalters aussah als nach einem Raumfahrer mit dröhnenden Schritten in ihr Büro gestampft kam. Sein Gesicht drückte sein Missfallen aus. Hinter ihm folgte das vierköpfige, sorgfältig auf Dienstleistung geschulten Begleitteams der Coledo-Werft, allesamt mit ratlosen Gesichtern.

Ich bedaure es sehr, dass diese Damen und Herren nicht in der Lage sind, meinen Herrn ordnungsgemäß anzumelden“, dröhnte die Stimme des Epsalers.

Mrs. Lawrence musterte ihn missbilligend. „Was haben Sie zu bemängeln?“, fragte sie erstaunt.

Die Teamleiterin, eine attraktive dunkelhaarige Dame in mittleren Jahren, hob hilflos die Schultern. „Wir haben Mr. Danton an der unteren Polschleuse seines Schiffes abgeholt und hierher geleitet“, begann sie verwirrt.

Ehe sie fortfahren konnte, tauchte direkt hinter ihr der Grund für ihre Verwirrung auf. Mrs. Lawrence und Imman Coledo rissen die Augen auf und starrten ihren Besucher an. Damit hatte auch Coledo nicht gerechnet, trotz der Warnung von Kaiser Boscyk.

Roi Danton hatte sich für diesen wichtigen Besuch regelrecht herausgeputzt. Zu seinem üblichen blutroten Frack trug er eine edelsteinbesetzte Weste und seine Schnallenschuhe und sein Gürtel, an dem die beiden doppelläufigen Perkussionspistolen und der Degen hingen, waren mit lupenreinen Diamanten besetzt. Sein Gesicht wirkte blasiert und gelangweilt, aber Coledo als Hobbypsychologe suchte sofort den Blick in seine Augen. Erfreut registrierte er, dass der Freihändler seinen Blick offen erwiderte und dass dieser Blick Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verriet. Aber noch etwas anderes registrierte Coledo blitzschnell. Das Alter seines Gegenübers schätzte er auf Mitte 20, so wie Boscyk es ihm schon gesagt hatte. Der Ausdruck der Augen wollte allerdings nicht zu dieser Schätzung passen. Coledo sah in nachtblaue Augen, in deren Tiefe eine Erfahrung und auch Leid standen, die nicht zu diesem jungen Alter passen wollten. Coledo überlegte, wo er solche ungewöhnlichen Augen schon einmal gesehen hatte – aber er kam nicht auf die richtige Idee, obwohl er damit rechnete, Michael Rhodan früher oder später bei den Freihändlern zu begegnen! Zu perfekt was die äußere Tarnung des Mannes!


**********


Roi hatte dieser Begegnung mit Sorge entgegengefiebert. Für ihn stellte sie nicht nur eine schwierige geschäftliche Verhandlung dar, sondern auch einen Test und einen Fingerzeig, wie er sich weiter verhalten konnte und musste. Coledo kannte Michael Rhodan sehr gut. Viel hing für ihn davon ab, ob der Reeder ihn erkannte oder nicht. Unter anderem deshalb hatte er sich so sorgfältig zurechtgemacht und seinen Auftritt sorgfältig einstudiert.

Roi wandte seinen Blick von Coledo ab und der Sekretärin zu. Das Begleitteam ignorierte er völlig. Natürlich wusste er, dass Mrs. Lawrence Agentin der Solaren Abwehr war und dass ihr Bericht über dieses Treffen kurz nach seiner Abreise schon bei Solarmarschall Mercant und etwas später bei seinem Vater sein würde. Dieser irgendwann später seine Mutter informieren, die wiederum seine Schwester und ihn auf dem Laufenden hielt. Zum Glück ahnte sein Vater nicht, dass Mory Rhodan-Abro sehr wohl über die Identität des neuen Befehlshabers der Freihändler unterrichtet war.

Roi hatte zwischenzeitlich überlegt, ob er Coledo mitteilen sollte, dass er schon lange von der Abwehr überwacht wurde. Er hatte sich dagegen entschieden, weil er nicht riskieren wollte, dass der Reeder sich mit seinem Wissen doch einmal verriet. Außerdem wollte er nicht, dass Coledo sich vom Großadministrator bespitzelt und entsprechend verletzt fühlte. Er nahm es seinem Vater persönlich übel, dass er diese Maßnahme der Abwehr nicht nur tolerierte, sondern sogar anordnete. Seiner Meinung nach war Vorsicht gut, aber sie durfte nicht in Misstrauen Menschen gegenüber ausarten, die loyal zum Imperium standen.

Haben Wir die Ehre mit Madame Lawrence, der tüchtigsten Perle Unseres Geschäftspartners Monsieur Coledo?“ Sein geschwollener Ton trug zur gesteigerten Verwirrung bei. „Madame, Sie sehen bezaubernd aus. Monsieur Coledo darf sich glücklich schätzen, dass er das Vergnügen hat, eine der seltenen Vorzimmerdamen in Diensten zu haben, die es heute in unserer technisierten Zeit noch gibt. Roboter – pfuii …“ Er schüttelte sich vor Ekel und zog ein Spitzentaschentuch aus seinem linken Jackenärmel. Sofort strömte der penetrante Geruch eines süßlichen Parfüms durch den Raum. Coledo musste unwillkürlich husten, was ihm ein indigniertes „Aber, Monsieur …“, von Roi einbrachte.

Der wurde sich immer sicherer, dass Coledo ihn nicht erkannte und genoss das Spiel in vollen Zügen.

Ehe Mrs. Lawrence protestieren konnte, ergriff Roi ihre Hand und hauchte einen zarten Handkuss darauf. Gleichzeitig beugte er elegant das Knie und verneigte sich vor ihr.

Ihr gehorsamer Diener, Madame Lawrence. Dass Sie mit solchen Plebejern arbeiten müssen, betrübt Uns außerordentlich.“ Dabei schenkte er dem Begleitteam einen verachtenden Blick.

Die Leiterin des Empfangsteams holte tief Luft und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber Roi kam ihr zuvor. „Hinweg“, er wedelte mit einer abwehrenden Handbewegung durch den Raum.

Belustigt beobachtete Roi die Wirkung seines Auftrittes auf Mrs. Lawrence. Mit jeder verstreichenden Sekunde taute die Dame sichtlich auf. Zum Schluss lächelte sie ihn sogar freundlich an. Roi hätte am liebsten laut gelacht. Am meisten machte ihm die Verwirrung von Coledo Spaß. Er wusste, dass der Reeder einen gewissen Ruf als „Frauenheld“ hatte, aber anscheinend hatte er es bisher nicht geschafft, seine Sekretärin so um den Finger zu wickeln.

Der Reeder rettete die Situation, indem er laut sagte. „Willkommen, Monsieur Danton. Es freut mich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich freue mich schon auf unser Gespräch.“ Damit deutete er zu dem gedeckten Tisch in seinem Büro.

Das Begleitteam entließ er freundlich: „Ich danke Ihnen. Monsieur Danton und ich werden uns für einige Zeit zurückziehen.“

Die vier Begleiter drehten sich um und verließen fast fluchtartig den Raum. Sie waren sehr froh, dieser ungewöhnlichen Situation entkommen zu können.

Mrs. Lawrence hatte sich wieder gefangen. Fragend blickte sie auf ihren Chef, ob er sie noch benötigte. Coledo nickte ihr zu. „Mrs. Lawrence, würden Sie uns bitte den Kaffee bringen? Sie sind dann weiterhin in Ihrem Büro?“

Mrs. Lawrence nickte, wieder in ihrer unnachahmlichen Manier eines englischen Butlers.

Dantons Lächeln war kein Standpunkt anzusehen. Er wandte sich seinem Begleiter zu. „Wir danken Ihm für die Begleitung, Edelmann Hims. Kehre Er zurück auf die CHRISTOPH KOLUMBUS und halte Unser Schiff in Startbereitschaft. Sorge er auch dafür, dass eine angemessene Überführungsmannschaft für Unser neues Schiff eingeteilt wird. Mit der Leitung betraue Er auf Unseren Wunsch Edelmann Randta.“

Hims nickte und drehte sich nach einem Kratzfuß vor seinem Kommandanten, dem man ansah, dass er noch der Übung bedurfte um und folgte dem Begleitteam.


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Fortsetzung: Teil 03


28.5.16 15:02, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 03

Lockruf der Freihändler – Teil 03

Roi und Imman Coledo saßen zwanglos an dem gemütlich gedeckten Tisch und genossen die ausgewählten Spezialitäten. Dazu tranken sie echten terranischen Bohnenkaffee, eine Spezialität, die Roi entsprechend würdigte. Das nutzte Coledo zu einer entsprechenden Frage: „Sind Sie auch auf Terra geboren, Monsieur Danton?“

Roi unterdrückte ein Lächeln. Natürlich wollte der Reeder ihn näher kennen lernen. Nichts anderem diente diese zwanglose Unterhaltung. Niemand von ihnen war bisher auf die Geschäfte zu sprechen gekommen. Roi war sich inzwischen sicher, dass Coledo ihn nicht erkannte. Entsprechend wurde er innerlich immer selbstsicherer. Sein großes Spiel faszinierte ihn selbst.

Ja, Monsieur Coledo, in Terrania-City.“ Dass er durch seine Mutter zur Hälfte Plophoser war, behielt er lieber für sich.

Roi wagte es sogar, auf die terranische Frühgeschichte zu sprechen zu kommen. Coledo verfügte zwar nicht über sein Wissen, dass er seinem Vater, seinem Patenonkel Bully und hauptsächlich Atlan verdankte, aber er hatte genug historische Kenntnisse, um Roi diesbezüglich einschätzen zu können.

Sie hatten anscheinend einen sehr guten Lehrer?“

Coledos Blick ließ sein Gegenüber nicht mehr los. Inzwischen interessierte ihn Roi nicht nur als Geschäftspartner, den er gerne besser einschätzten wollte, sondern genauso als Mensch. Der junge Mann faszinierte ihn. Er gab vor sich selber zu, dass er bisher nicht vielen Menschen mit einer derartig charismatischen Ausstrahlung begegnet war.

Roi musterte ihn offen. Jetzt oder nie, dachte er bei sich. Entweder er schluckt das so oder er erkennt mich. Ich muss wissen, wie gut meine Maske wirklich ist.

Einen sehr guten, Monsieur Coledo. Meiner Meinung nach den besten, den es gibt.“

Coledo schüttelte überlegend den Kopf. „Da muss ich Sie leider korrigieren, Monsieur Danton. Der beste Geschichtslehrer, den es im Solaren Imperium gibt, ist sicherlich Lordadmiral Atlan. Oder meinten Sie vielleicht ihn?“ Sein Blick schien Roi durchbohren zu wollen.

Nein. An den ehrenwerten Lordadmiral habe ich nicht gedacht. Aber Sie wissen doch, wie das ist, man kommt an solche lebenden Legenden nicht heran.“ Er seufzte bedauernd.

Coledos Gesicht nahm einen lauernden Ausdruck an. Roi erkannte sehr genau, dass er sich auf schwankenden Boden begab – mit voller Absicht. Dass Mrs. Lawrence mithörte, schloss er aus, denn er wusste, dass es in Coledos Büro keine Abhörgeräte gab. So weit ging noch nicht einmal Allan D. Mercant. Ihm reichten bis jetzt noch die Berichte der Sekretärin und des Chefingenieurs. Falls Coledo ihn erkennen sollte, setzte er auf seine Verschwiegenheit, denn schließlich hatte er ihm ein Geschäft anzubieten, das auch für ihn äußerst attraktiv war. Zudem wusste er, dass Coledo durch eine entsprechende Hypnoschulung in der Lage war, seine Gedanken abzuschirmen. Also war noch nicht einmal sein kleiner neugieriger Freund, der Mausbiber Gucky eine diesbezügliche Gefahr.

Ich könnte vielleicht durch meine Beziehungen zum Großadministrator eine Begegnung mit Lordadmiral Atlan vermitteln“, bot Coledo an.

Roi lehnte mit betrübtem Gesicht ab. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Monsieur Coledo, aber ich möchte die Zeit des Herrn Lordadmiral nicht privat beanspruchen. Wie man hört, ist er sehr beschäftigt. Und leider lassen auch mir meine Geschäfte keine Zeit für ein derartig interessantes Vergnügen. Sehr bedauerlich, leider.“

Coledo erkannte in diesem Moment, dass Roi Danton sehr gute Gründe hatte, einer Begegnung mit dem Arkoniden auszuweichen. Aber auch jetzt kam er nicht auf die richtige Idee. Seine Vermutung zielte eher darauf, dass der Freihändler ein ehemaliger USO-Angehöriger war, der deshalb Atlan nicht wieder unter die Augen treten mochte.

Schade.“

Ja.“ Roi seufzte, betupfte sich den Mund mit seiner Serviette aus edelstem Leinen und wechselte das Thema.

Da wir uns nun ein wenig näher kennen gelernt haben, möchte ich auf unsere Geschäfte zu sprechen kommen.“

Coledo nickte zustimmend. Es wurde Zeit dafür.

Ihr neues Schiff ist entsprechend Ihren Wünschen fertig“, nahm er den Gesprächsfaden auf. „Sie können es direkt übernehmen. 850 Meter-Zelle und kriegsschiffsmäßige Ortungs- und Funkanlagen, ansonsten die übliche erlaubte Offensiv-Bewaffnung und entsprechende Defensiveinrichtungen für private Raumschiffe.“

Sehr gut.“

Monsieur Danton, die Extraanfertigung mit der 850-Meter-Zelle hat einiges an Kosten verschlungen. Haben Sie einen bestimmten Grund dafür? Sie hätten doch genauso gut die Standard-Zelle der Stardust-Klasse nehmen können, das hätte Ihnen viel Geld gespart.“

Roi lächelte. „Sagen wir, es ist die Exzentrizität eines Mannes aus königlichem Geblüt.“

Coledo nickte. „Also nehmen Sie Ihren Vornamen direkt als Zeichen Ihrer Würde?“ Coledo hatte sich als Vorbereitung des Gesprächs per Hypnoschulung Kenntnisse der französischen Sprache angeeignet.

Wie man es nimmt. Warten wir ab, mein Lieber.“

Roi grinste innerlich. Natürlich konnte er dem Reeder nicht verraten, dass das Schiff von der Erde aus nach Lost Hope fliegen würde, um dort von Dr. Waringer technisch aufgerüstet zu werden. Wenn sich alles, was Geoffry und er sich ausgedacht hatten, umsetzen ließ, würde sein Schiff über eine größere Kampfkraft verfügen als die stärksten Schiffe der Solaren Flotte, das Flaggschiff seines Vaters, die CREST IV eingeschlossen. Und dazu war der größere Kugeldurchmesser erforderlich. Er hätte sich natürlich auch für eine Standardzelle mit 1.500 Metern Durchmesser entscheiden können, aber er persönlich liebte diese riesigen Schiffe nicht.

Auch die Ortungs- und Funkanlagen wie in einem Kriegsschiff haben mich irritiert“, fuhr Coledo vorsichtig fort. „Ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen diesen Wunsch erfüllen soll. Sie wissen, die Gesetze des Solaren Imperiums … Ich stehe absolut loyal zum Imperium und zum Großadministrator.“

Rois Gesicht wurde plötzlich sehr hart. Jetzt musste er seinen Standpunkt mit aller Härte vertreten, sonst wurde er unglaubwürdig. „Das ist nach den Gesetzen nicht verboten, Monsieur. Sollte Ihnen das trotzdem die Seelenruhe stehlen, bin ich gerne bereit, meine folgenden Aufträge an andere solare Werften zu vergeben.“

Coledo winkte sofort ab. Natürlich wollte er diesen guten Kunden nicht verlieren, aber er konnte es sich auch nicht leisten, auf die Aufträge der Solaren Flotte zu verzichten. Schon jetzt war der Umfang der Flottenaufträge gesunken, weil bekannt war, dass er auch die Freihändler belieferte. Andererseits war seine Werft die führende im Solaren Hoheitsgebiet. Das wussten sowohl die Flotte als auch die Freihändler. Seine Qualität und seine Lieferzeiten konnte außer den flotteneigenen Mondwerften niemand anbieten.

Keine Sorge, Monsieur. Selbstverständlich möchte ich weiterhin mit Ihnen und den Freihändlern gute Geschäfte machen.“

Das freut mich zu hören, Edelmann Coledo.“ Roi freute sich diebisch über Coledos erstaunten Gesichtsausdruck. „Natürlich hat Kaiser Boscyk mich umfassend über Sie informiert. Sie können allerdings sicher sein, dass Ihr Geheimnis bei mir genauso gut aufgehoben ist wie beim Kaiser – solange sie uns gegenüber dem Imperium nicht benachteiligen.“

Coledos Gesicht zeigte sehr deutlich, dass er begriffen hatte. Roi Danton wusste, dass er Freihändler war!

Coledo antwortete nichts darauf. Roi hatte seinen Standpunkt sehr deutlich gemacht, es gab dazu nichts mehr zu sagen. Beide Männer wussten, was sie voneinander zu halten hatten.

Gut, da das geklärt ist, möchte ich Ihnen gerne eine weitere Grundbedingung für unsere weitere Geschäftsbeziehung nennen. Ich erwarte, dass Sie weiterhin loyal zum Solaren Imperium stehen wie bisher. Sonst werden die Freihändler keine Geschäfte mehr mit ihnen abschließen.“

Nun war Coledo doch sprachlos. Damit hatte er niemals gerechnet.

Sehen Sie, Monsieur. Ich will es Ihnen erklären. Dass die Freihändler im Solaren Imperium nicht gerne gesehen sind, wissen Sie ebenso wie ich. Seitdem Kaiser Boscyk mich mit der Wahrung der Interessen der Freihändler beauftragt hat, soll sich das ändern. Mein Ziel ist eine treu zum Solaren Imperium stehende unabhängige Freihändlerorganisation mit politischer Anerkennung durch das Imperium. Die Freihändler sollen innerhalb der nächsten fünf Jahre die zweitstärkste Wirtschaftsmacht unserer Galaxis werden hinter dem Imperium.“

Coledo atmete deutlich hörbar ein. „Sie haben sich sehr viel vorgenommen, Monsieur Danton. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie Ihr Ziel erreichen, weil ich Sie persönlich sympathisch finde. Aber and die politische Anerkennung durch das Imperium glaube ich nicht. Ich kenne den Herrn Großadministrator auch privat. Er wird sich mit allen Mitteln dagegen stemmen. Warum weiß ich nicht, aber er verabscheut die Freihändler regelrecht.“

Warten wir es ab, Monsieur.“ Roi lächelte fein. „Darf ich auf Ihre uneingeschränkte Hilfe zählen?“

Coledo nickte. „In meinem Rahmen, natürlich. Es wird mit Sicherheit auch mein Schaden nicht sein.“

Das denke ich auch. Dann kommen wir zu den Details. Bitte schauen Sie doch zuerst einmal auf Ihr Konto. Das 850-Meter-Schiff ist bezahlt, das Geld habe ich bereits auf Ihr Konto transferieren lassen. Dabei bin ich davon ausgegangen, dass Sie wie immer Qualität liefern und es nichts zu beanstanden gibt.“

Coledo winkte ab. „Das brauche ich nicht zu überprüfen. Ihr Wort als Ehrenmann genügt mir.“

Sehr gut.“ Roi verriet nicht, wie ihn dieses Vertrauen freute. „Die anderen 500 Schiffe sind so wie bestellt zum Termin fertig?“

Selbstverständlich. Wie immer bei uns.“

Gut. Dann erstellen Sie mir bitte ein Angebot für weitere 4.000 Schiffe innerhalb der nächsten drei Jahre. Je tausend 800-Meter Schiffe und 500-Meter-Schiffe sowie zweitausend 200-Meter-Schiffe. Alle Schiffe mit kriegsschiffsmäßigen Ortungs- und Funkanlagen. Leider muss ich davon ausgehen, dass wir uns zukünftig immer mal wieder wehren müssen, deshalb möchte ich unsere Besatzungen so gut wie möglich ausrüsten. Ansonsten der übliche Standard für Handelsschiffe.“

Coledo musste um seine Fassung ringen. Ein solcher Auftrag gehörte auch für ihn zu den ganz außergewöhnlichen. So etwas zog man nur einmal im Leben an Land.

Ich möchte nur der Vollständigkeit halber erwähnen, dass ich auch bei anderen Werften Angebote einholen werde“, fuhr Roi ungerührt fort. „Bitte berücksichtigen Sie das bei Ihrer Kalkulation.“

Coledo lächelte. „Natürlich. Sind Sie damit einverstanden, wenn ich Ihnen dieselben Konditionen wie der Solaren Flotte einräume?“

Roi lächelte fein. Innerlich entspannte er sich. „Ich sehe, wir haben uns verstanden, Mr. Coledo.“

Woher wollen Sie die Mannschaften, Offiziere und Kapitäne nehmen?“, fragte Coledo schwach. Er musste den Schock erst noch verdauen.

Das lassen Sie meine Sorge sein, Monsieur.“

Coledo musterte ihn eindringlich. Der junge Mann gefiel ihm außerordentlich gut. Trotz seines Selbstbewusstseins wirkte er nicht arrogant, seitdem er seine Maske abgelegt hatte.

Darf ich Ihnen einen Rat geben? Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich bin ein paar Jahre älter als Sie.“

Roi nickte lächelnd. „Nur zu. Ich bin immer für gute Ratschläge zu haben.“

Verbrennen Sie sich nicht die Finger, junger Freund. Mit dem Solaren Imperium und dem Großadministrator ist nicht zu spaßen. Falls Sie anfangen sollten, Raumfahrer von der Flotte oder der USO abzuwerben, sollten Sie auf alles gefasst sein.“

Roi lachte offen. „Das weiß ich. Keine Sorge, ich werbe nicht ab. Aber was kann ich dafür, wenn es so einigen bei uns besser gefällt als bei der Flotte. Da steckt niemand drin.“

Und damit hat der friedliche Wettstreit mit Vater neue Dimensionen angenommen, dachte Roi bei sich. Er spürte in seinem Nacken ein leichtes Kribbeln, er freute sich darauf.

Er auf und klopfte Coledo freundlich auf die Schulter. Das fiel ihm nicht schwer, da er im Gegensatz zu dem kleinen etwas dicklichen Reeder groß und hochgewachsen war.

Dann lassen Sie uns das neue Flaggschiff der Freihändler-Flotte besichtigen. Es wird FRANCIS DRAKE heißen. Sie wissen sicherlich, dass Francis Drake kein alltäglicher Pirat war.“

Ein guter Name für Ihr Schiff, Monsieur. Und ein bezeichnender.“


**********


Roi Danton verließ die Coledo-Werft in absoluter Hochstimmung. Zum einen hatte der Reeder ihn nicht erkannt, obwohl er ihn von früher her sehr gut kannte und er ihm sogar einige sehr deutliche Hinweise präsentiert hatte – also konnte er sich auf seine Tarnung verlassen. Zum anderen war sein neues Schiff, sein erstes wirklich eigenes Schiff, ein Traum! Perfekt und supermodern. Außerdem war er sich sicher, dass er auch für den kommenden Großauftrag sehr gute Konditionen von Coledo erhalten würde. Roi konnte sich nicht dagegen wehren, aber er schwebte emotional auf Wolken.

Ihm tat es nur leid, dass die Ingenieure und Techniker der Werft einige Arbeit unnötig gemacht hatten. Das hatte ihn auch einiges an Solar zusätzlich gekostet, aber er durfte keinen Verdacht erregen, wenn er ein Schiff mit nur einem Kalup oder zu wenig „Normalwaffen“ erworben hätte. Dann wäre die Abwehr mit Sicherheit sofort präsent gewesen. Eine solche Überprüfung brauchten weder er noch Coledo.

Er traf sich mit der abkommandierten Überführungsbesatzung beim Schiff. Auch seine Edelleute und die Mannschaften waren hellauf begeistert. Zusammen mit der KOLUMBUS starteten sie von Terra. Der Raumhafenkommandant wunderte sich ein wenig, weil Roi als Name des Schiffes nur die Nummernbezeichnung angab, unter der die Produktion in der Werft gelaufen war. Roi erklärte, dass das Schiff in einem großen Festakt auf der Zentralwelt der Freihändler getauft werden würde. Damit gab der Mann sich zufrieden.

Roi flog das neue Schiff selbst zu einem Treffpunkt im freien Raum. Dort wartete eine Korvette auf sie. Eine Werftmannschaft übernahm das Schiff, um es nach Last Hope zu fliegen, wo Rois Schwester Suzan Betty Rhodan zusammen mit ihrem Verlobten Dr. Waringer wohnte. Dort betrieb er mit Billigung ihrer Mutter seine Forschungen. Er würde das neue Flaggschiff der Freihändler-Flotte mit Transformkanonen ausrüsten, die schneller schossen als die auf den terranischen Flottenschiffen üblichen Modelle, neu konstruierten Linearkonvertern, dem sagenhaften Halbraumspürer, der es ermöglichen sollte, Schiffe auch durch den Linearraum zu verfolgen. Darüber verfügten bisher weder Flotte noch USO. Professor Kalup, das wissenschaftliche Genie des Solaren Imperiums, arbeitete bisher erfolglos daran, während Dr. Waringer ein ganz anderes Konzept in die Praxis umgesetzt hatte.

Dazu kamen noch ein neuartiger Anti-Ortungsschirm und einige andere technische Neuentwicklungen. Die Vereinbarung zwischen Roi und Geoffry lautete dahingehend, dass der Wissenschaftler die Neuentwicklungen Roi zum Test auf seinem Schiff überließ. Damit bekam die zukünftige FRANCIS DRAKE auch den Status eines Experimentalschiffes.

Roi fragte sich innerlich, wie viel Atlan schon damals geahnt hatte, als er ihm vor seiner Mentalstabilisierung das heilige Versprechen abnahm, niemals gegen die Interessen der Menschheit zu arbeiten. Mit diesem Schiff könnte er dem Imperium sehr gefährlich werden. Atlan hatte zwar nichts von seinen Plänen gewusst, aber eines seiner Fachgebiete war Galaktopsychologie, außerdem verfügte er über die Erfahrung seines mehr als zehntausendjährigen Lebens und war diese ganze Zeit der Mentor der Menschheit. Alles zusammen mehr als genug Gründe für ihn, Roi das erste Zusammentreffen mit Atlan als Freihändler so lange hinauszuzögern, wie es ihm möglich war.

Geoffry war selbst mitgekommen, um das Schiff zu übernehmen. Roi verabschiedete sich von seinem zukünftigen Schwager mit dem Hinweis, nicht seine eigene Hochzeit zu vergessen und flog mit der KOLUMBUS direkt weiter nach Plophos …


**********


Der Hafenkapitän des Raumhafens von New Taylor, der Hauptstadt des Planeten Plophos, wirkte völlig ratlos, als er Obmann Mory Rhodan-Abro in ihrem Arbeitszimmer im Regierungspalast anrief.

Obmann, das Freihändlerschiff CHRISTOPH KOLUMBUS ersucht um sofortige Landeerlaubnis. Der Kommandant, ein Fürst Danton behauptet, er hätte einen Termin mit Ihnen im Palast. Ich weiß nicht …“

Mory Rhodan-Abro, immer noch die kühle rothaarige Schönheit mit dem Aussehen einer 25-Jährigen dank ihres Zellaktivator, lächelte nachsichtig.

Was wissen Sie nicht, Oberst Anders?“

Es ist doch üblich, ein Freihändlerschiff grundsätzlich nicht bevorzugt abzufertigen. Deshalb wollte ich lieber bei Ihnen nachfragen. Zumal die Behauptung dieses Fürsten mir ein wenig unglaubwürdig erscheint.“

Mory holt tief Luft und unterdrückte ihren aufkommenden Ärger. Sie blieb gleich bleibend freundlich.

Mit ‚nicht bevorzugt abfertigen‘ meinen Sie sicherlich die kleinlichen Schikanen, denen die Freihändlerschiffe auf Solaren Planeten immer wieder ausgesetzt werden. Ich hoffe, Sie schließen sich dieser Praxis nicht an. Die Freihändler sind nicht unsere Feinde, es sind Menschen wie Sie und ich. Bitte verhalten Sie sich entsprechend und geben Sie das als Anweisung an Ihre Leute weiter. Ich möchte mich nicht über entgegengesetzte Berichte ärgern müssen. Sie verstehen mich?“

Aber Obmann“, wagte Oberst Anders zu sagen, „auf Terra …“

Weiter kam er nicht, weil Mory ihm nun doch ins Wort fiel, was sie normalerweise ihren Untergebenen gegenüber vermied. „Vielleicht wird sich unsere Mutterwelt diesbezüglich irgendwann nach uns richten.“ Sie schenkte dem Mann ihr bezauberndstes Lächeln. „Außerdem stimmt die Aussage des Fürsten. Ich erwarte ihn wirklich.“

Nähere Auskünfte gab sie nicht. Sie wäre unglaubwürdig geworden, würde sie ihrem Untergebenen gegenüber ihr Vorgehen erläutern.

Sie beendete die Verbindung mit einem maliziösen Lächeln und drehte sich zu ihrer Tochter Suzan um, die vor ihrem Schreibtisch saß. Mutter und Tochter schauten sich an.

Soll es immer so weitergehen?“, fragte Suzan traurig.

Mory stand auf und nahm ihre Tochter tröstend in die Arme. „Nein, und gerade daran werden wir jetzt arbeiten.“

Wird der Hafenkapitän nicht an die Erde melden, dass du mit Roi Danton sprechen willst? Was wird Dad dazu sagen?“ Die Angst stand ihr im Gesicht geschrieben. Im Moment war sie auf ihren Vater nicht gut zu sprechen, da er ihre bevorstehende Hochzeit mit Geoffry immer noch ablehnte.

Die Trauung war im engsten Kreis auf Plophos anberaumt worden. Perry Rhodan, Atlan, Bully und die gesamte Führungsspitze des Solaren Imperiums ahnte nichts davon. Sie würden es danach erfahren. Suzan und Mory hatten sich zusammen mit Geoffry und auch Michael zu diesem schweren Schritt entschlossen, um eventuelle Missbefindlichkeiten an dem großen Tag auszuschließen. Suzan sollte ihren großen Tag glücklich genießen können.

Mory winkte ab. „Ich glaube nicht, dass Oberst Anders es wagen wird, etwas an die Erde zu melden. Zum einen hat er meine Anweisung, zum anderen möchte er sich sicherlich nicht der Kritik von dort aussetzen, dass er ein Freihändlerschiff schnell abgefertigt hat. Und wenn, dann wird mir schon etwas einfallen Perry gegenüber.“

Danke, Mum.“ Suzan wusste sehr genau, welches Risiko ihre Mutter einging. Sie stellte sich im Prinzip gegen ihren Mann, den sie abgöttisch liebte, für ihre Tochter – und auch für ihren Sohn.

Warum lehnt Dad nur Geoffry so ab? Er hält ihn immer noch für einen Phantasten und lässt sich nicht davon abbringen.“ Suzan konnte sich von dem Problem einfach nicht lösen.

Eifersucht, dass ihm seine Tochter entführt wird, wie fast alle Väter es empfinden – oder ganz einfach seine alte Angst, dass es gute Wissenschaftler und Soldaten gibt, die nicht für seine Menschheit arbeiten könnten, sein altes Problem“, spekulierte Mory. „Aber das werden wir jetzt nicht klären können und sollten es auch nicht versuchen.“

Suzan lächelte. „Spätestens wenn Mike mit seiner neuen FRANCIS DRAKE unterwegs ist, wird man ihm glauben.“

Mory schüttelte leicht den Kopf. „Das wäre sehr schön, Kind. Aber es wird nicht gehen, das weißt du doch. Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben.“

Suzan seufzte auf. „Ja, daran hatte ich nicht gedacht. Für mich braucht Geoffry diesen Beweis auch nicht antreten, ich glaube so an ihn!“

Das weiß ich. Deshalb sollten wir das Thema jetzt auch lassen, sondern uns auf Eure Hochzeit konzentrieren. Jedenfalls hat Mike es geschafft, zu kommen. Das ist doch schon mal was.“

Suzan lachte. „Ich hätte meinem kleinen Bruder auch nichts anderes geraten, wenn er es sich nicht für immer hätte mit mir verderben wollen. Schließlich sind du und er die Trauzeugen.“

Erfreut darüber, dass Suzans Stimmungstief anscheinend überwunden war, ging ihre Mutter auf den lockeren Ton ein.

Da könnte dann nicht einmal die Frau Mutter ihn retten“, grinste sie schelmisch.


**********


Es hatte Mory einige Mühe gekostet, die Eskorte loszuwerden, die Roi Danton bis in ihr Büro geleitet hatte. Der kommandierende Offizier berief sich auf eine 1 A-Order des Großadministrators, der zufolge der Obmann des Eugaul-Systems niemals ohne Schutz bleiben dürfe, wenn ein bisher unbekannter Besucher sie aufsuchte. Mory, die diese Anweisung ihres Mannes kannte und wusste, dass er sie ausschließlich aus Sorge um ihr Wohlergehen erlassen hatte nicht zu Kontrollzwecken, konnte den Offizier nur unter Hinweis auf ihre Regierungsgewalt als Obmann besänftigen.

Roi, der sich beim Eintritt selbst übertroffen hatte in seiner Verehrung für die „charmanteste Regierungschefin, der er je begegnet war“, umarmte Mutter und Schwester herzlich, nachdem die Soldaten abgezogen waren und sie sicher sein konnten, unbeobachtet zu sein.

Mory betrachtete ihren Sohn aufmerksam. Ihr entging nicht die geringste Kleinigkeit.

Glücklich?“, fragte sie ihn leise.

Ja, auf jeden Fall.“ Michael lachte. Seine Verspannung löste sich etwas. „Es macht Spaß, als ich selbst etwas zu bewirken und nicht als Sohn des Herrn Großadministrators. Ich habe große Ziele und ich möchte sie erreichen. Und dabei lasse ich mich nicht von Vater einschüchtern. Er wird die Freihändler mit Sicherheit immer mehr jagen, je aktiver wir werden. Das erschrickt mich nicht. Die Zeiten, als der kleine Mike Angst vor seinem Vater hatte, sind schon lange vorbei.“

Ein wenig Bitterkeit klang in seiner Stimme mit.

Mory wurde übergangslos sehr ernst. Michael verstand sie sofort und zog sie beschwichtigend an sich. „Keine Sorge, Mum. Ich werde nie gegen das Imperium arbeiten. Das ist ein friedlicher Wettstreit mit Vater. Den muss er akzeptieren, genauso wie er einsehen muss, dass er nicht immer alles diktieren kann. Suzan und ich treffen unsere eigenen Entscheidungen.“

Das weiß ich, Mike. Und ich halte es auch für richtig, sonst würde ich euch beide nicht unterstützen.“

Ja, Mum. Hoffentlich können wir irgendwann wieder gut machen, was du für Krausnase und mich tust.“

Suzan nickte zustimmend. Sie liebte ihren „kleinen“ Zwillingsbruder, der acht Minuten nach ihr auf die Welt gekommen war, genauso wie er sie. Mit Vergnügen dachte sie heute an ihre Zeiten als kleine Kinder zurück. Damals hatte Reginald Bully, Onkel Bully, Mike mühsam klarmachen müssen, dass auch eine Schwester ihre Daseinsberechtigung hatte. Für ihn war sie damals ja „nur“ seine Schwester gewesen.

Ich erwähne es nicht gerne“, rang Mory sich durch. „Aber bitte denkt bei allem, was Ihr tut, besonders du, Mike, immer an das Trauma, das Perry hat. Deshalb wird er jede deiner Handlungen auf die Goldwaage legen. Er weiß genau wie wir, dass er dir vertrauen kann, aber dieses Trauma lässt ihn nicht los.“

Michaels Gesicht verschloss sich. „Ich bin nicht Thomas Cardif, Mutter! Das solltet Ihr alle wissen, auch Vater!“, antwortete er heftig.

Alle wussten, worauf Michael anspielte. Perry Rhodans erster Sohn Thomas Cardif, den er zusammen mit seiner ersten Frau, der Arkonidin Thora gezeugt hatte, war ein Verräter am Solaren Imperium gewesen. Zuerst war er aus der Flotte desertiert, dann hatte er beinahe zwei Imperien, das Solare und das Große Imperium der Arkoniden, dessen Imperator Atlan zu der Zeit war, in den Untergang gestürzt.

Michael erinnerte sich daran, wie Atlan ihm die Wahrheit über Thomas Cardif und auch über sein eigenes Verhältnis zur ersten Frau seines Vaters, der arkonidischen Fürstin Thora, der Schwester des letzten Imperators vor dem Robotregenten anvertraut hatte. Obwohl es noch nicht einmal ein Jahr her war, kam es ihm vor, als sei es schon Jahre her. Das war damals gewesen – in seinem vorigen Leben …

Mit Gewalt schüttelte er den Gedanken ab. „Die Freihändler werden unter meiner Führung eine paramilitärische Organisation werden, die absolut treu zum Imperium steht. Ich werde den jetzigen Meinungen den Boden entziehen.“

Suzan musterte ihn aufmerksam. „Willst du nicht zumindest Atlan informieren, wer Roi Danton wirklich ist? Es könnte für dich leichter werden, wenn er dich im Hintergrund unterstützt. Und er würde Vater niemals etwas sagen. Erinnere dich an deine selbst gebastelte Flüssigkeitsrakete, als du elf Jahre alt warst.“

Das weiß ich.“ Michael dachte belustigt an seinen gefährlichen Jugendstreich. Er hatte eine Flüssigkeitsrakete gebastelt und wollte sie gerade in seinem Kinderzimmer im Bungalow am Goshun-See ausprobieren, als der Arkonide dazu kam. Er verhinderte die Zündung, erklärte dem kleinen Jungen, der zu dieser Zeit schon sehr frühreif war, in welcher Gefahr er sich befunden hatte und sagte seinem Freund Perry nichts davon.

Atlan wird nichts sagen. Aber es würde mir alles wieder zu leicht machen. Er wusste auch, dass ich von Zuhause weggehen wollte und hat Vater trotzdem nicht gewarnt. Er ist einfach großartig. Ich musste ihm ein heiliges Versprechen geben, bevor er der Mentalstabilisierung zugestimmt hat. Niemals gegen die Menschheit zu arbeiten. Er ist und bleibt der Mentor der Menschen, vielleicht oder sogar wahrscheinlich sehr viel mehr als Dad.“

Mit Schaudern dachte Michael an seine Gehirnoperation zurück. Auch gemessen an dem, was er vorher mitgemacht und durchlitten hatte, war das Erlebnis das Schrecklichste, das er in seinem bisherigen Leben mitgemacht hatte.

Lassen wir die unangenehmen Themen jetzt“, wechselte er abrupt das Thema. „Es gibt erfreulichere Dinge zu besprechen. Geoffry hat die zukünftige FRANCIS DRAKE übernommen und ich habe ihn noch einmal daran erinnert, nicht seine eigene Hochzeit zu verpassen. Bei so einem ‚zerstreuten’ Wissenschaftler ist doch alles möglich.“ Michael hatte sein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden und scherzte in seiner üblichen Art.

Was soll die nächsten drei Tage mit der KOLUMBUS geschehen?“, ging Mory sofort darauf ein.

Im Moment wird die Howalgonium-Ladung gelöscht, die ich mitgebracht habe und die Formalitäten abgewickelt. Edelmann Hims, mein 1. Offizier kümmert sich darum. Anschließend erhält die Mannschaft gruppenweise Urlaub. Darum brauche ich mich auch nicht selbst zu kümmern. So wie es aussieht, habe ich eine hervorragende Mannschaft vom Kaiser übernommen. Zusammen mit den neuen Besatzungsmitgliedern möchte ich eine Elitebesatzung daraus schmieden.“

Wo willst du die Männer und Frauen herbekommen?“

Sehr viele gute Raumfahrer sind im Moment ohne Beschäftigung, weil die Freihändler nicht genug Schiffe haben. Sie warten auf Olymp auf eine neue Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass ich genug bekommen werde, wenn es bekannt wird, dass ich Besatzungsmitglieder für das neue Flaggschiff suche. Das riecht regelrecht nach einer interessanten und abenteuerlichen Herausforderung - jedenfalls für Vollblut-Kosmonauten und Techniker.“

 

**********


Damit erkläre ich Sie für Mann und Frau. – Sie dürfen Ihre Frau jetzt küssen.“

Der Standesbeamte der Plophosischen Regierung lächelte das gerade von ihm getraute Paar freundlich an.

Dr. Geoffry Abel Waringer, der jetzt im Gegensatz zu seinem sonstigen Gebaren außerhalb seiner Wissenschaften gar nicht mehr linkisch wirkte, drückte seine Frau Suzan fest an sich und beide versanken in einem unendlich lange erscheinenden Kuss.

Mory und Michael lächelten beide vor sich hin, als sie die Eheleute beobachteten. Suzan hatte sich mit besonderer Sorgfalt zurechtgemacht. Ein elegantes elfenbeinfarbenes Kostüm brachte ihre Figur vollendet zur Geltung. Geoffry trug einen schlichten dunklen Anzug. Beide machten einen unendlich glücklichen Eindruck.

Mutter und Zwillingsbruder, von jetzt an auch Schwiegermutter und Schwager, konnten sich ihrer Rührung auch nicht erwehren. Sie waren außer dem Paar und dem Standesbeamten die einzigen Anwesenden.

Mory war in einen weißen Hosenanzug aus kostbarer Seide gekleidet, Michael trug genau wie Geoffry einen eleganten dunklen Anzug. Für diesen Anlass hatte er auf seine Roi-Danton-Kostümierung verzichtet.

Erst das vorsichtige Räuspern des Standesbeamten führte dazu, dass Suzan und Geoffry wieder aufsahen. Der Beamte lächelte nachsichtig und schob den Eheleuten die Urkunde hin. Geoffry unterschrieb schwungvoll und gab den Stift danach an seine Frau weiter. Suzan unterschrieb ganz langsam zum ersten Mal als „Suzan Betty Rhodan-Waringer“.

Danach unterzeichneten erst Mory, dann Michael als Trauzeugen die Urkunde.

Michael umarmte seine Schwester und drückte ihr einen kräftigen brüderlichen Kuss auf die Wange. „Alles Glück der Galaxis, Krausnase.“

Sie kuschelte sich kurz an ihn. „Danke, kleiner Bruder. Es ist so lieb, dass du gekommen bist.“

Er lachte. „Ich lasse doch meine große Schwester nicht allein heiraten, was denkst du von mir.“

Anschließend bot er Geoffry beide Hände. Der schlug ohne Zögern ein. „Du wirst meine Schwester glücklich machen, das weiß ich. Wenn nicht …“ Den Rest ließ er offen, aber sein Blick sprach Bände.

Du kannst dich auf mich verlassen, Schwager.“ Diese Anrede zum ersten Mal fiel Geoffry leicht. Die beiden jungen Männer verstanden sich schon seit dem ersten Kennenlernen.

Bei Mory kamen die Worte dem Wissenschaftler ein wenig schwerer über die Lippen.

Nun ist aber Schluss mit der Verlegenheit, mein lieber Schwiegersohn“, entgegnete Mory mit ihrem ganzen Charme. „Von jetzt an bin ich für dich genau wie für Suzan und Michael ‚Mum’ oder ‚Mutter’. Etwas anderes möchte ich nicht mehr hören, sonst werde ich böse.“

Geoffry druckste ein wenig herum, dann nickte er. Michael half ihm. „Du wirst es lernen, Geoffry. Ich sage auch zu dieser so jung und bezaubernd aussehenden Frau ‚Mum’. Im Laufe der Zeit wird es Gewohnheit, angenehme Gewohnheit.“

Damit nahm er seine Mutter ohne viele Umstände in den Arm und küsste sie auf die Wange.

Als er seine Mutter umarmte und Schwester und Schwager so glücklich zusammen sah, musste er wieder an seine ehemalige Lehrgangskameradin Beatrice Wood denken – und wieder überkam ihn das Wehmutsgefühl, weil er auf diese Frau hatte verzichten müssen. Er konnte sich vorstellen, dass Beatrice für ihn eine Frau fürs Leben hätte sein können.


**********


Das Jahr 2430 ging ohne weitere bemerkenswerte Ereignisse zu Ende.

Erst im Januar 2431 erfuhren Perry Rhodan, Atlan, Bully und alle anderen von der Heirat Suzans mit Geoffry auf Plophos. Mit Absicht hatten Mory und Suzan ihn erst nach Weihnachten informiert, weil sie seine Reaktion fürchteten und Wert auf ein friedliches Weihnachtsfest legten.

Entgegen aller Befürchtungen nahm er die Nachricht erstaunlich gefasst auf. Nachdem Atlan ihn vorsichtig darauf hinwies, dass er durch seinen Widerstand seiner Tochter eine glanzvolle Hochzeit, die wohl jede Frau sich wünscht, versagt hatte, gab er endlich seinen Widerstand gegen Geoffry auf und richtete Tochter und Schwiegersohn im Nachhinein ein überaus glanzvolles Hochzeitsfest in Terrania-City aus. Er sprang sogar über seinen Schatten und entschuldigte sich bei Suzan und seinem Schwiegersohn. Besonders Atlan rechnete seinem besten Freund das sehr hoch an.

Es war alles perfekt – bis auf eines: Michael fehlte, weil er hauptsächlich seinem Vater und auch Atlan und den anderen noch nicht wieder begegnen wollte. Er ließ lediglich über seine Schwester Grüße an den Vater übermitteln.

Perry hatte in seinem Innersten sogar gehofft, dass Michael zu einem Kurzbesuch nach Terra kommen würde, egal was er nun machte und wo er sich aufhielt. Er hätte ihm keine Fragen gestellt und ihn wieder ziehen lassen. - Aber Michael tat ihm diesen Gefallen nicht, obwohl Suzan ihm seine Bitte überbrachte.

Besonders Atlan erkannte, dass Perrys Hoffnung trügerisch sein musste. Egal was sein ehemaliger Schüler machte, seine neue Stellung konnte nach der Zeit noch nicht so gefestigt sein, dass er eine Begegnung riskieren würde.

Als Suzan und Geoffry auf der Feier Zeuge wurden, wie Perry und Atlan sich mit Mory über den neuen Befehlshaber der Freihändler, diesen Roi Danton unterhielten, tauschten sie mit einem feinen Lächeln verschwörerische Blicke.

Weiterhin kam niemand aus der gesamten Führungsriege auf den richtigen Gedanken. Auch Gucky war ratlos, da sowohl Mory als auch Suzan und Geoffry über die Fähigkeit verfügten, ihre Gedanken entsprechend abzuschirmen. Außerdem war Gucky fest entschlossen, falls sie einmal ihren Gedankenschirm vernachlässigen sollten, niemand darüber zu informieren, wo Michael war. Der Mausbiber verstand seine Beweggründe genau wie Atlan sehr gut – außerdem konnte man sich auf Gucky als Freund verlassen …


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Fortsetzung: Teil 04


28.5.16 15:04, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 04

Lockruf der Freihändler – Teil 04


3

 

März 2431


Hör auf, Geoffry, es reicht!“ Michael war überwältigt und versuchte schon seit über einer halben Stunde, den Redefluss Dr. Geoffry Abel Waringers zu stoppen. Zusammen mit Suzan und dem Chefingenieur von Geoffrys Entwicklungsteam besichtigten sie die umgebaute Zentrale seines neuen Schiffes.

Der Chefingenieur, Dr.-Ing. Robert Hawkins lachte und fiel seinem Chef ins Wort. Er wusste, dass Geoffry es ihm nicht übel nahm, dazu arbeiteten sie schon zu lange freundschaftlich zusammen. Außerdem war der Redestrom seines Chefs anders nicht zu stoppen, wenn es sich in seinem Element befand.

Auf jeden Fall, Michael, haben Sie ein Schiff, das mit ruhigem Gewissen als das kampfstärkste aller Menschen bezeichnet werden kann. Die FRANCIS DRAKE schlägt im Extremfall sogar die CREST IV Ihres Vaters und die IMPERATOR III von Lordadmiral Atlan.“

Michael wurde sehr ernst, obwohl die innere Hochstimmung ihn beflügelte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben so glücklich gewesen zu sein. „Soweit wollen wir es nie kommen lassen, Robert.“

Der blickte ihn sehr ernst an. Natürlich nicht. Wir alle wissen, dass das nur eine hypothetische Möglichkeit ist.“

Glücklich, kleiner Bruder?“, warf Suzan ein.

Sehr, Krausnase. So glücklich wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Schade, dass wir es für uns behalten müssen. Vielleicht kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem wir unsere Geheimnisse offenbaren dürfen oder müssen. Es ist mein großes Ziel, Vater von der Loyalität der Freihändler zum Imperium zu überzeugen und ihn dazu zu bringen, sie anzuerkennen.“

Übernimm dich nicht, du hast dir damit ein Ziel gesetzt, das ich im Moment noch als unüberwindbar einschätze, auch nach mathelogischen Gesichtspunkten.“ Suzan spielte damit auf ihre Ausbildung als Mathelogikerin an. Sie gehörte ebenfalls nicht zu den „zarten Pflänzchen“ in der Frauenwelt, sondern konnte durchaus ihren „Mann“ stehen, entscheiden und zupacken. Eine militärische Ausbildung hatte sie auf Plophos erhalten und war seitdem Leutnant der Plophosischen Raumflotte der Reserve. Wobei sie nur die übliche Ausbildung absolviert hatte und nicht die extrem harte Kampfausbildung wie ihr Bruder.

Irgendwann werde ich es schaffen“, prophezeite Michael.

Das glaube ich dir. Kannst du dich auf deine Mannschaft verlassen?“ Suzan dachte schon an das Nächstliegende.

Michael nickte. „Absolut. Die Mannschaft, die ich vom Kaiser übernommen habe, hat sich vorbehaltlos hinter mich gestellt. Die anderen, die ich zusätzlich angeworben habe, sind hochqualifizierte Spezialisten, von denen die meisten früher bei der Flotte oder der USO waren. Sie sind auf unseren letzten Flügen mit der CHRISTOP KOLUMBUS wirklich zu einer Einheit geworden. Einige Male habe ich ihnen ganz bewusst die Möglichkeit zum ‚Verrat’ gegeben, niemand hat den Köder geschluckt. Es ist alles in Ordnung. Sie werden noch einmal extra auf mich als Kommandanten vereidigt, sobald das Schiff getauft ist. Darum habe ich den Kaiser gebeten. Ich verspreche mir davon eine gewisse Symbolwirkung.“

Suzan lachte herzlich. Ihr herbes Gesicht wurde fraulich weich. Geoffry zog sie liebevoll an sich. Beide tauschten auch in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten aus. Niemand störte sich in diesem Kreis daran, im Gegenteil, alle freuten sich über ihr Glück.

Zudem gilt es als eine Art Auszeichnung, mit Roi Danton fliegen zu dürfen, wie man hört. Mein Kompliment, Mike, du hast in dem knappen Jahr schon sehr viel erreicht.“

Ich tue mein Bestes“, wehrte Michael bescheiden ab. Er fühlte sich im Moment als ein großer Junge vor einem ganz großen Abenteuer …

Ich rekapituliere noch einmal“, meldete sich der Ingenieur zu Wort. „Mein Team und ich fliegen zusammen mit Michael und dem Schiff nach Olymp. Dort beginnen wir mit dem Ausbau des Raumhafens von Trade-City nach den Plänen des Fünf-Jahres-Planes. Wie verhalten sich die Beiräte, Michael, ist mit Schwierigkeiten zu rechnen?“

Michael zuckte die Schultern und verzog das Gesicht, als ob er in eine Zitrone gebissen habe. „Nicht mehr und nicht weniger als sonst.“

Übergangslos fiel er in seine Rolle als Stutzer zurück. „Auf, Messieurs, Wir haben Uns entschieden, dass wir Unser Schiff unverzüglich nach Olymp bringen.“ Und an den Ingenieur gewandt: „Sind Seine Männer bereit zur Abreise?“

Der ging lachend auf das Spiel ein. Mit einem tiefen Kratzfuß antwortete er: „Selbstverständlich, Majestät. Wir warten nur darauf, Euch folgen zu dürfen.“

Roi musterte ihn durch sein Lorgnon wie ein seltenes Tier, mit blasiert verzogenem Gesicht. „Hat Er den Kratzfuß vor dem Spiegel geübt? Der war nahezu perfekt. Unser wohlwollendes Lob sei Ihm gewiss.“

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern tänzelte davon. Suzan und Geoffry Arm in Arm und der Ingenieur hinter ihnen folgten, fröhlich lachend.

Zum Glück war nach der Vernichtung der Meister der Insel immer noch Frieden und sie konnten sich mit Hingabe dem friedlichen Wettstreit mit dem Solaren Imperium widmen …


**********


Hiermit taufe ich dich auf den Namen FRANCIS DRAKE!“

Kaiser Lovely Boscyk schwebte auf einer Antigravplattform in die Höhe bis zum Beginn der Kugelrundung des 850 Meter durchmessenden Raumschiffes und schleuderte die Sektflasche mit Schwung gegen die Terkonitstahlwand. Mit einem lauten Knall zerbarst sie.

Dem Aufatmen unter den angetretenen Freihändlern folgte ein unbeschreiblicher Jubel. Die Schiffstaufe war gelungen. Längst war sie nicht mehr bei allen Schiffen üblich, sondern nur noch ein besonderes Zeremoniell zu wichtigen Anlässen. Wenn sie denn durchgeführt wurde, musste sie gelingen. Eine nicht beim ersten Versuch zerbrochene Sektflasche galt wie zu historischen Seefahrerzeiten immer noch als schlechtes Omen.

Roi Danton, der sich für diesen Anlass besonders herausgeputzt hatte, atmete genauso befreit auf. Sein Schiff, die FRANCIS DRAKE!

Der Kaiser schaute nach unten. Auf einer Seite des Schiffes war die jetzt 900 Mitglieder starke Besatzung angetreten, auf der anderen Gäste und Besucher, die die Taufe des neuen Flaggschiffes der immer größer werdenden Freihändlerflotte miterleben wollten. Stolz erfüllte den alten Mann und die Gewissheit, richtig gehandelt zu haben. Ihm wurde immer klarer, dass in Michaels Kindheit und Jugend viel schief gelaufen sein musste, was ihn dazu bewogen hatte, seinem Elternhaus den Rücken zu kehren.

Lovely besaß genug Erfahrung und Menschenkenntnis, um zu wissen, dass Michael, wenn er etwas älter war und über mehr Erfahrung verfügte, mit seinen überragenden Fähigkeiten in einem friedlichen Wettstreit mit seinem Vater, dem Großadministrator nicht schlecht abschneiden würde. Er konnte sich vorstellen, dass Perry Rhodan in ernsthafte Bedrängnis kommen könnte, besonders wenn es um die kosmonautischen Fähigkeiten ging. Bisher galt der Großadministrator immer noch als bester Kosmonaut des Imperiums. Boscyk war sich sicher, dass sich das ändern konnte - und würde, wenn Michael die Freiheit erhielt, sich entsprechend zu entwickeln.

Lovely schwebte mit seiner Plattform wieder nach unten, blieb in einer Höhe von ca. drei Metern vor der angetretenen Besatzung in der Luft stehen. Stolz musterte er die disziplinierten Freihändler. Roi Danton hatte es geschafft, aus dem verwilderten Haufen eine militärisch strukturierte Elitemannschaft zu machen. Trotzdem fühlten sich alle wohl und in keiner Weise bevormundet oder in ein Schema gepresst wie bei der Flotte.

Mögest du, Roi und Sie alle, den Ruhm der Freihändler mit dem Flaggschiff FRANCIS DRAKE in die Galaxis hinaustragen!“

Wieder brandete Jubel auf. Lovely fuhr fort, nachdem es wieder still wurde: „Sie alle, Ihr Kommandant, das Schiff, sind etwas ganz Neues, Einmaliges unter den Freihändlern. Jeder von Ihnen trägt an einer großen Verantwortung für sich selbst, die Mannschaft, die Organisation der Freihändler und die gesamte Menschheit. Das hört sich jetzt vielleicht etwas unverständlich an, aber sobald Ihr Kommandant Sie instruiert hat, nachdem Sie die FRANCIS DRAKE bestiegen haben, werden Sie es verstehen. Wir verlassen uns auf Sie. Trotzdem müssen wir auf einem Extra-Eid bestehen, und zwar werde ich Sie noch einmal persönlich auf Ihren Kommandanten vereidigen.

Niemand von Ihnen wird dazu gedrängt. Sie können frei entscheiden, wer von Ihnen das nicht möchte, kann jetzt die Mannschaft verlassen. Ihre Entlohnung wird noch für ein Vierteljahr weitergezahlt, um Ihnen die Überbrückung zu erleichtern.“

Die Freihändler blickten sich ungläubig an. Das entsprach gar nicht mehr den Sitten und Gebräuchen der Organisation. Man wurde einmalig auf die Organisation vereidigt. Jedem war bewusst, dass mit der FRANCIS DRAKE und mit ihrem Kommandanten, den sie inzwischen alle respektieren und schätzen gelernt hatten, etwas völlig Neues in ihr Leben getreten war.

Sie haben von jetzt an 30 Minuten Zeit, um sich zu entscheiden“, schloss Lovely Boscyk seine Rede und schwebte mit der Plattform zum Boden. Roi trat zu ihm und beobachtete seine Mannschaft. Es bildeten sich kleine Grüppchen, die untereinander diskutierten. Er sah auch, dass diese Diskussionen innerhalb der Dienstgruppen stattfanden und nach und nach die zuständigen Edelleute sich zur Schiffsführung, also zu Edelmann Rasto Hims begaben. Der nahm die Meldungen entgegen und nickte nur bei jedem bestätigend. Keine Hektik, kein unübersichtliches Durcheinander – es hatte sich schon viel geändert.

Lächelnd beobachtete er zusammen mit dem Kaiser die Leute. Der klopfte ihm auf die Schulter. „Hervorragend, Roi.“ In der Öffentlichkeit vermied er es, auch wenn sie leise unter sich sprachen, seinen richtigen Namen zu nennen. Man konnte nie wissen, wer doch mal unbemerkt zuhörte. „Du hast sehr viel erreicht.“

Roi lächelte zufrieden.

Rasto Hims blickte auf seine altmodische Armbanduhr und ging nach exakt 30 Minuten auf Roi und Lovely zu. Er grinste zufrieden über sein ganzes breites Epsalergesicht.

Ich freue mich, Ihnen melden zu können, dass alle einverstanden sind. Wir freuen uns darauf, weiterhin unter Ihnen zu fliegen, Sir!“

Innerhalb der eigenen Reihen, solange man insbesondere nicht auf Mitglieder der Flotte oder der USO stieß, hatte sich in Rois Mannschaft ein normaler militärischer Ton etabliert. Nach draußen musste man ja seinem Ruf gerecht werden und sich entsprechend benehmen, indem man den „Kollegen der Konkurrenz“ entsprechende lockere und ungezwungene Äußerungen an den Kopf warf, sonst wäre man kein echter Freihändler gewesen. Dazu gehörte natürlich auch, immer wieder zu betonen, wie frei und ungebunden man doch war und wie „arm dran“ die Mitglieder von Flotte und USO waren.

Mit einer exakten Ehrenbezeugung nach Art der Flottenoffiziere zog er sich zurück.

Lovely warf einen Blick über die angetretene Mannschaft. Als er zu sprechen begann, nahmen alle Haltung an und es kehrte Stille ein.

Ich vereidige Sie auf Ihren Kommandanten, den Fürsten Roi Danton. Sie werden ihm folgen und ihm Gehorsam leisten. Wenn Sie damit einverstanden sind, sprechen Sie mir bitte nach: ‚Ich schwöre meinem Kommandanten Roi Danton Gehorsam und Loyalität in jedem Fall bei allem, was mir heilig ist.’“

Bewusst wurde bei den Freihändlern auf eine religiöse Eidesformel verzichtet und die Formulierung allgemein gehalten, weil sie den unterschiedlichsten Religionen der Galaxis angehörten.

Laut und deutlich war als ein Chor zu hören: „Ich schwöre meinem Kommandanten Roi Danton Gehorsam und Loyalität in jedem Fall bei allem, was mir heilig ist.“

Roi warf einen Blick über die Mannschaft und hob die Hand zur Eidesformel. Dann sprach er auch mit lauter, klarer Stimme: „Ich schwöre, dass ich Ihr Vertrauen niemals missbrauchen werde und nötigenfalls mein Leben für Sie alle einsetzen werde. Mögen alle Sternengötter mir dabei helfen.“

Da er von Atlan entsprechend erzogen worden war, waren diese Eide für ihn heilig und banden ihn ebenso wie z.B. mechanische Fesseln. Er war im hohen Ehrenkodex der alten arkonidischen Flotte unterwiesen worden und befolgte ihn für sich genauso wie Atlan immer noch – nur davon wusste niemand etwas, noch nicht einmal sein Vater!

Ein erstauntes Murmeln ging durch die Reihen der Mannschaft. Damit hatte niemand gerechnet, auch der Kaiser nicht. Bewundernd blickte er seinen Stellvertreter an. Roi hatte die Mannschaft noch mal extra an sich gebunden, es war nun ein Eid auf Gegenseitigkeit! – Und er hatte eines seiner Geheimnisse gerade heraus preisgegeben: seine Religion! Er folgte dem alten Sternenglauben der Arkoniden. Nur sehr wenige Terraner bekannten sich dazu.

Roi räusperte sich, ehe das einsetzende Murmeln noch lauter wurde. „Sie werden jetzt von speziell programmierten Informationsrobotern in Ihre Quartiere und Ihre Arbeitsräume eingewiesen. Ihre persönlichen Dinge aus der CHRISTOPH KOLUMBUS bzw. von Ihrem Zuhause sind schon dort. Wenn Ihnen irgendetwas unklar ist, fragen Sie, die Roboter können Ihnen alle Fragen beantworten. Und bitte wundern Sie sich über gar nichts. Die FRANCIS DRAKE ist ein in der Galaxis einmaliges und sehr ungewöhnliches Schiff. Sie und ich haben die Ehre, damit fliegen zu dürfen. Ich kann Ihnen jetzt schon versichern, dass es uns allen Freude machen wird. –

Edelmann Hims, ich möchte Sie und alle anderen Edelleute in von jetzt an genau fünf Stunden in der großen Offiziersmesse sprechen und bitte sorgen Sie dafür, dass die komplette Mannschaft über Interkom zugeschaltet ist. Ich möchte Sie alle gerne über die Bedeutung der FRANCIS DRAKE informieren.“


**********


Roi Danton lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück und betonte jedes Wort deutlich:

Die FRANCIS DRAKE ist meines Wissens das stärkste Kriegsschiff, das es in der derzeit bekannten Galaxis gibt. Sobald Sie Ihre entsprechenden Hypnoschulungen erhalten haben, brauchen wir den Vergleich mit den Flaggschiffen CREST IV und IMPERATOR III nicht zu scheuen.“

Jeder der in der Messe versammelten Edelmänner starrte ihn sprachlos an. Ihnen kam diese Behauptung schlicht unmöglich vor, zumal die DRAKE im Gegensatz zu den Flaggschiffen nur einen Durchmesser von 850 Metern hatte.

Roi lächelte fein. „Sie brauchen nicht an meinem Verstand zu zweifeln. In Ihren Schulungen erfahren. Jetzt tritt das ein, worüber wir im letzten Jahr auf dem Flug zur Erde mit unseren alten CHRISTOPH KOLUMBUS sprachen. Wenn Sie ihre Manöver- und Kampfstationen eingenommen haben, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich Sie noch einmal extra vereidigen ließ.“

Niemand antwortete darauf. Roi blickte sich sehr ernst um. „Ich verlange von jedem Besatzungsmitglied absolutes Stillschweigen über alles, was an Bord dieses Schiffes vor sich geht. Das betrifft auch Freihändler anderer Schiffe sowie Ihre Familien und Freunde. Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben. Sie können sich sicherlich vorstellen, welche Hetzjagd die Solare Abwehr und die USO auf uns machen würden, sollte auch nur ein Gerücht in dieser Richtung bekannt werden.“

Das versteht sich von selbst, Sir. Wir freuen uns über Ihr Vertrauen.“

Danke, Edelmann Hims. Ihre Hypnoschulungen beginnen umgehend. Sobald das erledigt ist, starten wir zum ersten Erprobungsflug.“

Von wem die DRAKE so ausgerüstet worden ist, brauche ich Sie wohl nicht fragen, Sir.“ Es war mehr eine rhetorische Frage, denn Edelmann Hims wusste genau, wie weit er gehen konnte, da zwischen den beiden Männern inzwischen ein sehr gutes und vertrautes Verhältnis herrschte. Umso erstaunter war er über Rois Antwort.

Nein, brauchen Sie nicht. Aber ich verrate Ihnen trotzdem so viel, dass ich das Glück habe, einen sehr begabten Wissenschaftler in der Familie zu haben.“

Damit stand er auf, nickte den Edelmännern noch einmal zu und verließ die Messe.

Tusin Randta stieß die Luft aus. „Wer hätte das gedacht, wir mit einem solchen Schiff. Ich freue mich schon drauf, damit zu loszufliegen.“

Das Freihändlerleben ist frei und abenteuerlich“, lachte ein anderer Edelmann. „Langweilig wird es mit Roi garantiert nicht.“

Ob Roi uns irgendwann einmal verraten wird, wer er wirklich ist?“, überlegte Hims laut.

Das wird er uns mit Sicherheit nicht sagen“, stellte Randta fest. „Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns auf Roi verlassen können. Wir sollten ihn nicht drängen. Wenn er sein Geheimnis lüften will, wird er es machen. Jede Frage vorher wird ihn verärgern und das würde doch die gesamte Stimmung trüben. Seht ihr das genauso, Kameraden?“

Alle nickten bestätigend.

Auf jeden Fall habe ich bisher noch keinen so hervorragenden Kosmonauten erlebt wie ihn“, ergänzte Hims. Und dass er das sagte, hatte entsprechendes Gewicht, denn auch er zählte zu den herausragenden Vertretern dieser Fachrichtung. „Und auch noch nie so einen kaltblütigen Kämpfer.“ – Auch das hatten sie bisher schon auf ihren Flügen und den Kampfsimulationen an Bord feststellen können.

Er kommt von der Flotte oder der USO“, beharrte Hims.

Alle nickten. Damit war für sie alles gesagt. Sie vertrauten Roi – mehr war für sie nicht nötig.


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Innerhalb des nächsten Jahres wurden Roi Danton und die FRANCIS DRAKE immer bekannter. Er feilte seine Rolle als verweichlichter Stutzer immer weiter aus, so dass sie schon zu seiner zweiten Natur wurde. Er wurde zu einer so bekannten Persönlichkeit in der Galaxis, dass jeder Raumfahrer, egal ob militärisch oder zivil, einer eventuellen Begegnung mit ihm neugierig entgegenfieberte.

Nur seiner Besatzung gegenüber zeigte er seine wahre Persönlichkeit. Nach außen spielten sie zusammen mit ihm ihr großes Spiel und wurden immer perfekter. Roi Danton galt als verweichlicht und zu keinen Gewaltaktionen fähig. Und die FRANCIS DRAKE war „natürlich“ ein harmloses Handelsschiff! Das Vertrauen, das er ihnen entgegenbrachte, schweißte alle zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Es war Rois Prinzip, den Leuten, die unter seinem Befehl standen, offen zu sagen, was sie von ihm zu halten hatten.

Obwohl bekannt war, dass Rois Flaggschiffmannschaft vollzählig war, quittierten immer mehr Angehörige von Flotte und USO ihren Dienst, um zu den Freihändlern zu gehen. Außerdem warben die Freihändler viele hochqualifizierte Absolventen der solaren Raumakademien für sich. Dabei achteten sie sorgfältig darauf, niemanden anzusprechen, der bereits einen Vertrag mit der Flotte oder USO abgeschlossen hatte.

Da immer noch Frieden war, wirkte sich das noch nicht zu einem bedrohlichen Personalmangel aus. Trotzdem sahen Abwehr und USO sowie besonders Perry Rhodan und Atlan die Entwicklung mit Sorge.

Mehrere Versuche von Abwehr oder USO, Roi Danton gefangenzunehmen und ihn zur Aufdeckung seiner wahren Identität zu zwingen, scheiterten kläglich. Es schien, als ob der Freihändlerbefehlshaber mit einem untrüglichen Gespür jede Falle erkannte und ihr aus dem Weg ging. Das wiederum trug noch mehr zu seinem schon legendären Ruf bei.

Natürlich konnte Perry Rhodan nicht ahnen, dass letztendlich er selbst ihn warnte, da er natürlich seiner Frau von den geplanten Einsätzen erzählte.

Mit Sorge sahen die Verantwortlichen des Solaren Imperiums die anwachsende Freihändlerflotte. Ihnen war bekannt, dass die Schiffe auf der Coledo-Werft gebaut wurden. Mehrfache Überprüfungen der Abwehr ergaben, dass Coledo sich hundertprozentig an die Vorschriften hielt. Er gehörte nun, nachdem Perry Rhodan den Schock über das Fortgehen seines Sohnes überwunden hatte, wieder zum gern gesehenen Bekanntenkreis des Großadministrators und seiner Frau.

Der Abwehr fiel lediglich auf, dass alle Schiffe mit kriegsschiffsmäßigen Ortungs- und Funkanlagen ausgerüstet wurden. Warum konnte Imman Coledo ihnen nicht sagen, es war der Wunsch seines Auftraggebers. Dies war nach den Gesetzen des Imperiums nicht verboten, also ließ man den Reeder unbehelligt.


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4

Sommer 2432


Major Beatrice Wood freute sich auf Quinto-Center. Sie und ihre Mannschaft befanden sich mit dem 500 Meter durchmessenden USO-Schlachtkreuzer HATSCHEPSUT nach einem gefährlichen Einsatz, der ihnen alles abverlangt hatte, auf dem Rückflug. Lordadmiral Atlan hatte sie bereits über Hyperfunk für ihre Leistungen belobigt und ihnen einen zehntägigen Urlaub versprochen. Entsprechend waren die Gedanken der Besatzung mit der Vorplanung für diese Zeit beschäftigt. Viele wollten ihre Familien besuchen, während der Schlachtkreuzer zur Überholung in der Werft von Quinto-Center lag.

Beatrice Wood hatte den Schlachtkreuzer zusammen mit der neu zusammengestellten Mannschaft nach Abschluss des einjährigen Lehrganges übernommen, der ihr und ihren damaligen Kameraden alles abverlangt, sie sogar in Lebensgefahr gebracht hatte.

Als Kommandantin war sie beliebt und respektiert. Niemand fand etwas dabei, unter einer Frau zu fliegen. Hin und wieder dachte sie lächelnd daran, dass das in der Solaren Flotte schwieriger gewesen wäre, weil man dort bezüglich der Gleichberechtigung von Frauen noch sehr rückständig war.

Beatrice Wood, von ihren Freunden privat Bea genannt, war der Typ Frau, den man als „Kameradin, mit der man Pferde stehlen kann“ bezeichnete. Etwas füllig und kräftig gebaut, entsprach sie nicht dem weitaus gängigen Schönheitsideal der schlanken, wohlproportionierten Frau. Auch ihr Wesen war mehr robust, strahlte aber Wärme und Zuverlässigkeit aus.

Sie war Raumschiffskommandantin mit Leib und Seele. Ihre Beurteilungen waren die allerbesten, Atlan schätze sie sehr. Nie könnte sie sich etwas anderes für ihr Leben vorstellen – mit einer Ausnahme: ihr ehemaliger Lehrgangskamerad Michael Rhodan. Wenn sie die Gelegenheit haben würde, unter ihm zu fliegen, würde sie sogar auf ihr Kommando verzichten. Beim letzten Ausbildungsflug ihres gemeinsamen Lehrgangs vor drei Jahren hatte er in einer Notsituation das Kommando über ihr Schiff übernommen – und hatte sie aus einer gefährlichen Situation nach Hause gebracht.

Nach dem Lehrgang hatten sie sich trennen müssen, jeder war seinen eigenen Weg gegangen. Obwohl Bea sich schon lange dazu entschlossen hatte, sich niemals wieder an einen Mann zu binden, hätte sie sich doch vorstellen können, mit Michael auch privat zusammen zu sein. Umgekehrt hatte sie den Eindruck, dass auch Michael nicht abgeneigt gewesen war, aber er es sich genau wie sie versagt hatte.

Obwohl sie ihm nie die Gründe ihrer Entscheidung verraten hatte, war ihr klar, warum er sich Zurückhaltung auferlegt hatte. Er wollte keine Frau an sein ungewisses Schicksal binden, das ihn nach seinem Weggang von seiner Heimat erwartete. Niemand wusste, wo er jetzt war und was er machte.

Oder fast niemand, rief sich Beatrice ins Gedächtnis, wenn sie – was recht häufig vorkam – an ihn denken musste. Sie ging davon aus, dass seine Mutter und seine Schwester wussten, wo er war. Die beiden würden ihn nie verraten, egal an wen ...


**********


Da niemand mit einem außergewöhnlichen Ereignis auf dem Rückflug rechnete, wurden alle von den grellen Lärmpfeifen aufgeschreckt, als die HATSCHEPSUT nach der vorletzten Linearetappe aus dem Zwischenraum kam – direkt neben einem Raumgefecht!

Wieder einmal bewies eine terranische Besatzung ihren hohen Ausbildungsstand.

In Sekundenbruchteilen stand der grüne HÜ-Schirm um die HATSCHEPSUT und die Ortung stellte fest, was sich genau im Raum vor ihnen abspielte.

Ein Schiff verging gerade in einem grellen Atomblitz, mit der gespenstischen Lautlosigkeit von Raumgefechten im luftleeren Raum. Ein anderer Kugelraumer nahm drei flüchtende Korvetten rücksichtslos unter Feuer. Zwei explodierten ebenfalls, bei der dritten konnte der Schutzschirm die auftreffenden Energien abweisen.

Schuss vor den Bug bei dem großen Schiff“, ordnete Bea an. „Sind die denn wahnsinnig? Wer sitzt in dem Schiff? Raumpiraten?“

Nach den Gesetzen des Solaren Imperiums war die HATSCHEPSUT sogar dazu verpflichtet einzugreifen. Innerhalb des Hoheitsgebietes des Solaren Imperiums galten dessen Gesetze für alle Raumschiffe, egal welchem Volk oder welcher Organisation sie gehörten.

Das sind Freihändler“, meldete der Chef der Ortungszentrale.

Es ist mir egal, wer das ist“, antwortete Beatrice wütend. „Die werden sich vor den Gerichten des Imperiums verantworten müssen. Funkzentrale – rufen sie das Schiff an, verlangen Sie Identifizierung, sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen und sie sollen sich bereithalten, ein Prisenkommando an Bord zu nehmen. So geht das nicht!“

Beatrice und ihre Offiziere wussten nicht, dass es unter den Freihändlern üblich war, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Fürsten auch einmal in einem Kampf auf Leben und Tod auszutragen. Es gab aber auch bei ihnen Regeln und Gesetze der Ehre. Dazu gehörte unter anderem auch, dass Schiffe nicht rücksichtslos zusammengeschossen wurden, schon gar nicht, dass flüchtende Beiboote überhaupt beschossen wurden. Seitdem Roi Danton der Befehlshaber war, wurde darauf besonders geachtet. Genauso verlangte Roi, dass solche Kämpfe grundsätzlich außerhalb des Hoheitsgebietes des Solaren Imperiums stattfanden. Er wollte auf keinen Fall riskieren, dass Freihändler der Gerichtsbarkeit des Imperiums überstellt werden mussten.

Der Schuss vor den Bug bei dem großen Kugelraumer bewirkte, dass dieser mit einem Gewaltmanöver im Linearraum verschwand und damit nicht mehr zu verfolgen war für den USO-Kreuzer.

Beatrice kam nicht mehr dazu, den Fluch, der ihr auf den Lippen lag, auszusprechen. Der Chef der Ortungszentrale meldete sich wieder: „Weiteres Schiff kommt aus dem Linearraum, Sir. Kugelzelle, 850 Meter Durchmesser. Das muss die FRANCIS DRAKE sein, das Flaggschiff der Freihändler. Ich weiß sonst von keinem Raumer mit 850 Metern Durchmesser.“

Dann werden wir diesem Danton die Hölle heiß machen. Wenn er nicht für Ordnung in seinem eigenen Verein sorgen kann, müssen wir das wohl für ihn machen.“ Ihre Wut wurde immer größer. Sie, mit ihrer überaus sozialen und menschlichen Einstellung, ging kompromisslos und mit aller Härte gegen das, was sie eben gesehen hatten, vor.

Ehe der Ortungschef antworten konnte, meldete sich die Funkzentrale und bestätigte damit die Vermutung des Ortungschefs.

Auf dem großen Zentralebildschirm erschien der Text des Anrufs in deutlich lesbaren Lettern. Die Offiziere blickten sich nur fassungslos an.

Freihandelsflaggschiff FRANCIS DRAKE, Kommandant Fürst Roi Danton, an unbekannten Schlachtkreuzer. Wir gehen davon aus, dass es sich bei Ihnen um eine Solare oder USO-Einheit handelt. Wir bedanken uns untertänigst für Ihre Hilfe und erlauben Ihnen, sich zu entfernen. Wir selbst werden uns um alles Weitere kümmern. Gez. Roi Danton.

Roi Danton“, stöhnte Beatrice auf. „Nur er kann derartig unverschämt sein. Natürlich weiß er, dass hier die Gesetze des Imperiums gelten. Und er möchte natürlich verhindern, dass wir eingreifen. Kennt jemand von Ihnen diesen Danton bereits persönlich?“

Alle Offiziere der Zentralebesatzung schüttelten den Kopf. Gehört hatte jeder von ihnen schon sehr viel von Danton, aber ihm persönlich begegnet war noch niemand von ihnen.

Also gut“, Beatrice lächelte hintergründig. „Dann werden wir alle zusammen jetzt das Vergnügen haben, ihn kennen zu lernen. Ich bin wirklich sehr gespannt auf ihn. Funkzentrale: stellen Sie eine Verbindung zur FRANCIS DRAKE her. Ich möchte Roi Danton sprechen, und zwar persönlich. Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Das wäre ja noch schöner.“

Die Offiziere grinsten sich an. Sie kannten ihre Kommandantin und freuten sich auf das Gespräch zwischen ihr und Danton. Schon viele Männer waren der Meinung gewesen, mit ihr leichtes Spiel zu haben, weil sie eine Frau war. Alle hatte sie bisher eines Besseren belehrt.

Beatrice blickte sich um. „Was gibt es hier zu grinsen, meine Herren?“

Niemand antwortete. „Also nichts“, stellte sie nüchtern fest.


**********


Der Schlachtkreuzer hat sich identifiziert. USO-Schiff HATSCHEPSUT, Kommandantin Major Beatrice Wood. Sie wünscht Sie unbedingt persönlich zu sprechen, Sir.“

Rasto Hims blickte in das plötzlich verkniffene Gesicht seines Kommandanten.

Beatrice Wood“, murmelte Roi Danton überlegend vor sich hin. „Da werden wir sehr gut sein müssen, Leute. Sie ist ein harter Brocken, mit ihr ist nicht zu spaßen. Natürlich weiß sie genau so gut wie wir, dass wir Fürst Antikon dem Imperium auszuliefern haben. Das müssen wir ihr ausreden, sonst stehen demnächst die Solare Abwehr und die USO vor der Haustür.“

Tun sie das nicht ohnehin schon, Sir?“, grinste Hims.

Natürlich. Aber jetzt haben sie eine gesetzliche Handhabe. Ich werde nicht zulassen, dass ein Freihändler vor ein Solares Gericht gestellt wird, solange es dies nicht selbst wünscht. Was nicht ausschließt, dass sich Fürst Antikon vor mir wird verantworten müssen für diesen Akt der Raumpiraterie. So wie es hier aussieht, wird sich Fürst Carlson wohl nicht mehr verantworten können. Die Sternengötter seien seiner Seele und der seiner Leute gnädig. – Was ist mit der ausgeschleusten Korvette? Sie ist mit Sicherheit beschädigt.“

Treibt mit Unterlicht im Raum. Entweder sind die L-Raum-Konverter zerstört oder sie wartet ab, nachdem wir hier sind.“

Schicken Sie ein Bergungsschiff und übernehmen Sie die Mannschaft. Dann sprengen Sie das Schiff. Ich möchte nicht riskieren, einen eventuell versteckt schwelenden Atombrand an Bord zu nehmen. Sicher ist sicher.“

Wird erledigt, Sir. Ich schicke Edelmann Randta raus.“

Sehr gut. – Und nun geben Sie mir eine Verbindung zur HATSCHEPSUT. Bringen wir es hinter uns.“

Übergangslos setzte Roi sein blasiertes Gesicht auf. Innerlich musste er seine Unruhe mit Gewalt niederkämpfen. Beatrice Wood, Bea, seine Lehrgangskameradin und Freundin. Würde sie, die so tief in die Menschen hineinschauen konnte, ihn auch nicht erkennen? Er hoffte es, weil ansonsten die Komplikationen schon absehbar waren. Sie hatte also recht gehabt mit ihrer Ahnung, als sie sich damals voneinander verabschiedet hatten: sie würden sich wieder sehen, hatte sie fest behauptet! Damals hatte er es nicht glauben können.

Sie hat sich überhaupt nicht verändert, dachte Roi, als der große Bildschirm aufleuchtete und Beatrice für alle sichtbar wurde, wie sie in ihrer schwarzen USO-Kombination mit den Rangabzeichen eines Majors und Schlachtkreuzer-Kommandanten in ihrer Zentrale vor der Bilderfassung stand.

Dass sie ihn im gleichen Augenblick sah, erkannte er an ihrem Blick, der eindeutige Überraschung signalisierte.

Hat sie mich erkannt?, wirbelten Rois Gedanken durcheinander. Das kann sie nicht, so leicht kann es nicht sein. Bisher hat mich niemand erkannt. Es muss an meinem Aufzug liegen, dass sie so erstaunt ist. Denn sie wusste doch aus meinem Anruf, dass sie jetzt mit Roi Danton spricht. Ruhig bleiben …

Ah, Mr. Danton. Ich freue mich, Sie endlich einmal persönlich kennen zu lernen. Ich bin Major Beatrice Wood. Aber das werden Sie sich sicherlich gedacht haben. Ich danke Ihnen für Ihre Absicht, die Angelegenheit zu regeln, aber Sie wissen genauso wie ich, dass es sich hier um einen eindeutigen Akt der Raumpiraterie im Hoheitsgebiet des Solaren Imperiums handelt. Deshalb kann ich Ihrem Ansinnen nicht nachgeben, sondern muss auf einer Auslieferung des Kommandanten des geflüchteten Schiffes bestehen.“

Roi neigte verbindlich den Kopf. „Das ist mir bewusst, Madame – oder Mademoiselle? Wie darf ich Sie anreden?“

Innerlich schlug sein Herz bis in den Hals. Ich bin ein Narr, sagte er sich. Warum ist das so wichtig? Bea und ich wussten schon damals, dass wir kein Leben zusammen führen können.

Beas Lächeln war undurchdringlich. „Ich schlage vor: ganz einfach Major Wood. Aber um Ihre Frage zu beantworten, obwohl es Sie eigentlich nichts angeht: Mademoiselle wäre richtig, Mr. Danton.“

Roi wurde immer unruhiger. Er durfte sich jetzt keine Blöße geben.

Mr. Danton! Pfui, wie ordinär.“ Er legte seine ganze Blasiertheit in die Antwort. Hinter ihm grinsten die Edelmänner seiner Zentralebesatzung. „Majestät halten Wir für angemessen von Unseren Untertanen.“

Bea schüttelte verweisend den Kopf. „Mir ist nichts davon bekannt, dass die Leibeigenschaft im Gebiet des Solaren Imperiums wieder eingeführt worden wäre. Außerdem halte ich Sie nicht für so dumm, das innerhalb der Freihändler zu versuchen. Dann hätten Sie sicherlich sehr schnell einen klassischen Sturm auf die Bastille.“

Roi wusste natürlich, dass auch Bea sehr gute Geschichtskenntnisse hatte. Sie reichten nicht an seine heran, aber sie hatte immerhin einiges aufzubieten.

Ihr Gesichtsausdruck warnte Roi. Er fühlte sich immer unbehaglicher. Er musste herausfinden, was sie ahnte – oder sogar wusste, schon für seinen eigenen Seelenfrieden.

Also, Fürst Danton. Ich bestehe auf einer Auslieferung des Kommandanten des geflüchteten Schiffes. Sicherlich ist es Ihnen bekannt, um welches Schiff es sich handelt.“

Selbstverständlich, Major Wood. Genau deshalb befinde ich mich in diesem Raumsektor. Sie können mir glauben, dass ich dieses Gefecht, das auch gegen unseren Ehrenkodex verstößt, verhindern wollte. Leider bin ich zu spät gekommen. Es tut mir unendlich leid, besonders für die Besatzung des vernichteten Schiffes. Bitte glauben Sie mir das.“

Beatrice nickte sehr ernst und blickte ihn durchdringend an.

Davon brauchen Sie mich nicht überzeugen, Fürst. Das glaube ich Ihnen auch so. Man rühmt USO-Angehörigen nach, sie hätten eine gewisse Menschenkenntnis. Besonders soll das für Frauen gelten, sagt man jedenfalls.“

Oh, es freut mich, dass Sie so positiv von mir denken, Major Wood. Aber Sie sehen ja selbst, dass ich Ihnen niemand mehr ausliefern kann. Das Schiff ist geflohen. Und durch den Linearraum lassen sich Schiffe nun mal nicht verfolgen – leider …“

Er betupfte angelegentlich seine Lippen mit einem Spitzentaschentüchlein, das er aus seinem linken Rockärmel zog und hüstelte leicht.

Ja, leider“, gab Bea ehrlich zu. 

Roi hatte sich inzwischen entschlossen, den Angriff nach vorn zu wagen. Wenn Bea ihn erkannt hatte, musste er sich ihres Stillschweigens versichern. Er wusste, dass er sie damit in eine riesengroße Gewissensnot bringen würde. Sie hatte ihren Eid auf das Solare Imperium und die USO geschworen. Dass sie ihren Offizieren ihre Entdeckung mitteilen würde, glaubte er nicht. Im Fall des Erkennens rang sie wahrscheinlich schon mit sich selbst. Aber sie würde Atlan informieren müssen – und genau das wollte er nicht. Im Extremfall musste er Verbindung mit Atlan aufnehmen und ihn um Verschwiegenheit seinem Vater gegenüber bitten - gerade das, war er nicht wollte.

Das alles konnte er aber nur überdenken und entscheiden, wenn er Klarheit hatte.

Major Wood, ich schlage Ihnen vor, uns auf der FRANCIS DRAKE zu besuchen. Meine Edelleute und ich würden uns freuen, wenn Sie uns Gesellschaft bei einem Essen leisten würden. Dabei könnten wir uns über dieses Problem ausführlich unterhalten.“

Beatrice überlegte einen Moment, dann sagte sie: „Einverstanden, Fürst Danton. Wann erwarten Sie mich?“

Sobald die Bergung der Korvette abgeschlossen ist und ich weiß, was hier genau geschehen ist. Ich nehme an, das wird auch Sie interessieren.“

Mit Sicherheit.“

Roi kam nicht mehr dazu, zu antworten. Rasto Hims machte ihm eine unmissverständliche Geste.

Einen Augenblick, Major. Mein erster Offizier wünscht mich zu sprechen.“

Hims beugte sich Roi hinab und flüsterte ihm zu: „Die Bergung bereitet Schwierigkeiten, Sir. In der Korvette ist ein Atombrand ausgebrochen. Die Konverter. In der Zentrale sind noch Überlebende eingeschlossen. Edelmann Randta braucht Unterstützung.“

Roi nickte nur und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

Ich bin untröstlich, Major. Leider ist die Bergung der Korvette schwieriger als angenommen und erfordert meine persönliche Anwesenheit. Wir werden uns wieder bei Ihnen melden, wenn Sie die Güte haben, hier abzuwarten.“

Beatrice reagierte, so wie sie es gewohnt war, sachlich, ruhig, konsequent.

Lassen Sie die geschwollene Ausdrucksweise, Fürst. Dazu ist jetzt keine Zeit. Brauchen Sie Bergungshilfe von uns? Ich kann einen Flotten-Tender anfordern.“

Das ist vorerst nicht erforderlich. Bitte halten Sie sich zurück, ich möchte Sie und Ihre Besatzung nicht auch noch gefährden. Aber danke für Ihr Angebot. Ich weiß es zu schätzen.“

Damit schaltete er ab und wandte sich Hims zu.

Bergungs-Spezial-Kommando voll ausgerüstet in den Transmitterraum. Sie sollen einen Schutzanzug für mich mitbringen. Rufen Sie unser Beiboot an, Transmitter klarmachen. Ich führe das Kommando selbst an.“

Aber, Sir“, wandte Hims ein. „Das ist ein lebensgefährliches Unternehmen.“

Rois Lächeln wurde zur Maske. „Darf ich Sie an unseren gegenseitigen Eid auf Olymp erinnern, Edelmann Hims? Sie übernehmen das Kommando, bis ich wieder an Bord bin.“

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und sprang in den zentralen Antigravschacht.


**********


Beatrice Wood musste ihre ganze Willenskraft aufbieten, um sich vor ihren Offizieren nicht zu verraten – denn sie hatte schon beim ersten Blick auf den Funkbildschirm erkannt, wer sich hinter der Maske des Roi Danton verbarg.

Michael Rhodan – ihr Lehrgangsfreund, der Mann, der trotz aller Bemühungen nicht aus ihrem Gedächtnis verschwand.

Sie fragte sich, warum alle nicht auf die richtige Idee kamen? Oder hatte sie wirklich Fähigkeiten, die besonders waren? Sie und Michael hatten es schon vermutet während ihres gemeinsamen Lehrgangs. Aber eine Mutantin konnte sie nicht sein, das wäre bei den zahlreichen Tests der USO aufgefallen.

Unabhängig davon fragte sie sich, wieso die Verantwortlichen des Imperiums so blind waren, besonders Atlan. Sie hätten doch nur zwei Enden „zusammenbinden“ müssen: das Ende der Spur von Michael, der spurlos von Terra verschwand und kurz danach das Auftauchen von Roi Danton bei den Freihändlern. Zwei junge Männer, die auch noch die gleiche Ausbildung vorweisen konnten, als Kosmonaut und als Hochenergie-Techniker. Obwohl diese Ausbildungskombination sehr häufig war, gab es doch noch genug andere Hinweise.

Wahrscheinlich konnten alle nicht über die Mauer springen, in einem verweichlichten Dandy den Sohn des Großadministrators zu sehen, der wahrlich den total gegensätzlichen eigenen Charakter hatte.

Sie hatte die nachtblauen Augen auf dem Bildschirm gesehen und alles gewusst. Allerdings musste sie auch vor sich zugeben, dass sie diese Augen in einem ganz anderen Moment gesehen hatte, in einem Moment der Panik und des Entsetzens, den sie in ihrem ganzen Leben wohl nie vergessen würde. Wahrscheinlich hatte noch nicht einmal Michaels Vater seinen Sohn in einer solchen Situation gesehen. Atlan – das konnte sie nicht einschätzen.

Nun stand sie vor einem Gewissenskonflikt. Normalerweise hätte sie ihre Offiziere über ihre Erkenntnis ins Vertrauen gezogen, aber sie musste es nicht. Wozu sie allerdings gemäß ihrem Eid auf das Solare Imperium und die USO verpflichtet war: Atlan wahrheitsgemäß zu informieren. Auf der anderen Seite verstand sie Michael so gut. Sie wusste damals nach dem Lehrgang, dass er von zu Hause weggehen wollte im Anschluss an seine Ausbildung. Er hatte es ihr anvertraut, aber nicht, was er genau vorhatte.

Dazu kam noch ihre Angst um Michael. Sie kannte ihn und wusste genau, dass er sich mit der Bergung in ein lebensgefährliches Abenteuer stürzen würde. Aber er konnte nicht anders, es war seine Art; eine Art, die mit dazu beitrug, dass seine Leute für ihn durchs Feuer gingen.

Mit Flüchen versuchte sie ihr seelisches Gleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Ihr Erster Offizier fasste es zum Glück falsch auf: „Nervös, Sir? Wegen der Einladung? Kompliment, so dicht ist von uns allen wohl noch niemand an diesen Freihändler herangekommen. Ich beneide Sie. Es wird sicherlich interessant werden und uns neue Erkenntnisse über ihn bringen. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie wir mit diesem Bericht auf Quinto-Center empfangen werden.“

Beatrice hatte sich wieder gefangen. „Und Sie möchten mich natürlich als Adjutant begleiten, oder täusche ich mich?“

Sehr gerne, Sir.“

Sie oder der Zweite. Einverstanden. Machen Sie das unter sich aus. Mir egal. Einer von Ihnen beiden muss hier das Kommando übernehmen.“

Der Erste Offizier schien in eine Zitrone gebissen zu haben, während der Zweite nur feixte.

Bitte unterrichten Sie über die Relaiskette Quinto-Center, was hier geschehen ist. Bitten Sie Lordadmiral Atlan um Anweisungen bzgl. der Freihändler.“


Fortsetzung: Teil 05


28.5.16 15:13, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 05

Lockruf der Freihändler – Teil 05

An USO-Schiff HATSCHEPSUT, Major Wood. Danke für Ihre Meldung. Nehmen Sie die Einladung des Freihändlerfürsten an, versuchen Sie so viel wie möglich über ihn herauszufinden. Sobald die Besatzung des Rettungsbootes geborgen ist, lassen Sie die Freihändler abfliegen. Wir haben keine rechtliche Handhabe, die FRANCIS DRAKE festzuhalten oder zu kontrollieren, weil sie nicht an dem Kampf beteiligt war. Um das geflohene Schiff werden sich unsere Spezialisten kümmern. Ich erwarte Sie nach Ihrer Ankunft umgehend zur Berichterstattung bei mir. Gez. Lordadmiral Atlan, Befehlshaber USO.

Also warten wir ab, wie die Bergung verläuft“, meinte Beatrice. „Wer von den Herren begleitet mich denn nun?“

Der I.O., Sir“, antwortete der Zweite Offizier traurig, während der Erste über das ganze Gesicht grinste.


**********


Nur mühsam kamen die Männer des Spezialkommandos mit Roi Danton an der Spitze in ihren schweren Schutzanzügen vorwärts. Jeder Schritt kostete Anstrengung. Nur gesunde und kräftige Männer konnten die Belastung dieser unhandlichen Anzüge länger aushalten. Deshalb bestand die Einheit ausschließlich aus Männern. Frauen waren körperlich nicht in der Lage, hier mithalten zu können.

Roi, obwohl er sehr gut trainiert war, merkte die außergewöhnliche Anstrengung auch langsam.

Bis auf einen hatten sie alle Männer, die sich in die Zentrale des brennenden Beibootes gerettet hatten, auf ihre eigene Korvette überführt. Dem Anschein nach hatten sie nur leichte Verletzungen davongetragen.

Roi fluchte, aber er war nicht bereit, den letzten Mann, dem Vernehmen nach einen Ertruser, seinem Schicksal zu überlassen, so lange es noch einen Rettungsschimmer gab. Der Anführer der Strahlenschutzgruppe versuchte mehrmals, ihn davon zu überzeugen, zumindest die Aktion nicht weiter selbst zu leiten, sondern sich zurückzuziehen. Er biss bei Roi auf Granit, also gab er es schließlich auf.

Da vorne“, hörte Roi eine Stimme in seinem Helmempfänger. „Hinter der Konsole liegt er. Anscheinend bewusstlos oder … Jedenfalls rührt er sich nicht.“

Kommen Sie an ihn heran?“, fragte Roi.

Ich glaube schon. Aber so wie es aussieht, ist er eingeklemmt. Da brauche ich Hilfe.“

In diesem Moment kam eine Stichflamme aus der Konsole, hinter der der Ertruser eingeklemmt war.

Roi und die anderen Männer blickten sich bedeutungsvoll an.

Ich brauche drei Freiwillige“, sagte Roi mit heiserer Stimme. „Die versuchen zusammen mit mir den Mann herauszuholen. Die anderen sichern das Schott. Sie ziehen sich sofort auf unser Boot zurück, sobald die Situation hier unhaltbar wird, egal ob wir noch drin sind oder nicht. Ist das ganz klar verstanden worden, meine Herren?“

Es war verstanden worden. Niemand sprach einen Einwand aus, obwohl jeder ihn hatte. Alle Männer meldeten sich freiwillig. Roi suchte sich die besten aus und winkte ihnen zu.

Als Erster ging er mit vorsichtigen Schritten auf die Konsole zu, die inzwischen zu glühen begann. Trotz Schutzanzug spürte er die Hitze. Die Aggregate des Anzugs waren bei diesen Hitzegraden am Ende. Lange würden sie nicht mehr durchhalten. Beim Ausfall der Thermostate mussten sie zwangsläufig aufgeben. Deshalb drängte Roi zur Eile.

Er bekam eine Hand des bewusstlosen Ertrusers zu fassen. Dessen Schutzanzug war zu großen Teilen verbrannt, darunter kam die angesengte Haut zum Vorschein. Roi schluckte die bei dem Anblick aufsteigende Übelkeit herunter. Er fragte sich, ob der Mann überhaupt noch lebte oder ob sie hier alle ihr Leben zur Bergung eines Toten riskierten.

Da sah er, dass sich der Brustkorb des Verletzten ganz leicht hob und senkte.

Erleichtert winkte er seinen Leuten. Zusammen hoben sie die Teile der Konsole an, die auf dem Mann lagen und zogen ihn vorsichtig heraus. Roi stöhnte leise auf. Er war wirklich nicht sonderlich empfindlich, aber das hatte er in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht gesehen. Wütend schluckte er den aufsteigenden Mageninhalt wieder herunter und machte sich mit einem groben Fluch Luft.

Der Führer des Bergungskommandos, ein alter und erfahrener Freihändler, fasste ihn am Arm und zog ihn zur Seite.

Ruhig durch die Nase einatmen und durch den Mund wieder ausatmen.“ Er legte seinen geschlossenen Helm direkt an den von Roi und sprach nicht über die Funkverbindung, damit niemand sie hören konnte. Durch seine Erfahrung wusste er, dass Roi sein Zustand peinlich sein musste.

Als ich so etwas zum ersten Mal ansehen musste, habe ich mir neben dem Verletzten die Seele aus dem Leib gekotzt, wie jeder andere auch. Das ist ganz normal. Wir sind eben Menschen.“

Roi befolgte den Rat und merkte, dass er die Übelkeit beherrschen konnte. Die Selbstverständlichkeit des Mannes tat ihm gut.

Der alte Mann lächelte. „Sie halten sich wirklich tapfer, Kommandant. Ich habe vor Ihnen noch keinen Mann gesehen, der bei so etwas beim ersten Mal nicht seinen Magen umgekrempelt hätte. Meine allergrößte Hochachtung!“

Roi hatte sich wieder gefasst und bedankte sich bei dem alten Freihändler mit einem kräftigen Händedruck. Er nickte den anderen zu. Gemeinsam zogen sie den riesigen Ertruser mit einer gewaltigen Kraftanstrengung, die durch die schweren Schutzanzüge noch verstärkt wurde Richtung Schott, wo die anderen warteten. Als diese sich nähern wollten, hielt ein scharfer Befehl Rois sie zurück. Er wollte nicht noch mehr Menschenleben riskieren.

Gerade als er das dachte, durchschlug eine Flamme seinen Anzug. Glühend und stechend durchzog ihn der Schmerz im rechten Bein und an der Hüfte. Gellend schrie er auf. Die Männer zuckten vor Schreck zusammen. Er biss die Zähne zusammen und zog weiter an dem Verletzten, obwohl der Schmerz ihm die Besinnung zu rauben drohte.

Zusammen schafften sie es, den Verletzten aus der zerstörten Zentrale zu ziehen. Am Ausgangsschott nahmen die anderen sie in Empfang, trugen den Ertruser weiter und der Kommandoführer stützte Roi.

Können Sie noch laufen, Sir?“

Es geht“, presste Roi zwischen den Zähnen hervor. „Unkraut vergeht nicht“, versuchte er zu scherzen. Es gelang ihm nicht so recht. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Er wusste nicht, wie lange er sie noch ertragen konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren.

Der weitere Weg zu ihrer Korvette, die über einen druckfesten Verbindungsschlauch mit dem Rettungsschiff verbunden war, gelang ohne neue Zwischenfälle. Niemand sprach ein Wort. Das war unter den eingespielten Männern auch nicht nötig.

Roi hielt noch bis zur Zentrale ihrer Korvette durch, wo ihn Edelmann Randta überglücklich empfing. Dort brach er vor Schmerzen mit einem leisen Aufschrei bewusstlos zusammen und wurde genau wie der gerettete Ertruser sofort von einem Medoroboter übernommen.


**********


Anruf von der FRANCIS DRAKE, Sir.“

Beatrice Wood wurde von der Meldung ihres Funkoffiziers aufgeschreckt.

Edelmann Hims, der Erste Offizier möchte Sie sprechen.“

Ein eiskalter Schlag durchzuckte Beatrice. Wieso nicht Roi Danton selbst? Was war passiert? Auf dem Bildschirm, der von der Ortungszentrale belichtet wurde, hatte sie gesehen, wie die Korvette der FRANCIS DRAKE wieder eingeschleust worden war und anschließend das Rettungsboot in einem grellen Atomblitz explodierte. Ob von selbst oder durch die Freihändler gesprengt, konnte die Ortung nicht feststellen.

Stellen Sie durch.“

Edelmann Hims wirkte ungewöhnlich ernst, als er sich meldete.

Major Wood, ich darf Ihnen mitteilen, dass die Bergung erfolgreich war. Deshalb haben wir die Korvette umgehend gesprengt, ehe sie zu einer Gefahr für unsere Schiffe werden konnte. Sicherlich haben Sie das auf Ihren Bildschirmen bereits gesehen.“

Natürlich, Edelmann Hims. Aber deshalb rufen Sie mich sicherlich nicht extra an, oder?“

Nein, Major, natürlich nicht.“ Er räusperte sich vernehmlich. „Mein Kommandant kann leider die Einladung zum Essen im Moment nicht aufrechterhalten, da er auf dem Einsatz verletzt wurde. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.“

Bea holte tief Luft. Sie hatte es befürchtet. Michael hatte natürlich wieder einmal Kopf und Kragen riskiert!

Wie geht es Ihrem Kommandanten? Brauchen Sie ärztliche Hilfe? Ich kann meinen Chefarzt zu Ihnen schicken oder Mr. Danton in unsere Bordklinik übernehmen.“

Das ist nicht nötig, Major. Wir haben eine hervorragend ausgestattete Bordklinik, die sich durchaus mit Ihren Einrichtungen messen kann und einen genauso hervorragenden Chefarzt. Roi Danton ist hier in den besten Händen. Das versichere ich Ihnen bei meiner Ehre.“

Hims konnte seine Besorgnis nicht verstecken, obwohl er sich sichtlich darum bemühte. Beatrice musterte ihn überlegend. Roi schien schwerer verletzt zu sein.

Mr. Hims, ich möchte von Ihnen die komplette Wahrheit wissen. Wie schwer ist Roi Danton verletzt?“

Rasto Hims schien mit sich zu kämpfen. Dann rang er sich durch. „Schwer, aber nicht lebensgefährlich. Er hat Verbrennungen dritten und zweiten Grades.“

Beatrice entschied sich sofort. Niemand konnte einen Verdacht schöpfen, wenn sie sich persönlich vom Zustand des Freihändlerfürsten überzeugte und dazu ihren Chefarzt mitnahm. Es war ein Akt der Humanität. Sie musste sich einfach wissen, wie es Roi wirklich ging, es würde ihr sonst keine Ruhe lassen.

Edelmann Hims, ich bitte dringend darum, dass Sie unsere Hilfe annehmen. Ich möchte mit meinem Chefarzt und meinem Ersten Offizier als Adjutanten an Bord Ihres Schiffes kommen und mich davon überzeugen, dass Sie auch wirklich in der Lage sind, Roi Danton entsprechend zu versorgen. Brandverletzungen sind an Bord eines Schiffes nicht unbedingt ausreichend zu behandeln, noch nicht einmal in der Bordklinik eines Ultraschlachtschiffes. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Wenn mein Chefarzt den Eindruck gewinnen sollte, dass Ihr Kommandant in einer planetaren Spezialklinik besser aufgehoben ist, dann sperren Sie sich bitte nicht dagegen, in seinem Interesse! Wir haben nicht die Absicht, Ihr Schiff zu kontrollieren. Ich verspreche Ihnen bei meiner Ehre als Raumoffizier, dass wir keinen derartigen Versuch unternehmen werden.“

Hims sah anscheinend ein, dass er gegen die selbstbewusste Kommandantin nicht ankam. Deshalb nickte er nur. „Kommen Sie über den Transmitter an Bord oder mit einer Space-Jet?“

Über den Transmitter. Wir senden Ihnen die Empfangsdaten und sehen uns gleich, Edelmann Hims.“

Beatrice nickte ihrem Ersten Offizier zu. „Die Paradeuniform können Sie im Schrank lassen. Benachrichtigen Sie den Chefarzt, wir treffen uns gleich im Transmitterraum.“


**********


Später glaubte Roi zuerst, einen Fiebertraum gehabt zu haben, als er das erste Mal in der Bordklinik der FRANCIS DRAKE aufwachte und glaubte, seine alte Freundin Beatrice neben sich zu sehen. Trotz der starken Schmerzmittel verschwamm alles noch in einem glühenden Meer von wahnsinnigen Schmerzen, die ihn fast um den Verstand brachten.

Sobald er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, erzählte Rasto Hims ihm, was geschehen war und dass Beatrice kein Fiebertraum, sondern Realität gewesen war.

Major Beatrice Wood war zusammen mit ihrem Chefarzt und ihrem Ersten Offizier auf die DRAKE gekommen. Der Chefarzt der HATSCHEPSUT stellte fest, dass die Bordklinik des Freihändlerschiffes ihresgleichen suchte. Sie konnte durchaus mit gleichartigen Einrichtungen der Flotte und der USO mithalten. Der Chefarzt, ein Plophoser namens Dr. Ereget Hamory, war für den Chefarzt der HATSCHEPSUT kein Unbekannter. Er hatte sich einen hervorragenden Namen als Arzt und Wissenschaftler gemacht, bevor er spurlos von Plophos verschwand. Es bestand keinerlei Zweifel, dass Roi Danton bei ihm in den besten Händen war.

Dahingehend beruhigt, verließen Major Wood und ihre Begleitung die FRANCIS DRAKE wieder. Sie hatte ihr Versprechen gehalten und nicht versucht, sich umzusehen oder etwas zu kontrollieren. Edelmann Hims ließ alle Räume, die sie betreten hatte, nach versteckten Robotspionen kontrollieren, fand aber nichts. Bea stieg dadurch in seiner Achtung ein riesiges Stück. Insgesamt gefiel ihm die selbstbewusste Kommandantin sehr gut.

Die DRAKE flog auf direktem Wege nach Olymp, der Freihandelswelt. Rasto Hims informierte den Kaiser und den Sicherheitschef über die Vorkommnisse. Fürst Antikon wurde sofort inhaftiert. Die Gerichtsverhandlung würde unter Vorsitz von Roi Danton stattfinden, sobald dieser wieder genesen war. Mit Spannung wurden dabei die Aussagen der geretteten Besatzungsmitglieder erwartet. Sie waren medizinisch versorgt worden und hielten sich unter dem Schutz des Sicherheitsdienstes in einem Hotel des Raumhafens von Trade-City auf. Der Sicherheitschef ging kein Risiko ein.

Einigen der Beiräte gefiel dies nicht. Es war bekannt, dass Fürst Antikon zu ihren Gefolgsleuten gehörte.

Roi Danton und der gerettete Ertruser blieben in der Bordklinik der FRANCIS DRAKE unter der Obhut von Dr. Hamory.

Roi befand sich langsam auf dem Weg der Genesung nach entsprechenden Hauttransplantationen aus nachgezüchtetem körpereigenem Gewebe. Der Ertruser, dessen Name Oro Masut war, lag immer noch in einem Regenerierungstank. Dr. Hamory wagte inzwischen die vorsichtige Prognose, dass er außer Lebensgefahr wäre, aber für sein Leben entstellt mit Brandnarben an Kopf und Oberkörper, weil diese auch mit Transplantationen nicht mehr reparabel wären.


**********


Rasto Hims saß am Bett von Roi und beendete seinen Bericht.

Er konnte seine Anerkennung und seinen Respekt für Beatrice Wood nicht verleugnen.

Ich hatte den Eindruck, dass die Kommandantin sich sogar Sorgen um Sie machte, Sir. Kannten Sie sie so gut, bevor Sie zu uns kamen?“

Roi überlegte einen Moment, wie viel er seinem Vertreter, der schon mehr ein Freund geworden war, anvertrauen konnte.

Ja, ich kannte sie damals sehr gut. Sie ist eine prächtige Frau, das können Sie mir glauben.“

Hims nickte. „Das glaube ich Ihnen sofort. – Kommen Sie von der USO oder von der Flotte?“

Roi zog sein blasiertes Gesicht. „Wie kommt Er auf diese Idee, Hims?“

Der Epsaler lachte. „Ich kann denken, Sir. Eine solche Ausbildung wie Sie, sowohl kosmonautisch wie auch als Kämpfer, bekommt man nicht irgendwo an der Ecke. Ich vermute, dass Sie aus den Reihen der USO kommen, da Sie Major Wood persönlich kennen.“

Roi zuckte die Schultern. „Spekuliere Er ruhig weiter. Er wird ohnehin keine Antwort erhalten.“

Dabei liegt er gar nicht einmal falsch, dachte er sarkastisch. Denn seine militärische Ausbildung hatte er tatsächlich bei der USO erhalten - und war immer noch Reserveoffizier der USO.


**********


Ich verlasse mich darauf, Sir, dass Sie die von mir verordnete Bettruhe einhalten.“ Dr. Hamory erhob sich von der Bettkante und nickte Roi lächelnd zu. „Nur noch zwei Tage, dann können Sie wieder aufstehen. Aber ich möchte gerne sicher sein, dass die Brandwunden auch wirklich folgenfrei verheilen. Solche Verletzungen gehören leider auch im 25. Jahrhundert noch zu den schweren.“

Ich weiß, ich weiß …“ Roi verzog säuerlich das Gesicht. „Sie meinen es nur gut. Okay, ich halte mich daran, so lange Sie mir hier die Kommunikation nicht ‚aus medizinischen Gründen’ kappen, Doc!“

Dr. Hamory lachte und ging zum Schott. Als er es öffnete, stand Beirat Anthony Henks vor ihm.

Oh, Dr. Hamory, störe ich? Sind Sie gerade in der Visite? Dann komme ich später wieder. Oder spricht etwas dagegen, ich meine aus medizinischen Gründen, dass Fürst Danton Besuch empfängt?“

Nein, Fürst. Aber bitte regen Sie den Fürsten nicht auf. Er braucht noch viel Ruhe. Es sei denn, Fürst Danton möchte Sie nicht sehen.“

Dr. Hamory konnte sich den abweisenden Gesichtsausdruck nicht ganz verkneifen. Genau wie Roi wusste er genau, dass Henks der Anführer der Beiräte-Gruppe war, die jede Möglichkeit nutzten, Roi in seinen Plänen zu boykottieren, weil sie ihren Einfluss, ihre Macht und ihre Möglichkeiten zu krummen Geschäften durch ihn schwinden sahen.

Roi winkte ab. Henks wollte mit Sicherheit keinen Höflichkeitsbesuch abstatten, und je eher er wusste, was er wollte, desto besser für ihn. Außerdem fühlte er sich geistig schon wieder voll handlungsfähig. Er durfte sich eben nur noch nicht so viel bewegen, damit die neu transplantierte Haut auch wirklich narbenfrei mit der alten zusammenwuchs.

Henks zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Wie geht es Ihnen, Fürst Danton?“

Roi hatte zwar keine Lust, Höflichkeitsbezeugungen auszutauschen, da ihm der Mann in jeder Beziehung unsympathisch war, sowohl von seinem ungepflegten Äußeren her als auch von seiner Art. Sich wie die Vorfahren zu kleiden, hieß seiner Meinung nach noch lange nicht, grundlegende Hygienemaßnahmen zu unterlassen. Solche Menschen stießen ihn, der sehr auf Körperpflege achtete, grundsätzlich ab. Trotzdem wollte er ihn nicht verärgern und ging erstmal auf das Spiel ein.

Schon viel besser, Fürst Henks.“ Er schenkte ihm ein höfliches, nichts sagendes Lächeln.

Das freut mich sehr. Da können wir Sie sicherlich bald wieder in unserer Runde begrüßen.“

Davon gehe ich aus.“

Henks räusperte sich. Er musste nun langsam zur Sache kommen. „Dass Sie Anweisung erteilt haben, Fürst Antikon und seine Edelmänner zu inhaftieren, halten meine Kollegen und ich für richtig, aber warum darf niemand zu ihnen? Und warum haben Sie die Geretteten ebenfalls isolieren lassen, in Schutzhaft in den besten Zimmern des Raumhafenhotels auf Ihre Kosten? Das verstehe ich nicht.“

Roi seufzte. „Fürst Henks, darf ich Ihnen in Erinnerung rufen, dass diese Männer unter dem Verdacht der Raumpiraterie stehen? Ich möchte auf der einen Seite verhindern, dass alle Beteiligten, egal von welcher Seite, vor der Verhandlung unter meinem Vorsitz eine Aussage machen. Zum anderen haben die Geretteten die Hölle hinter sich und ich möchte gerne, dass sie ein wenig zur Ruhe kommen. Wir konnten sie nur unter größten Mühen aus der brennenden Korvette retten.“

Henks neigte verbindlich den Kopf. „Selbstverständlich, sonst würden Sie jetzt nicht hier liegen. Das ist auch ein Punkt, den meine Kollegen und ich nicht verstehen und auch nicht akzeptieren können. Wieso kämpfen Sie an vorderster Front, riskieren Ihr Leben? Sie sind doch im Hintergrund als Befehlshaber viel erforderlicher.“

Roi seufzte gelangweilt. „Mein Lieber, darüber werde ich mit Ihnen nicht diskutieren, weil wir in dieser Frage niemals zu einer gleichen Meinung kommen können. – Haben Sie mir irgendwelche Vorschläge zu machen?“

Henks sah auf seine Fingerspitzen herunter. Er wusste natürlich, dass Roi laut Anordnung des Kaisers der Befehlshaber der Freihändler war und er und seine Kollegen vom Beirat seine Entscheidungen nur mit einem Mehrheitsbeschluss kippen konnten. Und ungefähr die Hälfte der Beiräte war auf Rois Seite. Bei jeder schwerwiegenden Entscheidung kam es zu einem Tauziehen. Beide Parteien wussten, dass sie sich irgendwann einigen mussten, wenn sie die Freihändler nicht zersplittern wollten. Henks und seine Freunde wussten auch, dass Roi die besseren Pläne hatte, die Freihändler wirklich zur soliden Wirtschaftsmacht zu etablieren – aber das würde ihren Einfluss und vor allen Dingen ihre Gewinne schmälern. Deshalb bekämpften sie ihn, aus reinem Eigennutz und Egoismus.

Die Schutzhaft können Sie natürlich jetzt nicht aufheben lassen, das sehe ich ein. Das würde nur unnötige Unruhe hervorrufen.“

Danke für Ihr Verständnis.“ Roi konnte sich ein zynisches Lächeln nicht verkneifen.

Werden Sie Fürst Antikon und seine Edelmänner an das Imperium ausliefern, Fürst Danton?“

Rois Gesicht wurde hart, seine nachtblauen Augen schienen zu Eis zu erstarren. „Nein“, antwortete er mit eiskalter Stimme. Henks konnte sich eines kalten Schauers dabei nicht erwehren. „Niemals. Es sei denn, er wünscht es selber, so wie es die Statuten der Freihändler aussagen. Allerdings werde ich nach der Gerichtsverhandlung dem Solaren Imperium in geeigneter Weise nachweisen, dass wir sie entsprechend der Gesetze des Imperiums und unserer Charta abgeurteilt haben. Ich brauche Ihnen wohl nicht in Erinnerung zu rufen, dass Raumpiraterie auch bei den Freihändlern nicht geduldet wird.“

Henks seufzte, versuchte sich einen gelangweilten Ausdruck zu geben. „Wenn es denn Raumpiraterie war.“

Roi nickte ernst. „Das werden wir im Laufe der Verhandlung feststellen.“

Eben.“ Henks schob nachdenklich seine rechte Hand in die Tasche seiner total verdreckten Uniformjacke, die der Zeit des französischen Kaisers Napoleon I. nachempfunden war, jedenfalls so, wie sein Träger sie sich vorstellte.

Sicherlich haben Sie die entsprechenden Möglichkeiten für eine solche Nachricht.“

Natürlich. Warum fragen Sie?“

Henks tat so, als überlege er. Roi war klar, dass dieser Mann ein Schauspiel abzog, sein Vorhaben war noch nicht so erfüllt, wie er sich das vorstellte.

Meine Kollegen und ich würden uns sehr freuen, wenn Sie Ihre Kontaktpersonen im Solaren Imperium offen legen würden und auch Ihre anscheinend unerschöpflichen Geldquellen. – Sagen wir es einmal so: er würde das Vertrauen zwischen uns stärken – und es würde endgültig den Verdacht widerlegen, dass Sie ein Agent der Solaren Abwehr oder der USO sein könnten.“

Roi winkte nur müde ab. „Fürst Henks, bitte ersparen Sie mir und auch Ihnen selbst diese Diskussion, die wir schon einige Male geführt haben. Sie führt zu nichts, weil meine Antwort die gleiche bleibt: NEIN! Wie Sie wissen, vertraut der Kaiser mir und hat mich offiziell zu seinem Stellvertreter ernannt und Sie haben damals zugestimmt. Also versuchen Sie bitte nicht immer wieder, das zu untergraben.“

Henks nickte bedächtig, sagte aber nur: „Schade.“

Gleichzeitig spürte Roi in seinem Kopf ein leichtes Ziehen, die bekannte Beeinflussung durch einen Psychostrahler.

Also das hat er vor, dachte er belustigt und gleichzeitig erfreut. Nun zum ersten Mal würde seine Mentalstabilisierung sich voll zu seinem Vorteil auswirken. Es kam nur darauf ein, dass er Henks gut genug den Beeinflussten vorspielen konnte. Als Roi Danton reicht meine Schauspielkunst wohl. Mal sehen, ob auch hier.

Er gab seinem Gesicht einen abwesenden, leeren Ausdruck.

Sie werden das tun, was ich Ihnen befehle“, sagte Henks mit bestimmtem Tonfall.

Ja“, bestätigte Roi dumpf und teilnahmslos.

Henks schien zufrieden und zog den silbernen Stab des Psychostrahlers ganz aus der Tasche, richtete ihn voll auf Roi.

Sie werden bei der Gerichtsverhandlung Fürst Antikon und seine Edelmänner freisprechen, das Raumgefecht als eine Verkettung von unglücklichen Umständen und Missverständnissen erkennen und akzeptieren, egal wie die Aussagen lauten. Bestätigen Sie!“

Ja, das werde ich tun.“ Roi blickte teilnahmslos an Henks vorbei zur Wand. Der schien sehr zufrieden zu sein.

Nach der Verhandlung werden Sie alle Beiräte zu einer Sitzung bitten“, fuhr er fort. „Dann werden Sie uns freiwillig mitteilen, wer Sie wirklich sind und wer Ihre Kontaktleute im Imperium und bei der USO sind sowie Ihre Geldquellen.“

Ja, das werde ich tun.“

Raffiniert, dachte Roi bei sich. Wenn er mich jetzt fragen würde, dann müsste er es vor seinen Kollegen beweisen. So hören es alle.

Sobald ich Sie verlasse, werden Sie die automatische Aufzeichnung aus diesem Zimmer mit Ihren Überrangcodes löschen lassen und meinen Besuch vergessen.“

Ja.“ Mehr konnte er unter dem Einfluss des Psychostrahlers nicht antworten, eine ausführlichere Antwort wäre aufgefallen. Mit Sicherheit wusste Henks genau, wie Menschen reagierten, die vom dem Strahler beeinflusst waren. In jedem Krankenzimmer war eine Überwachungsanlage installiert, zur Sicherheit für die Patienten, um bei einer Notsituation die entsprechenden Entscheidungen schnell und präzise treffen zu können. Die automatischen Aufzeichnungen wurden nach Ablauf von 24 Stunden automatisch gelöscht oder wenn ein Berechtigter der großen Bordpositronik andere Anweisungen erteilte.

Henks schaltete den Psychostrahler ab und steckte ihn wieder in die Tasche. Verbindlich lächelnd wandte er sich Roi zu.

Es tut mir leid, dass ich so lange aufgehalten habe, Fürst Danton. Wir sehen uns dann bei der Verhandlung gegen Fürst Antikon, nehme ich an?“

Natürlich, danke für Ihren Besuch.“

Roi tat, als ob er sich an nichts erinnere und nickte nur mit dem Kopf, während Henks aufstand und das Krankenzimmer verließ.

Hätte Henks Roi gesehen, nachdem das Schott zuglitt, wäre er nicht so zufrieden aus der FRANCIS DRAKE hinausgegangen.

Dieser ausgemachte Ganove“, murmelte Roi vor sich hin, während er die Verbindung zur großen Bordpositronik herstellte und sich mit seinen Überrangcodes identifizierte.

Er wies die Positronik an, die Aufzeichnungen der letzten Stunde nicht sofort zu löschen, sondern sie vorher auf seinen eigenen Terminal in seiner privaten Kabinenflucht zu überspielen und dort zu speichern.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er daran dachte, wie er die Beiräte auf dieser Sitzung verblüffen würde. So langsam reichte es ihm. Er hatte keine Lust mehr, seine Kräfte im Kampf gegen Sturköpfe und Egoisten zu verschleißen. Er hatte wirklich Wichtigeres zu tun.


**********


Quinto-Center


Beatrice Wood hatte ihren Bericht beendet und blickte Lordadmiral Atlan fragend an. Würde er die eine bestimmte Frage stellen, vor der sie sich fürchtete – würde er fragen, ob Roi Danton identisch mit Michael Rhodan sein könnte? Wenn überhaupt, wäre er der Erste, der überhaupt auf diese Idee kommen könnte. Und würde er merken, dass sie innerlich in einem schweren Gewissenszwiespalt steckte? Der mehr als zehntausend Jahre alte Arkonide war ein ausgezeichneter Menschenkenner.

Sie haben richtig gehandelt, Major Wood“, sagte Atlan nach einem Augenblick des Nachdenkens. „Sie hatten keine rechtliche Handhabe, die FRANCIS DRAKE festzuhalten. Etwas möchte ich allerdings gerne noch von Ihnen wissen. Wieso haben Sie sich mit Ihrem Chefarzt selbst an Bord der DRAKE begeben, um sich nach dem Befinden von Fürst Danton zu erkundigen?“

Beas Herz schlug bis zum Hals. Jetzt wurde es gefährlich. Ihr Vorgehen stand völlig außerhalb der normalen Routine.

Aus zwei Gründen, Sir. Einmal aus humanitären Gründen, weil Brandverletzungen, die er sich meiner Meinung nach zugezogen haben musste, in der Bordklinik eines Handelsschiffes normalerweise nicht fachgerecht versorgt werden können. In diesem Falle hätte ich dafür gesorgt, dass er auf die HATSCHEPSUT gebracht wird und in eine Spezialklinik. Zum anderen machte er mich neugierig. Ich wollte ihn nach dem Funkgespräch gerne näher kennen lernen.“

Atlan lächelte fein. „Also hat er sie auch beeindruckt wie schon so viele andere. Er soll ein Charisma haben, dem sich viele kaum entziehen können. Welchen Eindruck hatten Sie persönlich von ihm?“

Ich kann nur von dem Funkgespräch ausgehen. Denn in der Bordklinik der DRAKE war er nicht ansprechbar.“

Und?“

Ein irgendwie verrückter Spinner, der aber meiner Meinung nach loyal denkt und zum Imperium steht mit gewissen beachtenswerten Führungsqualitäten.“

Hmm, die Berichte der Spezialisten gehen sogar noch weiter. Demnach soll dieser Danton nicht nur beachtenswerte, sondern sogar ganz herausragende Führungsqualitäten haben, sehr erstaunlich für einen so jungen Mann. Wie alt schätzen Sie ihn?“

Bea wiegte leicht den Kopf. „Schwer zu schätzen in der Maskerade. Irgendwo zwischen zwanzig und dreißig.“

Dr. Ereget Hamory, der Chefarzt“, wechselte Atlan das Thema. „Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?“

Rein persönlich einen sehr guten. Er wirkte auf mich zuverlässig und sympathisch. Ein Arzt, dem auch ich selbst mich anvertrauen würde. Mein Chefarzt sagte, er würde ihn kennen. Ich hatte beim Treffen den Eindruck, als ob er ihm mit einem gewissen Respekt begegnete, rein fachlich gesehen. Das verwunderte mich ein wenig.“

Dazu hat er auch allen Grund. Hat er ihnen erzählt, wer Dr. Hamory ist?“

Nur soviel, dass er ein bekannter plophosischer Wissenschaftler war, bevor er spurlos verschwand. Liegt etwas gegen ihn vor?“

Atlan lachte sarkastisch auf. „Gegen ihn? Im Gegenteil. Er ist einer der wirklich begnadeten Wissenschaftler, die dem Imperium verloren gegangen sind. Dass er jetzt allerdings bei den Freihändlern wieder aufgetaucht ist, macht mich besorgt. Wenn noch mehr solche Menschen dorthin gehen, wird sich das Imperium demnächst warm anzuziehen haben.“

Er sah einen Moment auf seine Fingernägel nieder. „Nun gut, dieses Problem werden wir jetzt und hier nicht lösen können. Auf jeden Fall werde ich vorerst abwarten, ob wir eine Nachricht von den Freihändlern bekommen, wie Danton diesen Fall der Raumpiraterie gelöst hat. Daran können wir auch sehen, wie weit seine Position bereits gefestigt ist. Das ist für uns sehr wichtig zu wissen.“ Bea nickte bestätigend. „Sicher, Sir. Ich persönlich schätze ihn so ein, dass er durchgreifen wird.“

Atlan lächelte fein. „Das sagt mir mein Gefühl auch. Wir werden Roi Danton jedenfalls nicht aus den Augen lassen. Vielleicht brauche ich Sie noch einmal für einen Einsatz in der Beziehung. Vorerst genießen Sie die Werftliegezeit und erholen Sie sich, Beatrice.“

Bea erhob sich und blickte offen in Atlans rotgoldene Augen, in denen die Weisheit eines Wesens schimmerte, die einmalig war.

Atlan streckte ihr die Hand hin und Bea schlug ein. „Noch etwas, falls Sie Roi Danton wieder einmal begegnen sollten, passen Sie auf, dass er Sie mit seinem Charisma nicht zu sehr beeindruckt. Ich möchte Sie nicht auch noch an die Freihändler verlieren.“

Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Arkoniden.

Bea beherrschte sich mit aller Willenskraft. „Nein, Sir.“

Vor der Tür von Atlans Büro atmete sie tief durch.

Oh, Mike“, murmelte sie leise vor sich hin. „Das ist ein echtes Dilemma. Wie mag das weitergehen?“

Zum Glück schien Atlan überhaupt nicht daran zu denken, wer hinter der Maske des Roi Danton stecken könnte. Sie musste vor sich selbst zugeben, dass allein der Gedanke auch schon eine fast unüberwindliche Gedankenmauer darstellte, denn auch sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, wenn sie Roi nicht persönlich gesehen hätte …


**********


5

Boscyks Stern, Olymp, Trade-City


Sie fühlen sich wirklich stark genug, um Ihre Aussage vor dem Gericht zu machen, Edelmann Masut?“

Roi blickte sinnend auf den riesenhaften Ertruser, der ihm gegenüber am Kartentisch in der Zentrale der FRANCIS DRAKE saß. Eine energetische Wand ließ weder Sichtkontakt noch akustische Signale zu. Außer ihnen war niemand anwesend. Die Zentralebesatzung ging ihren üblichen Pflichten nach.

So wie Dr. Hamory es prophezeit hatte, waren die schweren Brandverletzungen nicht ohne Folgen abgeheilt. Schwere Brandwunden verunstalteten das Gesicht des riesenhaften Mannes. Roi kannte die medizinischen Berichte. Der Oberkörper Masuts sah genauso verunstaltet aus. Medizinisch war alles Mögliche getan worden, die Wunden hatten sich infektionsfrei vernarbt – wie der Mann psychisch damit klarkommen würde, das würde erst die nähere Zukunft zeigen.

Natürlich kannte Roi seinen Bericht von den Vorfällen schon. Er hatte seine eigene Vermutung nur bestätigt. Es handelte sich ganz eindeutig um einen Akt der Raumpiraterie, die ihn vor doppelte Probleme stellte. Zum einen musste er sich gegen seine Gegner unter den Beiräten durchsetzen, zum anderen musste er dem Solaren Imperium gegenüber eindeutig nachweisen, dass er hart durchgegriffen hatte. Das machte ihn noch wütender auf Fürst Antikon. Hätte der sich nicht einen anderen Raumsektor aussuchen können, außerhalb des Hoheitsgebietes des Solaren Imperiums?

Ein massierter Einsatz der Solaren Abwehr und der USO konnte nicht nur den Freihändlern an sich erheblich schaden, sondern auch ihn in Bedrängnis bringen.

Masut blickte ihn mit wachen, intelligenten Augen an. Der Ertruser gefiel Roi immer mehr.

Selbstverständlich, Fürst Danton. Ich bin wiederhergestellt. Sicherlich kennen Sie auch schon den medizinischen Befund. Ich habe Dr. Hamory Ihnen und dem Gericht gegenüber von seiner Schweigepflicht entbunden.“

Roi nickte. „Das Vertrauen ehrt mich, Edelmann. Also werden wir zusammen versuchen, Fürst Antikon das Handwerk zu legen.“

Masut überlegte, öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder.

Was möchten Sie sagen, Edelmann? Bitte reden Sie offen. Das schätze ich sehr.“

Das weiß ich, Fürst. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Und – ich würde gerne in Ihre Dienste treten.“

Roi musterte ihn sinnend. Ihm kam eine Idee, die etwas für sich hatte. Der Mann schien stark zu sein, loyal, hatte ein offenes Wesen. Roi war sich sicher, dass er ihm vertrauen konnte. Er brauchte einen ständigen Begleiter, so sehr er sich auch bisher dagegen gewehrt hatte. Er konnte auf sich selbst aufpassen, das war keine Frage, aber allein die Anwesenheit eines Begleiters würde vielleicht viele schon verunsichern.

Warum, Edelmann? Haben Sie gute Gründe?“

Ja. Zum einen bin ich Ihnen zum Dank verpflichtet. Ohne Sie würde ich nicht mehr leben. Sie haben Ihr eigenes Leben riskiert und dabei auch Verletzungen davon getragen. Ich werde mein ganzes Leben in Ihrer Schuld stehen.“

Roi winkte ab. „Lassen Sie das bitte, Edelmann. Es ist meine Pflicht als Kommandant, mich für alle einzusetzen. Ich betrachte es als eine Frage der Ehre. Hätte ich es nicht getan, wäre ich ehrlos.“

Masut nickte. „Genau das ist der zweite Punkt, Fürst. Wir alle wissen, welche hohen Moral- und Ehrbegriffe Sie haben. Genau deshalb fliegt Ihre Mannschaft so gerne mit Ihnen und würde für Sie den Teufel aus der Hölle holen. Ich würde es als Ehre betrachten, wenn Sie mich nehmen und ich mit Ihnen fliegen darf. Außerdem bin ich ungebunden, unser Schiff existiert nicht mehr, meine Kameraden und mein Fürst sind fast alle umgekommen. Eine Familie habe ich ebenfalls nicht. Meine Familie sind die Freihändler.“

Tränen stiegen in die Augen des Ertrusers. Roi legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. Dabei musste er sich ein wenig strecken, weil Masuts Arm ein wenig über seinem war.

Ich kann Ihre Gefühle sehr gut verstehen, Edelmann. Sie brauchen sich Ihrer Tränen nicht zu schämen. Sie sind nur menschlich.“

Oro Masut konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Tränen liefen über seine riesigen, von Narben verunstalteten Wangen. „Bin ich denn noch ein Mensch?“, schluchzte er.

Roi erkannte sofort die Situation. Er stand auf, stellte sich vor Masut und rüttelte an dem für ihn riesigen Mann. Gegen den „Felsklotz“ reichten seine Kräfte eindeutig nicht aus, zumal er seine Arme nach oben reckten musste wegen der Größe von 2,50 Metern.

Edelmann Masut, wir alle sind Menschen, egal ob wir vielleicht etwas zu klein geraten sind wie die Siganesen oder etwas zu groß wie Sie als Ertruser.“

Mit Absicht ging er mit keinem Wort auf die Verunstaltungen des Mannes ein.

Nach einer Weile ebbte der Tränenstrom ab und Masut blickte in die Augen Rois, die ihn offen musterten, ohne ein Spur von Abscheu. „Das meinte ich nicht, Fürst. Bin ich denn kein Scheusal für Sie?“

Ach, Sie meinten diese paar Narben?“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die ehren einen Mann, es sind Kampfnarben. Betrachten Sie es so und nicht anders.“ Er hatte sich in diesem Augenblick zu einem Schritt entschieden, der rein emotional geleitet war. Er ging damit ein großes Risiko ein, aber er vertraute dem Ertruser. Bisher hatte er sich noch nie in seiner Einschätzung anderer Menschen getäuscht. Außerdem – das war ein Faktor, den er nicht vernachlässigen konnte – war der Mann ihm gegenüber zu Dank verpflichtet, und würde ihn schon deshalb nicht verraten.

Und was noch dazu kam – er brauchte nicht nur einen Begleiter, sondern auch einen Vertrauten, einen, der außerhalb der Hierarchie des Schiffes und der Organisation stand, der frei und unabhängig war. Immer mehr merkte er es, wie viel zwischendurch ein vertrauensvolles Gespräch brachte. Erst jetzt verstand er viel aus den Erzählungen von Atlan, dass er immer wieder eine Gefährtin des „Barbarenplaneten Larsaf III“ mit in seine Tiefseekuppel genommen hatte und sie geschult, sie an seinen Horizont herangeführt. Sein Roboter Rico war zwar im Laufe der Jahrtausende sein „Freund“ geworden, aber auch er hatte einen vertrauten Menschen gebraucht, es ging auf Dauer nicht anders. Oro Masut erschien ihm als Wink des Schicksals.

Können Sie kämpfen, Edelmann Masut? Ich meine, Nahkampf und ähnliche Dinge?“

Masut hob den Kopf. „Ja. Ich gelte als stärkster Mann von Ertrus und habe dort die Meistertitel in allen Kampfsportdisziplinen.“

Roi lachte. „Das freut mich. Mir sagt man auch nach, ich wäre darin recht gut. Jedenfalls, als ich noch auf Terra lebte.“

Masut merkte auf. „Sie sind Terraner?“

Ja, aber nur zur Hälfte. Ich habe einen plophosischen Elternteil.“

Das war noch nichts, was den Ertruser aufmerken lassen musste. Das traf auch auf andere Menschen zu, zwar nicht übermäßig viele, da die Gene der Plophoser durch die Strahlung der Sonne Eugaul verändert waren, so dass Beziehungen zwischen ihnen und reinblütigen Terranern nur wenige Nachkommen hervorbrachten. Insofern war die Zwillingsgeburt von Mory Rhodan-Abro damals schon fast eine medizinische Sensation gewesen.

Roi zog plötzlich sein blasiertes Gesicht und musterte sein Gegenüber durch sein edelsteinverziertes Lorgnon, das er an einer Kette um den Hals trug. „Wie sieht es mit Seinen Fähigkeiten als Diener aus, Edelmann? Weiß Er, wie Er sich einem Hochwohlgeborenen gegenüber zu verhalten und wie er Uns zu dienen hat?“

Masut blieb der Mund offen stehen. Dann begriff er und grinste über das ganze Gesicht. Er versuchte sich zu verbeugen, verlor das Gleichgewicht und fiel lang hin.

Roi schüttelte betrübt den Kopf. „Das wird Er aber noch üben müssen. Ich fürchte, Wir werden ihn auch noch ausführlich unterweisen müssen, wie Er uns zu dienen hat. – Nun ja, Wir werden Uns dieser Mühe unterziehen. Wir meinen, es lohnt sich, Ihn zu schulen.“

Jetzt erst begriff Masut endgültig. Ein Leuchten der Freude ging über das verunstaltete Gesicht.

Roi lachte ungezwungen und fröhlich, gewann damit endgültig die uneingeschränkte Sympathie des Ertrusers.

Ich nehme Sie in meine Dienste, Edelmann Masut.“ Er legte seine Maske wieder ab. „Nicht als Offizier des Schiffes, sondern als meinen persönlichen Diener, Leibwächter und Vertrauten. Ich erwarte von Ihnen absolutes Schweigen und Loyalität. Das sollte klar sein.“

Masut wurde sehr ernst. „Absolut, Fürst. Sie können sich auf mich verlassen. Ich stehe mit meinem Leben für Sie ein.“

Roi wusste, dass Edelmann Masut in diesem Augenblick einen heiligen Eid ablegte, sowohl vor ihm als auch vor sich selbst. Er nickte bestätigend.

Das weiß ich.“ Roi machte eine wohl durchdachte Pause, ehe er weitersprach. „Also beginnt Ihr Dienst jetzt in diesem Augenblick, Oro.“

Ja, Fürst.“

So habe ich nun wieder einen ertrusischen Leibwächter, genau wie in meiner Kindheit und Jugend zusammen mit meiner Zwillingsschwester.“ Roi wählte seine Worte mit Bedacht. Die Reaktion kam so, wie er sie erwartet hatte. Oro blickte ihn gespannt an und wartete auf die Fortführung.

Roi dachte wehmütig an diese lange zurückliegende Zeit. Einige Jahre war Atlans Begleiter Melbar Kasom der Leibwächter von ihm und seiner Schwester gewesen. Vielleicht holte er sich mit seiner Entscheidung auch ein Stück seiner Kindheit wieder zurück.

Kennen Sie vielleicht den Ertruser Melbar Kasom? Er war in meiner Kindheit und Jugend einige Jahre der Leibwächter von meiner Schwester und mir.“

Oro fuhr hoch, als ob eine Bombe neben ihm eingeschlagen hätte. Roi grinste innerlich. Er hatte sich in dem Mann nicht getäuscht, der konnte denken.

Natürlich nicht persönlich. Aber jeder Ertruser weiß, wer der berühmte USO-Spezialist ist, der ständige Begleiter von Lordadmiral Atlan.“

Über sein Gesicht huschte das Erkennen.

Aber das würde heißen, wenn Sie eine Zwillingsschwester haben und Melbar Kasom Ihr Leibwächter war … nein, das kann nicht sein!“

Warum nicht? So unmöglich?“

Ich wage es gar nicht auszusprechen. … Das bedeutet, dass Sie der verschwundene Sohn des Großadministrators sein müssen.“

Roi zuckte nur mit den Schultern. „Genau. So schlimm, mit Michael Rhodan zu fliegen?“

Oro blieb der Mund offen stehen. „Im Gegenteil. Ich weiß das Vertrauen zu schätzen, dass Sie in diesem Augenblick entgegenbringen. Ich werde es niemals enttäuschen!“

Das weiß ich. Das sagt mir schon meine Menschenkenntnis. Außer Ihnen wissen es bei den Freihändlern nur der Kaiser und noch zwei Fürsten, die mich von früher kennen. Und das soll auch so bleiben. Ich bin nicht zu den Freihändlern gegangen, um wieder aufgrund meiner Herkunft bevorzugt zu werden.“

Oro nickte ernst. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das mit ein Grund war, weshalb Sie zu den Freihändlern gegangen sind. Ihr Vater hat sie längere Zeit in der ganzen Galaxis suchen lassen. Immer wieder war Ihr Bild in sämtlichen Nachrichtensendungen zu sehen.“

Roi seufzte. „Ich weiß. Leider. Aber inzwischen hat er aufgegeben. Zum Glück. Das gibt mir mehr Handlungsspielraum. Erkennt man mich denn noch anhand der Suchmeldungen?“

Oro musterte in ab- und einschätzend. „Nein, so direkt nicht. Aber ich würde an Ihrer Stelle vorsichtig sein, alten Bekannten und Freunden zu begegnen. Besonders Ihrem Vater, Ihrer Mutter und Schwester oder Lordadmiral Atlan bzw. Staatsmarschall Bull. Ganz besonders würde ich an Ihrer Stelle dem Mausbiber Gucky aus dem Weg gehen.“

Roi lachte leise. „Meine Mutter und meine Schwester sind informiert und versorgen mich mit gewissen Informationen. Und Gucky – dagegen bin ich präpariert. Ich bin nämlich mentalstabilisiert. Die größte Gefahr sehe ich in Atlan. – Aber über das alles reden wir später noch, wir werden noch genug Zeit für Gespräche haben. Jetzt müssen wir uns dem Naheliegenden widmen – leider. Mir wäre wohler, wenn wir dieses Problem nicht lösen müssten. Aber ich werde keinen Akt der Raumpiraterie dulden!“

Oro konnte sich eines Fröstelns nicht erwehren bei den eiskalt hervorgebrachten Worten. Schon jetzt erkannte er, dass Roi ein sehr fairer, aber auch konsequenter und harter Befehlshaber war.

Werden Sie Fürst Antikon dem Solaren Imperium ausliefern?“

Bis jetzt habe ich es nicht vor. Egal was er getan hat, er hat Anspruch auf eine faire Gerichtsverhandlung bei der Organisation, zu der er gehört. Das ist eine Frage der Loyalität für mich.“

Roi hob die energetische Sperre auf und rief Rasto Hims herbei.

Edelmann Hims, ich habe Mr. Masut in meine Dienste genommen, und zwar als meinen persönlichen Diener und Leibwächter.“

Hims grinste über sein ganzes breites Epsalergesicht. Er bot Oro die Hand. „Auf gute Zusammenarbeit, Kamerad.“ Oro nahm sie vorsichtig und erwiderte den Händedruck. Obwohl auch Epsaler zu den starken, umweltangepassten Menschen gehörten, mussten Ertruser auch bei ihnen vorsichtig mit ihren Körperkräften sein.

Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten darf, Sir. Das war schon länger überfällig. Sie brauchen einen persönlichen Begleiter bei dem Gesindel von Beiräten, mit denen Sie sich herumschlagen müssen.“

Roi fiel vorübergehend in seine Rolle: „Edelmann Hims, ich echauffiere mich! Diese raue Sprache in Unserer Gegenwart! Das bekommt Unserem Wohlbefinden nicht. Wir spüren eine Ohnmacht nahen!“

Gekonnt verdrehte er die Augen und tat so, als ob er von seinem Stuhl sinken würde. Oro war sofort heran und fing ihn auf, wedelte ihm mit der Hand Luft zu.

Roi stand wieder auf, konnte sich vor Lachen nicht halten. Alle anderen fielen ein.

Das war schon sehr gut, Oro. Ich sehe, Sie verstehen, worauf es ankommt. Hims, ich würde an Ihrer Stelle vorsichtig mit solchen Äußeren außerhalb der DRAKE sein, Sie wissen warum!“

Natürlich, Sir. Außerhalb des Schiffes verhalten wir alle uns vorbildlich.“

Das weiß ich, keine Sorge. Bitte weisen Sie Mr. Masut ein, wie hier bei uns das Reglement ist, nach innen und nach außen. Sorgen Sie dafür, dass er eine Kabine direkt neben meiner Zimmerflucht bekommt usw., Sie wissen schon.“

Selbstverständlich, Sir.“

Gut. Dann werden wir uns jetzt also mit Fürst Antikon zu befassen haben. Bitte lassen Sie vor der Verhandlung nichts davon verlauten, dass Oro Masut nun zu uns gehört. Es könnte einige Leute auf merkwürdige Ideen bringen.“

Hims nickte nur, Oro antwortete: „Selbstverständlich, Sir.“

Roi war zufrieden. Oro schien sehr schnell zu begreifen, wie es hier lief, umso besser.

Fortsetzung: Teil 06

28.5.16 15:41, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 06

Lockruf der Freihändler – Teil 06


Der große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Den Antrag der Gruppe der Beiräte um Fürst Henks herum, die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen, hatten Roi und der Kaiser abgelehnt. Roi legte im Gegenteil Wert darauf, öffentlich zu zeigen, dass ein Akt der Raumpiraterie auch unter seiner Leitung nicht geduldet werden würde. Lovely Boscyk hatte ebenfalls solche Übergriffe hart geahndet.

Roi hatte den Kaiser über alles informiert, auch den Versuch von Henks mit dem Psychostrahler. Beide hatten sich auf ein Vorgehen verständigt, dass die Machenschaften von Henks vor allen anderen Beiräten aufdeckte. Roi wollte Tatsachen schaffen. Er sah seine Pläne auf Dauer gefährdet, wenn er immer wieder an verschiedenen Fronten kämpfen musste.

Fürst Antikon und seine Edelmänner wurden unter Bewachung zur Anklagebank geführt. Die Geretteten befanden sich abgeschirmt in einem kleineren Raum, ebenfalls unter Bewachung des Sicherheitsdienstes und warteten darauf, ihre Aussagen zu machen. Roi wollte nicht das geringste Risiko einer Beeinflussung durch eine der Parteien eingehen.

Gemäß den Statuten der Freihändler hatte Roi als Befehlshaber den Vorsitz übernommen. Eine Anklage wegen Raumpiraterie wurde bei den Freihändlern genauso behandelt wie in Flotte oder USO eine Kriegsgerichtsverhandlung. Deshalb war Roi als Befehlshaber der Freihändler automatisch der Vorsitzende des Richterkollegiums. Lovely Boscyk trat als Ankläger auf, um allen zu demonstrieren, dass er und Roi sich völlig einig waren. Die Beiräte hatten traditionell die Rolle der Geschworenen, wie im alten terranisch-amerikanischen Rechtssystem. Die Verteidigung der Angeklagten hatte ein von Fürst Antikon engagierter Rechtsanwalt übernommen, der nicht zu den Freihändlern gehörte. Das stand einem Angeklagten gemäß der Statuten der Freihändler zu.

Roi versuchte seine innerliche Unruhe nach außen hin zu unterdrücken. Das war seine erste wirkliche Bewährungsprobe. Später würde er nach seinem Urteil eingeschätzt werden. Er musste hart durchgreifen, andererseits durfte das Urteil auch nicht so hart sein, dass es Widerstand hervorrief. Alles hing von den Aussagen der Angeklagten und der Geretteten ab. Außerdem war für ihn selbst Raumpiraterie ein Verbrechen, für das nur drakonische Strafen in Betracht kamen.

Er tauschte einen Blick mit Boscyk, der daraufhin aufstand. Schlagartig verstummten die Gespräche in dem Saal.

Meine Damen und Herren, Sie erwarten jetzt die Verhandlung gegen den Fürsten Antikon und seine Edelleute wegen Raumpiraterie. Leider müssen wir Sie noch um etwas Geduld bitten. Wichtige Angelegenheiten erfordern eine vorherige Sitzung der Beiräte mit Roi Danton und mir.“

Die Anwesenden tauschten verständnislose Blicke. Auch die Beiräte waren ratlos. Niemand war vorher informiert worden. Roi konnte sich ein anzügliches Lächeln nur mit Mühe verkneifen. Fürst Henks würde jetzt sicherlich seinen Plan gefährdet sehen, da die Anweisung des Psychostrahlers sich eindeutig auf die Beiratssitzung nach der Gerichtsverhandlung bezog.

Fürst Danton und ich wissen, dass dies ein absolut unübliches Verfahren ist, aber ich bitte Sie alle, dem zuzustimmen, da außergewöhnliche und in der Geschichte der Freihändler bisher einmalige Dinge dies erfordern.“

Der Verteidiger tauschte einen Blick mit Fürst Antikon. „Darf ich um einige Minuten Bedenkzeit bitten, Kaiser Boscyk? Ich muss mich mit meinen Mandanten erst beraten.“

Boscyk nickte. „Selbstverständlich, das steht Ihnen zu. Um Ihre Entscheidung zu erleichtern, teile ich Ihnen mit, dass es in dieser Besprechung nicht um die folgende Verhandlung geht, sondern um eine andere Angelegenheit, die damit nichts zu tun hat. Ginge es um die Verhandlung, würde ich Sie selbstverständlich dazu bitten. Sie brauchen also keine Angst vor unerlaubten Absprachen zu haben.“

Nach zehn Minuten erklärte der Verteidiger sein Einverständnis. Roi und Boscyk zogen sich mit den Beiräten in einen angrenzenden kleinen Besprechungsraum zurück. Die Angeklagten waren unter Bewachung in einen anderen Raum gebracht worden, getrennt von den Zeugen. Weder Roi noch der Kaiser wollten sie den neugierigen Blicken der Zuschauer aussetzen, weil sie dies als menschenunwürdig empfanden. Angeklagte hatten ein Anrecht auf ordentliche Behandlung, man lebte schließlich nicht mehr im Mittelalter. Außerdem galt immer noch der Grundsatz der Unschuld bis zum eindeutigen Beweis der Schuld.

Fürst Henks musterte Roi aufmerksam. Seine Unruhe war ihm deutlich anzumerken.

Der Kaiser zögerte nicht lange, nach einer kurzen Begrüßung kam er sofort zur Sache. Seine Stimme war kalt und sachlich.

Das, was ich Ihnen jetzt hier zeige, hat mich zutiefst erschüttert. So einen Vorgang hat es noch nie gegeben, seit ich die Organisation der Freihändler gegründet habe. Wir unterhalten uns anschließend darüber.“

Henks war der Einzige, der sich zu Wort meldete. „Was hat das alles zu bedeuten, Kaiser? Was wollen Sie von uns? Wissen Sie, welchen Eindruck es macht, dass die Beiräte sich vor einer Gerichtsverhandlung treffen? Das wird nach einer Absprache aussehen, trotz Ihrer Versicherung. Ich wundere mich ohnehin, dass der Verteidiger das akzeptiert hat.“

Roi griff ein. Seine Stimme war messerscharf, sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Jegliche Unruhe war von ihm abgefallen. Er hatte den Kampf aufgenommen und wollte auf jeden Fall gewinnen.

Hören Sie auf, Fürst Henks. Warten Sie einfach ab. Das ist für Sie das Vernünftigste, glauben Sie mir.“

Henks wurde immer unruhiger. Rois Verhalten wirkte gar nicht nach einem posthypnotischen Befehl.

Boscyk sagte nichts mehr, schaltete nur einen großen Bildschirm ein. Alle wandten sich dem zu, was sie zu sehen bekamen. Die Beiräte sanken immer mehr in sich zusammen. Henks wurde erst hochrot, dann leichenblass. Sogar seine eigenen Gefolgsleute konnten ihr Entsetzen nicht verbergen, davon hatten sie nichts gewusst.

Auf dem Bildschirm lief die von Roi in Sicherheit gebrachte Aufzeichnung von Henks’ Besuch bei ihm in der Bordklinik der FRANCIS DRAKE ab. Deutlich war der Psychostrahler zu sehen, den er auf Roi richtete und seine Befehle laut und deutlich zu hören.

Boscyk schaltete den Bildschirm ein und sagte kalt: „Was haben Sie dazu zu sagen, Fürst Henks? Roi und ich geben Ihnen die Gelegenheit, sich selbst zuerst zu äußern, ehe wir ein Urteil über Sie fällen.“

Henks konnte nur noch Stottern: „Wieso … ich begreife das nicht … der Strahler hätte doch wirken müssen … ich habe doch nur im Interesse von uns allen gehandelt. Wir geraten immer mehr in Abhängigkeit zu Fürst Danton. Er finanziert alles, stellt alles den Freihändlern zur Verfügung …“

Ich mache keine Geschenke, Fürst Henks. Es existieren klare Absprachen über eine Vergütung bzw. Rückzahlung.“

Roi lehnte sich gelangweilt zurück. „Mich wundert, dass Sie sich keine andere Frage stellen.“

Einer der Beiräte, die auf der Seite von Roi standen, erhob sich und blickte in die Runde. „Mal abgesehen davon, dass es den Statuten der Freihändler widerspricht, ein Mitglied nach Namen und Herkunft zu fragen und dass Ihr Vorgehen, Beirat Henks, in höchstem Maße verwerflich ist, bitte ich Sie, Roi, uns zu sagen, wieso Sie in der Lage waren, dem Einfluss des Psychostrahlers zu widerstehen. Ich habe einen gewissen Verdacht. Wenn Sie uns die Frage nicht beantworten möchten, akzeptieren wir das auch, jedenfalls gilt das für mich.“

Die anderen nickten nur bestätigend. Der Schock hielt sie noch in ihrem Bann.

Niemand zwingt dich, Roi“, warf der Kaiser noch warnend ein.

Roi nickte ihm zu, dann wandte er sich an die Runde. „Obwohl das vielleicht für manche ein Schock sein mag, ich bin mentalstabilisiert. – Das nur, damit Sie alle wissen, was Sie zukünftig von derartigen Versuchen zu halten haben. Sie sind zum Scheitern verurteilt.“ Er gab sich Mühe, seiner Stimme einen gelangweilten Klang zu geben.

Fürst Henks, ich frage ebenso wie der Kaiser: was haben Sie an vernünftigen Argumenten zu Ihrer Entschuldigung vorzubringen?“

Henks vermochte nichts mehr zu sagen. Der Beirat, der eben schon für Roi Partei ergriffen hatte, erhob sich abermals: „Aber wir können es Ihnen sagen: Ihr Verhalten ist in höchstem Maße verabscheuungswürdig und unehrenhaft.“

Alle nickten, sogar die Gefolgsleute von Henks. Roi wusste, dass nun die Entscheidung von ihm abhing. Wenn er die Freihändler führen wollte, musste er jetzt die Entscheidung fällen, das konnte ihm der Kaiser nicht mehr abnehmen.

Roi stand auf. „Fürst Henks, nach den Statuten der Freihändler hätte ich jetzt das Recht, Sie ganz auszuschließen oder zumindest von Ihrem Posten als Beirat zu entheben. Keines von beiden werde ich machen. Im Gegenteil. Ich belasse Sie auf Ihrem Posten und hoffe, dass Ihnen das eine Lehre sein wird. Aber ich warne Sie: denken Sie nicht, das wäre ein Zeichen von Schwäche. Sie wissen jetzt, was Sie von mir zu halten haben. Den nächsten Versuch werde ich konsequenter ahnden. Sie müssen nicht mit mir einer Meinung sein, aber wenn Kritik, dann bitte konstruktiv in diesem Kreis, nichts anderes. Dafür bin ich immer offen, das sollten Sie alle inzwischen wissen.“

Henks blickte sich um, konnte es nicht fassen. Er vermied es, Roi ins Gesicht zu sehen. An seiner Stelle wandte sich einer seiner Gefolgsleute an Roi. „Fürst Danton, ich vermute, dass Fürst Henks so sprachlos ist, dass er seinen Dank an Sie nicht aussprechen kann. Erlauben Sie mir, dass ich das für ihn übernehme.“

Und an seinen Freund: „Sei dankbar für diese Entscheidung. Ich an Rois Stelle hätte dich ohne weiteren Kommentar rausgeworfen. Ich stimme ihm zu. Wir können die Klingen kreuzen, aber immer ehrenvoll, nicht anders.“

Niemand sagte mehr etwas. Roi schloss die Versammlung.

Dass über alles, was wir hier besprochen haben Stillschweigen gewahrt wird, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.“ Ein ironisches Lächeln traf Henks. „Damit sollte diese Angelegenheit für uns erledigt sein und wir können uns mit dem nächsten Fall von unehrenhaftem Verhalten beschäftigen. Ich darf Sie daran erinnern, dass wir eine Lösung finden müssen, die auch das Solare Imperium zufrieden stellt. Sicherlich gehen Sie mit mir konform, dass wir keinen massierten Einsatz der Solaren Abwehr oder – noch schlimmer – der USO wünschen.“

Werden die sich deshalb extra um uns kümmern?“, fragte ein anderer Beirat zweifelnd. „Raumpiraterie kommt doch überall vor.“

Roi nickte ernst. „Leider ja. Vergessen Sie bitte nicht, dass wir – zum Glück! – seit gut dreißig Jahren Frieden haben. Die Abwehrdienste haben Zeit dafür. Und der Großadministrator ist anscheinend immer noch der Meinung, uns zumindest als ‚suspekt’ einstufen zu müssen. Warum ist mir nicht klar.“

Obwohl mir das mehr als klar ist, dachte Roi bei sich. Vater hat etwas gegen unabhängige Mächte neben dem Imperium. Er hat immer Angst, dass diese ihn irgendwann einmal bedrohen.

Meinst du, dass wir das Imperium davon abhalten können, nach Fürst Antikon zu suchen?“, fragte Boscyk.

Roi wiegte überlegend den Kopf. „Ich kann es wirklich nicht sagen. Warum mussten diese beiden Idioten ihren Kampf unbedingt im Hoheitsgebiet des Solaren Imperiums austragen, verdammt?“

Boscyk lächelte ihn an. Er wusste genau, unter welcher Spannung Roi stand. Wenn es ihm nicht gelang, einen Geheimdiensteinsatz zu verhindern, waren nicht nur sie alle, sondern in besonderem Maße auch er selbst betroffen. Denn wenn man ihn genauer durchleuchtete, bestand immer die Gefahr, dass seine Tarnung aufflog.

Sie verlieren Ihre Contenance, Fürst.“ Boscyk schüttelte leise verweisend den Kopf.

Roi besann sich und ging auf das Spiel ein.

Euer Majestät haben recht. Ich danke Majestät für den gütigen Rat.“ Er senkte mit blasiertem Gesicht den Kopf vor dem Kaiser.

Dann straffte er sich und mustere die Runde mit eiskalten Augen. „In einer halben Stunde im großen Sitzungssaal. Bringen wir es hinter uns. Vielleicht nehmen Sie in der Zwischenzeit eine kleine Erfrischung zu sich nach diesem Schock. Ich empfehle Ihnen echten terranischen Kaffee.“

Während die Runde sich auflöste, hielt Boscyk Roi zurück. Leise fragte er ihn: „War die Entscheidung richtig mit Henks, Roi? Ich hätte es nicht gemacht.“

Roi lachte bitter auf. „Ich habe es mir auch sehr genau überlegt. Es wird Henks nicht auf Dauer ruhig stellen. Aber es schafft uns erstmal Ruhe. Dass er mir dankbar ist, können wir ausschließen. Solche Gefühle kennt er nicht. Er sinnt jetzt schon darauf, wie er mir schaden kann. Außerdem, Lovely: willst du einen Abtrünnigen haben, der zum Imperium rennt und munter plaudert, nur um seine Rachegefühle zu befriedigen? Auch wenn er bisher loyal zu den Freihändlern gestanden hat, es sind schon mehr als genug Menschen aus persönlichen Motiven, besonders aus verletztem Stolz, zu Verrätern geworden.“

Boscyk nickte vor sich hin. „Eine schlaue Taktik, Mike. Von wem hast du das gelernt, von deinem Vater oder von Atlan?“

Roi lächelte plötzlich warm. „Von Atlan, wie so vieles andere.“

Willst du es dir nicht noch einmal überlegen, ob du ihn einweihst, wer Roi Danton ist? Ich kann es dir nicht oft genug empfehlen. Mein Gefühl sagt mir, es ist besser für dich.“

Nein“, Roi schüttelte bestimmt den Kopf. „Da haben wir doch schon so oft drüber gesprochen, Lovely.“

Und nach einer kurzen Pause: „Übrigens, genau diesen Vorschlag machte mir kürzlich - auch zum wiederholten Male - meine Schwester.“

Eine kluge junge Dame“, entgegnete der Kaiser nur …


**********


Die Gerichtsverhandlung lief schnell und störungsfrei ab. Die Aussagen der Geretteten waren eindeutig. Fürst Antikon hatte seinem Rivalen aufgelauert und das Schiff ohne Vorwarnung zerschossen. Auch als schon die SOS-Rufe abgingen, schoss er noch weiter. Die flüchtenden Beiboote mit Überlebenden wurden ebenfalls rücksichtslos abgeschossen.

Auf die Frage Rois an die Edelmänner, warum sie ihren Fürsten nicht zur Einsicht gebracht hätten, antworteten diese nur übereinstimmend, Fürst Antikon würde jegliche Kritik schon im Anfang brutal ersticken. Er duldete nicht den geringsten Widerstand.

Der Verteidiger versuchte vergeblich, Verständnis für seine Mandanten zu erreichen, dass es um eine Rivalität gegangen sei, die schon seit Jahren schwelte und der Kommandant des vernichteten Schiffes sich in der Vergangenheit auch nicht immer einwandfrei verhalten hätte.

Insbesondere die Aussage von Oro Masut und seine fürchterlichen Verunstaltungen ließen bei allen Anwesenden ein Frösteln auftreten.

Kaiser Boscyk forderte in seinem Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe im Zuchthaus von Trade-City für Fürst Antikon und hohe Geldstrafen und Degradierungen zu Bauern für die Edelmänner sowie vorübergehenden Entzug des Raumfahrt-Patents.

Der Verteidiger hatte aufgegeben, nachdem er erst jetzt erfahren hatte, wie gewissenlos der Fürst war. Er bat nur noch um ein gerechtes Urteil für seine Mandanten. Alle konnte sich eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren, als sogar dieser als rücksichtsloser „Winkeladvokat“ bekannte Mann derartig betroffen reagierte.

Nach den Plädoyers zogen sich die Beiräte zur Beratung zurück. Schon nach einer knappen halben Stunde kamen sie mit einem einstimmigen Ergebnis zurück: „Fürst Antikon ist unserer Ansicht nach schuldig der Raumpiraterie und des Mordes an der Besatzung. Seine Edelmänner sind mitschuldig.“

Roi nickte kurz und rief den Kaiser als Ankläger und den Verteidiger zu sich nach vorne.

Messieurs, ich denke, die Sache ist eindeutig. Wir müssen Fürst Antikon und seine Edelmänner verurteilen wie vor einem Kriegsgericht der Solaren Flotte. Raumpiraterie und Mord dulden keine Milde, egal wo. Außerdem steht die Frage nach der Auslieferung an das Solare Imperium immer noch im Raum.“

Sie müssen zumindest Fürst Antikon ausliefern“, meinte der Verteidiger, „nach der Beweislage bleibt Ihnen keine andere Wahl gemäß der Gesetze des Imperiums. Die Freihändler haben bisher keine politische Anerkennung und somit auch keine eigene Gerichtsbarkeit.“ Er lachte bitter auf. „Dass ich als Verteidiger so etwas sagen muss, ist schon sehr makaber.“

Roi nickte bestätigend. „Ich kann mir vorstellen, wie schwer Ihnen das fällt, Monsieur. Aber es spricht nur für Sie. Bringen wir es also hinter uns.“

Roi wandte sich an die Versammelten. „Messieurs, Sie alle können sich vorstellen, welches Problem wir mit diesem Fall haben. Wenn es nach den Gesetzen des Imperiums ginge, hätten wir diese Verhandlung noch gar nicht einmal durchführen dürfen, sondern Fürst Antikon und seine Edelmänner sofort dem Solaren Imperiums überstellen müssen.“ Roi machte eine Pause und ließ seine Worte wirken. „Allerdings kann jeder Freihändler, egal welche Schuld er auf sich geladen hat, sicher sein, dass ich ihn nicht an das Imperium ausliefern werde, es sei denn er wünscht das selbst.“

Im Saal hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Bitte erheben Sie sich zur Urteilsverkündung, meine Damen und Herren.“

Er selbst stand auch auf und sammelte sich innerlich.

Im Namen der Freihändler ergeht gegen Fürst Antikon folgendes Urteil: lebenslange Haft im Zuchthaus von Trade-City, Verlust aller Privilegien, insbesondere Einzug seines Patents als Raumschiffskapitän. Sein Raumschiff und sein gesamtes Vermögen werden eingezogen und veräußert. Aus dem Erlös wird ein Fond gegründet, der die Angehörigen der Opfer versorgt. Fürst Antikon selbst hat die Wahl, das Urteil so anzunehmen oder sich auf eigenen Wunsch der Gerichtsbarkeit des Solaren Imperiums zu stellen.“

Ein erstauntes Murmeln ging durch den Saal. Der Kaiser verzog das Gesicht ob dieser Unhöflichkeit. Aber er konnte es nachvollziehen, zu ungewöhnlich war Rois Urteil. Es warf aber auch ein deutliches Licht auf seinen Charakter.

Gegen die Edelmänner ergeht folgendes Urteil“, fuhr Roi fort. „Ihre Offizierspatente werden für unbestimmte Zeit eingezogen. Sie werden hiermit zu Bauern degradiert, erhalten allerdings kein Raumflugverbot. Sie bekommen die Chance, sich unter einem neuen Fürsten wieder zu bewähren. Dieser wird dann entsprechend ihres Verhaltens über eine Beförderung zu Edelmännern entscheiden. Außerdem werden Sie jeweils zu einer Geldstrafe von drei Monatsgehältern verurteilt, die ebenfalls an die Hinterbliebenen der Opfer zu zahlen sind. Bitte setzen Sie sich wieder.“

Niemand sagte etwas. Lovely Boscyk nickte anerkennend. Er hatte sich in Roi nicht getäuscht. Er griff hart durch, weil er es musste. Aber nicht so hart und unerbittlich, dass er sich Feinde machte. Immer mehr konnte er die Gefühle von Perry Rhodan als Vater nachempfinden. Michael oder Roi war ein Mensch, der trotz seiner jungen Jahre wusste, was er wollte und vor allen Dingen wie er es durchsetzte, ohne Widerstand zu provozieren.

Fürst Antikon“, wandte Roi sich an den Verurteilten Kommandanten. „Was ich selbst von Ihrer Handlungsweise halte, brauche ich Ihnen sicherlich nicht mehr zu erklären.“

Antikon unterbrach ihn abrupt. „Lassen Sie das Gefasel, Fürst Danton. Ich erkenne Ihre Verdienste um die Freihändler durchaus an, aber Sie sind für Ihre Position sehr jung und müssen noch viel lernen. Ein Raumschiff kann man nicht nur mit Eleganz führen, dazu braucht man Härte. Es ist wie auf einem historischen Segelschiff unseres gemeinsamen Heimatplaneten. Das werden Sie noch begreifen, glauben Sie es mir.“

Der Fürst war ein durch und durch unangenehmer Mann. Auch jetzt nach dem Urteil war seine Arroganz noch nicht gebrochen.

Roi ließ sich nicht provozieren, obwohl sein Herz innerlich bis zum Hals schlug. Ja, ich muss noch viel lernen, dachte er sarkastisch, unter anderem, jetzt ruhiger zu bleiben. Aber das wird die Erfahrung der Jahre bringen.

Vielleicht, Monsieur Antikon. Ich schließe allerdings aus, dass ich mich jemals zu einem Mord werde hinreißen lassen. Aber wenn Sie es schon ansprechen, so darf ich Sie sicherlich daran erinnern, wie das Urteil eines Solaren Kriegsgerichtes gelautet hätte, falls Sie diesen Akt der Raumpiraterie als Flottenkommandant begangen hätten. Insbesondere mit Lordadmiral Atlan als Vorsitzenden Richter hätten Sie die Todesstrafe zu erwarten gehabt.“

Antikon zuckte nur die Schultern. „Wir sind hier bei den Freihändlern, nicht bei der Flotte oder der USO, und schon gar nicht bei der alten Arkoniden-Flotte.“

Nehmen Sie das Urteil so an oder möchten Sie an das Imperium überstellt werden?“ Roi wollte nicht mehr diskutieren.

Nach kurzem Überlegen, die deutlich seine Unsicherheit zeigte, nickte der Fürst. „Ich möchte an das Imperium überstellt werden. Dort habe ich zwar kein anderes Urteil zu erwarten, aber ich kann die Strafe auf einem Strafplaneten ableisten und muss nicht das Ende meines Lebens in einem städtischen Zuchthaus verbringen. Ich möchte jedenfalls noch die Sonne sehen und frische Luft atmen.“

Roi konnte Antikon verstehen. Das Solare Imperium verhängte keine Todesstrafe mehr, egal für welche Verbrechen – was immer wieder zu endlosen Diskussionen zwischen seinem Vater und Atlan führte, der die Todesstrafe in ganz bestimmten Fällen immer noch für sinnvoll hielt. Dies wäre einer der Fälle gewesen. Auf Raumpiraterie, Mord und auch Meuterei oder Sabotage unter Kriegsrecht hatte nach Meinung des ehemaligen Arkoniden-Admirals die Todesstrafe zu stehen. Zu lebenslanger Haft verurteilte Verbrecher wurden auf spezielle Strafplaneten deportiert und konnten dort, wenn sie sich ordentlich führten, ein fast normales Leben – natürlich unter Aufsicht – führen. Inhumaner Strafvollzug oder Zwangsarbeit gehörten schon seit langem der Vergangenheit an. Die Freihändler dagegen verfügten über keine Strafplaneten. Roi hoffte, dass dies auch nie erforderlich sein würde.

Das ist Ihr Recht, Monsieur Antikon.“

Der ehemalige Fürst schluckte hart. Anscheinend wurde ihm erst jetzt bewusst, was es hieß, aus der Gemeinschaft der Freihändler ausgeschlossen zu sein. Die Anrede ohne den Titel wirkte wie ein Schlag ins Gesicht.

Sie werden anschließend in das Gefängnis von Trade-City überstellt und mit dem nächsten verfügbaren Schiff zur Erde gebracht. Ich werde entsprechend Kontakt mit den Behörden des Imperiums aufnehmen.“

Damit wandte er sich den ehemaligen Edelmännern zu.

Messieurs, mir ist durchaus bewusst, dass Sie sich in einem großen Zwiespalt befunden haben. Ich habe mir erlaubt, Ihren Werdegang bei den Freihändlern ein wenig zu durchleuchten. Sie alle scheinen mir ehrenhafte Männer zu sein. Dass Meuterei und Befehlsverweigerung hart bestraft werden müssen, um die Disziplin nicht zu untergraben, dürfte jedem hier im Saal bewusst sein.

Aber dieser Fall liegt anders. Sie hätten nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht gehabt, den Kommandanten seines Kommandos zu entheben, so viele Überlebende zu retten wie möglich und sofort nach Olymp zurückzukehren.

Ich gehe davon aus, dass Ihnen ganz einfach der Mut für einen solchen Schritt gefehlt hat, nicht, dass Sie Ihre persönlichen Einstellungen denen von Monsieur Antikon angepasst haben.

Deshalb habe ich Ihnen die Gelegenheit gegeben, sich unter einem anderen Fürsten erneut zu beweisen.“

Einer der Männer stand auf. „Fürst Danton, halten Sie uns für Feiglinge?“

Mr. Miller“, Roi machte eine gelangweilte Geste. „Vielleicht wenden Sie sich an Ihren Verteidiger. Der ist sicherlich so freundlich, Ihnen zu erläutern, was diese Interpretation bedeutet.“

Der Anwalt zog den Mann wieder auf seinen Sitz und zischte seinen Mandanten zu: „Halten Sie den Mund, sind Sie denn übergeschnappt? Danton hat Ihnen mit der Urteilsbegründung eine goldene Brücke gebaut. Sicher, er unterstellt Ihnen jetzt ganz bewusst Feigheit. Aber lieber vorübergehend als Feigling gelten, als dass auch nur der leiseste Verdacht aufkommt, Sie würden die Ansichten Ihres Kommandanten teilen. Dann könnten Sie sich ihm gleich anschließen. Bei eindeutiger Raumpiraterie und mehrfachem Mord gibt es keine Diskussionen mehr. Dann hätte Fürst Danton Sie genauso wie Mr. Antikon aburteilen müssen!“

Ein anderer nickte. „Mensch, Robert, denk mal nach. Ich verstehe immer mehr, warum Dantons Besatzung ihn so verehrt.“

Roi unterband die geflüsterte Unterhaltung nicht. Ihm lag daran, dass der Verteidiger den Männern die Lage erklärte.

Er blickte in den Saal. „Damit ist die Verhandlung geschlossen“, erklärte er mit fester Stimme.

Boscyk legte ihm die Hand auf den Arm. „Das war sehr gut, Roi!“

Der lachte humorlos auf. „Mag sein, Lovely. Hoffentlich erleben wir so eine Situation nie wieder. Hoffentlich kommt nach diesem Urteil niemand mehr auf die Idee, einen Konkurrenzkampf auf diese Art auszufechten.“

Möchtest du das grundsätzlich unterbinden?“

Nein, bestimmt nicht. Ich bin der Letzte, der etwas gegen ehrenvolle Kämpfe hat. Manche Dinge lassen sich nur so regeln. Aber es hat fair und vor allen Dingen ehrenvoll zuzugehen. Ich dulde nicht, dass Menschenleben gefährdet werden. Das heißt in diesem Fall konkret: Havarietreffer als Entscheidung und damit ist die Sache erledigt.“

Roi bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Fürst Gris Eschka, einer seiner Vertrauten, sich einen Weg durch die Zuschauer bahnte und auf ihn zukam. Mit einer Handbewegung hielt er ihn zurück.

Lovely, die ganze Sache hat zwei Seiten. Auf der einen Seite wird uns die Überstellung von Monsieur Antikon an das Imperium einen entsprechenden Agenteneinsatz ersparen – das ist die gute Seite. Aber ich befürchte, dass die Abwehr ihn sehr genau durchleuchten wird und dabei so dies und das ans Licht kommt, was auch wir noch nicht wissen. Und je übler das ist, desto mehr wird man von ihm auf die Freihändler insgesamt schließen.“

Boscyk nickte. Schon oft hatte Rois Instinkt ihn verblüfft.

Wir können nur abwarten. Wirst du die Überstellung regeln oder soll ich das machen?“

Weder – noch. Wir übertragen das dem Sicherheitsdienst, wozu haben wir ihn? Die werden Antikon zur Erde bringen, zusammen mit einer entsprechenden Nachricht von mir. – Ich bin kein Hasardeur. Die Gelegenheit, mich festzusetzen, kann die Führungsriege sich gar nicht entgehen lassen.“

Der Kaiser lachte und verabschiedete sich. Roi wandte sich Gris Eschka zu. Der Fürst war ein kleiner dicker Mann mit Glatze und einem Vollbart als Ausgleich, der bis zur Mitte der Brust reichte. Er trug eine Phantasieuniform, die auch mit viel gutem Willen keiner Stilepoche Terras zuzuordnen war. Roi hatte schnell die Loyalität und die Qualitäten dieses Mannes schätzen gelernt. Er hatte gerade erst sein Patent erlangt und wartete wie andere zuverlässige und von Roi geworbene Raumkapitäne auf ein Schiff.

Die Schiffe, die direkt aus der Werft von Imman Coledo kamen, wurden neuen Fürsten samt dem Startkapital und der Mannschaft von Roi zur Verfügung gestellt. Die Abzahlungskonditionen waren extrem fair. Roi ließ den neuen Händlern Zeit, ihre Geschäfte in Gang zu bringen. Er war der Meinung, es nützte niemandem, sie unter Druck zu setzen. Ein solides Geschäft brauchte seine Zeit, um sich zu festigen.

Gris, Sie sehen aus, als ob Sie eine schwere Entscheidung treffen müssten.“ Roi redete nicht um die Sache herum. Dazu kannte er Eschka zu gut.

Der nickte. „Würden Sie mir das beschlagnahmte Schiff samt der kompletten Mannschaft überlassen, Roi? Auch die Verurteilten?“

Roi musterte ihn abschätzend. „Ist Ihnen bewusst, was Sie sich damit aufladen? Wir gehen im Moment davon aus, dass die Männer aus Angst vor Antikon nicht handelten – aber wir wissen es nicht mit Bestimmtheit.“

Eschka nickte ernsthaft. „Ich habe zwar gerade erst mein Patent erlangt, aber ich bin bei den Freihändlern aufgewachsen. Meine Eltern gehörten zu den ersten Freihändlern, die unter dem Kaiser Handel trieben. Für fast alle der Männer gilt das Gleiche. Wir haben schon als Kinder zusammen gespielt. Sie haben eine faire Chance verdient und ich möchte sie ihnen geben. – Die Mannschaft ist aufeinander eingespielt, es wird funktionieren.“

Einverstanden, Gris. Bitte kommen Sie nachher noch in mein Büro. Dort werden wir die Formalitäten erledigen. Ein Rat allerdings jetzt schon: Das Schiff braucht einen neuen Namen, sonst bringt das Unglück.“

Selbstverständlich. Ich habe mir schon einen überlegt: LYDOLA! Wenn ich Hochwohlgeboren um die Ehre bitten darf, mein Schiff zu taufen, ist mein Glück perfekt.“

Stilecht beugte er das Knie vor Roi. Der fiel auch sofort wieder in seine Rolle: „Bravo, bravo, mein Bester. Wir sind äußert angetan von Seinem wohltuenden Benehmen. Er hat Unser Wohlwollen und natürlich werden Wir Sein Schiff taufen. Es ist Uns eine Ehre.“

Huldvoll neigte er den Kopf.

Die noch Anwesenden wurden aufmerksam. Die Auftritte von Roi als verweichlichtem Stutzer waren sehenswert. Niemand wollte sich einen entgehen lassen. Die ehemaligen Edelmänner schoben sich auch näher heran. Sie erhofften sich eine kleine Ablenkung von ihrer misslichen Situation.

Roi winkte ihnen mit blasiertem Gesicht zu. „Messieurs, Wir haben die Ehre, Ihnen Ihren neuen Fürsten vorzustellen. Fürst Eschka übernimmt Ihr Schiff und die komplette Mannschaft.“

Ungläubiges Staunen breitete sich auf den Gesichtern auf. Derjenige, der sich schon vorher geäußert hatte, schien eine Art Sprecher der Gruppe zu sein. „Fürst Danton, wir sind sprachlos. So schnell hatten wir nicht mit einer Chance gerechnet. Ich bitte Sie, meine vorschnellen Worte von vorhin zu entschuldigen.“

Roi winkte ab. Er erkannte es immer an, wenn jemand ehrlich einen Fehler zugab. „Das ist in einer solchen Situation sehr gut verständlich. Vergessen wir es.“

Der Mann wandte sich Eschka zu. „Gris, das werden wir dir niemals vergessen. Danke.“

Der schüttelte den Kopf. „Danke mir nicht. Wir allen kennen uns aus unserer Jugend. Jeder würde das Gleiche machen. Aber wehe euch, wenn ihr Mist baut. Dann lernt ihr mich von einer ganz anderen Seite kennen, ihr verdammten Halunken!“

Die Situation entspannte sich in einem allgemeinen Lachen.

Eschka wandte sich noch einmal von Roi: „Darf ich Sie bitten, die Patente der Männer wieder in Kraft zu setzen, Fürst Danton? Ich möchte sie gerne als Edelmänner an Bord nehmen.“

Roi verließ den Saal mit dem guten Gefühl, eine verzwickte und gefährliche Situation allein und ohne Hilfe auf seine Weise zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst zu haben. Wobei er das Gefühl nicht abschütteln konnte, dass die Sache noch nicht ausgestanden war. Alles kam jetzt darauf an, was Antikon wirklich mit sich herumschleppte …


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Terrania-City, Regierungsgebäude


Treffen wir uns nachher zum Mittagessen, sobald du den Vorgang durchgearbeitet hast?“

Perry Rhodan stand in der Tür von Atlans Büro im Regierungsgebäude von Terrania-City. Der Arkonide musterte missbilligend die Unterlagen, die sich schon auf seinem Tisch stapelten; jetzt war durch seinen Freund noch der Ordner „Freihändler – Joe Antikon“ hinzugekommen.

Ja, ich muss mich damit wohl zuerst beschäftigen.“

Es nützt leider nichts, Freund. Dann also nachher im ‚Galaxa’.“

Jedenfalls gibt es da gutes Mittagessen, dachte Atlan resignierend und machte sich an die Arbeit.

Je mehr er sich durch den Fall durcharbeitete, desto schlechter wurde seine Laune. Aus jedem Bericht filterte er sich das für ihn Wichtige heraus, um sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Dank seinem fotografischen Gedächtnis konnte er auf Notizen verzichten.

Vorstrafenregister Lewis Johnson, bekannt als Fürst Joe Antikon, ehemals Freihändler:

Erstmals auffällig durch Diebstähle und kleinere Betrügereien, später Körperverletzung, zuletzt verurteilt in Abwesenheit wegen dreifachen Mordes, unauffindbar. Seit 1.3.2428 als Joe Antikon Fürst der Freihändler.


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Vernehmung durch die Solare Abwehr sowie Mutantenverhör:

Bei den Freihändlern als cholerisch und leicht reizbar bekannt. Öfter Streit mit anderen Fürsten. Nach den Statuten der Freihändler in ehrenvollen Kämpfen mit seinen Konkurrenten ausgetragen, immer Sieger.

Durch Mutantenverhör erwiesen, dass er für das spurlose Verschwinden des 200-Meter-Kreuzers AURIGA verantwortlich ist. Aus dem Hinterhalt überfallen und vernichtet. Die Freihändler suchen das Schiff immer noch.

Gewalttätig, führte sein Schiff „mit eiserner Hand“. Ließ nichts außer seiner Meinung gelten. Für Mannschaftsmitglieder bei schweren Verfehlungen nicht nur Arrest als Strafe, sondern reale Auspeitschungen mit schweren Verletzungsfolgen. Vertrat die Meinung, auf seinem Schiff gelten die Regeln der alten terranischen Segelschifffahrt.

Anmerkung: Wenn möglich feststellen, ob diese Tatsache bei der Vernehmung durch den Sicherheitsdienst der Freihändler untersucht wurde.


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An dieser Stelle lachte Atlan humorlos auf. Sein Extrasinn bestätigte seine Meinung: Wie soll das festgestellt werden, wenn noch nicht einmal der Zentralplanet der Freihändler bekannt ist?


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Schreiben von Roi Danton zwecks Überstellung von Joe Antikon an die Solaren Behören:

Meine Hochachtung, Messieurs! Die Kosmischen Freihändler überstellen Ihnen auf eigenen Wunsch Mr. Joe Antikon.

Mr. Antikon wurde nach unwiderlegbarer Beweisführung von unserem ordentlichen Gericht wegen vielfachen Mordes und Raumpiraterie verurteilt.

Er wurde unehrenhaft aus der Organisation der Freihändler ausgeschlossen, seiner Rechte und Pflichten als Fürst verlustig erklärt sowie zu lebenslanger Haft im Zuchthaus von Trade-City/Olymp verurteilt.

Ob Sie dieses Urteil lediglich auf einem Ihrer Strafplaneten vollstrecken oder eine neue Gerichtsverhandlung anberaumen, stellen wir in Ihr Ermessen. Wir weisen darauf hin, dass uns nichts über das Vorleben von Mr. Antikon vor seinem Eintritt in unsere Organisation bekannt ist. Gemäß unserer Statuten überprüfen wir Bewerber nicht auf Namen und Vorleben. Für uns gelten ausschließlich die Leistungen und das Verhalten innerhalb der Freihändler-Organisation.

Wir bedauern es sehr, dass ein Mitglied unserer Organisation derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat und bitten Sie, nicht von einer Person auf die gesamte Organisation zu schließen.

Ich selbst verbürge mich Ihnen gegenüber dafür, dass ich zukünftig solche Vorkommnisse unterbinden werde.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Fürst Roi Danton

Befehlshaber der Kosmischen Freihändler von Boscyk‘s Stern


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Ob er sich da nicht etwas zu weit aus dem Fenster lehnt?, kommentierte der Logiksektor. Trotzdem macht er in seinen Formulierungen einen sehr selbstsicheren Eindruck.

Atlan reagierte nicht darauf, sondern nahm die letzten Folien zur Hand, die psychologische Auswertung über Roi Danton, so weit sie den Kosmopsychologen der Abwehr nur anhand von aufgezeichneten Funkgesprächen und Filmaufnahmen sowie den immer stärker aufflammenden Gesprächen von Männern und Frauen, die ihn persönlich erlebt hatten, möglich war.

Herkunft unbekannt, Geburtsname ebenfalls. Aufgetaucht bei den Freihändlern ca. Mai bis Juni 2430. Sofort von Lovely Boscyk als sein Vertreter eingesetzt worden. Ob Boscyk ihn schon vorher kannte, konnte nicht ermittelt werden.

Scheint die Organisation der Freihändler erweitern und umorganisieren zu wollen.

Ausbildung als Kosmonaut und Hochenergie-Techniker. Gilt unter den Freihändlern als kosmonautisches Naturtalent.

Alter ca. Mitte bis Ende Zwanzig. Für sein junges Alter auffällig selbstsicher, weit überdurchschnittliche Führungsqualitäten. Auftreten als „überspannter Stutzer“ eindeutig eine Maske, um seine wirkliche Persönlichkeit zu überdecken, die dazu im krassen Gegensatz stehen dürfte. Freihändler betrachten es als eine Ehre, unter seinem Kommando stehen zu dürfen. Setzt seine Vorstellungen konsequent durch, ohne Gegner zu unversöhnlichen Feinden zu machen.

Seit er in der Organisation der Freihändler bekannt ist, werden die Geschäfte ordentlicher abgewickelt. Insbesondere scheint Roi Danton Wert darauf zu legen, alle Intelligenzen mit Respekt und Wertschätzung zu behandeln.

Über seine Qualitäten als Kämpfer ist bis jetzt nichts bekannt.

Nach allen vorliegenden Unterlagen scheint Roi Danton loyal zum Solaren Imperium zu stehen.

Na, das ist ja schon mal was“, brummte Atlan. Im Prinzip bestätigten die Psychologen seinen eigenen Eindruck, den er von dem Bericht von Major Beatrice Wood und den von ihr gemachten Aufzeichnungen ihres Funkgespräches mit Roi Danton gewonnen hatte. Trotzdem war er auf einen Menschen selten so neugierig gewesen wie auf diesen Freihändler. In ihm reifte eine Idee, die er gleich mit Perry Rhodan beim Mittagessen besprechen würde.


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Schmeckt dir das Gulasch nicht, Freund?“

Atlan verzehrte mit Genuss das hervorragende Rindergulasch mit Nudeln, das es als Tagesgericht im „Galaxa“ gab, dem schon fast legendären Restaurant im 35. Stock des Space-Port-Towers. Es gehörte mit zu den ersten Bauwerken Terrania-Citys und hatte den Aufstieg der Menschen zur kosmischen Großmacht miterlebt. Seit seinem Bestehen war es ein beliebter Treffpunkt der Führungsspitze des Imperiums.

Perry Rhodan stocherte unlustig in seinem Essen herum. Er musste vor sich selbst zugeben, dass es nicht am Essen lag. Das war ausgezeichnet.

Diese verdammten Freihändler machen mich noch wahnsinnig“, stöhnte er. „Das schlägt mir auf den Magen.“

Atlan zuckte nur die Schultern. „Mich nicht. Im Gegenteil. Ich gehe davon aus, dass die weitere Entwicklung der Freihändler sehr interessant wird. Mit diesem Roi Danton scheint ein Mann an der Spitze aufgetaucht zu sein, den wir genauer beobachten sollten.“

Über den „Fall Joe Antikon“ verloren beide Männer kein weiteres Wort. Die rechtliche Seite war Sache der Abwehr, der USO und der Staatsanwaltschaft des Solaren Imperiums. Es würde, nachdem die Vergangenheit des Mannes bekannt geworden war, eine erneute Gerichtsverhandlung geben. Die Verurteilung zu lebenslanger Haft auf einem Strafplaneten war als sicher anzunehmen. Sie kümmerten sich nur noch um das, was für Sie an der Angelegenheit wirklich wichtig war.

Eben. Atlan, der Mann scheint sich in kurzer Zeit einen schon fast legendären Ruf aufgebaut zu haben. Man muss nur hören, wenn die Männer über ihn reden. Jeder möchte ihm gern persönlich begegnen.“

Ich auch.“

Oh? du auch? Ich schließe mich an. Aber ich möchte ihn gerne in Handschellen vor mir sehen.“

Atlan legte das Besteck zur Seite. „Warum, Freund? Gegen den Mann liegt nichts vor. Wir haben kein Recht, ihn festzunehmen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder wir laden ihn förmlich zu einem Gespräch mit uns ein oder wir versuchen ihn zu entführen.“

Ich verstehe dich nicht, deine Zurückhaltung. Der Mann baut mit Riesenschritten ein Handelsimperium auf, das uns wirtschaftlich zur ernsthaften Konkurrenz werden könnte.“

Atlan ging überhaupt nicht darauf ein, sondern fuhr ungerührt fort. „Da ich davon ausgehe, dass Fürst Danton eine Einladung von uns ausschlagen wird, müssen wir überlegen, wie wir ihn möglichst unauffällig entführen können und danach so schnell wie möglich wieder freilassen. Es würde sich sicherlich in der Galaxis nicht sonderlich gut anhören, wenn die Freihändler sich lautstark darüber beschweren, dass wir ihren Befehlshaber geschnappt haben.“

Wir könnten verlautbaren lassen, dass gegen Mr. Danton gewisse Dinge vorliegen“, wandte Perry ein.

Atlans Gesicht wurde hart. „Willst du wirklich so vergehen, Perry? Du, der du für deine Ehrlichkeit und Humanität überall bewundert wirst? Das kann ich mir nicht vorstellen!“

Perry wirkte hilflos. „Verstehst du mich denn nicht, Atlan?“

Natürlich verstehe ich dich, sogar sehr gut, du kleiner Höhlenwilder. Anscheinend lernst du gewisse Dinge nie. Solange die Freihändler sich an unsere Gesetze halten – und dieser Fürst Danton scheint persönlich dafür zu stehen – können wir ihnen nichts vorschreiben. Wir müssen einfach besser sein. Du hast wieder mal Angst, dass jemand deiner Menschheit an den Kragen will, oder?“

Kannst du neuerdings Gedanken lesen, Beuteterraner?“

Atlan winkte ab. „Gestehe es einem alten Arkonidenadmiral zu, dass er auch ein wenig denken kann, nicht nur du und deine Fachleute.“

Und dieser Danton. Wenn er wirklich derartige Qualitäten hat, wie unsere Psychologen behaupten, dann sollte er doch lieber für uns, das heißt für die Flotte oder die USO arbeiten.“

Genau das scheint er nicht zu wollen. Ich persönlich vermute, dass er sehr gewichtige Gründe dafür hat. Mehr noch: ich habe das Gefühl, dass er einer direkten Begegnung mit uns beiden sogar ausweicht.“

Perry überlegte einen Moment. „Stimmt. Ich hätte eigentlich erwartet, dass er uns diesen Antikon persönlich überstellt und ihn nicht durch ein Schiff des Freihändler-Sicherheitsdienstes überstellen lässt. Schließlich handelt es sich um Mord und Raumpiraterie und nach seiner Mitteilung liegt ihm sehr daran, sich davon zu distanzieren. Wie besser als in einem persönlichen Gespräch hätte er uns überzeugen können?“

Eben. Unter anderem deshalb bin ich so gespannt auf ihn. Und noch aus einem anderen Grund. Wir müssen so langsam einen Riegel davor schieben, dass uns immer mehr gute Raumoffiziere und auch Mannschaften zu den Freihändlern abwandern und dass wir teilweise die frischgebackenen Absolventen der Raumakademien gar nicht erst bekommen. Die gehen gleich zu den Händlern, weil es dort nicht so eine strenge Disziplin wie bei uns gibt.“

Disziplin muss sein“, wandte Perry ein.

Sicher. Das weiß auch Danton. Aber er scheint es geschafft zu haben, Disziplin durchzusetzen und trotzdem den Händlern das Gefühl zu geben, sie wären frei und ungezwungen.“

Das schaffen nur wirklich gute Führer“, sinnierte Perry.

Genau. Ich gratuliere. Endlich fängst du wieder an, logisch zu denken.“

Danke. Übrigens habe ich noch eine schlechte Nachricht für dich. Es betrifft die Fertigungszeiten für neue Schiffe, nur für einen kleinen Teil, weil der Großteil zum Glück auf den Flottenwerften auf Luna gefertigt wird, aber …“

Die Coledo-Werft, meldete sich Atlans Extrahirn mit einem fast schmerzhaften Impuls. Der nickte. Perry ließ sich dadurch nicht irritieren. Er kannte Atlan schon sehr lange und wusste, dass er in diesem Augenblick einen Hinweis seines nach ausschließlich logischen Gesichtspunkten analysierenden Extrahirns erhalten hatte.

Coledo?“

Ja. Imman Coledo teilte mir sehr betrübt mit, dass die Fertigungszeiten für Flottenneubauten in den nächsten Monaten um circa ein Viertel der üblichen Zeit überschritten werden müssten, weil seine Werft bis an die Kapazitätsgrenzen ausgelastet sei.“

Schön, dass er so gut verdient. Dann bekommt das Imperium auch entsprechende Steuern“, entgegnete Atlan trocken.

Du weißt, was das heißt?“

Natürlich. Er hat mehr als genug Aufträge von den Freihändlern. Also, es wird Zeit, wir müssen sehen, dass wir uns mit Roi Danton unterhalten. Ich habe auch schon einen Plan.“

Je mehr von seinem Plan der Arkonide dem Freund mitteilte, desto sprachloser wurde der.

Auf solche Ideen kannst auch nur du kommen. Macht das die Erfahrung deiner über zehntausend Jahre?“

Wahrscheinlich.“

Perry überlegte kurz. „Major Beatrice Wood, sie soll also Danton entführen. Traust du ihr das zu?“

Ja, sonst hätte ich sie nicht ausgewählt. Außerdem sind noch drei Spezialisten dabei. Das sollte reichen, um Danton zu überrumpeln.“

Ist das nicht die junge Kommandantin, die damals bei dem wahnsinnigen Lehrgang Michael und seinen Kameraden das Leben gerettet hat? Ich hatte eine sehr guten Eindruck von ihr.“

Nicht nur du. Und sie hatte schon eine Begegnung mit Danton, tritt ihm also nicht ganz unvorbereitet gegenüber.“

Michael schien sie damals sehr zu schätzen.“ Perrys Gesicht nahm einen wehmütigen Ausdruck an, als er an seinen verschwundenen Sohn dachte.

Atlan legte ihm die Hand auf den Arm. „Nicht wehmütig werden, Freund. Ja, Michael schätzte sie sehr, sogar mehr als das hatte ich den Eindruck. Und sie kämpfte auch mit ihren Gefühlen.“

Dieser verdammte Sturkopf“, begehrte Perry auf. „Er hätte so eine Karriere im Imperium vor sich gehabt.“

Und genau das wollte er nicht. Wir wollten doch nicht mehr darüber reden.“

Perry nahm sich mit Mühe zusammen. „Ja, treuer Freund.“

Er schluckte. „Übrigens, was willst du eigentlich mit diesem Fürsten Danton besprechen?“

Atlan lächelte unergründlich. „Nichts Besonderes. Ich möchte versuchen, ihn für das Imperium zu gewinnen. Wir brauchen Männer mit seinen Fähigkeiten. Und außerdem wäre das Problem der Abwanderung von spezialisierten Raumfahrern gleichzeitig gelöst.“

Perry brauchte einen Moment, um seine Sprache wieder zu finden. Dann meinte er anzüglich:

Ach, mehr nicht? Nur diese Kleinigkeit? Euer Erhabenheit seien aber sehr bescheiden …“


Fortsetzung: Teil 07


28.5.16 15:36, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 07

Lockruf der Freihändler – Teil 07


Da Perry Rhodan direkt nach diesem Gespräch mit Atlan nach Andromeda aufbrach, wo der Großadministrator auf Bitten der Regierungen der Maahks und der Tefroder zu einem Schlichtungsfall erwartet wurde und er sich schon vorher von seiner Frau Mory Rhodan-Abro verabschiedet hatte, erfuhr diese nichts mehr von Atlans Plan. Demzufolge tappte Roi Danton diesmal ahnungslos in die Falle ...


**********


Beatrice Wood kam sich neben den drei Ertrusern klein vor. Normalerweise kannte sie solche Gefühle nicht von sich, zumal sie an die Zusammenarbeit mit umweltangepassten Menschen gewöhnt war. Außerdem verfügte sie über eine gehörige Portion Selbstvertrauen, sonst hätte sie als Frau kaum Karriere machen können bis zum Majorsrang und Kommandantin eines modernen Schlachtkreuzers.

Wahrscheinlich hingen ihre Gefühle mit ihren Sorgen zusammen. Seit ihrem Zusammentreffen mit Roi Danton alias Michael Rhodan plagte sie ihr Gewissen. Auf der einen Seite sagte sagte sie sich, dass sie einen Eid auf das Solare Imperium abgelegt hatte und deshalb dazu verpflichtet war, Lordadmiral Atlan ihren Verdacht, den sie schon für Gewissheit hielt, mitzuteilen. Auf der anderen Seite fragte sie sich, warum gerade sie Michael erkennen sollte, wenn alle anderen es nicht schafften.

Zudem war Michael kein Feind des Imperiums, ganz im Gegenteil. Nach dem, was sie gehört hatte, kämpfte er mit seiner ganzen Kraft dafür, die Freihändler zu einer dem Imperium loyal gegenüberstehenden para-militärischen Organisation auszubauen. Eines Tages konnten sie ein wertvoller Verbündeter für das Imperium sein.

Atlan ließ vom Servorobot Getränke verteilen und musterte seine Besucher. Er selbst entschied sich für echten terranischen Kaffee, genau wie Bea. Schon beim ersten Schluck konnte sie nicht verhehlen, wie gut er ihr schmeckte. Atlan lächelte sie warm an.

Bei mir gibt es keinen Syntho-Kaffee, Miss Wood. Schließlich kenne ich den echten terranischen Kaffee, seit er auf Terra als Getränk etabliert wurde.“

Die Ertruser enthielten sich einer Äußerung.

Atlan wurde ernst. „Kommen wir zur Sache. Es geht darum, einen Mann, der ziemlich bekannt ist, ohne großes Aufsehen zu fangen und so schnell wie möglich hierher zu bringen.“

Zeichnet diesen Mann etwas Besonderes aus“, fragte Dart Hagen, einer der Spezialisten, der Anführer des Trios.

Atlan nickte beifällig. „Sie und Ihre Kollegen fragen sich sicherlich, wieso ich gleich drei hochqualifizierte Spezialisten und eine ebenso hochqualifizierte Raumschiffskommandantin losschicke, um einen einzigen Mann gefangen zu nehmen?“

Ehrlich gesagt, ja, Sir.“

Das kann ich Ihnen sehr genau erklären. Erst einmal: bei dem Mann handelt es sich um den neuen Befehlshaber der Freihändler, einen gewissen Roi Danton.“

Bea musste ihre ganze Beherrschung aufwenden, sich nichts anmerken zu lassen. Sie wusste, dass Ihr Chef ein sehr aufmerksamer Beobachter war. Ein Stich fuhr durch ihr Herz. Wie sollte sie sich nun verhalten?

Oh“, Rusty Winsow, einer der anderen Ertruser pfiff anerkennend durch die Zähne. „Liegt irgendetwas gegen ihn vor, ich meine rechtlich, Sir?“

Eben nicht.“ Atlan seufzte. „Das ist unser Problem. Sie müssen ihn so erwischen, dass die Freihändler keine Gelegenheit haben, lautstark zu protestieren. Sicherlich können Sie sich vorstellen, was in der Galaxis los ist, wenn Kaiser Boscyk offizielle Beschwerde bei den Solaren Behörden einlegen würde und ‚so ganz nebenbei’ auch noch erwähnt, dass nichts gegen ihn vorliegt, wir ihn also ohne Grund festgesetzt haben. Ich möchte nicht, dass man der USO vorwirft, sich außerhalb der Gesetze zu stellen.“

Könnte man nicht einen Grund konstruieren, Sir?“

Unmöglich. Die Freihändler wissen, dass nichts gegen Danton vorliegt – und außerdem lehnen der Großadministrator und ich eine solche Vorgehensweise ab. Wir befinden uns nicht im Krieg, Danton ist nachweislich Terraner und nicht unser Feind. Ich möchte lediglich wissen, mit wem wir es zu tun haben.“

Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Dass ich drei von Ihnen hierher befohlen habe, hat einen ganz besonderen Grund. Wie wir ermittelt haben, hat Danton inzwischen einen Leibwächter, der fast immer bei ihm ist. Auch einen Ertruser. Und zwar seit dem Fall von Raumpiraterie, den Major Wood entdeckte. Er ist zu erkennen an extrem schweren Brandwunden, die anscheinend auch mit modernsten medizinischen Methoden nicht narbenfrei verheilten. Der Mann ist bis ans Lebensende entstellt.“

Der Ertruser, den Danton unter eigener Lebensgefahr aus der brennenden Korvette gerettet hat“, entfuhr es Bea.

Richtig, Major Wood. Niemand anderes kann es sein. Da der Mann Danton zu Dank verpflichtet ist, dürfte er seine Aufgabe extrem ernst nehmen. Wie wir durch Sie wissen, ist Danton selbst dabei verletzt worden. Er war sich vorher der Gefahr bewusst und hat trotzdem das Bergungskommando angeführt. Das wirft meiner Ansicht nach ein sehr positives Licht auf seinen Charakter und das macht mich extrem neugierig auf ihn.“

Mich auch“, warf der dritte Spezialist, Richard Haart ein. „Der Mann dürfte großen persönlichen Mut haben. Es gehört schon etwas dazu, sich sehenden Auges in ein brennendes Raumschiff zu begeben, wenn man es nicht unbedingt muss.“

Eben“, stimmte Atlan zu. „Wir wissen nicht, wie gut und ob überhaupt dieser Oro Masut militärisch ausgebildet ist und erst recht nicht, wie wir Danton selbst diesbezüglich einzuschätzen haben. Nach der Sache mit der brennenden Korvette gehe ich davon aus, dass er über eine gewisse Ausbildung und auch Erfahrung im Kampf verfügt. Vielleicht gehört er ja sogar zu denjenigen, die wir selbst ausgebildet haben.“

Wie recht er hat, dachte Bea erschüttert. Das scheint seine aberwitzig lange Erfahrung zu sein. Wenn er wüsste, wie nahe er der Wahrheit kommt und dass er sich rüstet für das Zusammentreffen mit einem Mann, den er mehr als gut kennt und der sein Schüler war.

Auf jeden Fall sollten wir ihn nicht unterschätzen, deshalb dieser Ihnen so hoch erscheinende Aufwand.“

Nein, jetzt nicht mehr, Sir.“ Winsow grinste. „Auf jeden Fall werden wir die Freude haben, diesen Roi Danton mal persönlich zu erleben. Major Wood hatte dieses Vergnügen bereits, sie ist uns da ein wenig voraus.“

Atlan nickte. „Das ist auch der Grund, warum ich Major Wood und die HATSCHEPSUT ausgewählt habe. Sie ist vorbereitet und wird sich von Dantons Auftreten nicht durcheinander bringen lassen.“

Nein, Sir, bestimmt nicht.“ Bea lächelte fein.

Dann darf ich Ihnen die Grundzüge der Einsatzplanung vorstellen. Sie fliegen mit der HATSCHEPSUT zum Mars zur diesjährigen Abschlussfeier der Raumakademie. Wie Sie wissen, hat die Akademie nach der von Terrania-City und der Akademie der Space-Force im ehemaligen Bundesstaat USA den besten Ruf. Entsprechend werben die Freihändler dort um Offiziere und Kapitäne für ihre Schiffe – leider viel zu erfolgreich in der letzten Zeit. Roi Danton persönlich wird von der Leitung der Akademie erwartet.

Sie nehmen hier Admiral Lorenz an Bord, der in diesem Jahr die USO bei der Feier vertritt. Sie, meine Herren, werden nicht als Spezialisten, sondern als Stabsoffiziere auftreten und Admiral Lorenz begleiten. Die Herren, die den Admiral sonst begleiten, bleiben zu Hause. Admiral Lorenz ist informiert, auch über Ihren Einsatz.“

Er machte eine Pause. „Major Wood, treten als das auf, was Sie sind. Alles andere wäre unglaubwürdig Danton gegenüber, da er Sie kennt. Er wird wissen, mit wem er es zu tun hat, sobald er die HATSCHEPSUT sieht.

Ich schlage vor, dass Sie mit dem Zugriff warten bis zum abendlichen Abschlussfest, weil es nicht auffallen dürfte, wenn einzelne Gäste am nächsten Tag nicht mehr anwesend sind. Die meisten Schiffe starten direkt nach dem Fest noch in der Nacht.

Mehr kann ich Ihnen dazu nicht raten. Sie müssen selbst anhand der örtlichen Gegebenheiten entscheiden, wie Sie vorgehen.

Ihre Aufgabe ist es, einfach zusammengefasst, Roi Danton festzunehmen und so schnell wie möglich hierher zu bringen. Das so, dass die Freihändler nicht offiziell Protest einlegen können. Wenn z.B. Danton einfach verschwunden wäre und niemand weiß, wo er ist. Die USO wäre mit Sicherheit bereit, die Freihändler bei ihrer Suche zu unterstützen … Sie verstehen?“

Selbstverständlich, Sir.“ Alle nickten. Um solche Einsätze schnell und unauffällig abzuwickeln, waren sie Spezialisten. Alle freuten sich auf diesen Einsatz. Es hörte sich nach einem ungefährlichen und kurzweiligen Auftrag an, einer Art „Fingerübung“.

Atlan musterte einen nach dem anderen. „Bitte richten Sie Mr. Danton aus, dass er sich nicht als Gefangenen betrachten soll, sondern als meinen persönlichen und geschätzten Gast. So behandeln Sie ihn bitte auch, nicht anders! Darauf lege ich größten Wert. Es darf auf keinen Fall zu politischen Verwicklungen kommen. Er ist der Befehlshaber einer großen privaten Handelsgesellschaft und hat Anspruch auf die entsprechende Wertschätzung durch uns. Bin ich deutlich verstanden worden?“

Er wartete das bestätigende Kopfnicken aller Anwesenden ab, bevor er fortfuhr: „Ich möchte mich lediglich mit Roi Danton unterhalten, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er kann sich auf dem Flug hierher schon einmal überlegen, ob er und die Freihändler sich nicht lieber dem Imperium anschließen möchten.“

Niemand antwortete. Das war wieder eine Problemlösung, die typisch für den Arkoniden war. Möglichst viele Probleme zusammen aus der Welt schaffen.

Und gerade das wird nie etwas, dachte Bea bei sich. Aber ich werde ihm sagen, dass ich ihn erkannt habe und was geplant ist. Ich werde ihm zuraten, sich Atlan zu stellen. Er kann ihm nicht ewig ausweichen.


**********


7

Mars, Raumakademie


Der HATSCHEPSUT wurde ein Landeplatz direkt neben dem bereits gelandeten Flaggschiff der Freihändler, der FRANCIS DRAKE zugewiesen. Das Landemanöver war kosmonautische Routine. Bea und ihre Offiziere sowie die drei Spezialisten und Admiral Lorenz maßen ihm keinerlei Bedeutung bei, sondern beobachteten die FRANCIS DRAKE.

Unter der Polkuppel stand die auch bei Flotte und USO übliche Wache von Besatzungsmitgliedern und Kampfrobotern. Obwohl die Männer Phantasieuniformen oder andere historische Kleidungsstücke trugen, herrschte auffallende Ordnung. Besonders der Admiral musste zugeben, das nicht erwartet zu haben.

Ich habe mit nichts anderem gerechnet“, meinte Bea. „Diesen Eindruck hatte ich schon bei unserer letzten Begegnung. Seitdem Roi Danton etwas zu sagen hat, herrscht Ordnung. Oder sehen Sie herumlümmelnde Besatzungsmitglieder?“

Nein“, musste Spezialist Dart Hagen zugeben. Er verzog das Gesicht grimmig. „Aber ich freue ich schon darauf, wenn wir diesen Danton in den Händen haben. Er soll sehr arrogant sein, wie man hört – und USO und Flotte gegenüber nicht sehr – sagen wir mal … nette Äußerungen tätigen.“

Bea schüttelte leicht den Kopf. „Vielleicht sollten Sie mit Ihrem Urteil warten, bis wir Mr. Danton wirklich hier auf dem Schiff haben, Spezialist Hagen. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich ihn schon kennen gelernt und mich mit ihm unterhalten. Außerdem habe ich miterlebt, wie er einen Mann unter eigener Lebensgefahr aus einer brennenden Korvette gerettet hat. Das sollten Sie niemals vergessen.“

Hagen musterte die Kommandantin überlegend. „Mir fällt immer mehr auf, Major Wood, dass Sie anscheinend eine Art unbegreiflicher Sympathie für die Freihändler und besonders für diesen Danton empfinden. Sind Sie sicher, dass Ihr Urteilsvermögen nicht darunter leidet?“

Die Offiziere in der Zentrale sowie der Admiral und die beiden anderen Spezialisten hielten die Luft an. Bea ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Spezialist Hagen, zum einen steht Ihnen diese Art der Kritik an einer Kommandantin nicht zu, auch wenn Sie USO-Spezialist sind.

Zweitens sollten Sie vielleicht daran denken, wie der Auftrag lautet, den wir von Lordadmiral Atlan erhalten haben. Wir haben Mr. Danton als seinen persönlichen Gast zu behandeln und ihn zu ihm zu bringen. Mehr nicht! Ich könnte mir vorstellen, dass Atlan keinen Spaß versteht, sollten Sie auf eine andere Idee kommen.“

Der Admiral nickte anerkennend, Rusty Winsow, Richard Haart und die Offiziere der Zentralebesatzung warfen sich bezeichnende Blicke zu. Die Spezialisten gönnten Hagen die Abfuhr. Er war wegen seiner verbissenen und humorlosen Art auch im Kollegenkreis nicht sehr beliebt.

Der Interkomsummer unterbrach die Diskussion. Der Wachhabende vor dem Schiff meldete die Ankunft des Empfangskomitees der Raumakademie.

Also dann, meine Damen, meine Herren.“ Der Admiral winkte Ihnen zu. „Wir werden sehen, wie viele Akademieabsolventen wir dieses Jahr für die USO gewinnen können.“

Hoffentlich bekommen wir und die Flotte alle“, knurrte Hagen. „Hauptsache, die Freihändler gehen leer aus.“

Admiral Lorenz schüttelte den Kopf. „Das werden sie nicht. Das ganze wird sich zwischen der Flotte, uns und den Freihändlern aufteilen. Die anderen privaten Handelsgesellschaften werden kaum Zuspruch erhalten. Das ist meine Einschätzung.“

Entschuldigen Sie, Sir, aber ich drücke die Daumen, dass Sie sich irren und die Freihändler auch leer ausgehen.“

Lorenz musterte Hagen sinnend. Dass er dabei zu dem 2,50 Meter großen Ertruser hochschauen musste, störte ihn nicht.

Was haben Sie gegen die Freihändler?“

Hagen zuckte nur die Schultern. „Ich mag Ihre Geschäftspraktiken nicht, Sir. Glasperlen für Howalgonium und so ähnlich.“

Mr. Danton ist nach unseren Informationen dabei, das zu ändern.“

Aber es kommt immer noch vor, Sir.“

Der Mann kann nicht zaubern. Zum Glück nicht. Jede Veränderung braucht ihre Zeit. Oder was würden Sie dazu sagen, wenn eines Tages wirklich alle Akademieabsolventen zu den Freihändlern gehen?“

Hagen schluckte hart. „Das wäre für uns eine Katastrophe“, bekannte er.

Also dann … kommen Sie endlich. Wir wollen die Abordnung nicht warten lassen. Das wäre sehr unhöflich. Major Wood, wen nehmen Sie als Adjutanten mit?“

Den II.O., Sir.“

Nicht den I.O.?“, wunderte Lorenz sich.

Nein, Sir. Der I.O. hat mich seinerzeit an Bord der FRANCIS DRAKE begleitet. Die Herren haben das unter sich so ausgemacht.“

Lorenz sagte nichts mehr, zumal der Erste und der Zweite Offizier des Schlachtkreuzers sich zulachten …


**********


Obwohl alle Offiziere der USO – und auch ihre Kollegen von der Solaren Flotte – es befürchtet und damit gerechnet hatten – konnten sie ihr Entsetzen kaum unterdrücken. Die Werbeaktion im großen Auditorium der Marsianischen Raumakademie wurde zu einem Desaster für sie. Lediglich 30 % der erfolgreichen Absolventen entschieden sich für die USO, 10 % für die Solare Flotte, die restlichen 60 % wollten in den Reihen der Freihändler den interstellaren Raum durchstreifen. Die privaten Handelsgesellschaften konnten keinen der Absolventen für sich gewinnen, wie Admiral Lorenz es vorhergesehen hatte.

Lorenz und sein Kollege von der Flotte kochten zwar vor Wut, mussten aber anerkennen, dass der Erfolg der Freihändler fast ausschließlich an der Persönlichkeit von Roi Danton lag. Beide erkannten das starke Charisma, das von diesem jungen Mann ausging. So sehr sie bei seiner Ankunft über ihn gelacht hatten, über sein weibisches und verweichlichtes Auftreten, so sehr mussten sie ihren Eindruck korrigieren, als Roi vor dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal stand und die Angebote der Freihändler erläuterte. Nicht nur, dass er den jungen Menschen die Aussicht auf guten Verdienst versprach, sondern auch ganz klar die heikle Disziplinfrage und seine Ansichten dazu ansprach, ließen ihm die Herzen zufliegen.

Jeder Unvoreingenommene musste ihm Sympathie entgegenbringen.

Er muss aus einem sehr gebildeten Elternhaus kommen und eine hervorragende Ausbildung genossen haben“, raunte Lorenz seinem Flottenkollegen zu.

Mehr noch“, bestätigte dieser. „Wie man hört, soll er ein kosmonautisches Naturtalent sein. Einer von denen, die wir händeringend suchen. Es ist eine Schande, dass er bei den Freihändlern ist. Für die Flotte genau wie für die USO wäre ein solcher Mann ein Glücksfall. Bei uns hätte er eine steile Karriere vor sich. Ich würde mich nicht wundern, wenn er sehr schnell zum Flottenkommandeur bringt.“

Lorenz lächelte fein. Obwohl USO und Flotte auf der gleichen Seite standen, verbot die strenge Geheimhaltung auch nur den kleinsten Hinweis auf ihren Sonderauftrag.

Wir werden heute Abend beim Galadinner noch Gelegenheit haben, uns mit Fürst Danton persönlich zu unterhalten“, sagte er deshalb nur. „Haben Sie schon die Tischordnung gesehen, Herr Kollege?“

Nein …“ Der Flottenadmiral wurde neugierig.

Lorenz lachte. „Nun … die Akademieführung ist anscheinend der Auffassung, dass man sich abends wieder aussöhnen sollte, nachdem man sich jetzt halbwegs die Köpfe eingeschlagen hat. Roi Danton wird zwischen uns beiden sitzen.“

Oh …“

Ja. Und mit bei uns sitzt noch unsere Raumschiffskommandanten. Kennen Sie eigentlich Major Beatrice Wood?“

Nein, ich habe sie jetzt erst persönlich kennen gelernt. Sie macht mir einen sehr zuverlässigen Eindruck. Obwohl ich persönlich mehr der Meinung des Großadministrators bin, dass Frauen in der Flotte als Offizier im Kampfeinsatz nicht unbedingt etwas zu suchen haben. Als Ärztinnen und Krankenschwestern ja, aber alles andere …“

Lorenz winkte unwillig ab. „Ihr in der Flotte lernt es wohl nie. Ich sehe da keinen Unterschied. Übrigens, Atlan hält sehr viel von Major Wood.“

Ich werde sie heute Abend dann ja auch näher kennen lernen. Es wird mit Sicherheit ein interessanter Abend – in jeder Beziehung, denke ich.“

Oh ja …“ Zu mehr ließ Admiral Lorenz sich nicht hinreißen …


**********


Beatrice Wood musste sich während der gesamten Veranstaltung eisern beherrschen, sich nicht zu verraten. Deshalb konnte sie lediglich zweimal einen ganz kurzen Blick mit Roi Danton tauschen. Genau registrierte sie die abschätzenden Blicke ihres ehemaligen Kameraden.

Er macht sich Sorgen, dass ich ihn erkannt habe, dachte sie.

Trotz des Puders, mit dem sein Gesicht bedeckt war, erkannte sie, dass seine Gesichtszüge sich verhärtet hatten. Er schien doch eine Menge Sorgen bei den Freihändlern zu haben. Sie konnte es gut nachvollziehen. Mit Sicherheit hatte er sich nicht nur Freunde gemacht mit seiner Umstrukturierung, die in vollem Gange war. Ein warmes Gefühl kam in ihr auf. Ein wenig beneidete sie seine Zwillingsschwester, die mit Sicherheit wusste, was er machte und so vertraut mit ihm sein konnte wie sie es nicht durfte.

Als klar war, dass 60 % der Absolventen zu den Freihändlern gehen würden, beobachtete sie ihn ganz genau. Keine Spur von Arroganz war in seinem Gesicht zu lesen, nur die Zufriedenheit, die ein Mensch empfand, der eine schwere Aufgabe erfolgreich zu Ende geführt hatte. Diesbezüglich wurde er anscheinend von einigen völlig falsch eingeschätzt. Sie selbst erleichterte diese Beobachtung ungemein, weil sie ihr die Entscheidung, die sie inzwischen getroffen hatte, erleichterte. Sie würde Michael nicht nur warnen …

Weil sie ihre Aufmerksamkeit auf Roi konzentrierte, entging ihr die Reaktion der drei Spezialisten. Während Rusty Winsow und Richard Haart es dem Anschein nach ganz locker nahmen, sah man Dart Hagen seine ungezügelte Wut an.

Warum hasst du die Freihändler so?“, fragte Winsow ihn leise. „Es wird Zeit, dass du uns das sagst. Wir wundern uns schon länger darüber.“

Besorgt sah Hagen sich um. Auch wenn Ertruser flüsterten, bestand aufgrund ihres grundsätzlich lauten Organs immer die Gefahr von ungewollten Mithörern.

Mein Vater ist Inhaber einer privaten Handelsgesellschaft auf Ertrus. Vor einem Jahr hat dieser Roi Danton ihm ein sehr gutes Geschäft vor der Nase weggeschnappt.“

Und ist er dabei illegal vorgegangen, in irgend einer Art?“

Hagen schüttelte zögernd den Kopf. „Nein, aber …“

Haart boxte ihn in die Seite. „Dann war Danton entweder schneller oder hat ein besseres Angebot gemacht?“

Beides. Dieser arrogante Kerl wird von allen unterschätzt, befürchte ich.“

Nicht von uns“, lachte Winsow. „Ich habe ihn vorhin genau beobachtet. Wir werden zwar keine Schwierigkeiten haben, ihn zu schnappen, aber wir sollten ihn auch nicht unterschätzen. Sicherheitshalber sollten wir davon ausgehen, dass er eine Kampfausbildung hat. Schau ihn dir mal genau an. Siehst du die Muskeln unter seinem Frack? Ich sage dir, der Mann trainiert regelmäßig und ist keinesfalls der Weichling, den er allen vorspielt.“

Wenn Winsow gewusst hätte, wie nahe er der Wahrheit kam, wäre er mehr als erstaunt gewesen.

Vergiss die Geschichte mit deinem Vater“, riet Richard Haart. „Das ist zwar unangenehm, aber so ist nun mal das freie Handelsleben. Da haben wir es doch besser, oder?“

Hagen nickte verkniffen, aber nicht sehr überzeugt. Das nahm Winsow zum Anlass, ihn beschwörend zu mustern. „Du weißt, was Atlan uns befohlen hat. Roi Danton ist nicht nur Gast der USO, sondern sein persönlicher Gast!“

Ja“, presste Hagen zwischen den Zähnen hervor.

Hätte Bea ihn in diesem Augenblick gesehen, wäre ihr klar gewesen, dass Roi einige unangenehme Stunden bevorstehen könnten, wenn Spezialist Hagen ihn in die Mangel nahm – trotz der Befehle ihres Chefs!


**********


Als sich nach der Werbeveranstaltung die Teilnehmer in alle Richtungen zerstreuten, hatte Bea endlich Gelegenheit, sich unauffällig Roi zu nähern. In dem allgemeinen Durcheinander fiel es nicht auf, dass sie vorgeblich mit ihm zusammenstieß.

Pardon, Monsieur Danton“, sprach sie ihn laut an. „Ein Versehen.“

Roi lächelte charmant und verbeugte sich tief vor ihr. „Aber Mademoiselle, keine Ursache. Es ehrt mich sogar, von einer so liebreizenden Vertreterin der glorreichen USO beachtet zu werden.“

Er blickte sie mit seinen nachtblauen Augen, die sie so gut kannte, prüfend an.

Er kennt mich immer noch genau, dachte Bea bei sich. Um so besser.

Leise flüsterte sie ihm zu: „Hallo, Mike!“

Das leichte Erstarren von Roi nahm außer ihr niemand wahr. Sie hatte sogar den Eindruck, als ob er in irgendeiner Art erleichtert war. Anscheinend hatte er sich schon länger gefragt, ob sie ihn erkannt hatte.

Sie ließ ihm keine Zeit zum Überlegen. „Ich muss dich sprechen. Es ist dringend, unter vier Augen.“

Während Roi einigen jungen frischgebackenen Kosmonauten, die sich für die Freihändler entschieden hatten, zulächelte, hauchte er ihr zu: „Ich arrangiere das. Heute Abend.“

Aber bitte früh am Abend. Die Zeit drängt.“

Er nickte nur kurz und wandte sich um, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen.

Als Bea kurz danach sah, wie er ein paar Worte mit seinem Leibwächter Oro Masut und seinem Ersten Offizier Rasto Hims wechselte und mit beiden durch das Gewühl den Saal verließ, atmete Bea auf. Sie brauchte sich keine Sorgen mehr zu machen, ob Roi sie verstehen würde. Er hatte bereits verstanden!


**********


Nach ihrer Rückkehr an Bord der HATSCHEPSUT besprachen die drei Spezialisten, der Admiral, Bea und ihre Offiziere die weitere Planung.

Sie einigten sich darauf, erst kurz vor Ende des Festes zuzugreifen, da ein früheres Verschwinden von Roi Danton mit Sicherheit auffallen würde. So belagert, wie er während der vormittäglichen Veranstaltung gewesen war, würde es mit Sicherheit neugierige Fragen geben bei seinem Verschwinden geben. Da war es besser, wenn nur noch ein paar Gäste anwesend waren, die bei fortgeschrittenen Fest erfahrungsgemäß nicht mehr sehr nüchtern waren.

Bea atmete erleichtert auf, weil ihr das für ihr Gespräch mit Roi ein größeres Zeitfenster gab, ohne dass sie den Zugriff schon befürchten musste. Ihre eigene Planung sah vor, mit Roi zusammen an Bord seiner FRANCIS DRAKE zu gehen und sich den Freihändlern anzuschließen. Wehmut machte sich in ihr breit. Sie stand kurz davor, ein Leben aufzugeben, das ihr sehr viel bedeutete, ja sogar ihr Leben an sich ausmachte. Aber sie sah sich nicht mehr in der Lage, mit ihrem Gewissenszwiespalt zu leben.

Da sie davon ausging, dass Roi eine Begegnung mit Atlan weiterhin ablehnte, weil er seine eigenen Pläne hatte, blieb ihr nur die Wahl zwischen einem zukünftigen Leben in den Reihen der Freihändler und ihrem weiteren Dienst bei der USO. Allerdings hätte sie dann Atlan informieren müssen. Sie hatte sich für die Freihändler entschieden, weil sie wusste, dass Roi im Prinzip für die gleiche Sache kämpfte wie Atlan oder sein Vater.

Dass Roi sie zurückweisen würde, erschien ihr unvorstellbar.

Ihr Erster Offizier musterte sie einige Male abwägend. Sie kannte ihn gut, genauso gut wie er sie. Nie hatte es Probleme gegeben mit ihrer Mannschaft und ihren Offizieren. Niemand schien etwas Anormales dabei zu empfinden, unter dem Kommando einer Frau zu stehen. Das alles würde sie jetzt aufgeben. Wahrscheinlich war es jetzt das letzte Mal, dass sie in der Zentrale der HATSCHEPSUT weilte, im Beisein ihrer Offiziere. Ihr Schiff, das sie von Atlan nach dem wahnsinnigen Lehrgang vor zwei Jahren werftneu bekommen hatte und dass er extra wegen ihr als Kommandantin HATSCHEPSUT genannt hatte. Damit dokumentierte er sehr deutlich, dass seine Einstellung zu Frauen beim Militär und in Kampfeinsätzen sich mit ihrer deckte. Wahrscheinlich hatte er die alt-ägyptische Pharaonin sogar persönlich gekannt.

Sie schluckte und wandte ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt der Besprechung zu.

Admiral Lorenz sollte Roi Danton unter dem Vorwand eines wichtigen Gespräches unter vier Augen zu fortgeschrittener Stunde aus dem Saal locken. Falls er ablehnte, sollte Bea den zweiten Versuch unternehmen. Alle rechneten damit, dass einer der beiden Versuche erfolgreich sein würde, zumal Roi Danton Frauen gegenüber Frauen großer Charme nachgesagt wurde.

Sobald Roi gefangen genommen war, sollte der Admiral sich unauffällig zurückziehen, Bea und ihre Offiziere auffällig nach ihm suchen. Zur gleichen Zeit würde sicherlich auch Roi von seinen Leuten vermisst. Man würde sich gegenseitig bei der Suche nach den Vermissten unterstützten und sogar die Verwaltung und die Sicherheitskräfte der Akademie um Unterstützung bitten. Nachdem dann überall erfolglos gesucht worden war, würden die Schiffe starten. Niemand würde wohl auf die Idee kommen, die HATSCHEPSUT oder die FRANCIS DRAKE zu durchsuchen.

Die USO würde die Entführung der beiden Männer einer Protestbewegung zuschreiben, die immer wieder gegen militärischen Raumflug agierte und in den Schlagzeilen der Nachrichtensendungen Erwähnung fand.

Das weitere Vorgehen läge dann in Atlans Hand, sobald Roi Danton auf Quinto-Center war.

Zum Schluss konnte Rusty Winsow sich einen kleinen Hinweis an Dart Hagen nicht verkneifen. „Bitte denk daran, worüber wir vorhin gesprochen haben, Dart.“

Bea und der Admiral merkten auf und blickten Hagen fragend an. Der druckste herum, sagte dann aber gerade heraus: „Ich mag die Freihändler nicht, besonders diesen Danton, weil er meinem Vater ein sehr gutes Geschäft weggeschnappt hat.“

Bea wollte zu einer Antwort ansetzen, aber Lorenz unterbrach sie mit einer Handbewegung.

Spezialist Hagen, ich muss Sie wohl nicht an die eindeutigen Befehle von Lordadmiral Atlan erinnern? Roi Danton ist als sein persönlicher Gast zu behandeln. Ich hoffe sehr, dass Atlan ihn davon überzeugen kann, sich uns anzuschließen. Dann wären z.B. auch für Ihren Vater seine Probleme beseitigt. Vielleicht sollten Sie immer daran denken. Das wird Ihnen helfen.“

Ich bin mir sowohl meiner Pflicht als auch dem eindeutigen Befehl von Atlan bewusst, Sir.“

Bea mochte seine Versicherung nicht so richtig glauben ...


**********


Oro Masut wiegte zweifelnd den Kopf, nachdem Roi Danton ihn über die Begegnung mit Bea informiert hatte. Rois Gefühl hatte ihm gesagt, dass es besser wäre, seinen Vertrauten vollständig zu informieren. Schließlich konnte er aufgrund des kurzen Hinweises von Bea lediglich vermuten, dass die USO ihn festsetzen wollte, Beweise hatte er dafür noch nicht. Er schloss es lediglich aus ihrem Verhalten– falls sie sich inzwischen nicht völlig verändert hatte!

Ich halte es für zu gefährlich, dass Sie sich mit ihr allein nach draußen begeben. Bitte nehmen Sie mich mit, Sir. Ich will ja gar nicht bei ihrem Gespräch dabei sein, ich halte mich weit genug entfernt, will nur aufpassen, dass Sie nicht überrascht werden.“

Roi stand auf und schüttelte den Kopf. „Nein, Großer. Sie würde das als Misstrauen auslegen. Eine schlechte Ausgangsbasis, wenn ich ihr einen verantwortlichen Posten bei uns anbieten will. Wahrscheinlich ist sie jetzt schon, seitdem sie mich erkannt hat, von Gewissenskonflikten zerrissen. Ich vertraue ihr. Sie wird mich nicht in eine Falle locken.“

Oro war immer noch nicht überzeugt. „Wenn sie nicht selbst hereingelegt wird“, meinte er zweifelnd.

Roi zuckte einen Moment zusammen. Daran hatte er noch nicht gedacht! Gab es so etwas überhaupt bei der USO in Kommandoeinsätzen? „Wir werden aufpassen, keine Sorge. – So, nun lass uns gehen. Wie sehe ich aus?“

Oro grinste. Roi hatte ganz große Toilette gemacht und sah aus wie ein schwer vermögender Stutzer am französischen Hof.

Klassisch“, feixte er.

Zwischen ihm und seinem Chef hatte sich in der letzten Zeit eine richtige Männerfreundschaft entwickelt. Roi hatte seine Entscheidung, Oro ins Vertrauen zu ziehen, bisher noch nie bereut.

Dann ist es ja gut“, konterte Roi. Nach außen wirkte er völlig ruhig und ausgeglichen, sein Leibwächter erkannte allerdings die innere Unruhe, unter der er litt. Er hoffte, dass sich die Situation im Laufe des Abends zum Positiven klären würde. Oro sorgte sich, dass Beatrice Wood eventuell selber ein Opfer einer Intrige war. Sie war ihm auf den ersten Blick sympathisch gewesen.


**********


Das Galaessen verdiente seinen Namen in jeder Beziehung. Die Akademie hatte alles an Spezialitäten aufgefahren, was Terra zu bieten hatte. Entsprechend gelöst war die Stimmung unter den Gästen. Viel trug Roi Danton dazu bei, der mit seinem Intellekt brillierte. Zum Schuss hatte niemand mehr den Eindruck, es hier mit einem arroganten Emporkömmling zu tun zu haben, sondern mit einem jungen Mann mit erstaunlich hohem Bildungsniveau und natürlichen Charme. Besonders das Interesse der anwesenden Damen flog Roi im Handumdrehen zu.

Sogar die Admiräle von Flotte und USO konnten sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Sie entschlossen sich, ihren Misserfolg vom Vormittag an diesem angenehmen Abend einfach „abzuhaken“ und das Fest zu genießen. Besonders Admiral Lorenz fiel dies leicht, da er die etwas besonderen Absichten kannte, die Atlan mit dem geplanten Gespräch mit Roi Danton bezweckte. Dass die Aktion misslingen konnte, war für ihn unvorstellbar. So ein relativ einfacher Auftrag und drei hochqualifizierte Spezialisten – das konnte gar nicht scheitern!

Als die Tafel aufgehoben wurde, wandte Roi sich mit einem höflichen Lächeln an seine Gesprächspartner, die beiden Admirale.

Messieurs, Sie entschuldigen mich. Ich benötige ein wenig Ruhe nach diesem hervorragenden Essen.“

Bea, die ihn die ganze Zeit aufmerksam beobachtet hatte, da sie auf Zeichen von ihm wartete, merkte auf. Roi tat so, als würde er sie erst jetzt bewusst zur Kenntnis nehmen.

Oh, Major Wood. Ich freue mich, Sie zu sehen. Würden Sie mir die Freude Ihrer Begleitung bereiten? Was kann ich mir mehr wünschen, als eine Erholungspause in einem angeregten Gespräch mit einer so charmanten jungen Dame?“

Damit bot er ihr schon seinen Arm und führte sie nach draußen. Flüchtig dachte er daran, wie sich doch die Welt in den letzten Jahrhunderten verändert hatte. Zu der Zeit, als sein Vater gerade erst die ersten Schritte in den Raum getan hatte, wäre ein Spaziergang in der dünnen Atmosphäre des Mars undenkbar gewesen. Heute war die Atmosphäre künstlich mit Sauerstoff angereichert, so dass man fast das Gefühl hatte, auf der Erde zu sein.

Schweigend gingen sie ein Stück, bis sie zu einer Bank kamen. Außer ihnen war niemand dort.

Genau wie Roi war Bea im Moment ein wenig befangen, wo sie sich endlich wieder allein gegenüberstanden. Obwohl sie wusste, dass der Zugriff erst in einigen Stunden geplant war, beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. Sie traute Dart Hagen einfach nicht über den Weg. Er mochte ein zuverlässiger USO-Spezialist sein, aber auch Spezialisten waren keine Maschinen – und anscheinend konnte Hagen es nicht verwinden, dass Roi seinem Vater ein sehr gutes Geschäft abgenommen hatte.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass Hagens Vater das Geld wohl sehr dringend gebraucht hatte, sonst würde der Sohn nicht so aggressiv reagieren. Deshalb wollte sie schnell zur Sache kommen. Alles andere zählte im Moment nicht. Wenn alles so klappte, wie sie es sich vorstellte, hatten sie später noch genug Zeit, um über andere Dinge zu reden.

Mike, ich ...“, begann sie, wurde aber von ihm unterbrochen.

Gleich, Freundin. Du hast doch nichts dagegen, dass ich dich wieder so nenne, Bea?“

Sie schüttelte nur den Kopf und konnte nicht verhindern, dass ein paar Tränen über ihre Wangen liefen.

Roi, der selbst gerührt war, umarmte und drückte sie an sich.

Dass wir uns so wiedersehen müssen.“ Er hielt sie ein Stück von sich und betrachtete sie sinnend. „Du hast dich nicht verändert und auf der anderen Seite doch. Ich kann es nicht einordnen.“

Sie hob nur die Schultern. „Wir haben wohl, seitdem wir uns trennen mussten, beide sehr viel erlebt. Du hast anscheinend richtig Erfolg. Gratuliere dazu. Ich freue mich aufrichtig für dich.“

Das weiß ich. Aber Erfolg – ja, allerdings noch nicht das, was ich mir vorgenommen habe.“

Sie schüttelte den Kopf. „Immer noch der Mike, den ich kenne. Das Unmögliche möglich machen, die Sterne vom Himmel holen.“

Er lachte warm auf. „So schlimm ist es nun wieder nicht. – Aber wie geht es dir, bist du glücklich als Schlachtkreuzerkommandantin?“

Bea blickte ihn fest und ernst an. „Ich war es, Mike, bis ich dich getroffen habe. Du ahnst warum?“

Ja“, nickte er. „Du bist seitdem von Zweifeln geplagt. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wie hast du mich eigentlich erkannt? Das hat bisher noch niemand geschafft, noch nicht einmal Menschen, die mich vorher gut kannten. Also war ich davon ausgegangen, dass meine Tarnung gut genug ist.“

Vielleicht weibliche Intuition“, antwortete sie überlegend. „Oder auch einfach das richtige Gefühl. Das ist mir in letzter Zeit öfter aufgefallen, dass ich ohne groß darüber nachzudenken, die richtige Idee habe und Menschen besser einschätzen und zuordnen kann als andere. Ich habe dann das Gefühl, dass bestimmte Schwingungen von ihnen ausgehen.“

Roi nickte. „Weiß Atlan davon?“

Bisher nicht. Ich wollte es erst selber genauer beobachten, ehe ich damit zu ihm gehe. Du weißt doch, wie man durch die Mangel gedreht wird, wenn auch nur der Verdacht von Mutanten-Fähigkeiten oder ähnlichem im Raum steht.“

Und das wolltest du nicht. Völlig klar. Ich vermute, dass du eventuell eine Empathin bist. Seit wann hast du das genau an dir beobachtet?“

Sie überlegte einen Augenblick. „Seit dem verdammten Lehrgang damals.“

Roi überraschte das nicht. Er hatte den Verdacht, dass die Erlebnisse damals bei ihnen bisher verschüttete Fähigkeiten freigelegt hatten. Er merkte das an sich selbst. Seit er zusammen mit Bea den einjährigen Ausbildungslehrgang bei der USO absolviert hatte, der ihnen wirklich alles abverlangt hatte, hatten sich seine Instinkte und seine Reakionsschnelligkeit auch erheblich verbessert. Allerdings war er kein Mutant, das war bereits überprüft und eindeutig ausgeschlossen worden.

Das klären wir später“, fuhr er fort. „Wir haben gewisse Möglichkeiten zur Überprüfung. Aber keine Sorge, es wird nicht so schlimm werden wie bei der USO. Allerdings wirst du sicherlich verstehen, dass ich meine kleinen Geheimnisse erst offenbaren werde, auch dir gegenüber, wenn du nicht mehr Angehörige der USO bist.“

Ach …“ Bea fühlte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Sollte, konnte es sein, dass Roi ihr das Gleiche vorschlagen wollte, worum sie ihn bitten wollte? Nein, das wäre zu viel Zufall …

Roi genoss ihre Verwirrung und freute sich auf ihre Reaktion, sobald er ihr sein Angebot gemacht hatte. Er rechnete nicht damit, dass sie es ausschlug. Er sah ihr deutlich an, wie sie unter dem Gewissenskonflikt litt – jetzt, wo sie ihm ihre Tränen gezeigt und ihre Maske der eisernen Beherrschung abgelegt hatte. Ihm gegenüber war sie wieder die Freundin aus vergangenen Tagen, nicht die nach außen eiskalte und beherrschte Raumschiffskommandantin. Er unterdrückte mit Gewalt seine Gefühle, die ihn zwingen wollten, sie in den Arm zu nehmen, an sich zu drücken, sie zu küssen.

Er wusste, dass er sie liebte, dass er sie schon damals geliebt hatte – aber dass es nicht ging, weder von ihm, noch von ihr aus. Er konnte sich bei seinem jetzigen unsicheren Leben keine Partnerin leisten, er empfand es als unfair, eine Frau an sich zu binden – und Bea lehnte jeden Partner ab. Warum, das wollte er noch herausfinden.

Er lächelte warm. Sein ganzes Herz lag in diesem Lächeln.

Bea, könntest du dir vorstellen, als Fürstin der Freihändler Kommandantin eines modernen Raumschiffes zu sein?“

Er genoss ihre Verwirrung. Als sie sich wieder gefasst hatte, meinte sie nur: „Kannst du Gedanken lesen, ich hatte vorgehabt, dich um das Gleiche zu bitten, aber in einer anderen Position. Weißt du, der Handel ist nicht meine Welt.“

Er lachte. Innerlich atmete er auf. Eine warme Welle drohte ihn zu überfluten. „Das hatte ich auch nicht vor. Ich hatte mehr an unseren Sicherheitsdienst gedacht.“

Er weidete sich an ihrer Verblüffung. „Das wusstet ihr auch noch nicht, was? Wo bleibt denn die sprichwörtliche Gründlichkeit der USO? Ja, wir haben eine eigene Polizeitruppe, und das schon, bevor ich zu den Freihändlern ging. Die hat der Kaiser ins Leben gerufen. Leider braucht man so etwas bei einer derartig großen Organisation.“

Ja, ich nehme an.“ Sie schmiegte sich an ihn und einige Minuten blieben sie in dieser Stellung stehen, genossen ihre gegenseitige Nähe, sich wieder gefunden zu haben.

Roi war erleichtert. Er hatte nicht nur seine alte Freundin wieder, sondern auch noch die Gefahr gebannt, dass sie ihn erkannt hatte und ihr Wissen irgendwann an Atlan weitergeben musste.


Fortsetzung: Teil 08


28.5.16 15:33, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 08

Lockruf der Freihändler – Teil 08


Als sie sich aus der Umarmung lösten, schaute Bea sich unruhig um. Sie meinte, ein leises Geräusch gehört zu haben. Auch Roi merkte auf. Da sie aber beide nichts entdecken konnten, forschten sie nicht weiter nach. Sie kamen nicht auf die Idee, dass ihre Instinkte durch die Freude des Wiedersehens etwas getrübt waren, sonst wäre ihnen dieser Fehler nicht unterlaufen.

Leise flüsterte Bea ihm zu: „Die drei Adjutanten von Admiral Lorenz sind keine Stabsoffiziere, sondern Spezialisten. Sie sollen dich nachher, sobald das Fest kurz vor dem Ende ist, gefangen nehmen. Nicht früher, da es sonst zu sehr auffällt. Wahrscheinlich wirst du inzwischen schon von einigen im Saal vermisst. Der Plan sieht vor, dass auch Admiral Lorenz spurlos verschwindet, wir einen großen Wirbel veranstalten und gemeinsam nach euch suchen. Dabei schieben wir euer Verschwinden dieser Protestorganisation zu, die immer wieder gegen militärische Raumfahrt demonstriert. Wenn wir hier alles durchgekämmt haben mit Hilfe der Akademieleitung, starten wir und bringen dich nach Quinto-Center. Atlan möchte sich mit dir unterhalten. Er will wissen, wer du bist. Im Gegensatz zu deinem Vater meint er nicht, dass du ein Verbrecher bist. Er hat erkannt, dass du äußerst fähig bist und möchte dir anbieten, zur USO zu kommen, möglichst zusammen mit deinen Freihändlern. Damit hätte er dann gleich mehrere Probleme zusammen gelöst.“

Roi fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte sich in Bea nicht getäuscht. Sie war immer noch die Gleiche wie vor zwei Jahren. Er vertraute ihr.

Typisch Atlan“, antwortete er lachend. Wieder musste er mit warmem Gefühl an seinen alten Lehrmeister denken, der für ihn viel mehr Vater gewesen war als Perry Rhodan.

Als ich den Auftrag von Atlan bekam, hatte ich eigentlich vor, dir die Wahl zu überlassen, ob du fliehst oder dich Atlan stellt. Aber ich glaube, das hat sich jetzt erübrigt.“

Roi kam nicht mehr dazu, zu antworten. Aus dem Nichts tauchten plötzlich drei riesenhafte Ertruser vor ihnen auf. Sofort war beiden klar, dass sie sich nicht getäuscht hatten mit dem leisen Geräusch. Die Ertruser mussten sich ihnen im Schutz von Deflektorschirmen genähert haben.

Ehe einer von ihnen reagieren konnte, hatte Rusty Winsow Roi umklammert und verhinderte, dass er seinen Schockstrahler im Gürtelhalfter greifen konnte. Roi wehrte sich nicht. Er wusste nur zu genau, dass er gegen einen Ertruser, der ihn schon umklammert hielt und in Anwesenheit von zwei anderen nicht die geringste Chance hatte.

Er schluckte hart. Seine Gedanken wirbelten. Sollte Bea doch …? Er scheute sich, es zu Ende zu denken.

Dart Hagen grinste Roi hämisch an und wandte sich überfreundlich an Bea. „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Major Wood. Sie haben uns wirklich sehr unterstützt, indem Sie Mr. Danton hierher gelockt haben.“

Roi glaubte, in ein endloses Loch zu fallen. Also doch! Er konnte es nicht glauben, wollte es nicht glauben. Seine Freundin und ihn verraten? Sein Gefühl sagte ihm nein, aber was hatte dann diese Äußerung zu bedeuten?

Bea fühlte sich hundeelend. Trotzdem behielt sie einen klaren Kopf. Sie, die Roi sehr gut kannte, bemerkte im Gegensatz zu den Ertrusern, wie er litt, unter dem Gedanken, dass sie ihn verraten hatte! Und jetzt musste sie ihn noch mehr verletzen, er würde sich gleich noch elender fühlen, aber ihr blieb keine andere Wahl, wenn sie ihn davor bewahren wollte, Atlan gegenübergestellt zu werden. Sie fasste einen verwegenen Plan – ob der funktionierte? Alles hing davon ab, ob es ihr gelingen würde, seine Offiziere von ihren lauteren Absichten zu überzeugen.

Anscheinend hatten die Spezialisten entgegen dem vereinbarten Plan jetzt schon zugegriffen, weil ihnen die Gelegenheit günstiger erschien als zu warten. Wahrscheinlich wurden sowohl Roi als auch sie im großen Saal schon vermisst. Sie verfluchte sich für ihre Leichtsinnigkeit, nicht auf die Geräusche reagiert zu haben.

Keine Ursache, Spezialist Hagen.“ Sie schluckte an jedem Wort, als sie sich zu Roi umwandte. Ein Blick in seine nachtblauen Augen zog eine innerliche Welle der Übelkeit nach sich. Noch nie hatte sie seine Augen so gesehen. Alle Wärme, die eben noch darin gestanden hatte, war erloschen. Stattdessen konnte sie nur noch eiskalten Hass und Verachtung sehen.

Fast hätte sie aufgegeben, sich in seine Arme geworfen und ihm versichert, dass alles nicht so war wie es schien. Aber sie widerstand. Nur der Gedanke, dass dieses Spiel die einzige Rettung für Roi war, ließ sie durchhalten. Aufklären konnte sie alles später. Dabei hoffte sie nur, dass es sich noch aufklären ließ, Roi – sobald er wieder frei war – überhaupt noch bereit war, ihr zu glauben. Gewaltsam unterdrückte sie diesen Gedanken. So weit war es noch nicht. Erstmal musste sie ihn den Spezialisten ausliefern.

Leider muss ich Ihr Angebot ablehnen, Mr. Danton. Es tut mir leid. Ich werde meinen Dienst bei der USO nicht quittieren. Im Auftrag von Lordadmiral Atlan darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie sich als sein persönlicher Gast betrachten mögen. Sie sind kein Gefangener. Atlan möchte sich lediglich mit Ihnen unterhalten und Ihnen ein Angebot unterbreiten. Wir werden morgen nach Quinto-Center starten. Er lässt Ihnen ausrichten, dass Sie sich schon einmal überlegen mögen, ob Sie nicht in die USO eintreten wollen. Menschen mit Ihren Fähigkeiten können wir sehr gut gebrauchen. Das gleiche Angebot gilt auch für Ihre Offiziere und Mannschaften.“

Roi verzog verächtlich das Gesicht. Mit Gewalt musste auch er die Übelkeit und das Schwindelgefühl unterdrücken. Sein Herz klopfte rasend bis in den Hals. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen. Deshalb übersah er auch das Flehen in ihren Augen, als er kalt antwortete: „So sehr ich auch den verehrten Lordadmiral schätze, so sehr liebe ich meine Freiheit. Die Antwort ist nein. Das wird auch ein Gespräch mit Atlan oder ein Überlegen nicht ändern. Außerdem würde es mir widerlich sein, in den gleichen Reihen wie Menschen zu stehen, die derartig unaufrichtig sind. Nachdem wir uns kennen gelernt haben, hatte ich Sie persönlich für eine aufrechte und ehrliche Offizierin gehalten. Leider habe ich mich getäuscht. Pfui Teufel, gehen Sie mir aus den Augen, Major Wood. Mit Ihnen möchte ich nichts mehr zu tun haben.“

Er wandte sich an Hagen. „Da das klargestellt ist, könnten Sie mich aus Ihrer so genannten ‚Gastfreundschaft’ entlassen, Spezialist. Der verehrte Lordadmiral, Sie und und ich verschwenden nur unsere Zeit.“

Hagen grinste überlegen. „Leider liegt das nicht in meiner Macht, Fürst Danton. Unser Auftrag von Atlan lautet, sie zu ihm zu bringen.“

Roi zuckte die Schultern, ohne etwas zu sagen.

Bitte bringen Sie Fürst Danton in eine der bevorzugten Gästekabinen“, ordnete Bea an. „Und erfüllen Sie alle seine Wünsche. Ich möchte später keine Beschwerden hören, dass unser Gast nicht ehrenvoll behandelt worden ist.“

Diesen kleinen Hinweis konnte sie sich nicht verkneifen. Ihre Hoffnung, dass Roi daraus einen Hinweis ziehen könnte, machte ein Blick auf ihn zunichte. Er drehte den Kopf abweisend zur Seite.

Außerdem hoffte sie, dass Hagen verstand, was Sache war. Sicher war sie sich nicht. Einige möglicherweise recht unangenehme Stunden konnte sie Roi nicht ersparen. Sie stufte das als vernachlässigbar ein. Roi war mentalstabilisiert, konnte also nicht hypnosuggestiv oder mit Drogen verhört werden. Ein Verhör in wachem Zustand mit Drogen würde für ihn sehr unangenehm werden, aber sie wusste sehr genau, was er aushalten konnte.

Wir starten morgen Nachmittag. Bringen Sie Mr. Danton an Bord, dann genießen Sie noch das Fest. Startzeitpunkt 17.00 Uhr Terrazeit. Bis dahin haben wir wohl alle ausgeschlafen.“

Natürlich, Major.“ Hagen machte ein sehr zufriedenes Gesicht.


**********


Bea sah sich mit schnellen Blicken im großen Festsaal um. Wie sie erwartete, war Admiral Lorenz nirgendwo zu sehen. Ihr Verdacht war demzufolge richtig. Die Spezialisten hatten die günstige Gelegenheit ergriffen.

Auf die Frage des Flottenadmirals antwortete sie freundlich: „So weit ich weiß, ist Admiral Lorenz mit Fürst Danton draußen. Die beiden wollten sich einmal richtig aussprechen. Es kann doch nicht sein, dass wir uns gegenseitig die Raumkapitäne wegnehmen, oder?“

Genau meine Meinung, Major Wood. Es ist nur schade, dass Ihr Admiral mich nicht mitgenommen hat. Dann hätten wir das gleich alle zusammen besprechen können.“

Bea nickte dem Flottenadmiral noch einmal freundlich zu und schlenderte langsam durch den Saal, um kein Aufsehen zu erregen. Im Moment kam es ihr noch darauf an, alles ruhig zu halten. Vielleicht griff ja schon der erste Teil ihres Planes. Sie vertraute dabei auf den hohen Ehrenkodex der USO. Wenn nicht, würde sie schon für das entsprechende Aufsehen sorgen.

Als sie Oro Masut entdeckte, bedeutete sie ihm, ihr zu folgen. Der musterte sie mit einem seltsamen Blick, als er sie ohne Roi sah. Wieder fühlte sie eiskalte Schauer in sich aufsteigen.

Als sie beide draußen im Gang standen, sah sie sich schnell um, ob ihnen jemand gefolgt war. Sie wusste bisher nicht, wer unter den Freihändlern über Rois Identität informiert war. Verraten wollte sie ihn keinesfalls.

Mr. Masut, wir haben nicht viel Zeit. Bitte unterbrechen Sie mich nicht. Ihr Chef ist von den Spezialisten meines Schiffes gefangen genommen worden. Wir haben den Auftrag, ihn zu Atlan zu bringen. Das war eigentlich für später heute Nacht geplant, nicht jetzt schon. Ich habe versucht, Roi zu warnen, aber da war es schon zu spät. Er hatte mir vorher schon angeboten, als Fürstin zu den Freihändlern zu gehen. Ich habe angenommen. Leider gingen die Ereignisse draußen zu schnell, so dass er jetzt der Meinung sein muss, ich hätte ihn verraten. Das nur zu Ihrer Information.

Ich habe einen Plan, um ihn zu befreien. Sie haben ganz genau zwei Minuten, um sich zu entscheiden, ob Sie mir trauen wollen. Ich kann Ihnen versichern, dass Atlan die wahre Identität Ihres Chefs ermitteln wird, wer auch immer er sein mag.“

Oro wurde blass. Er überlegte aber keinen Moment. „Lassen wir das Versteckspiel, Major Wood, die Umstände erlauben es nicht mehr. Ich bin der einzige Freihändler an Bord der FRANCIS DRAKE, der weiß, dass Roi Danton Michael Rhodan ist. Und ich weiß von ihm, wer Sie sind und wie er zu Ihnen steht.

Vor dem Fest habe ich ihn noch gewarnt, dass Sie möglicherweise selbst hintergangen werden. So scheint es gekommen zu sein. Ich vertraue Ihnen. Wir müssen sofort handeln. Atlan darf Roi nicht in die Hände bekommen. Er wird ihn erkennen und dann sind Rois ganze Pläne hinfällig.“

Richtig. Es freut mich, dass Sie so folgerichtig denken. Also bewegen Sie sich endlich! Ich denke, man rühmt Ertrusern so eine große Reaktionsschnelligkeit nach.“

Oro hatte sich wieder in der Gewalt. „Selbstverständlich, Major Wood.“

Wer ist bei den Freihändlern überhaupt über Rois Identität informiert?“

Zwei Fürsten, die ihm den Kontakt zu unserer Organisation überhaupt erst ermöglicht haben. Sie kennen ihn schon aus seiner Jugendzeit. Und der Kaiser selbst.“

Sehr gut. Wahrscheinlich müssen wir ihn persönlich bemühen. Wer außerhalb der Freihändler – für den extremsten Notfall …“

Seine Mutter, seine Schwester, sein Schwager Dr. Waringer und der Chefingenieur des Bauteams, das im Moment den Raumhafen von Trade-City erweitert.“

Hoffen wir, dass wir nicht auf seine Familie zurückgreifen müssen.“


**********


Bea sah sich in der Kommandozentrale der FRANCIS DRAKE nur kurz um. Als erfahrene Raumschiffskommandantin sah sie mit einem Blick, dass die Zentrale zwar im Prinzip den Hauptschalträumen von terranischen oder USO-Schiffen glich, aber einige zusätzliche Schaltpulte und Geräte enthielt, die sie nicht zuordnen konnte. Sie sah darüber hinweg. Das war im Moment nicht so wichtig. Seitdem sie wusste, wer Roi war, ging sie ohnehin davon aus, dass die DRAKE nicht nur mit Transformkanonen und HÜ-Schirmen ausgestattet war, sondern noch einiges mehr aufzubieten hatte. Das Stichwort in diesem Zusammenhang lautete schlicht und einfach „Dr. Waringer“. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Hyperphysiker wirklich so versponnen war wie es allgemein behauptet wurde. Allein die Tatsache, dass Michaels Schwester ihn zu ihrem Ehemann erwählt hatte, sprach für sie dagegen.

Meine Herren“, begann sie ihren kurzen Vortrag, nachdem sie die Offiziere über den Sachstand informiert hatte. „Sie haben jetzt ganz genau zwei Möglichkeiten. Entweder Sie vertrauen mir und wir versuchen gemeinsam, Roi zu befreien – oder nicht, dann verlasse ich sofort die FRANCIS DRAKE und Sie können mit meiner Hilfe nicht mehr rechnen. Ich darf Sie vorab schon einmal darüber informieren, dass Ihr Chef mir angeboten hat, als Fürstin in die Reihen der Freihändler zu wechseln und ich sein Angebot angenommen habe – bevor er von den Spezialisten ergriffen wurde. Leider konnte ich ihn nicht mehr rechtzeitig warnen, da der Zugriff erst in einigen Stunden geplant war und insofern auch ich überrascht worden bin.

Wenn Sie sich kurz untereinander besprechen wollen, kann ich das verstehen. Ich gebe Ihnen zehn Minuten dafür. Sie finden mich am Kartentisch. Und es wäre sehr freundlich, wenn ich einen Kaffee bekomme. Ich gehe davon aus, dass es an Bord echten terranischen Kaffee gibt.“

Oro grinste über das ganze beachtlich breite Gesicht und holte ihr aus dem Getränkeautomaten einen großen Becher von dem belebenden schwarzen Gebräu. Bea nahm ihn dankend und zwang mit Gewalt ihre rotierenden Gedanken zur Ruhe. Sie durfte sich jetzt vor den Edelmännern als einzige Frau keine Blöße geben, sonst hatte sie gleich verloren. Zum Glück verfügte sie über einige Jahre Erfahrung als Offizierin, die fast nur Männer befehligte.

Oro wandte sich Rasto Hims zu. „Ich vertraue Fürstin Wood“, meinte er nur. Bea fühlte ein warmes Gefühl in sich aufsteigen, als er schon mit dem Titel einer Freihändler-Kommandantin von ihr sprach.

Die Edelmänner brauchten keine zehn Minuten. Sie setzten sich zu ihr an den Kartentisch und Rasto Hims sagte klar und deutlich: „Fürstin Wood, wir unterstellen uns Ihrem Kommando, weil wir uns sagen, dass nur Sie mit ihrem Hintergrundwissen eine Chance haben, Roi herauszuholen. Wie stellen Sie sich die Verteilung der Aufgaben vor?“

Bea blickte ihn abschätzend an. Hims hielt ihrem Blick ohne Probleme stand. „Edelmann Hims, ich habe nicht vor, in die Schiffsführung einzugreifen, das ist Ihre Sache. Sie sind und bleiben der Kommandant der FRANCIS DRAKE, solange Roi Danton abwesend ist.“

Hims’ Aufatmen bestätigte ihre Vermutung. Er wollte sich nicht in seinen Kompetenzbereich hereinreden lassen. Sie sah kein Problem darin. „Betrachten Sie es so, dass Sie einen Kommandeur an Bord haben.“

Sie machte eine kurze Pause. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, meine Herren, auch für Roi. Und nun lassen Sie uns handeln. Wir haben nicht viel Zeit, glauben Sie es mir. Roi muss da so schnell wie möglich raus, möglichst noch in dieser Nacht, obwohl ich das für ein großes Wunder halten würde.“

Hims kniff die Augen zusammen. „Wieso haben wir keine Zeit?“, fragte er gedehnt. „Sie wissen sicherlich, dass er mentalstabilisiert ist. Was also sollte passieren, falls man ihn verhört?“

Die anderen nickten bestätigend. Bea hob die Schultern. „Sie kennen die USO nicht. Wenn man ihn hypnosuggestiv verhört, wird man nichts herausbekommen. Aber man wird von einem starken Hypnoblock ausgehen, der verhindert, dass er Geheimnisse preisgibt. Als nächstes wird man ihn mit Hilfe einer teuflischen Ara-Wahrheitsdroge verhören. Haben Sie von dem Zeug schon mal was gehört?“

Oro zuckte nur die Schultern. „Ja. Ihm wird davon ein wenig übel werden. Zwar unangenehm, aber nicht mehr.“

Bea nahm keine Rücksicht. Sie musste ihnen die Augen öffnen, ihnen klarmachen, dass man eben keine Zeit mehr hatte!

Über solche Kleinigkeiten würde ich gar nicht reden. Aber ein von der Droge Betäubter kann, da er sich in Trance befindet, keine der Nebenwirkungen des Medikamentes spüren, z.B. Hitze- und Kälteschauer, Übelkeit und Ähnliches. Roi muss also nicht nur überzeugend den Beeinflussten spielen, sondern auch noch diese Nebenwirkungen unterdrücken. Ich bin selbst mentalstabilisiert und musste dieses ‚Theaterspielen’ regelrecht lernen. Bei jeder Übung dachte ich, das halte ich nicht mehr aus, ich sterbe – so elend fühlte ich mich!

Und bitte denken Sie nicht, die Spezialisten wären Stümper, dann würden Sie nicht diesen Ehrentitel tragen. Die wissen sehr genau, wie von der Droge Betäubte sich verhalten. Sollte man nur den geringsten Verdacht schöpfen, wird man durch ein einfaches CT feststellen, dass Roi mentalstabilisiert ist. Und da dieser Gehirneingriff in der gesamten Milchstraße nur auf Tahun durchgeführt werden kann, brauche ich Ihnen die möglichen Folgen nicht weiter aufzuzeigen, oder?“

Die Männer blickten sich die ratlos an. Anscheinend verstanden sie immer noch nicht, worauf sie hinauswollte.

Meine Herren, sind Sie denn begriffsstutzig?“ So langsam wurde sie wütend. „Eben weil diese Operation nur auf dem USO-Medocenter Tahun und nur im Auftrag der USO durchgeführt werden kann und weil sie weiterhin so gefährlich ist, werden die Eingriffe sehr genau dokumentiert“, fuhr Bea fort. „Dazu gehört auch eine Genanalyse der Patienten. Wenn es also auffällt, dass Roi mentalstabilisiert ist, dauert es höchstens eine Stunde und das Inkognito Ihres Chefs war einmal. Begreifen Sie jetzt?“

Die Gesichter wurden übergangslos leichenblass. Rasto Hims antwortete zuerst: „Fürstin Wood, wir alle bis auf Edelmann Masut wissen nicht, wer unser Kommandant ist. Wir hatten einmal einen bestimmten Verdacht, haben aber nicht mehr darüber nachgedacht, weil es uns egal ist. Unser Kommandant hat uns auch ganz klar gemacht, dass er bestimmte persönliche Gründe für sein Inkognito hat und uns gebeten, das zu akzeptieren. Wir fliegen unter Roi Danton auf dem Flaggschiff der Freihändler und sind darauf sehr stolz. Ich nehme aber an, dass Sie genau wie Edelmann Masut wissen, wer Roi Danton ist?“

Bea fühlte ein warmes Gefühl in sich aufsteigen, eben weil Rois Männer so zu ihm standen.

Vergessen Sie Ihren Verdacht. Ja, ich weiß, wer Roi ist. – Jetzt aber sollten wir handeln. Ich wiederhole mich ungern, aber die Zeit läuft uns weg. Wir können nur hoffen, dass Roi lange genug standhält. Da ich weiß, was er aushalten kann, habe ich große Hoffnung, dass wir es gemeinsam schaffen.“

Rasto Hims straffte sich. „Ihre Befehle, Fürstin?“

Bea atmete innerlich auf. Endlich war das Eis gebrochen. „Zuerst werden Sie, Mr. Hims, jetzt sofort die HATSCHEPSUT anrufen und den Wachhabenden, das ist im Moment der Erste Offizier, höflich darüber informieren, dass Sie mitbekommen haben, wie Ihr Kommandant von den drei Ertrusern gefangen genommen wurde und Sie sich daraufhin veranlasst gefühlt haben, mich, also die Kommandantin der HATSCHEPSUT ebenfalls festzusetzen.

Da Sie kein Aufsehen wollen, schlagen Sie vor, den Austausch jetzt gleich vorzunehmen. Man wird behaupten, dass Roi nicht an Bord ist. Das ist für uns unerheblich. Wichtig ist dabei nur, dass Sie den Eindruck erwecken, ich wäre nicht freiwillig hier, sondern eine Gefangene von Ihnen. Vorerst darf ich nicht unter Verdacht geraten. Es gibt einen bestimmten Ehrenkodex bei der USO. Demzufolge kann die HATSCHEPSUT nicht starten, solange man genau weiß, dass ich hier gefangen bin. USO-Spezialisten und Soldaten haben immer die Gewissheit, dass sie von ihren Kameraden zurückgeholt werden. Dass wir keine Chance mehr haben, sobald das Schiff startet, ist Ihnen klar?“

Die Männer nickten übereinstimmend.

Als nächsten Schritt werden Sie gleich morgen früh, sobald der reguläre Akademiebetrieb anfängt, ganz offiziell eine Beschwerde bei der Akademieleitung einlegen, indem Sie dem Leiter mitteilen, Fürst Danton ist von der USO gefangen genommen worden. Deshalb verlangen Sie von ihm ein Startverbot für die HATSCHEPSUT, bis die Angelegenheit geklärt ist. Natürlich kann der Professor dem nicht stattgeben. Obwohl er hier das Hausrecht hat, wird er es niemals wagen, einem USO-Schiff den Start zu verwehren. Im Gegenteil, er wird bei Atlan zurückfragen. Das ist dann der erste Stein der Lawine. Wir bzw. die Freihändler werden ganz offiziell das machen, was Atlan gar nicht gebrauchen kann, nämlich einen riesigen Wirbel. Es wird überall bekannt werden, dass Roi Danton in den Händen der USO ist, ohne dass ein Grund dafür vorliegt. Es muss wie ein Willkürakt durch die USO wirken.“

Oro schaltete zuerst. „Wir haben Frieden. Der Lordadmiral kann genau wie der Großadministrator im Moment zum Glück kein Kriegsrecht zur Anwendung bringen. Wenn man der USO überall vorwirft, gegen allgemein geltendes Recht den Befehlshaber einer privaten Handelsorganisation zu inhaftieren, möchte ich nicht in seiner Haut stecken.“

Bea zog eine Grimasse. „Stimmt genau. Ich sehe, Sie haben mich verstanden. Wir können aber nur gewinnen, wenn wir schnell sind. Atlan ist dafür bekannt, dass ihm immer etwas einfällt, auch wenn die Lage schon aussichtslos ist.

Also los, an die Arbeit. – Edelmann Hims, ich brauche jetzt eine Hyperfunkverbindung nach Olymp zum Kaiser. Bitte erzählen Sie mir nicht, dass es auf Olymp eventuell gerade Nacht ist. Das interessiert mich nicht.“

Hims las den Chronometer an seinem Multifunktionsarmband ab. „2.15 Uhr morgens, Fürstin.“

Also dann. Ich wollte schon immer mal einen Kaiser frühmorgens aus dem Bett werfen.“

Ihr Lachen klang unecht und jeder merkte es.


**********


Roi Danton lag auf dem Bett in der luxuriösen Gastkabine der HATSCHEPSUT und dachte darüber nach, wie er Verbindung mit seinen Edelleuten aufnehmen konnte.

Die drei ertrusischen USO-Spezialisten hatten ihn dem wachhabenden Ersten Offizier, Captain Drave Newton übergeben, der für seine Unterbringung gesorgt hatte. Roi konnte sich über ihn nicht beschweren, im Gegenteil. Er wurde behandelt wie ein Gast ersten Ranges, genau wie Bea es gemäß den Wünschen von Lordadmiral Atlan angeordnet hatte. Allerdings konnte ihm das im Moment nicht weiterhelfen, da die Spezialisten ihm nicht nur die sichtbaren Waffen, sondern zusätzlich alle Gegenstände abgenommen hatten, in denen Mikroelemente verborgen sein könnten. Er konnte deshalb nur hoffen, dass Oro Masut, mit dem er die Möglichkeit eines Zugriffes durch die USO besprochen hatte, aus seiner Abwesenheit die richtigen Schlüsse ziehen würde. Aber auch dann hatte er wenig Hoffnung, einer Begegnung mit Atlan ausweichen zu können. Er machte sich keinerlei Illusionen, da er die Arbeitsweise der USO zu gut kannte. Wenn er Atlan im freien Raum begegnet wäre oder auch hier in der Akademie, hätte er es sich zugetraut, auch ihn zu täuschen, aber in einem direkten Gespräch unter vier Augen sah er dafür wenig Aussichten.

Er musste also hier raus – und das so schnell wie möglich.

Zusätzlich nagte Beas Verhalten an ihm. Seine Enttäuschung war so stark, dass es ihm körperlich schlecht ging, was er normalerweise nicht von sich kannte. Er konnte es nicht begreifen, dass sie sich so verändert hatte und ihn direkt in die Falle gelockt. Warum? Sie hätte doch gar nichts sagen müssen, so tun, als ob sie nichts von dem Auftrag der Spezialisten wüsste. Das erschien ihm immer noch fairer als dass sie ihn warnte, ihm verdeutlichte, dass um diese Zeit noch keine Gefahr bestand – und in genau diesem Augenblick erfolgte der Zugriff, eben weil er sich noch sicher fühlte.

Mit Gewalt versuchte er nicht an die Kommandantin zu denken, aber es gelang ihm nicht. Immer wieder kreisten seine Gedanken um diesen Punkt. Er sah in Beas Verhalten Verrat. Immer wieder versuchte er sich vor Augen zu halten, dass sie sich in ihrem Gewissenszwiespalt für ihre Loyalität der USO und dem Imperium gegenüber entschieden hatte. Aber auch dann hätte sie ihn nicht so gemein zu hintergehen brauchen.

Verletzt und enttäuscht wie Roi war, kam er nicht auf den richtigen Gedanken. Er, der sonst daran gewöhnt war, streng logisch zu denken, ließ sich diesmal von seinen Gefühlen beherrschen und schaffte es deshalb nicht, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Zusätzlich beunruhigte ihn das Verhalten des Spezialisten Hagen, der allem Anschein nach der Anführer des Trios war. Während alle anderen auf ihn den Eindruck machten, dass sie mit seiner Gefangennahme eine Aufgabe erfüllten, die ihnen rein persönlich gar nicht gefiel, machte Hagen sich nicht die Mühe, seine Abneigung ihm gegenüber zu verbergen.

Mit Gewalt versuchte Roi nachzudenken, wieso ihm der Name bekannt vorkam. Es lenkte ihn auch etwas von seinen Gedanken an Bea ab. Dann erinnerte er sich: der ertrusische Händler, dem er ein sehr gutes Geschäft mit ferronischen Gewürzen, die sich in der ertrusischen Küche großer Beliebtheit erfreuten, abgenommen hatte. Roi hatte sich dabei nichts weiter gedacht, er hatte das bessere Angebot abgegeben und den Zuschlag erhalten. Er hatte den Händler als guten Verlierer kennen gelernt. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt gewesen. Anscheinend sah der Sohn das etwas anders.

Roi kannte solche Menschen. Hagen würde jede Gelegenheit nutzen, seine augenblickliche Überlegenheit ihm gegenüber auszuspielen. Dabei würde er nicht gegen die direkten Anweisungen von Atlan handeln, aber es gab für ihn trotzdem genug Möglichkeiten, ihn schikanieren.

Roi war mit seinen Gedanken schon wieder bei Bea, als der Türsummer ertönte. Da niemand die Kabine betrat, betätigte er den Öffnungsmechanismus von innen.

Man hält sich also sogar an die Höflichkeitsregeln, dachte er sarkastisch. Die Anweisungen von Atlan müssen demnach ganz eindeutig sein.

Er beschloss, diese Erkenntnis in seine weiteren Planungen einzubeziehen.

Hagen betrat in Begleitung von Captain Newton die Kabine. Seinem Gesicht war keine Regung anzusehen.

Roi wunderte sich. Dem Protokoll gemäß, wenn man ihn wirklich als Gast behandelte, hätte seinem Rang als Befehlshaber der Freihändler entsprechend nicht der Erste Offizier, sondern die Kommandantin als ranghöchster Offizier anwesend sein müssen. Er beschloss der Sache auf den Grund zu gehen.

Was führt Sie zu mir, meine Herren? Sie sehen mich verwundert. Wenn ich die Gepflogenheiten an Bord von USO- und Solaren Schiffen richtig in Erinnerung habe, hätte Ihre Kommandantin sich die Ehre geben sollen.“

Jetzt konnte Hagen eine missmutige Grimasse nicht ganz unterdrücken.

Newton antwortete: „Das ist richtig, Fürst Danton. Da Major Wood bedauerlicherweise durch andere Aufgaben unabkömmlich ist, habe ich die Ehre, sie vertreten zu dürfen. Bitte betrachten Sie mich im Moment als Kommandanten der HATSCHEPSUT.“

In Rois Kopf schrillten alle Alarmglocken. Die Formulierung des Ersten Offiziers besagte für ihn nichts anderes als dass sich Bea nicht an Bord des Schlachtkreuzers befand. Sicherlich, das Fest musste noch in Gang sein. Aber in der jetzigen Situation hatte sie als Kommandantin an Bord ihres Schiffes zu sein. Alles andere wäre eine Missachtung ihrer Pflichten gewesen, die er ihr nicht zutraute.

Hatte Newton ihm etwas mitteilen wollen, das Hagen nicht wissen sollte? Rois Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Er gestand sich aber auch ehrlich ein, dass er nach jedem Strohhalm suchte, der ihm zeigte, dass Bea ihn eben nicht verraten hatte.

Mr. Danton“, ergriff Hagen das Wort. „Ich habe mich dazu entschlossen, Sie einem kurzen Psychoverhör zu unterziehen. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es uns alle interessiert, was Sie hinter Ihrer Maske verbergen. Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihr Wohlbefinden oder Ihre Gesundheit zu machen. Sie werden überhaupt nichts davon spüren. Es liegt uns fern, Sie körperlich zu schädigen.“

Roi zuckte verächtlich die Schultern. Ein hypnosuggestives Verhör war für ihn harmlos. Seine Mentalstabilisierung verhinderte, dass er etwas verriet und den in Trance Befragten konnte er hervorragend spielen. Das hatte er mehrfach unter der Anleitung der Psychowissenschaftler aus dem Team seines Schwagers auf Last Hope geübt.

Wer sagt Ihnen denn, dass ich überhaupt eine Maske trage, Monsieur? Ich bin Roi Danton.“

Ganz einfach, Mr. Danton. Auf keinem Planeten des Solaren Imperiums ist etwas über einen Roi Danton bekannt, erst seitdem Sie bei den Freihändlern aufgetaucht sind. Außerdem haben Sie selbst mehrfach erwähnt, dass Sie den Namen ‚angenommen’ haben. – Darf ich nun bitten? Wir haben hier auf dem Schiff noch andere Aufgaben, was besonders für den Kommandanten zutrifft, der laut Vorschrift bei dem Verhör zugegen sein muss.“

Roi bemerkte den feinen Unterschied im Verhalten der beiden Männer genau. Während Captain Newton sich höflich und korrekt verhielt, ihn mit seinem Titel ansprach, drängelte Hagen und nannte ihn einfach „Mr. Danton“.

Bevor sie durch die Tür gingen, meinte Roi eine Aufforderung in dem Blick von Newton zu sehen. Deshalb rempelte er ihn „versehentlich“ an.

Entschuldigen Sie, Captain. Ich bin gestolpert.“

Hagen blickte ihn merkwürdig an, sagte aber nichts. Newton nutzte die Gelegenheit, um Roi zuzuraunen: „Major Wood ist an Bord der FRANCIS DRAKE. Sie wurde von Ihren Männern gefangen genommen. Es wurde schon ein Austauschersuchen gestellt.“

Roi hatte sich völlig in der Gewalt, obwohl er einen kalten Schauer in seinem Rücken spürte. Seine beiden Begleiter merkten nicht, dass er angestrengt überlegte, während er gleichmütig neben ihnen herging und sich in den Antigravschacht fallen ließ. Er schaffte es, seine Emotionen zu unterdrücken und die Situation rein logisch zu durchdenken.

Mehrere Fragen waren für ihn aufgetaucht. Niemand von seinen Männern hatte mitbekommen, wie er gefangen genommen worden war. Nur die drei ertrusischen Spezialisten und Bea waren dabei gewesen. Wieso war Bea dann gefangen genommen worden? Und wieso hatten seine Männer diesen Schritt überhaupt gewagt? Auch wenn Oro Rasto Hims und die anderen über ihren Verdacht vor Beginn des Festes informiert hatte, würden sie es niemals wagen, eine Kommandantin der USO gefangen zu nehmen. Obwohl er es ihnen zutraute, um ihm zu helfen, dagegen sprachen seine eindeutigen Befehle: egal in welcher Situation, Mitglieder der Flotte oder der USO, besonders Offiziere, wurden nicht angetastet. Er wollte nicht noch mehr Probleme mit dem Solaren Imperium.

In ihm keimte ein vager Verdacht auf, dass Bea sich freiwillig in die Hände seiner Leute begeben hatte. Das würde bedeuten, dass sie ihn wirklich nicht verraten hatte.

Aber warum hatte der Erste Offizier ihn informiert? Handelte er aus eigenem Antrieb oder hatte auch er gewisse Anweisungen für bestimmte Fälle von seiner Kommandantin erhalten?

Er kannte den Ehrenkodex der USO genau. Solange die Kommandantin an Bord der FRANCIS DRAKE gefangen war, würde die HATSCHEPSUT nicht starten. Ob das für ihn von Vorteil war, vermochte er noch nicht zu beurteilen.

Roi versagte sich vorerst die aufkeimende Erleichterung. Bis jetzt waren das alles noch lange keine Beweise.


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Das hypnosuggestive Verhör von Roi wurde zum totalen Misserfolg. Roi spielte den Willenlosen hervorragend, so dass weder Spezialist Hagen, seine beiden Kollegen oder Captain Newton bzw. der Ara-Chefarzt, die der Vorschrift gemäß als Zeugen anwesend waren, Verdacht schöpften. Für sie musste es so aussehen, als ob er einen starken Hypnoblock hätte, der verhinderte, dass er seinen wahren Namen oder andere Geheimnisse verriet.

Er hoffte nur, dass Hagen nicht auf die Idee kam, ihn unter dem Einfluss der modernsten Ara-Wahrheitsdroge zu verhören. Er würde zwar auch nichts verraten, davor schützte ihn die Mentalstabilisierung, aber die Schauspielerei würde sehr viel schwieriger werden. Er konnte nur hoffen, dass man aufgrund von Atlans eindeutigen Befehlen, ihn als Gast zu behandeln, nicht so weit gehen würde.


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Gleichzeitig überschlugen sich die Ereignisse an Bord der FRANCIS DRAKE, auf der Freihandelswelt Olymp, auf der Erde, dem Mars und schließlich in der Folge davon auch auf Quinto-Center ….


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Auf den ersten Blick hatte Bea den Eindruck, einen intelligenten und tatkräftigen Mann vor sich zu haben, als die Hyperfunkverbindung von der FRANCIS DRAKE nach Olymp stand und Kaiser Lovely Boscyk sie zwar verschlafen, aber trotzdem sehr aufmerksam musterte.

Mit Absicht führte Bea das Gespräch von der Funkzentrale aus, obwohl Oro ihr angeboten hatte, sie in die mehrfach gesicherte Kabinenflucht von Roi Danton zu führen, zu der außer Roi selbst nur er Zutritt hatte. Sie wollte mit dieser Maßnahme das Vertrauen der Edelmänner festigen, indem sie dokumentierte, dass sie keine Geheimnisse mit dem Kaiser besprach und mit offenen Karten spielte.

Majestät“, sie senkte respektvoll den Kopf und ging damit auf die Gepflogenheiten der Freihändler ein. „Ich bitte um Entschuldigung, dass ich Sie zu dieser Zeit wecken ließ, aber es sind hier auf dem Mars Dinge geschehen, die leider keinen Aufschub dulden. Ich bin Beatrice Wood und möchte mich Ihnen gerne kurz vorstellen. Sicherlich sind Sie irritiert, weil ich mich in der Uniform eines USO-Majors an Bord der FRANCIS DRAKE befinde.“

Boscyk unterbrach sie mit einer leichten Handbewegung und einem Lächeln.

Miss Wood, Sie brauchen sich mir nicht vorzustellen. Ich weiß von Roi Danton genau, wer Sie sind und auch, dass er Ihnen anbieten wollte, als Fürstin in unsere Organisation einzutreten. Ich befürworte das ebenfalls, weil ich die Gründe für sein Angebot kenne. Er hat mir sogar ein wenig davon erzählt, was Sie vor gewisser Zeit zusammen bewältigt haben.“

Die Edelmänner in der Zentrale tauschten vielsagende Blicke. So gut also kannte ihr Chef die Frau, der sie jetzt seine Befreiung in die Hände gelegt hatten.

Bea sagte sich, dass Roi dem Kaiser sehr vertrauen musste, wenn er ihn nicht nur über seine Identität, sondern auch über einige Dinge aus seiner Vergangenheit informiert hatte. Zu dieser Zeit wusste sie noch nicht, dass Boscyk, der selbst keine Kinder hatte und dessen Frau gestorben war, versuchte, Michael ein väterlicher Freund zu sein und dass dieser gerne darauf eingegangen war.

Ich nehme an, dass Sie aufgrund der Ereignisse noch keine Zeit hatten, sich umzukleiden“, fuhr Boscyk fort. „Was ist also geschehen und wie kann ich helfen?“

Beas Achtung vor dem Mann stieg. Anscheinend wurde er von den solaren Kontrollbeamten völlig unterschätzt, genau wie Roi zum Glück bisher.

Kurz und knapp informierte sie Kaiser Boscyk über ihren Auftrag von Atlan, die Geschehnisse und ihren Plan.

Der unterbrach sie kein einziges Mal, sondern nickte zum Schluss nur bestätigend.

Es ist wirklich die einzige Chance. So sehe ich es auch, Miss Wood. Ich werde überall sehr laut verkünden, dass meine rechte Hand, Roi Danton, ohne Begründung von der USO verhaftet worden ist, obwohl rechtlich nichts gegen ihn vorliegt. Den Schluss daraus, dass es sich um einen reinen Willkürakt der USO handelt, überlasse ich den anderen, sonst werden wir am Ende noch wegen übler Nachrede belangt. Wir legen lediglich Protest gegen die Tatsache an sich ein. Ist es Ihnen recht, wenn ich damit über unsere Niederlassung beim Raumhafen Terrania-City beginne?“

Bea konnte ihr Lachen nicht unterdrücken. „Majestät, Sie sind ein Genie.“

Boscyk schüttelte ernst den Kopf. „Nein, das ist Roi, nicht ich. Hoffen wir, dass wir ihn frei bekommen, ehe Atlan ihn spricht. Dafür ist es noch zu früh.“

Genau meine Meinung, Majestät. Darf ich mich nun verabschieden, wir haben hier auch noch einiges zu tun.“

Selbstverständlich. Ich wünsche uns allen viel Erfolg, Fürstin.“

Bea senkte traurig den Kopf. „Danke, Majestät. Auch Rois Edelmänner nennen mich schon so. Aber ich muss erst noch ein klärendes Gespräch mit ihm führen. Im Moment muss er leider durch die unglückliche Verkettung der Umstände noch davon ausgehen, dass ich ihn in die Falle gelockt habe. Bevor ich das nicht mit ihm geklärt habe, kann ich den Rang nicht annehmen.“

Boscyk nickte sehr ernst. „Das ist eine schlimme Sache, Fürstin Wood. Aber ich vertraue darauf, dass Roi schnell merkt, was wirklich geschehen ist. Es mag sein, dass er Sie im Moment verflucht, aber letztendlich werden die Tatsachen und vor allen Dingen seine Gefühle ihn von Ihrer Aufrichtigkeit überzeugen. Von mir haben Sie hiermit die offizielle Bestätigung Ihres Titels.“

Damit unterbrach der Kaiser die Verbindung. Bea blieb noch einen Moment überlegend sitzen, ehe sie aufsah.

Also dann“, gab sie sich einen Ruck. „Der nächste Schritt.“


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An Bord der HATSCHEPSUT hatte Spezialist Dart Hagen sich gegen den Widerstand seiner Kameraden und der Schiffsoffiziere zu einem Verhör Rois unter Wahrheitsdroge entschieden. Er argumentierte, dass Atlans Anweisungen in dieser Beziehung nicht eindeutig waren. Er hatte ein Verhör, bevor er selbst mit dem Freihändler-Befehlshaber sprach, nicht angeordnet, aber auch nicht direkt verboten.

Captain Newton machte noch einen letzten Versuch, Hagen umzustimmen, hatte aber keinen Erfolg. Roi war ihm und seinen Kameraden sympathisch. Seine offene Art hatte die Männer überzeugt. Alle sahen klar, dass der überzogene Stutzer eine Maske war, hinter der der Mann sein wahres Wesen versteckte – und dieses wahre Wesen schien klar und ohne Falsch zu sein. Außerdem war es auch in der Flotte und der USO bekannt, dass andere Freihändler seine Mannschaft darum beneideten, unter Roi Danton fliegen zu dürfen.

Captain Masters, übernehmen Sie bitte das Kommando“, wandte er sich an den Zweiten Offizier. Nachdem das Austauschersuchen der Freihändler eingegangen war, hatte er alle Offiziere der HATSCHEPSUT von dem Fest, das immer noch – wenn auch inzwischen nur noch mit den letzten Unentwegten – in Gang war zurückgerufen. „Ich werde die Spezialisten zum Verhör von Fürst Danton begleiten.“

Masters nickte. Auch er war unvoreingenommen an Roi Danton herangegangen und von seiner charismatischen Ausstrahlung eingefangen worden.

Spezialist Hagen nickte Newton und seinen beiden Kollegen zu. „Wir treffen uns dann im Verhörraum der Bordklinik. Ich hole das Zeug schon mal. Die stärkstmögliche Dosis. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht herausbekommen, wer dieser Mensch ist.“

Rusty Winsow schüttelte missbilligend den Kopf. „Du bist der Chef, Dart. Aber wir alle haben Bedenken. Sicher, Atlan hat ein Verhör nicht direkt verboten, aber bitte schieß trotzdem nicht über das Ziel raus. Wenn später bekannt werden sollte, dass wir Fürst Danton wie einen Verbrecher verhört haben und die Freihändler offiziell bei der USO protestieren, kann ich mir schon jetzt lebhaft vorstellen, was Atlan uns erzählen wird.“

Hagen schüttelte heftig den Kopf. „Woher sollte es bekannt werden? Aber diese Droge hat nicht nur die Eigenschaft, dass ein Behandelter alles brav ausplaudert, sondern dass er hinterher unter Amnesie leidet. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, es sei denn, er wäre mentalstabilisiert.“

Sollten wir uns da nicht absichern? Ein einfaches CT reicht. Dann sind wir auf der sicheren Seite. Im Moment tippen wir darauf, dass der Freihändler einen starken Hypnoblock hat, aber er könnte auch mentalstabilisiert sein.“

Hagen winkte mit einer unwilligen Handbewegung ab. „Mentalstabilisiert, ich bitte dich! So abgeschossen wie der beim Verhör war, kann niemand schauspielern, das traue noch nicht einmal ich mir zu.“

Na dann ist ja alles gut“, knurrte Winsow, nicht sehr überzeugt.


Fortsetzung: Teil 09


28.5.16 15:30, kommentieren

Lockruf der Freihändler - Teil 09

Lockruf der Freihändler – Teil 09


Roi war nach dem Hypnoseverhör wieder in seine Kabine zurückgebracht worden. Diesmal hatte er keine Ruhe, um auf dem Bett liegen zu bleiben. Unruhig wanderte er in dem kleinen, aber luxuriös ausgestatteten Raum auf und ab. Bea ging ihm nicht aus dem Kopf. Er konnte und wollte einfach nicht glauben, dass sie ihn verraten hatte.

Was weiter auf ihn selbst zukam, konnte er sich schon denken. Selbst hatte er im Moment keine Möglichkeit, sich zu befreien. Er konnte nur auf Hilfe von außen hoffen. Und da war eben Bea der Faktor, von dem alles abhing. Auf welcher Seite stand sie?

Er ging davon aus, dass die Spezialisten ihn früher oder später mit der teuflischen Ara-Wahrheitsdroge verhören würden. Die Nebenwirkungen kannte er. Genau wie zur Einübung des Verhaltens unter einem Hypnosegerät hatte er sich auf Last Hope unter der Aufsicht von Geoffry Waringers Psychowissenschaftlern mehrfach der Wirkung ausgesetzt, um zu lernen, damit umzugehen.

Wenn seine Schauspielkunst trotz der körperlichen Strapaze ausreichte, würde die Mentalstabilisierung ihn vor einer Enttarnung bewahren.

Dann weiß ich jedenfalls, wofür ich damals diesen Horror auf mich genommen habe, dachte er sarkastisch.

Insofern war er innerlich schon vorbereitet, als Captain Newton mit den Spezialisten Winsow und Haart nach einem höflichen Klopfen die Kabine betraten. Er sah ihnen sofort an, dass sie eine Aufgabe erledigen mussten, die ihnen nicht gefiel. Vielleicht konnte er sie ja geschickt ein wenig aushorchen. Besonders Newton schien ihm gewogen zu sein.

Ah, Messieurs, was verschafft mir die Ehre? Mit Bedauern sehe ich, dass Ihre charmante Kommandantin anscheinend immer noch unabkömmlich ist. Wann darf ich damit rechnen, dass Major Wood mir die Gunst ihrer Anwesenheit schenkt?“

Newton hob unwillig die Schultern. „Vorerst müssen Sie sich mit mir begnügen, Fürst Danton. Wie lange, kann ich Ihnen leider nicht sagen, da auch ich nicht über die Dauer der Verhinderung von Major Wood unterrichtet bin.“

Rois Gedanken wirbelten. Sein Instinkt sagte ihm, dass außerhalb der HATSCHEPSUT etwas im Gange war, worüber er im Moment nicht informiert war, aber dessen Ziel wahrscheinlich seine Befreiung war. Gestartet war das Schiff noch nicht, das hätte er auch in der Kabine mitbekommen.

Kommen Sie bitte mit uns, Fürst Danton. Wir bringen Sie in die Bordklinik, damit Sie dort mit Hilfe eines Medikamentes noch einmal befragt werden. Leider können wir Ihnen das nicht ersparen.“

Roi nickte nur. Er hielt es für besser, abzuwarten, wie die Männer sich weiter verhalten würden. Außerdem würde man möglicherweise Verdacht schöpfen, wenn ein Freihändler über solche Drogen informiert war, die ausschließlich von Geheimdiensten eingesetzt wurden.

Also gehen wir und bringen es hinter uns, Messieurs.“

Im Verhörraum der Bordklinik erwartete Hagen sie schon. Roi fiel auf, dass kein Arzt anwesend war, was eigentlich den Vorschriften widersprach. Sobald ein Medikament verabreichte wurde, hatte für einen eventuellen Notfall ein Mediziner anwesend zu sein. Lediglich ein Medoroboter wartete bewegungslos im Hintergrund.

Die anderen Männer registrierten diese Tatsache mit einem leichten Stirnrunzeln.

Hagen gab sich den Anschein, auch nur seine Pflicht zu tun. Er deutete auf eine Liege.

Mr. Danton, wir müssen Sie leider noch einmal verhören. Diesmal mit Hilfe eines Medikamentes, dass Sie zwingt, uns die Wahrheit zu sagen und dass hoffentlich auch gegen Ihren Hypnoblock ankommt. Wir werden es einfach mal versuchen.“

Roi kam der Aufforderung nach und setzte sich auf die Liege.

Bitte legen Sie sich ganz entspannt hin. Fairerweise kläre ich Sie darüber auf, dass das Medikament Nebenwirkungen hat. Bis jetzt ist es den Aras nicht gelungen, diese zu beseitigen, bedauerlicherweise.“

Roi hatte das Gefühl zu ersticken bei so viel falscher Freundlichkeit. Aber er hatte trotz seiner Jugend schon gelernt, dass es äußerst unklug war, einen Feind zu reizen.

Zuerst einmal kann das Medikament nicht per Hochdruckspritze verabreicht werden. Deshalb wird der Medorobot Ihnen einen Venenzugang legen und darüber die Injektion geben. Falls es nötig sein sollte, können darüber auch andere Medikamente gegeben werden.

Ihnen wird nichts Schlimmes geschehen, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Von der Befragung an sich werden Sie auch nichts merken, Sie haben einfach das Gefühl einzuschlafen und wachen nach ungefähr einer halben Stunde wieder auf. Da das Medikament starke Übelkeit auslöst, werden wir Ihnen jetzt noch zusätzlich ein Mittel geben, das verhindert, dass Sie sich nach dem Aufwachen übergeben müssen. Wir wollen Sie ja nicht unnötig Missbefindlichkeiten aussetzen.“

Dabei grinste er hämisch. Roi musste sich beherrschen, um sein Erschrecken nicht zu zeigen. Er kannte sich gut genug aus, um zu wissen, dass es kein Medikament gab, das die Übelkeit durch die Droge mildern konnte. Im Gegenteil: die Aras hatten ein Medikament entwickelt, das – in Kombination mit der Wahrheitsdroge verabreicht – die Übelkeit so verstärkte, dass ein Mentalstabilisierter, der den Beeinflussten spielten musste, sich zwangsläufig verriet, weil er sich nicht mehr beherrschen konnte. Die Kombination wurde eingesetzt, falls die Vermutung bestand, dass der Verhörte mentalstabilisiert war und man kein CT zur Verfügung hatte, um das schnell und gefahrlos festzustellen.

Roi wusste, dass ein CT zur Standardausrüstung jedes Bordlazaretts größerer Schiffe gehörte, also auch der HATSCHEPSUT. Dass es nicht eingesetzt wurde, sagte ihm genug über die Einstellung Hagens. Andererseits gab es ihm die Chance, sein Inkognito zu wahren, wenn er es schaffte, standzuhalten. Zumindest wusste er jetzt, was auf ihn zukam.

Sir, ich glaube, dieses Medikament ist nicht nötig“, wandte Captain Newton ein. „Fürst Danton ist sicherlich in der Lage, die kleine harmlose Übelkeit nach dem Aufwachen zu ertragen. Sie wird ihn nicht übermäßig beeinträchtigen und schnell wieder vergehen.“

Roi versuchte sofort nach dem Rettungsanker zu greifen. Ihm war jetzt ganz klar, dass der Erste Offizier ihm gewogen war. Immer mehr sagte auch sein Instinkt und sein Gefühl ihm, dass er Bea im ersten Moment unrecht getan hatte. Sie konnte ihn nicht verraten haben!

Oh, Monsieur le capitaine“, säuselte er, in seine Rolle zurückfallend. „Wie treffend Sie das ausgedrückt haben. Natürlich bin ich Manns genug, um eine solche Hilfe nicht nötig zu haben.“

Hagen schüttelte nur den Kopf. „Ich bestehe darauf, Mr. Danton. Keine Widerrede. Schließlich möchte ich mir nicht vorwerfen lassen, wir hätten Sie unnötig schikaniert.“

Roi gab es auf. Er versuchte sich zu entspannen und zu wappnen für das, was auf ihn zukam. Wie er es schon früher von Atlan gelernt hatte, versuchte er seinen Geist aus dem Körper zu „lösen“, eine Art Autosuggestion, die auch bei Schmerzen aller Art sehr gut half.

Deshalb merkte er gar nicht bewusst, wie der Roboter schnell und präzise einen Venenzugang auf seinem linken Handrücken legte. Nur leicht spürte er, wie ein Medikament sich als kalte Welle verteilte, dann noch eines gleich hinterher.

Mit Gewalt erinnerte er sich an sein Training mit den Psychowissenschaftlern auf Last Hope. Langsam ließ er die Augen zufallen, tat so, als ob er wirklich einschlief.

Obwohl er vorbereitet war, traf ihn die Übelkeit wie ein riesiger Schock. Von einer Sekunde zur anderen merkte er, wie sein Mageninhalt die Speiseröhre emporstieg. Mit Gewalt unterdrückte er ein Würgen.

Die zweite Welle war noch schlimmer. Er hatte das Gefühl, nur noch würgen zu müssen.

Wie durch Watte hörte er die Stimme von Hagen. „So, jetzt ist er weggetreten. Wir können beginnen.“

Er wandte sich seinem Opfer zu. „Mr. Danton, wie lautet Ihr richtiger Name?“

Roi Danton“, stammelte Roi. Er gab seiner Stimme einen abwesenden und tonlosen Klang.

Bitte erinnern Sie sich ganz genau. Haben Sie einmal einen anderen Namen gehabt?“

Nein …“

Verdammt“, fluchte Hagen unbeherrscht. „Der Hypnoblock ist unheimlich stark. Der ist von absoluten Profis oder von einem Mutanten angelegt worden.“

Profis“, kommentierte Winsow trocken. „Wie soll ein Freihändler an Mutanten kommen?“

Sind wir denn sicher, dass unsere Spezialisten wirklich alle Mutanten finden?“, schnappte Hagen zurück. „Aber ich will wissen, ob Major Wood uns verraten hat. Ich nehme an, der Block wirkt nur bei Fragen nach seinem Namen und seiner Herkunft. Die jetzige Situation konnte nicht berücksichtigt werden, als er angelegt wurde, egal von wem.“

Haart seufzte. „Bitte, Dart, wir verstehen dich ja. Aber sieh keine Gespenster, wo keine sind. Die Kommandantin kann ihn nicht gewarnt haben, weil sie nicht wusste, dass wir uns entschieden hatten, schon früher zuzugreifen. Das wussten nur wir drei, noch nicht einmal der Admiral.“

Roi hatte das Gefühl, in ein tiefes Loch zu fallen. So groß war die Erleichterung! Das ließ für einen Moment das alles beherrschende Gefühl der Übelkeit in den Hintergrund treten. Bea, seine Bea, sie hatte ihn wirklich nicht verraten! Sein Gefühl war richtig gewesen, sie war noch genau die Freundin, die er kannte und mit der er so viel gemeinsam durchlitten hatte, in deren Schuld er immer noch stand und wohl auch immer stehen würde.

Diese Erkenntnis gab ihm die Kraft, weiter durchzuhalten. Für Bea!, dachte er bei sich. Ich schaffe das für dich! Wieder einmal gibt sie mir Kraft. Du riskierst wahrscheinlich Kopf und Kragen für mich – und das sollst du nicht umsonst machen!

Der Gedanke gab ihm die Kraft, sein wild schlagendes Herz zu beruhigen und die wieder in einer riesigen Welle hochschlagende Übelkeit herunterzuschlucken, bevor sie ihn überwältigte und damit verriet.

Mr. Danton, hat Major Wood Ihnen gesagt, wann wir sie gefangen nehmen wollten?“, fuhr Hagen fort.

Nein …“ Rois Stimme war nur noch ein tonloses Murmeln.

Die Kommandantin ist über jeden Zweifel erhaben“, mischte Captain Newton sich jetzt ärgerlich in das Gespräch. Da Roi die Augen geschlossen halten musste, konnte er nicht sehen, dass Newton ihn aufmerksam musterte.

Da bin ich mir nicht so sicher“, schnauzte Hagen zurück.

Sie haben es eben gehört, Spezialist. Mr. Danton wusste nichts von unseren Plänen. Unter der Droge kann er gar nicht anders als wahrheitsgemäß antworten.“

Und was ist mit seinem Namen? Den müsste er uns doch auch wahrheitsgemäß nennen. Nein, da stimmt was nicht. Ich will ganz sicher gehen. Wir werden ihm noch eine Dosis verabreichen. Wir gehen davon aus, dass er reiner Terraner ist. Aber was ist, wenn er von einem Kolonialplaneten kommt, deren Bewohnern man es nicht ansieht, die sich nicht verändert haben. Sie wissen, dass die Droge bei Umweltangepassten ganz anders wirken kann, das geben sogar die Aras zu.“

Ein eisiger Schrecken durchzog Roi. Hagen kam der Wahrheit bedenklich nahe. Er war wirklich nur zur Hälfte Terraner, durch seine Mutter zur anderen Hälfte Plophoser und reagierte dadurch auf Medikamente teilweise anders als reine Terraner. Ihm war in diesem Moment klar, dass er bei einer zweiten Dosis seine Tarnung nicht mehr aufrechterhalten konnte. Er war jetzt schon kurz vor dem Aufgeben. Die Übelkeitswellen wurden immer stärker und kaum noch zu unterdrücken.

Sir, ich protestiere in aller Form“, ertönte die Stimme von Newton. „Sie wissen genau, dass eine zweite Dosis des Medikamentes zu lebensgefährlichen Kreislaufzusammenbrüchen führen kann. Wie Sie schon selbst sagten, wir wissen nicht, ob Fürst Danton wirklich Terraner ist. Das Risiko sollten wir nicht eingehen. Können Sie sich die politischen Verwicklungen vorstellen, wenn der Befehlshaber der Freihändler in einem Schiff der USO zu Schaden kommt oder sogar verstirbt?“

Roi zuckte zusammen, als Newton die Dinge so deutlich aussprach. Mit Absicht hatte er diesen Punkt aus seinen Überlegungen ausgeklammert, sich nur mit der Gefahr für sein Inkognito befasst.

Wollen Sie mir drohen, Captain Newton?“

Nein, Spezialist Hagen. Ich habe nur Fakten genannt. Selbstverständlich haben Sie das Kommando über diesen Einsatz. Aber es ist meine Pflicht gemäß den Statuten der USO als Zeuge eines Verhörs, Sie darauf hinzuweisen.“

Captain Newton hat recht“, bestätigte nun auch Rusty Winsow. „Sei doch einfach objektiv wie sonst auch. Mr. Danton hat deinem Vater nichts getan. Es war einfach der Wettbewerb zweier privater Händler – und Mr. Danton hat den Auftrag bekommen. Ein